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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Ein Film über kein Kind: Ursula Meiers 'L'enfant d'en haut' (Wettbewerb)

Von Nikolaus Perneczky, 14.02.2012, 09:13

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Kinder und Tiere sind beliebte Sujets des Festivalbetriebs. Das spricht nicht unbedingt gegen sie. Es lässt sich aus ihrem erhöhten Aufkommen aber ein gewisser Rechtfertigungsdruck ableiten: Weshalb braucht die Welt einen weiteren Film, der uns an die unausdrückliche Ausdruckskraft kindlicher und tierischer Akteure heranführt?

Auch in Ursula Meiers Wettbewerbsbeitrag "L'enfant d'en haut" ist es ein kleiner Junge, der den Gang der Erzählung anleitet. Simon lebt mit seiner Schwester in einer Sozialbausiedlung an der Talsohle eines Schweizer Skigebiets. Um sich und seiner Schwester, die keiner geregelten Arbeit nachgeht, den Unterhalt zu ermöglichen, begibt sich Simon auf kleine Raubzüge in die Berge, wo eine wohlhabende Après-Ski-Elite zunächst gar nicht merkt, wenn sie bestohlen wird: So saturiert sind die! Er lässt Skier, Brillen, Handschuhe mitgehen, und vertickt sie zu Schwarzmarktpreisen an Angehörige der Dienstleisterklasse. Die Eltern, so erzählt Simon einmal, seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Inszenatorisch waltet in Meiers drittem Langspielfilm das maßvolle bis gemäßigte Idiom des Arthouse. Nicht zu nah dran und nicht zu weit entfernt will die Kadrage sein, ein bisschen elliptisch und roh - aber nicht zu sehr - der Schnitt. Zum Gebirge und seiner touristischen Bebauung findet die Kamera indes ein pointierteres Verhältnis. Die "Magie des Pulverschnees", wie Simon an einer Stelle den Werbeprospekt nachsagt, und alles landschaftlich Photogene wird in den Bildhintergrund verbannt, der Wintersport kehrt uns seine maschinell-industrielle Unterseite zu: Lastgondeln, Großküchen, Mülltonnen. Simons klandestine Wege und Besorgungen führen ihn an den Saum des Wintersportgebiets - eine grauschlierige Unschärfezone, wo der weiße Schnee in Beton übergeht.

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Zur Halbzeit offenbart "L'enfant d'en haut" ein kleines Geheimnis, das die Koordinaten des Films überraschend verrückt. Man kann das einen billigen Trick schelten, in Wirklichkeit radikalisiert er das, was sich als recht handelsübliches Arthouse-Szenario anließ, in Richtung einer grundsätzlicheren Infragestellung - oder doch zumindest: einer Befragung - des Familiären, die man dem Film bis dahin nicht zugetraut hätte.

Léa Seydoux mit dem außerweltlichen Schlafzimmerblick, die im Moment überall, von "Mission Impossible 4" und "Mistérios de Lisboa" bis "Les Adieux à la Reine" mitspielt, gibt die große Schwester, eine unfertige Gestalt, die mal getrieben, mal bewusstlos neben Simon herlebt, dabei jedoch nie wirklich greifbar wird. Für Seydoux schauspielerisch zwar eine Unterforderung, folgt dieses Skizzenhafte doch der Logik ihrer Figur. In der Rolle einer reichen Touristin, die wenig mehr ist als eine Drehbuchfunktion und auch nur soviel screen time hat wie nötig, um die ihr zugewiesene Aufgabe - als Projektionsfläche für Simons fehlende Mutter - zu erfüllen, hat Meier Gillian Anderson besetzt. Einen V-Effekt der subtileren Sorte zieht diese Castingentscheidung nach sich, wenn man bedenkt, dass die Bekanntheit der beteiligten Schauspieler hier mit der Nähe zum narrativen Fokus nicht wie sonst üblich zu-, sondern abnimmt. Der einem breiteren Publikum bislang weniger bekannte Kacey Mottet Klein (davor zu sehen nur in Meiers "Home" und Joann Sfars "Gainsbourg") beeindruckt als der kindliche Protagonist Simon, der in Ermangelung eines familiären Bezugssystems glaubhaft die Allüre eines Erwachsenen angenommen hat. Nicht: Er ist kein Kind mehr, sondern: Er ist nie eines gewesen.

Nikolaus Perneczky

"L'enfant d'en haut - Sister". Regie: Ursula Meier. Mit Léa Seydoux, Kacey Mottet Klein, Martin Compston, Gillian Anderson u.a., Schweiz, Frankreich 2012, 97 Minuten. (Vorführtermine)




Stichwörter: L'enfant d'en haut, ursula meier, wettbewerb 2012

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