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Risse im Mädchentraum: Benoit Jacquots 'Les Adieux à la Reine' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 10.02.2012, 08:27

So nahe wie die junge Dienerin Sidonie (Léa Seydoux) kommt an Marie Antoinette (Diane Kruger) im Hofstaat von Versailles sonst nur Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen), die lesbische Maitresse der Königin. Wohl jeden Morgen, darf man mutmaßen, findet dieses intime, zärtlich alberne Spiel zwischen der Vorleserin Sidonie und der Monarchin statt: Die Dienerin um Form und Haltung bemüht, wie alles steif und zugerichtet ist an diesem Hof, Marie Antoinette, als erste und - beinahe - einzige in diesem Film, körperlich ausgelassen, verspielt, fast kindisch herumtollend, wenn Sidonie ausgesucht Frivoles aus der Königlichen Bibliothek vorliest. Dass Sidonie das Spiel genießt, die küssbar nahe Präsenz von Marie Antoinettes Gesicht an ihrem eigenen, die gelegentlichen Berührungen, ist ihr sichtlich an jeder Geste, jeder mimischen Regung abzulesen. Weit mehr ist da, von ihrer Seite wenigstens, im Spiel, wenn beide Liebesdialoge aus galanten Romanen aufsagen.
Es ist eine in sich ruhende, selbstzufriedene Welt: Das Geschmeiß an den äußeren Schlossmauern ist morgens rasch weggejagt, selbst noch kleinere Protokollfehler - Sidonie leiht sich eine teure Uhr, um morgens nicht zu verschlafen - werden offenbar gütig übersehen. Versailles als Mädchentraum: Nicht so sehr, wie vor ein paar Jahren im Marie-Antoinette-Film von Sofia Coppola, aus Perspektive einer ins Popkulturelle gewendeten Monarchin, der alles zu Füßen liegt, sondern aus Perspektive einer Bediensteten, der es am Vorabend der Französischen Revolution in ihrem Land weitaus schlechter gehen könnte, die in einer Welt demonstrativen Reichtums als Gast zuhause ist. Allein, es ist Juli 1789 - eine Welt kommt an ihr Ende, ja, eigentlich ist sie schon darüber hinaus: Als die Nachricht vom Sturm auf die Bastille den Palast von Versailles erreicht, bricht helle Panik unter dem anwesenden Adel aus, der sich irrlichternd in zunehmend abstrusere Manöver verzettelt.
In "Villa Amalia", Benoit Jacquots vorangegangenem Film, organisierte Isabelle Huppert ihr eigenes Verschwinden - in "Les Adieux à la Reine" ist es Marie Antoinette, die fiebrig ihr Verschwinden - aus Versailles, aus einer Epoche - in die Wege leiten muss. Gezeigt wird dies unter den aufmerksamen Blicken von Sodine, die selbst nicht recht zu verstehen scheint, was da historisch um sich greift, wenn sie hinter Vorhängen hervorlugt, durch Türenspalten blickt, am Türholz lauscht, bei Adligen niedrigeren Rangs nachfragt und sich Informationen bei einem buckligen Bibliothekar einholt. All dies, versteht sich, aus Sorge über, aus Liebe zu Marie Antoinette.
Mitunter geht diese ja wirklich blinde, unerwiderte, am Ende sogar kalt berechnend ausgenutzte Liebe arg zu Herzen, wie überhaupt der strikt aus Hof-, genauer Sodines Perspektive gezeigte Niedergang zu Herzen geht. Für das Elend jenseits der Mauern von Versailles interessiert sich Jacquot in diesem Film nicht. Eine für französische Filmverhältnisse wohl wenigstens gewagte Herangehensweise (für den ähnlich perspektivierten "Die Lady und der Herzog" zog Eric Rohmer vor zehn Jahren noch schwere Royalismus-Vorwürfe auf sich), die immerhin durch die konsequenten filmästhetischen Entscheidungen ins Lot gesetzt wird: Als Film ist "Les Adieux à la Reine" weitgehend blind für die Pracht des Schlosses und der Gartenanlagen dahinter; die atemberaubende Renaissance-Perspektive vom Schloss über die Wasser- und Gartenanlagen, in die sich jeder verliebt, der sie mit eigenen Augen gesehen hat, findet sich nicht reproduziert. "Les Adieux à la Reine" ist teils hektisch gefilmt, an Details und Close-Ups oft mehr interessiert als am klassischen Ideal einer Orientierung stiftenden Umschau. Häufiger zu sehen sind karge Gemächer als Prunk und Glorie.
Wofür "Les Adieux à la Reine" durch all dies tatsächlich sensibilisiert, ist der wirklich weltenablösende Moment der Französischen Revolution, nicht zuletzt die Unmöglichkeit einer diplomatischen Auseinandersetzung zwischen Revolutionären und dem Adel. In Szenen wie jener brillanten, in denen ein nächtens aufgescheuchter Adel kerzenhaltend durch die Flure des Schlosses wimmelt und wispert, zeigt sich die völlige Überforderung mit der Situation, die tatsächliche Ungehörigkeit dessen, was einige Kilometer weiter in Paris geschieht. Nicht Machtversessenheit steht hier im Raum, sondern Machtdurchwirktheit und der blanke, unverständige Schock über neu gemischte Karten, der den Adel mit schiefen Perücken Juwelen retten und in Ohnmacht fallen lässt, wo es längst schon um die eigene Haut geht.
Im Garten von Versailles, genauso wie im souveränen Herrschaftsblick darüber, verliert sich der einzelne Mensch. Wenn man so will, kommt bei Jacquots Kameraästhetik der Mensch als einzelnes, individuelles Wesen abseits idealistischer Repräsentation - wieviele Warzen und Falten man hier sieht, auch Diane Krügers spitze Nase setzt der Film als kleine Abweichung ins Bild - überhaupt erst zum Vorschein. Sidonie wird am Ende in den mutmaßlich sicheren Tod geschickt, man hört sie, deren Herkunft und Zukunft unbekannt bleibt, aus dem Off noch sagen: "Je suis personne", ich bin niemand, aber auch: Ich bin Mensch.
Thomas Groh
"Les Adieux à la Reine". Regie: Benoit Jacquot. Mit Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen, Xavier Beauvois, Noemie Lvovsky u.a., Frankreich/Spanien 2011, 100 Minuten (Vorführtermine)
Stichwörter:
benoit jacquot, diane krüger, französische revolution, lea seydoux, versailles, wettbewerb 2012
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