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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Ententeich: Redaktionsblog

Wenn die Sexualmoral Teil des Problems ist

Von Daniel Fallenstein, 27.05.2010, 11:05

Im Sommer 2003 machte ich mein Abitur - am Canisius-Kolleg, genau dem Canisius-Kolleg, dessen Rektor Pater Klaus Mertes die nicht abreißende Kette von Enthüllungen begonnen hat, die Missbrauchsfall nach Missbrauchsfall in die Öffentlichkeit bringen. Es ist durchaus möglich, dass ich Opfer oder Täter persönlich kannte, ohne etwas zu ahnen. Ausgerechnet zu den Padres, die uns philosophisches Argumentieren beibrachten, um uns dann mit den Worten "Hier ist ein Gottesbeweis. Jetzt versucht mal, den zu widerlegen" herauszufordern, gehörten (gehören?) Männer, die zum Widerwärtigsten fähig sind. Das zu verstehen fällt schwer. Noch schwerer fällt es, die Ursachen zu ergründen.

Heiner Geißler sieht das Problem in der Struktur der katholischen Kirche selbst, Walter Mixa schiebt es auf die sexuelle Freizügigkeit. Wenn man den sexuellen Missbrauch durch Lehrer erklären will, wechseln sich die Schuldzuweisungen ab. Beide Pole der Debatte mögen ihren wahren Kern haben, aber letztendlich verfehlen sie das Grundproblem.

Es gibt ein deutliches Muster in den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen an Schulen in Deutschland. Gemeinsam haben die Odenwaldschule und das Canisius-Kolleg auf den ersten Blick nur, dass sie "Vorzeigeschulen" sind, pädagogische Flaggschiffe zweier Kulturen. Inhaltlich mögen sich die Vorstellungen der katholischen Kirche und der 68er radikal unterscheiden, aber die Sexualmoral dieser Kulturen weist eine fatale strukturelle Ähnlichkeit auf.

In keinem Fall wird Sexualität als eine ambivalente Angelegenheit verstanden. Priester haben keine Sexualität zu haben, die Antiautoritären skandierten: "Sprengt mit eurem Samen den bürgerlichen Rahmen!" Keine dieser Positionen kann für sich in Anspruch nehmen, einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität zu befördern. Dass Pädophile solche Kulturen attraktiv finden, bedeutet freilich nicht, dass die Päderasten bei 68ern oder katholischen Priestern eine Mehrheit stellten. Dass ihr Anteil höher ist als im gesellschaftlichen Durchschnitt, scheint sich durch die bekannt gewordenen Fälle allerdings wieder zu bestätigen.

Wer ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität hat und Gewissheit sucht, findet je nachdem in "Freier Liebe" oder im Zölibat die scheinbare Antwort auf sein Bedürfnis. Dies bedeutet keinesfalls, dass 68er-Pädagogen und Priester zu großen Teilen oder gar mehrheitlich pervers seien. Im Gegenteil ist eine überwältigende Mehrheit eben nicht pädophil. Wenn allerdings jemand aus den geschilderten Motiven in den Institutionen gelandet ist und sich die scheinbar einfachen Antworten auf das hochkomplexe Phänomen Sexualität als nicht tragfähig erweisen, dann kann es zu Missbrauchsfällen kommen.

Dies erklärt natürlich längst nicht jeden Missbrauch. Aber so lange Schulträger und die hinter ihnen stehenden Kulturen Sex in jeder Form als extrem sündig oder extrem revolutionär betrachten, so lange werden sie neben den vielen guten Lehrern auch Pädophile anziehen.

Dies zu ändern, erfordert von den Institutionen zunächst die Einsicht, dass ihre Sexualmoral Teil des Problems ist. Ausgerechnet die hierarchisch organisierte katholische Kirche hätte hier die Chance, sich als Ganzes schneller zu reformieren und die Anreizstrukturen radikal zu verändern. Dann sähe ich es wirklich gerne, wenn auch meine Kinder eines Tages ihr Abitur am Canisius-Kolleg machten.

Daniel Fallenstein



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