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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Laboratorium für den Mainstream
Von Lukas Foerster, 11.02.2010, 16:02

40 Jahre ist das Forum alt und damit zwar zwanzig Jahre jünger als die große Berlinale, aber doch auch selbst ein wenig in die Jahre gekommen. Als politisch engagiertes Gegenfestival war man 1970 angetreten, inzwischen ist das Internationale Forum des jungen Films fest in die Berlinale integriert. Es sucht auch nicht mehr das Gegenkino, sondern begreift sich als "Laboratorium für den Mainstream". Und doch: Die besten (neuen wie alten) Filme der Berlinale laufen auch dieses Jahr aller Voraussicht nach wieder im Forum.
Die große Stärke des bis 2000 von Erika und Ulrich Gregor geprägten Forums war, dass es sich zur Aufgabe gemacht hatte, minoritäre Positionen im Weltkino in ihrer ganzen Komplexität abzubilden: das historische sozialrevolutionäre "dritte Kino" Lateinamerikas und Afrikas etwa, die Kinematografien der ehemaligen Ostblockstaaten, den deutschen Experimentalfilm, aber auch beispielsweise das populäre Kino Hongkongs. Derartige Missionen sucht sich das inzwischen von Christoph Terhechte geleitete Forum heute nur noch selten. Das liegt sicherlich zum Teil daran, dass sich das Kino selbst weiter ausdifferenziert hat und nicht mehr so leicht abbilden lässt. Hinzu kommen aber auch strukturelle Probleme des Forums selbst. Bis heute ist beispielsweise nicht wirklich klar, welches Ziel man mit dem seit 2006 installierten Spaltprodukt "Forum Expanded" verfolgt, das das Forum in Richtung Kunstraum entgrenzt und dabei nicht selten den Eindruck kuratorischer Beliebigkeit erweckt. Dass das Bewegungsbild seinen Ort nicht mehr zwingend im Kino hat, ist natürlich richtig - allerdings auch keine besonders neue Entwicklung, die Videokunst blickt inzwischen ebenfalls auf eine lange Geschichte zurück. Wie die beiden letztlich doch sehr unterschiedlichen Kunstformen miteinander in Dialog treten können: Das ist eine interessante Frage, auf die eine produktive Antwort zu geben dem Forum Expanded bislang nicht gelungen ist. Eher scheint das neue Festivalsegment der bedauerlichen Entwicklung Vorschub zu leisten, den Experimentalfilm aus seiner Kontinuität zum Spiel- und Dokumentarfilm zu lösen und damit den Dialog zwischen unterschiedlichen filmischen Formen nicht etwa zu befördern, sondern zu unterbinden. Die interessantesten Werke des Forum Expanded in den letzten Jahren hätten, wage ich zu behaupten, ohne Probleme im Forum-Hauptprogramm laufen können. Und wären dort auch besser aufgehoben gewesen.
Vor allem aber fehlt es dem Hauptprogramm an Konstanz. Zwei Beispiele unter vielen: Vor drei Jahren etwa wurde die malaysische neue Welle entdeckt, vor zwei Jahren waren dann gleich vier Filme aus dem jungen philippinischen Kino im Programm. In den Folgejahren kam dann aber (fast) gar nichts mehr nach, dieses Jahr ist kein einziger südostasiatischer Film vertreten. Wenn man sich auch nur ein wenig auf den Konkurrenzfestivals beispielsweise in Rotterdam und Wien (die an einem ähnlichen Begriff von Kino arbeiten wie das Forum und an denen es sich deshalb messen lassen muss) umschaut, sieht man, dass das nicht daran liegen kann, dass in Malaysia und auf den Philippinen seither keine interessanten Filme mehr gedreht würden. Nomadisch zieht man von Nationalkinematografie zu Nationalkinematografie, ohne, dass die Dringlichkeit, genau dieses Kino zu genau diesem Zeitpunkt präsentieren zu müssen, noch hinreichend kommuniziert wird. 


Thomas Arslan, Angela Schanelec, Philip Scheffner
Ausgerechnet das Jubiläumsprogramm "40 Jahre Forum", Berliner Kinogängern vielleicht schon aus dem letzten Sommer bekannt, hat Teil an dieser bedauerlichen Entwicklung. Eine Besonderheit und theoretisch eine der größten Stärken des Forums ist das ihm angegliederte Filmarchiv der Freunde der deutschen Kinemathek. Eine große Zahl von Raritäten aus den avancierten Kinematografien insbesondere Lateinamerikas und Asiens lagert in diesem Archiv, vergessene Meisterwerke des politischen Kinos wie des radikalen Autorenfilms. Anstatt aber nun für das Jubiläumsprogramm auch nur irgend etwas aus diesem weltweit einmaligen Archiv - und damit aus der eigenen Geschichte - zu machen, bat das Forum einige befreundete Regisseure, jeweils einen einzelnen Film aus dem Korpus des Forums auszuwählen. Natürlich sind dabei einige wunderschöne Filme ins Programm gerutscht, Hou Hsiao-hsiens Meisterwerk "Dust in the Wind" etwa oder Nuri Bilge Ceylans beeindruckendes Debüt "Kasaba", aber verglichen mit dem, was möglich gewesen wäre, ist das Ergebnis enttäuschend. Vielleicht nicht ganz zufällig erinnert es außerdem an das der Hauptretrospektive der diesjährigen Berlinale unter dem Titel "Play It Again": Auch da beschränkt man sich auf eine in vieler Hinsicht willkürlichen Zugriff auf die eigene Geschichte von außen, in diesem Fall durch den Filmkritiker David Thomson. Man kann diese Parallele symptomatisch lesen: Die Differenz des Forums zur Kosslick'schen Eventkultur ist keine allzu große mehr, sie scheint inzwischen eher eine des bloßen Geschmacks als eine in der Sache zu sein.


Marietta Kesting, Aljoscha Weskott, Tatjana Turanskyj
Natürlich ist andererseits an vielem, was man am Forum bisweilen aussetzen mag, auch das jeweils zur Verfügung stehende Filmangebot schuld. Zum Beispiel, was die heimischen Filme angeht. Letztes Jahr durfte man sich durchaus die Frage stellen, warum als einzige deutsche Spielfilmproduktion ausgerechnet Sebastian Schippers Goethe-Banalisierung "Mitte Ende August" ins Programm genommen wurde; allerdings kam dann im restlichen Filmjahr nicht allzu viel in die Kinos, das sich als Alternative aufgedrängt hätte. Dieses Jahr hat das Forum mehr Glück: Mit Thomas Arslan, Angela Schanelec und dem Dokumentarfilmer Philip Scheffner haben gleich drei der interessantesten deutschen Regisseure der Gegenwart neue Filme am Start. Vor allem angesichts von Arslans großartiger Genrevariation "Im Schatten", aber auch Schanelecs in wundervoll freie, lebendige Bilder gegossenen Flughafenfilm "Orly" müsste man eigentlich an den Wettbewerb die Frage richten, warum er ein weiteres Mal zwei der herausragenden FilmautorInnen dieses Landes außen vor lässt. Und erst recht: zugunsten von was für Filmen... Aber Kosslicks Unvermögen ist in diesem Fall Terhechtes Glück, erst recht, weil daneben noch Scheffners äußerst kluger Anti-Dokumentarfilm über die Unsichtbarkeit des Afghanistan-Kriegs "Der Tag des Spatzen" im Programm vertreten ist. Ergänzt wird diese sehr reichhaltige Schiene durch Aljoscha Weskotts und Marietta Kestings interessantes Debüt "Sunny Land", ein weiteres Werk, das einfach unter "Dokumentarfilm" zu sortieren zu kurz gegriffen wäre. Gespannt sein darf man außerdem auf Tatjana Turanskyjs ersten Langfilm "Eine flexible Frau". Und erst recht auf das special screening von "Im Angesicht des Verbrechens", Dominik Grafs sehnsüchtig erwarteter Fernsehserie über die Russenmafia in Berlin. An den letzten beiden Tagen des Festivals werden diese insgesamt acht Stunden Quality-TV zu sehen sein - ein perfekter Festivalabschluss.


Igor Voloshin, Constantin Popescu, Sharunas Bartas
Auch bei dem nahe liegenden Lamento über die Jahr für Jahr geringe Anzahl osteuropäischer Produktionen muss man bedenken, dass gute Filme nicht vom Himmel fallen. Um die Perlen des rumänischen Kinos - der filmästhetischen Avantgarde der Region - streiten sich die großen Festivals auch deshalb so vehement, weil dort nach wie vor nicht allzu viel produziert wird. Umso erfreulicher, dass das Forum dieses Jahr einen außergewöhnlichen und sehr interessanten Film der rumänischen neuen Welle im Programm hat: Constantin Popescus "Portrait of the Fighter as a Young Man" ist ein beeindruckender, fast in jeder Hinsicht reduzierter Guerillafilm, der einen antikommunistischen Widerstandskämpfer der 50er Jahren porträtiert. Politisch ist Popescus Werk freilich nicht ganz unproblematisch: die vom Film bedingungslos umarmten Rebellen waren keine "lupenreinen Demokraten", sondern Anhänger des von der roten Armee vertriebenen faschistischen Antonescu-Regimes. Hochinteressant ist der Film allemal. Was daneben allerdings eine Post-Punk-Unerträglichkeit wie die russische Produktion "I Am" von Igor Voloshin im Programm zu suchen hat, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen; Voloshin hatte sich eigentlich bereits mit dem Vorgänger "Nirvana" (Berlinale 2008) nachhaltig disqualifiziert und dreht zwischendrin auch schon mal antigeorgische Staatspropaganda (Olimpius Inferno). Mehr erwarten darf man sicherlich von "Indigene d'Eurasie", dem neuen Film des litauischen Auteurs Sharunas Bartas.


Arvin Chen, So Sang-min, Sabu
Traditionell gut vertreten im Programm ist der asiatische Kontinent. Auch noch in den letzten Jahren fand man hier mit schöner Regelmäßigkeit die herausragenden Filme der Sektion, wenn nicht des gesamten Festivals: Liu Jiayins "Oxhide" etwa oder Koji Wakamatsus "United Red Army", letztes Jahr Cong Fengs Dokumentarfilm "Doctor Ma's Country Clinic". Eine Entdeckung von dieser Größenordnung ist in diesem Jahr noch nicht in Sicht. Einzig der äußerst sympathische koreanische Low-Budget-Debütfilm "I'm in Trouble" von So Sang-min sticht bislang aus der Masse der den Konventionen des World Cinema doch allzu sehr verpflichteten vor allem ostasiatischen Festivalstandardware heraus. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Forum gerade im Bereich des asiatischen Films, der noch bis vor kurzem eine Kernkompetenz darstellte, den Anschluss an die wirklich interessanten Entwicklungen im Weltkino zu verpassen droht. Bereits im letzten Jahr durfte man sich über den Koreaschwerpunkt wundern, von dessen vier Filmen höchstens einer im restlichen Kinojahr noch etwas nachhallte. Diesmal stellt sich insbesondere die Frage, was man sich bei dem Taiwanesischen Minischwerpunkt gedacht hat: Die beiden Debütfilme "Au revoir Taipei" von Arvin Chen und "One Day" von Hou Chi-Jan sind lieb und nett, aber leider beide fast schon kriminell belanglos. Auch von den drei japanischen Beiträgen zum Hauptprogramm ist höchstens Sabus Comebackfilm "Kanikosen" eine Erwähnung wert.


Yasujiro Shimazu, Dominik Graf, Glauber Rocha
Glücklicherweise entschädigt ein weiteres Spezialprogramm für den enttäuschenden Asien-Block: eine dreiteilige Mini-Retrospektive des japanischen Regisseurs Yasujiro Shimazu. Der Zeitgenosse Ozus und Mizoguchis galt in den dreißiger Jahren als einer der größten Meister seines Fachs, auch aufgrund seines relativ frühen Todes im Jahr 1945 blieb ihm der Nachruhm seiner Kollegen allerdings bislang verwehrt. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Die drei, allesamt zwischen 1937 und 1938 entstandenen Filme, die fulminant dynamische romantische Komödie "The Trio's Engagement" (1937) ebenso wie das wilde, aber sehr präzise Backstage-Rührstück "The Lights of Asakusa" (1937) und der vielleicht schönste Film, der auf der diesjährigen Berlinale zu sehen sein wird, das verhinderte Melodram "So Goes My Love" (1938), entdecken Shimazu nicht nur als einen eleganten, unaufdringlichen Stilisten, sondern als einen der großen Humanisten der Filmgeschichte. Wer auf der diesjährigen Berlinale nur drei Filme sehen möchte: der sollte exakt diese drei auswählen.
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