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Lebenszeichen: Werner Herzogs Blick in die 'Death Row' (Berlinale Special)
Von Thomas Groh, 14.02.2012, 14:30

"Ich will eins von vornherein klarstellen", sagt Werner Herzog dem zum Tode verurteilten James Barnes gleich direkt ins Gesicht, "ich bin kein Befürworter der Todesstrafe. Aber das muss nicht heißen, dass ich dich mag." Barnes zuckt kurz, versteht aber offenbar umgehend, was Sache ist, dass es hier nicht um eine Empathieshow geht. "Okay", sagt er kurz, verständig. Wie viele andere Figuren in Herzogs dokumentarischem wie fiktionalem Oeuvre wirkt auch Barnes fahrig, unergründlich, als würde ein Wille in ihm rumoren, der ihm diese Welt zu klein werden lässt. Mit einem Unterschied: Weder will Barnes Weltmeister im Skispringen werden, noch ein Schiff über einen Berg ziehen. Barnes sitzt wegen einiger bestialischer Morde - dass es wohl noch weitere gibt, die ihm bislang nicht angelastet werden konnten, schimmert zudem überdeutlich durch - in der Death Row, im Todestrakt des amerikanischen Gefängnissystems, und wartet auf einen Hinrichtungstermin, den er offenbar durch immer neue Geständnisse, deren Gehalt ermittelt werden müssen, hinauszögern will: Salamitaktik, um den Justizbetrieb auf Trab zu halten.
Barnes ist einer von insgesamt vier porträtierten zum Tode Verurteilten in "Death Row", einer für das amerikanische Fernsehen entstandenen Reihe und zugleich ein Nebenprojekt von "Into the Abyss", Herzogs bislang letzter Kinodokumentation von ähnlicher Konzeption. Kernstück jedes knapp 45 Minuten dauernden Porträts bildet je ein Gespräch mit dem Insassen in minimalistischer Anordnung: Herzog bleibt im Off, der Gefangene wird von einer unbewegten Kamera ruhig in den Blick genommen - Resultat wohl schon auch der rigorosen Auflagen seitens der Gefängnisse: Nur alle paar Monate stehen die Gefangenen für maximal eine Stunde zur Verfügung. Man wolle, sagt Herzog, der auch hier wie stets die Bedingungen seiner dokumentarischen Arbeiten mit zum Thema macht, verhindern, dass die zum Tode Verurteilten in den Rang von Medienstars aufsteigen. Dazu besucht Herzog die Orte des Verbrechens, spricht mit den Staatsanwälten des Verfahrens und den Rechtsanwälten. Werner Herzog kann nicht anders, er ist und bleibt Erzähler: Jedes der vier Porträts ist zugleich immer auch ein spannender Krimi im True-Crime-Format.
Freilich verfolgt Herzog auch eine Agenda: "Als Deutscher mit einem anderen historischen Hintergrund und als Gast der Vereinigten Staaten spreche ich mich bei allem gebotenen Respekt gegen die Praxis der Todesstrafe aus", sagt er anfangs jeder Episode. Doch anders als Michael Moore dies womöglich getan hätte, ist "Death Row" kein Plädoyerfilm, der zu seinem Material ein lediglich funktionalistisches Verhältnis aufbaut und dieses, wo es nötig wäre, verbiegt. Im Gegenteil, Herzog lässt es buchstäblich für sich sprechen und kontrastiert die oft einnehmenden Statements der erstaunlich offen über ihre Taten sprechenden Insassen durch relativierende Statements der Staatsanwälte. Wer die Todesstrafe immer schon für ein geeignetes Sanktionsinstrument gehalten hat, wird angesichts dessen, was James Barnes, Joseph Garcia, Linda Carty, Hank Skinner und schließlich auch die jeweiligen Staatsanwälte über die Fälle zu erzählen haben, wahrscheinlich schwerlich von dieser Meinung abgebracht werden. Umgekehrt wird jeder Gegner der Todesstrafe gerade auch anhand Herzogs multiperspektivischer Aufsplitterungen mehr als deutlich in der Ansicht bestärkt, wie ungeheuer schwer es ist, über einen Menschen in einer Sache von Leben und Tod zu urteilen.
So geht es Herzog - am wenigsten vielleicht in der deshalb auch schwächsten letzten Episode über Linda Carty, die ihre Unschuld beteuert, was Herzog ein wenig auch zu seinem eigenen Kampf erklärt - nicht darum, die Menschen im Gefängnis als bemitleidenswerte Opfer eines drakonischen Vollzugs ins Bild zu setzen. Die meisten reagieren selbst noch bei der Empathieperformance sonderbar routiniert auf emotionalisierende Nachfragen - "Denken Sie an Weihnachten an die Familie des Polizisten, den Sie erschossen haben?" -, zum Freund will man keinen von ihnen haben. Auf die empörte und ihrerseits stark emotionalisierende Staatsanwältin im Fall von Linda Carty, die Herzog beschwört, er möge Carty bitte nicht "vermenschlichen", reagiert dieser mit einem einfachen, aber so grundlegenden, wie abfedernden Einwurf: "Ich kann sie gar nicht 'vermenschlichen', sie ist bereits ein Mensch." Und genau das ist letztendlich auch der Versuch dieser sich den Mechanismen der üblichen Sensations-TV-Reportage angenehm entziehenden Porträtserie: Das Bild vom Mensch auch in seinen dunkelsten Verfehlungen als solches zu erhalten. Ein klassisches Menschenideal hatte Herzog ohnehin nie im Sinn - immer sind es Freaks, Wahnsinnige, Philosophen jenseits der Vernunft, die seine Welt bevölkern, nie anmutige, gute, großmütige Wesen. Dieses Ideal vom Menschen birgt in sich eine exklusorische Dystopie - Herzog stellt dem das Bild des Menschen jenseits solcher Zuschreibungen entgegen, am schmerzhaftesten und eindringlichsten vielleicht wirklich in dieser Reihe über Leute, die das Gute im Menschen konsequent in Frage stellen lassen.
Thomas Groh
"Death Row." Regie: Werner Herzog. Mit: Linda Carty, James Barnes, Joseph Garcia, Hank Skinner u.a., USA/Deutschland/Österreich 2012, 188 Minuten. (Mehr Informationen)
Stichwörter:
berlinale special 2012, dokumentarfilm, todesstrafe, usa, werner herzog
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