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- Die Beschneidungsdebatte: im Perlentaucher und in anderen Medien
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Die Bären 2013
16.02.2013, 20:02
Goldener Bär für den besten Film: "Child's Pose" (Poziţia Copilului) von Călin Peter Netzer
Silberner Bär für beste Regie: David Gordon Green für "Prince Avalanche"
Silberner Bär für die beste Hauptdarstellerin: Paulina García in "Gloria" von Sebastián Lelio
Silberner Bär für den besten Hauptdarsteller: Nazif Mujić in "An Episode in the Life of an Iron Picker" (Epizoda u životu berača željeza) von Danis Tanović
Silberner Bär für das beste Drehbuch: Jafar Panahi für "Closed Curtain" (Pardé) von Jafar Panahi und Kamboziya Partovi
Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Aziz Zhambakiyev für die Kamera in "Harmony Lessons" (Uroki Garmonii) von Emir Baigazin
Alfred-Bauer-Preis: "Vic+Flo haben einen Bären gesehen" (Vic+Flo ont vu un ours) von Denis Côté
Großer Preis der Jury: "An Episode in the Life of an Iron Picker" (Epizoda u životu berača željeza) von Danis Tanović
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bären 2013, berlinale 2013
Fordert Ergebenheit: 'Leviathan' von Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel (Forum Expanded)
Von Nikolaus Perneczky, 16.02.2013, 20:01

Lucien Castaing-Taylor, zuletzt mit "Sweetgrass" (zusammen mit seiner Frau Ilisa Barbash) auf der Berlinale vertreten, und seine Ko-Regisseurin Véréna Paravel haben – an Bord eines Industrie-Fischereiboots in den Gewässern vor Neuengland – ein Monstrum von einem Experimentalfilm geschaffen. Sein andeutungsreicher Name: "Leviathan". Die halb akademische, halb künstlerische Disziplin, woraus "Leviathan" seine ästhetischen Impulse bezieht, heißt "Sensory Ethnography": eine multisensorielle Ableitung und Ausweitung der visuellen Anthropologie, die Castaing-Taylor am Department of Visual and Environmental Studies in Harvard lehrt.
Das Monströse des Films ist im Einzelnen schwer zu fassen, ist es doch erst die Verkettung der kontrastreichen und grobpixeligen Digitalaufnahmen, die den titelgebenden Leviathan zum Leben erweckt: ein mechanisches Ungetüm, das sich, organische Materie vernichtend, durch ein über weite Strecken in Dunkelheit gehülltes Meer fräst. Wenn hier von Verkettung die Rede ist, dann gewiss nicht in einem kausalen Sinn. Zwar scheint eine grobe Dramaturgie von Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung die Abfolge zu strukturieren. Aber weder sind einzelne Abschnitte oder szenische Einheiten zu isolieren, noch geht es den Filmemachern darum, ein wie immer geartetes Verständnis der industriellen Fischerei zu vermitteln.
Was Castaing-Taylor und Paravel uns stattdessen anbieten, ist Überwältigung, ozeanisches Gefühl:
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forum expanded 2013, leviathan, lucien castaing-taylor, verena paravel
Auf Augenhöhe: Die starken Frauen im Berlinale-Wettbewerb 2013
Von Lukas Foerster, 16.02.2013, 09:02
"How to do things with women": Das könnte, spätestens seit der Nouvelle Vague, ein Motto des internationalen und hinter der Kamera nach wie vor weitgehend männlichen Autorenkinos sein. Der aktuelle Berlinalewettbewerb ist da keine Ausnahme; schon alleine in den Filmtiteln tauchen sechs Frauennamen auf und kein einziger Männername. Bei den Regisseursnamen sieht die Verteilung anders aus: drei weibliche, siebzehn männliche. Das ist eine offensichtliche Schieflage, aus der man andererseits auch nicht zuviel machen muss, schließlich wird auch diese Perlentaucher-Kolumne sexistische Strukturen nicht aus der Welt schaffen. Was man aber schon machen kann: sich etwas genauer anschauen, was die Filme von den vielen Frauen wollen, die sie in ihre Zentren stellen. Denn das sind jeweils durchaus unterschiedliche Dinge.
Da fallen zunächst einmal durchaus prägnante Figuren auf: Nina Hoss, die sich in Thomas Arslans klugem neuen Film "Gold" als deutsche Exilantin Emily allein unter Männern in die geheimnisvollen Wälder Kanadas schlägt; Gloria (Paulina Garcia), eine Chilenin fortgeschrittenen Alters, die sich in Sebastian Lelios nach ihr benannten (und nebenbei bemerkt grotesk überbewerteten) Arthausdrama mit den Untiefen des Lebens und der Liebe auseinander setzt; Layla Fourie (Rayna Campbell), die sich im ebenfalls nach ihr benannten
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abschlusstext, berlinale 2013
Was zu lachen: Emmanuelle Bercots 'Elle s'en va' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 15.02.2013, 18:02

Abrechnung auf grünen Wiesen: Kaum kommt der Deneuve das französische M-Wort über die Lippen, hält der enervierend gut gelaunte Dreikäsehoch - im Film ihr Enkel, zu dem sie kaum eine Beziehung hat - die Hände auf: Für jeden Kraftausdruck ist ein Euro fällig. Deneuve kann nicht zahlen, denn sie hat kein Geld. Mit Reichtum gesegnet bin auch ich nicht, aber den Euro leg' ich gerne hin: Dieser Film ist richtig Scheiße! Kassier' mich ab, wer will!
Tatsächlich fühlt man sich, nach dem letztjährig herausragendem und diesjährig durchweg solidem bis sehr gutem Wettbewerb, im Nu in schlimmste Berlinalezeiten zurückversetzt - und das ausgerechnet noch im Festival-Endspurt. Was soll, was will dieser Film - hier, im Wettbewerb, und überhaupt? Man steht vor einem Scherbenhaufen aus mangelnden Ambitionen, mangelnden Ideen und mangelndem Witz und würde, wäre man nach endlosen zwei Stunden von diesem Knüppel nicht völlig sediert, sehr gerne hilflos mit den Schultern zucken. So also fühlt sich ein Harald Martenstein, denke ich mir, der sich im Tagesspiegel darüber beschwert hat, dass es zu wenig auf diesem Festival zu lachen gibt (bitte sehr, hier: alter Mann mit Gicht dreht unbeholfen Kippe -
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catherine deneuve, emmanuelle bercot, frankreich, wettbewerb 2013
Verschiebung und Variation: Hong Sangsoos 'Nobody's Daughter Haewon' (Wettbewerb)
Von Elena Meilicke, 15.02.2013, 17:02

Ein paar Hong-Sangsoo-Filme habe ich gesehen und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich mich hinterher schon bald nur noch schemenhaft an sie erinnern konnte. Immer wieder greift Hong die gleichen Motive, Schauplätze und Figuren auf, rekombiniert und rearrangiert sie, als wären alle seine Filme in Wirklichkeit ein einziger. Differenz und Wiederholung, Verschiebung und Variation, darum kreisen Hongs Filme, so sind sie gemacht. Das Resultat ist eine Ähnlichkeit, aber auch eine ganz eigene spielerische Leichtigkeit und Flüchtigkeit, die es so schwer machen, Hongs Filme zu fassen zu kriegen, sie festzunageln und ordentlich in Gedächtnisschubladen abzulegen.
Auch in "Nobody’s Daughter Haewon" trifft man auf bekanntes Hong-Material: Da sind Figuren, die ziellos durch leere und gesichtslose Stadtlandschaften spazieren. Ein Filmprofessor, der eine Affäre mit einer seiner jungen Studentinnen hat. Ein Park auf einer Anhöhe über der Stadt. Das Trinken. Anders als in den meisten Filmen von Hong aber ist es diesmal eine junge Frau, die im Mittelpunkt der Geschichte steht. Haewon schreibt Tagebuch und erinnert sich, es geht um einige Wochen Ende März, Anfang April 2012. Die Bäume sind noch kahl, der Himmel ist grau, der Frühling hat noch nicht angefangen. Haewons
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hong sangsoo, jane birkin, korea, nugu-ui ttal-do anin haewon, südkorea
Solo für Greta: Noah Baumbachs 'Frances Ha' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 15.02.2013, 10:02

Greta Gerwig macht mit ihrem Körper, was kaum eine Schauspielerin tun würde, die auf Anmut, Eleganz oder Sexappeal wert legt: Sie verdreht, verbiegt und verschraubt ihn. Sie zeigt ihre kräftigen Arme und ihre großen, ulkigen Füße, tanzt auf der Bühne und am Washington Square. Sie läuft x-beinig wie ein Basketballer, sitzt mit krummem Rücken am Tisch, macht Kopfstand und rennt durch die Straßen von Brooklyn. Wenn die U-Bahn mal wieder nicht kommt, pinkelt sie schon mal, an der Bahnsteigkante hockend, auf die Gleise des F Trains. Dieser athletische Körper hat Kraft, Seele - und Witz.
Noah Baumbach hat seinen Film "Frances Ha" ganz auf Independent-Ikone Gerwig und ihren Körper zugeschnitten. Er sitzt wie angegossen. Frances, 27, ist Tänzerin und auf der Suche nach einem Engagement bei einer Tanzkompagnie. Dass ihr Freund sich gerade von ihr getrennt hat, ist ihr nur Recht, so alt, um mit ihm und den zwei haarlosen Katzen zu leben, ist sie noch nicht. Zusammenziehen? - Schüttel! Schwerer wiegt, dass ihre Mitbewohnerin und beste Freundin Sophie ausziehen möchte. Sie, mit der sie eben noch in einem Bett liegen durfte, wenn sie ihre Socken auszog, ist jetzt Lektorin bei
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forum 2013, frances ha, greta gerwig, new york, noah baumbach
Bleibt ein Unvollendeter: George Sluizers 'Dark Blood' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 15.02.2013, 07:02

George Sluizers "Dark Blood" blickt auf eine bewegte Produktionsgeschichte zurück. Zehn Tage vor Drehschluss starb Hauptdarsteller River Phoenix an einem drogeninduzierten Herzinfarkt; das abgedrehte Material wurde von der Versicherungsgesellschaft in Verwahrung genommen. Das war im Oktober 1993. 2012 gelang es Sluizer, der vor einige Jahren ein Aneurysma erlitten hatte, die existenten Aufnahmen zu sichern und "Dark Blood" doch noch fertigzustellen – allerdings ohne den Film zu vollenden: Die Lücken, die Phoenix’ Tod ins Narrativ gerissen hat, sind nicht trickreich kaschiert, sondern mit einem voice-over markiert. Sluizer verliest mit unmerklichem Akzent (er ist gebürtiger Niederländer) und fast ohne Emphase die nicht realisierten Drehbuchpassagen, manchmal über eine ausklingende Spielfilmszene gelegt, manchmal über ein Still gesprochen. Ganz zu Beginn erläutert er dieses Konstruktionsprinzip. Das Bild dazu zeigt ihn Arm in Arm mit einem verkniffen dreinblickenden River Phoenix. "Dark Blood" ist – und bleibt – Sluizers Unvollendeter.
Buffy (Judy Davis) und Harry (Jonathan Pryce), zwei verheiratete Hollywoodmenschen mittleren Alters, durchqueren in einem alten Bentley die Wüste von Arizona. Der Wagen macht auf halber Strecke schlapp. Erst sind sie verzweifelt, dann aber ist in der Ferne ein flackerndes Licht auszumachen. Hier haust Boy (River Phoenix), ein
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dark blood, george sluizer, indianer, navajo, river phoenix, western, wettbewerb 2013
Nicht nur untergründig bösartig: Emir Baigazins 'Harmony Lessons' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 14.02.2013, 16:49

Vorletzter Wettbewerbstag, die Pressevorstellung liegt auf der Frühschiene, um neun Uhr morgens, der Film ist ein fast zwei Stunden langes Debüt aus Kasachstan: Dass der Berlinalepalast auch bei "Harmony Lessons" gut gefüllt ist, spricht für die Ausdauer der akkreditierten Festivalgänger. Als dann gleich in den ersten drei Minuten ein Schaf direkt vor der Kamera erst eingefangen, dann geschlachtet und ausgeweidet wird, geht zwar ein hörbares Stöhnen durchs Publikum (nebenbei bemerkt: Das ist bei weitem nicht die erste derartige Szene des Festivals; im Gegenteil sind derartige, von der Kamera beglaubigte Tiertötungen eines der quintessentiellen Motive des Festivalkinos, fast könnte man meinen, dass die Schlachtung im Weltkino wieder eine rituelle Bedeutung zurückgewinnt, ein Band über Raum und Zeit hinweg zum Zuschauer knüpft). Es dauert dann allerdings nicht lang, bis man erkennt, dass der junge Regisseur Emir Baigazin einen der interessantesten Filme des diesjährigen Wettbewerbs gedreht hat.
Geschlachtet wird das Tier von Aslan, einem Jugendlichen mit eher schmalem Körperbau und einem blassen, schwer lesbaren Gesicht. Aslan lebt auf einem Bauernhof, wird von seiner Großmutter aufgezogen und geht zur Schule. Dort spielt der Großteil des Films. Gleich zu Beginn gibt es eine medizinische Untersuchung, die
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emir baigazin, harmony lessons, kasachstan, uroki garmonii, wettbewerb 2013
Gefühlte Geschichte: Neus Ballus' 'The Plague' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 14.02.2013, 14:53

In ihrem Film "La Plaga" erzählt die junge spanische Filmemacherin Neus Ballús von einer Reihe ganz normal faszinierender Menschen, die sich am Stadtrand von Barcelona durchs Leben schlagen: Raul ist Gabelstapelfahrer und führt den Baunernhof seiner Eltern, dessen Existenz grundsätzlich bedroht ist, im Moment der großen Hitze aber besonders durch einen Schädlingsbefall. Bei der Ernte hilft der Moldawier Iurie Timbur, der nach der Arbeit als Ringkämpfer trainiert. Die Prostituierte Maribel steht jeden Tag, auch bei gleißender Sonne neben der Autobahn, aber eigentlich etwas zu weitab vom Schuss, um Kundschaft zu bekommen, meist kommt sie an einem Tag auf 20 Euro. Außerdem gibt es noch die philippinische Altenpflegerin Maribel und die wichtigste Figur des Films, die alte Bäuerin Maria. Mit ihren fast neunzig Jahren kann sie nicht mehr allein auf ihrem Hof leben und bei der Hitzewelle schon gar nicht, die Atemnot zwingt sie in das Heim und unter die Kuratel einer Pflegerin.
Die Figur der Maria ist wahrscheinlich diejenige, die die Regisseurin zu der Entscheidung bewogen hat, ihren Film auch mit denen zu besetzen, von denen er handelt. Kein Schauspielerkörper könnte so viel Spuren eines harten Lebens in sich tragen wie
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la plaga, neus ballus, spanien, the plague
Beängstigender Wald: Andreas Bolms 'Die Wiedergänge' (Perspektive Deutsches Kino)
Von Lukas Foerster, 14.02.2013, 13:02

Wohin man auch blickt, überall Bäume auf dieser Berlinale: Besonders im Wettbewerb jagt ein Waldfilm den nächsten. Nina Hoss schlägt sich bei Thomas Arslan als Teil einer exildeutschen Reisetruppe durchs unwirtliche, grenzmystische Nadelholz. Tendenziell mindestens ebenso aggressiv (genauer gesagt: mindestens eine Bärenfalle aggressiver) gebärt sich der - gleichfalls kanadische - Wald, in dem Vic und Flo bei Denis Côté abhängen. Von der freundlichen Seite zeigt sich die Pflanzenwelt bei David Gordon Green: Obwohl er gleich zu Filmanfang abbrennt, bietet ein (wieder aufgeforsteter und dezent verzauberter) Wald Paul Rudd und Emile Hirsch Unterschlupf, hilft ihnen beim bonding und beim Verarbeiten von Liebesproblemen. Den Waldfilm to end all Waldfilme hat, wen wundert’s, James Benning gedreht: Gut zwei Stunden lang steht im Forumsfilm "Stemple Pass" eine Hütte im Wald herum; die Jahreszeiten wechseln, die Lichtverhältnisse aus, manchmal werden Texte des Unabombers Theodore Kaczynski verlesen, der sich jahrelang in einer ähnlichen Hütte verkrochen hatte, dann herrscht wieder minutenlang, viertelstundenlang Stille, gelegentlich tritt Rauch aus dem Schornstein der Hütte - aber der Wald, der bleibt.
Der vielleicht eigentümlichste Waldfilm aber läuft in der Nebensektion "Perspektive Deutsches Kino". Andreas
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andreas bolm, die wiedergänger, james benning, perspektive deutsches kino 2013
Transportiert ein gewisses Männerideal: David Gordon Greens 'Prince Avalanche' (Wettbewerb)
Von Elena Meilicke, 14.02.2013, 08:34

Es heißt ja, der diesjährige Wettbewerb sei einer voller "Frauenfilme" (was immer das sein mag). "Prince Avalanche" von David Gordon Green ist nun endlich ein Männerfilm – ein richtig großartiger. Alvin (Paul Rudd mit hochgezogenen Tennissocken und Tom-Selleck-Schnurrbart) und Lance (Emile Hirsch, der hier an Jack Black erinnert) verbringen den Sommer 1988 als Straßenarbeiter in einem Waldgebiet in Texas, das vor kurzem von einer Feuerkatastrophe heimgesucht wurde. Nie sah Texas untexanischer aus: statt Sonne, Öl und Cowboys gibt es halbverkokelten Laubmischwald, kleine Tümpel mit schmutzig-braunem Wasser und gelbe Blumen, die an Mitteleuropa erinnern. Ziemlich unpittoresk. Auch die Arbeit ist monoton: kilometerweit müssen Alvin und Lance gelbe Fahrbahnmarkierungen auf die Straße malen und Reflektorenposten aufstellen. Ganz genau nimmt "Prince Avalanche" das dafür nötige Gerät und die Handgriffe in den Blick, zeigt die zähe Textur der dickflüssigen Farbe auf dem Asphalt. Banales und Bodenständiges, in Großaufnahme.
In einem ganz wörtlichen Sinne ist "Prince Avalanche" damit ein Straßenfilm, ein Roadmovie – aber eines, das nicht von Reise und Aufbruch handelt, sondern von Rückzug und Einkehr. Eine andere mögliche, ähnlich paradoxe Beschreibung wäre: "Prince Avalanche" ist ein Kammerspiel im Freien, das sich auf wenige
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david gordon green, männerfilm, prince avalanche
Bille Augusts 'Nachtzug nach Lissabon' (Wettbewerb)
Von Thekla Dannenberg, 14.02.2013, 08:02

Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" erzählt die Geschichte des Berner Lateinlehrers Raimund Gregorius, der über all seinen Büchern den Anschluss an das Leben verloren hat. Eines verregneten Morgens gelangt er durch eine junge Frau, die sich wahrscheinlich von der Brücke stürzen möchte, an das Buch des geheimnisumwitterten portugiesischen Autors Amadeu Prado. Völlig in den Bann gezogen von der Frau, dem Buch und seiner Poesie, bricht er aus seinem Lateinlehrer-Leben aus und auf nach Lissabon, um der Geschichte dieses Schriftstellers, Arztes und Widerstandskämpfers gegen Salazar nachzuspüren. Aus dem - fiktivem - Werk zitiert der Roman seitenweise die Prado'schen Ausführungen, was durchaus etwas Peinliches hatte: "Kein Ernst ist so ernst wie der poetische Ernst", heißt es darin zum Beispiel und ganz ohne Ironie lässt Mercier dann Gregorius tief ergriffen ausrufen: Welch Brillanz! Welch Wucht! Welch stilistische Eleganz!
Bille August versteht sich auf die starbesetzte Verfilmung von gehobenen Bestsellern. Beim "Nachtzug auf Lissabon" verzichtet er auf Merciers philosophische Ausführungen, womit er dem Roman nicht unbedingt Unrecht tut. Aber sein Melodram funktioniert im Grunde ähnlich: In der im Vergleich zum Roman deutlich aufgewerteten Rahmenhandlung erklärt Gregorius immer wieder, wie bedeutungsvoll das Geschehen ist, dem
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bille august, nachtzug nach lissabon, night train to lisbon, wettbewerb 2013
The Best of Berlinale - so far.
Von Thomas Groh, 13.02.2013, 23:02
David Hudson und Kevin B. Lee (beide von Fandor) unterhalten sich mit Cristina Nord von der taz über die bisherigen Festivalhighlights. Sehenswert:
Die Perlentaucher-Kritiken zu einigen der erwähnten Filme:
- Gold
- Vic und Flo haben einen Bären gesehen
- Das merkwürdige Kätzchen
- Before Midnight (siehe dazu auch diese drei Fotos)
- Computer Chess
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Lust am freien Spiel: Andrew Bujalskis 'Computer Chess' (Forum)
Von Thomas Groh, 13.02.2013, 17:02

Andrew Bujalski interessiert sich für das Obsolete: Seine Filme sind für gewöhnlich in 16mm gedreht, in seinem "Beeswax" von 2009 (unsere Kritik) steht ein Secondhandladen im Mittelpunkt. Warum er seinen neuen Film "Computer Chess" nun auf einer alten Sony-Videokamera aus den frühen 80ern gedreht hat, erklärt er verschmitzt im Q&A nach der Vorführung: "Die Leute fragte mich immer, warum drehst Du noch immer auf 16mm, warum nicht auf Video? Nun, da dachte ich mir, euch geb ich Video!"
Aber auch in anderer Hinsicht lässt sich die eigenwillige ästhetische Entscheidung zum monochromatischen Schwarzweiß (nur für eine einzige, bestrickend verspielte Miniatur bricht der Film in die Farbe aus), zu ausfasernden Lichtflächen, zur niedrig aufgelösten Verschwommenheit und zahlreichen Einschreibungen der technischen Materialgegenständigkeit ins Bild erklären: Wenn in "Computer Chess" analoges Magnetband auf obsolete Digitaltechnik blickt, zeichnet sich darin die für einen bestimmten Moment in der Technikgeschichte noch selbstverständlich bestehende medienhistorische Kluft ab, die im Zeitalter allüberall erfolgreich bestandener Medienkonvergenz, in der es keine Videokameras und Telefone mehr gibt, sondern nur noch Computer in jeder Hosentasche, längst überbrückt ist. Der Film spielt in den frühen 80ern in einem Provinzhotel. Eine Gruppe
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Autodestruktion im Wortsinn: Danis Tanovics 'An Episode in the Life of an Iron Picker' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 13.02.2013, 16:02

"An Episode in the Life of an Iron Picker", der bosnisch-herzegowinische Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanovic, ist ein wohlmeinender Film über eine Romafamilie aus dem Hinterland, erzählt aus der Perspektive des Vaters Nazif, der seinen Unterhalt und den seiner Familie als Eisensammler bestreitet. Fast ist mit dieser Berufsbezeichnung schon zu viel gesagt: Er schaut eben, wo in seinem völlig verarmten Umfeld noch Gegenwerte zu bergen sind. Und die finden sich nun einmal vornehmlich in der Gestalt von Altmetall, einer provisorischen Müllhalde oder – hierin verdichtet sich das sisyphos'sche Zentralmotiv – seinen eigenen Subsistenzmitteln abgerungen. Die stärkste Szene zeigt Nazif und seine Nachbarn bei der Demontage seines Autos mit rostigen Sägen und schweren Hämmern: Autodestruktion im Wortsinn.
Der Plot begleitet Nazif über einen nur wenige Tage umspannenden Zeitraum, unterdessen seine Frau Senada eine Fehlgeburt hat. Obwohl eine OP dringend nötig wäre, um Senadas Gesundheit zu sichern, verweigern ihr die Spitalsangehörigen in der nächstgelegenen Stadt die Hilfeleistung: Senada ist nicht versichert. Der Rest von "An Episode in the Life of an Iron Picker" handelt von Nazifs verzweifelten Bemühungen, das Leben seiner Frau zu retten.
Nazif, Senada und auch ihre beide kleinen Töchter,
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Sehnt sich hinaus ins Freie: Keisuke Kinoshitas 'Farewell to dream' (Forum)
Von Lukas Foerster, 13.02.2013, 15:02

Yoichi sitzt am Fenster, im ersten Stock des Hauses, den Rücken der Kamera zugewandt und blickt durch ein Fernglas nach draußen. Und gleichzeitig, sagt der Voice Over, auf die Vergangenheit, auf sein vier Jahre jüngeres Ich, das noch nicht war, was er jetzt ist: ein Fischverkäufer, wie der Vater vor ihm, Ernährer einer kleinen Familie, die Dank ihm gerade einmal so über die Runden kommt.
Auch in der langen Rückblende, die den Rest des Films ausmacht, sitzt Yoichi des öfteren an demselben Fenster (und in derselben Einstellung), greift zum selben Fernglas und blickt hinaus. Da allerdings nicht auf die Vergangenheit, sondern auf eine mögliche Zukunft: auf ein Mädchen, das einige Straßen weiter lebt und von dem wir lange nur die Gesichtsumrisse kennen, die Yoichi auf ein Blatt Papier zeichnet. Denn der Film weigert sich, mit Yoichi gemeinsam durch das Fernglas zu blicken, zu seinem Blick zu werden - einem Blick, der sich langsam umformen wird im Laufe des Films, weil Yoichi erkennt, dass die Welt da draußen eben nicht das befreite Andere der Fischverkäuferexistenz, sondern Teil der eigenen ist.
"Farewell to Dream" blickt auf Menschen und ihre Beziehungen, Gespräche, Handlungen,
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Pfade des Lichts: Joao Vianas 'The Battle of Tabato' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 13.02.2013, 12:14

Ein Mann kehrt heim. Meist sagt man: in das Land seiner Väter, in diesem Fall muss man sagen: in das Land seiner Tochter. Baio hatte als Kämpfer in der portugiesischen Kolonialarmee gedient und musste Guinea-Bissau verlassen, als es unabhängig wurde, er wäre seines Lebens nicht sicher gewesen. Seine Tochter Fatou ist Lehrerin in diesem von Bürgerkrieg und etlichen Putschen gebeutelten Land. Ihre Studenten erinnert sie an die stolze Geschichte der Mandinga, die vor 4500 Jahren in Mali den Ackerbau erfanden, vor 2000 Jahren die gerechte Herrschaft, vor 1000 Jahren die Musik, aus der Reggae und Jazz hervorgingen – während die Europäer Kriege führten. Fatou will den Musiker Idrissa heiraten, der in der angesagtesten Band des Landes spielt und im Radio die stolze Geschichte der Mandinga erzählt. Idrissa, in dessen Rolle der real existierende Musiker Mamadu Baio auftritt, spielt Kora und Balafon, Fatous Instrumente sind Radio, iMac und Smartphone. Der Vater schleppt in seinem Koffer altes Gerät mit sich herum. Vielleicht haben ihm die Portugiesen erzählt, dass der rostige Wasserhahn ein Funkgerät sei.
Fatou holt ihren Vater am Flughafen ab, um mit ihm nach Tabato zu reisen, das Dorf der
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Bühne frei für Shirley Clarkes 'Portrait of Jason' (Forum)
Von Elena Meilicke, 13.02.2013, 11:02

Wie verstörend ein Lachen sein kann, unter anderem davon handelt Shirley Clarkes großartiger Film "Portrait of Jason" aus dem Jahr 1967. Jason Holliday ist ein selbsterklärter "Hustler", einer, der mal hier und mal dort arbeitet, einer, der auf alle möglichen Weisen Geld verdient – etwa als Haushälter bei reichen weißen Damen, manchmal aber auch mit illegaleren Aktivitäten. Eigentlich träumt Jasons davon, durch kleine Clubs und Bars zu tingeln, zu schauspielern, auf der Bühne zu stehen. "Portrait of Jason" ist genau das: eine Bühne für Jason.
Gedreht in einer einzigen Nacht in Shirley Clarkes Apartment im New Yorker Chelsea-Hotel, zeigt der knapp zwei Stunden lange Film nicht mehr als Jason beim Performen und Fabulieren. Er erzählt Anekdoten aus seinem Leben, ist laut und lebendig, spricht frontal in die Kamera. Die Geschichten sprudeln aus ihm hervor, sie folgen einander wie kurze Akte oder Revuenummern. Dazwischen gibt es Momente der Stille, in denen Jason erschöpft und leer auf dem Sofa liegt. Die Kamera entlässt ihn dann aus dem Fokus und bricht die Aufnahme ab. Bevor Jason zur nächsten Nummer ansetzt, wird wieder umständlich fokussiert, ein Verfahren, das ein filmisches Äquivalent zum theatralen Vorhang
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Interview mit Claude Lanzmann
Von Thekla Dannenberg, 13.02.2013, 10:05
"Das ist forsch, das hat Klasse", sagt Claude Lanzmann im Tagesspiegel-Interview mit Jan Schulz-Ojala zu der Entscheidung, nach der Preisverleihung, bei der er selbst den Ehrenbären erhält, seinen doch eher unfestlichen Film "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" zu zeigen – "einen Film, in dem Juden Deutsche töten!" Außerdem eilen die beiden durch Lanzmanns Filmgeschichte, Eichmannprozess und Hannah Arendt, den neuen Antisemitismus und Jakob Augsteins Gleichsetzung von Gaza mit den Lagern: "Das verurteile ich. Genauso wie den Unfug, die Israelis seien die neuen Nazis und die Palästinenser die neuen Juden. Der arabische Terrorismus mit seinen Sprengstoffgürteln ist doch fürchterlich, dieses Prinzip, sich selber den Tod zu geben, um zu töten. Andererseits: Warum gibt das Wiesenthal-Center Noten für Antisemitismus? It’s not my cup of tea." mehr lesen
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claude lanzmann, hommage, sobibor
Wie entsteht die große Kunst, fragt Carters 'Maladies' (Panorama)
Von Thekla Dannenberg, 13.02.2013, 10:02

Manche möchten jemand anderes werden, manche möchten als sie selbst ein anderes Leben führen, manche würden überhaupt erste einmal gern wissen, wer sie sind und warum. James hört auch die Stimmen, die zu ihm sprechen. Natürlich, er ist ja nicht taub! James hat auch viele Persönlichkeiten, deswegen denkt er bei seinen Strandspaziergängen auch oft etwas angestrengt darüber nach, wie man zu dem wird, der man ist: An Punkt A ist man eine Person, an Punkt B eine andere, und an Punkt C verwandelt man sich wieder. Manchmal zerspringt man an einem Punkt auch, dann ist man nur noch Winkel und Fragmente, Zonen und Bereiche.
Zusammen mit Catherine und Patricia lebt James in einem Haus am Ozean, unweit von New York. Bis vor einigen Jahren hat er als Schauspieler in einer Soap mitgespielt, bevor er rausgeworfen wurde, Pardon, bevor er gegangen ist. Jetzt fühlt er sich als Schriftsteller und ihn quälen Fragen der Kreativität: Wie entsteht die große Kunst, wie erschafft man die Dinge? Ist es Magie oder harte Arbeit? Überhaupt ist er voller abstrakter Gedanken, die konkrete Welt ist seine Sache nicht. Dafür hat er Catherine. Sie ist Malerin und zieht
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carter, maladies, panorama 2013
Genrekino mit Welthaltigkeit: Steven Soderberghs 'Side Effects' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 13.02.2013, 07:10

Die ersten Vorankündigungen zu Steven Soderberghs "Side Effects", worin der Film als Pharmaindustrie-Thriller gepitcht wurde, fügten sich in das Bild des cleveren auteur mit Hang zum zeitdiagnostischen Genrekino. Auch der Trailer zum Film legt nahe, dass Soderbergh es in seinem angeblich letzten Film – seit der heutigen Berlinale-Premiere ist er in Rente – mit dem pharmazeutisch-psychiatrischen Komplex aufnehmen würde. "Side Effects" enttäuscht diese Erwartungen mit einer Unterbietungsgeste wie sie nur in Hollywood vorstellbar ist. Was anfängt als mit amerikanischer Krisengegenwart gesättigtes Sittenporträt, kippt allmählich in einen ausgemacht Hitchcock'schen Plot. Die bis dahin angehäuften milieuspezifischen Details geraten zur – scheinbar austauschbaren – Kulisse. Eine Zuschauerin beschwerte sich: "Das war doch alles nur ein Aufhänger!"
Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dieser Rückfall ins Epigonale und Generische – zeitweilig fühlt man sich an die misogynen Erotikthriller der frühen 1990er erinnert – sei Soderbergh eher unterlaufen, als dass eine Absicht dahinter stünde. Oder aber es war ihm an einer stärkeren Durchdringung der beiden Teile gelegen; an einem Genrefilm mit sozialer Intelligenz sozusagen. Was dagegen spricht, ist wie weit sich die manifeste Handlung irgendwann von der Anfangsannahme entfernt, wonach hier der gesellschaftliche Umgang mit
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Dramatisch: Bruno Dumonts 'Claude Camille,1915' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 13.02.2013, 07:02

Wenn in Bruno Dumonts "Camille Claudel, 1915" plötzlich ein Auto vorfährt, erschrickt man eine Sekunde über diesen Misston: Natürlich sind Autos im Jahr 1915 keine Neuheit mehr, doch bricht mit dem Auto jäh eine Ahnung der Außenwelt und der Moderne in diese bis dahin zugemauerte Welt, in der schon ein Salon im Stil des 19. Jahrhunderts wie ein Zugeständnis an den Zeitenlauf wirkt, dass man sich halb im Schock dazu zwingen muss, sich zu erinnern, dass dieser Film im frühen 20. Jahrhundert spielt.
Die Bildhauerin Camille Claudel (Juliette Binoche) ist in einer von Nonnen geführten Anstalt untergebracht. Die Umstände der Einweisung bleiben unklar - dass es sich um eine männerbündische Abschiebung handelt, wird zumindest sehr implizit angedeutet. Die Welt wirkt vom schweren Gemäuer abgeschlossen - so abgetötet wie die Körperlichkeit der Nonnen unter ihren Gewändern und Tüchern. Einmal führt eine Art Pilgerweg auf den Gipfel eines nahen Bergs, von dem aus weite Landschaften, aber keine Anzeichen von Zeitgenossenschaft zu sehen ist. Eine überkontrollierte, unter dem Alb der Vergangenheit liegende Umgebung, in der als Misstöne das Gejauchze und Gekluckse der Insassen, das schelmisch wahnhafte Grinsen oder der nervtötende Trommeltick
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Alle ontologischen Anker gelichtet: 'Closed Curtain' von Jafar Panahi und Kamboziya Partovi (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 12.02.2013, 16:15

Der Richterspruch hat nach wie vor Bestand, allen Protesten zum Trotz: zu sechs Jahren Haft (bislang wohl vollzogen als Hausarrest) wurde der iranischer Regisseur Jafar Panahi im Jahr 2010 verurteilt, außerdem wurden ihm zwanzig Jahre Berufsverbot erteilt. Das hielt ihn nicht davon ab, 2010 einen gemeinsam mit Mojtaba Mirtahmasb inszenierten Film in den Wettbewerb von Cannes zu schmuggeln, der einen schlagenden, mit Blick auf das Urteil folgerichtigen Titel trägt; Filme drehen darf Jafar Panahi nicht mehr, also: "This Is Not a Film". Zwei Jahre später setzt sich Panahis Geisterexistenz auf internationalen Filmfestivals fort, mit einer weiteren kollaborativ entstandenen Regiearbeit: "Closed Curtain" heißt der Film, Kambuzia Partovi der Co-Regisseur.
Beide Filme gehen vom Eingesperrtsein aus. In "This Is not a Film" imaginierte Panahi in seiner Wohnung ein nicht vollendetes Filmprojekt, verwandelte sein Zuhause in ein Filmset, dessen Unzulänglichkeit ihm in jedem Moment bewusst ist - im Laufe des Films kommt er vom ursprünglichen Plan ab und erkundet seine Umgebung mit neugierig-melancholischem Kamerablick. In "Closed Curtain" taucht Panahi zunächst nicht direkt im Bild auf. Es beginnt mit einem Blick durch ein vergittertes Fenster. Draußen Meer, Strand, davor eine Straße. Ein Auto fährt vor,
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Das Biest will raus: Die Pressekonferenz zu Panahis Wettbewerbsbeitrag
Von Thekla Dannenberg, 12.02.2013, 16:05


Trotz offizieller Anfrage der Bundesregierung hat der iranische Regisseur Jafar Panahi zur Premiere seines Films natürlich nicht anreisen dürfen. Aber sein Ko-Regisseur und Hauptdarsteller Kamboziya Partovi und seine Schauspieler-Kollegin Maryam Moghadan waren da, und sie konnten auf der Pressekonferenz zumindest einige Fragen beantworten, auch wenn die Veranstaltung immer ein wenig Gefahr lief, von den exiliranischen Journalisten gekapert zu werden, die ihr eigenes Süppchen mit dem Regime in Teheran kochen. Und wenn auch seltsamerweise nicht geklärt wurde, wie es Panahi zur Zeit geht, so wurde doch festgestellt, dass der Hund wohlauf ist, diese im Film wunderbar lebendige Allegorie auf die künstlerische Schaffenskraft, von den Behörden für unrein gehalten und trotzdem nicht totzukriegen: Das kleine Biest will raus, nein, es muss raus. Der Hunde lebt jedenfalls bei Partovi und erst einmal besteht keine Gefahr, dass die Hundefänger respektive die Revolutionswächter ihn abholen.
Im Mittelpunkt stand aber natürlich die Frage, wie es Panahi und Partovi überhaupt möglich war, diesen Film zu drehen. Trotz des zwanzigjährigen Berufsverbots, das über Jafar Panahi verhängt worden ist, zusammen mit einer bisher nicht durchgesetzten sechsjährigen Haftstrafe. Das Arbeiten unter solchen Bedingungen war schwer, sagte
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Kasuistische Fingerübung: Pia Marais' 'Layla Fourie' (Wettbewerb)
Von Elena Meilicke, 12.02.2013, 09:01

Südafrika, eine nächtliche Landstraße: Layla, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, fährt seit Stunden Auto, es ist stockfinster, der Scheinwerfer rast über den Asphalt. Da steht plötzlich ein Auto quer auf der Fahrbahn, der kleine Sohn macht im Schlaf ein Geräusch, Layla ist eine Zehntelsekunde abgelenkt – und hat einen Mann angefahren, einen weißen, älteren, der kurz darauf stirbt.
Aus diesem Unfall mit (nicht einmal lupenreiner) Fahrerflucht konstruiert der Film von Pia Marais im folgenden geradezu genüßlich die nicht enden wollenden moralischen Prüfungen seiner Hauptfigur. "Layla Fourie", das ist wieder mal ein Film aus dem Genre "Mutterbestrafungsphantasie": Mater dolorosa in Südafrika. Wie eine Marienbildnis bewegt sich Darstellerin Rayna Campell auch durch den Film: ganz still und passiv schaut sie mit schmerzvollen Augen auf das, was sie angerichtet hat. Gelegenheiten, das Ausmaß ihrer Tat zu bedenken, hat sie viele. Das von Pia Marais und Horst Markgraf verfasste Drehbuch will nämlich, dass Layla nicht nur den Sohn des Opfers kennen (und lieben) lernt, sondern auch noch dessen Ehefrau. Freundlich nehmen die beiden sie auf, laden sie und ihren kleinen Sohn zum Abendessen ein, erzählen Layla von der sorgenvollen Suche nach dem verschwundenen Ehemann.
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Perspektive der streberhaften Vorarbeiter: Atsushi Funahashis 'Cold Bloom' (Forum)
Von Lukas Foerster, 12.02.2013, 07:55

Ende letzten Jahres starb Koji Wakamatsu, Exploitationfilmer und politischer Aktivist, Anfang dieses Jahres, vor wenigen Wochen erst, starb auch Nagisa Oshima, Kino-Revolutionär und eine der zentralen Figuren in der japanischen Öffentlichkeit der letzten dreißig Jahre. Das japanische Independentkino hat innerhalb weniger Monate zwei seiner zentrale Figuren verloren, zwei, die wie niemand sonst für eine radikal avantgardistische Position einstanden, die keinen Unterschied machte zwischen Politik und Ästhetik. Zwei, für die filmästhetisches Aufbegehren (Oshima: "My hatred for Japanese cinema includes absolutely all of it") nie zu trennen war von einer gesellschaftspolitischen Positionierung. Was bleibt von diesem Erbe? Es ist sicher nicht ganz fair, einen Film wie "Cold Bloom" von Atsushi Funahashi an diesen beiden Heroen des politischen Independentkinos zu messen und damit an Ansprüchen, die nie die seinen waren. Aber man darf sich doch fragen, warum das Internationale Forum des jungen Films ausgerechnet ein derart reaktionäres Machwerk für würdig befindet, den Status quo des japanischen Independentkinos mitzudefinieren.
"Cold Bloom" ist, das kann man nicht leugnen und das nimmt zunächst auch tatsächlich für ihn ein, ein waschechter blue-collar-Film, spielt fast durchweg in einer kleinen, nicht mehr wirklich zeitgemäßen Eisenwerkstatt, irgendwo
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Sucht den magischen Moment: Richard Linklaters 'Before Midnight' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 11.02.2013, 20:02

Nach "Before Sunrise" und "Before Sunset" liegt nun der dritte Teil von Richard Linklaters Trilogie des Lebens vor. Zuerst begegneten sich der ewig adoleszente Amerikaner Jesse und die sprunghafte Französin Céline in einem Zug nach Wien, wo sie eine kurze und weniger heftige als dialoglastige Nacht miteinander verbrachten. Dann trafen sie sich Jahre später in Célines Heimatstadt Paris wieder, wohin es Jesse auf einer Lesereise anlässlich seines Romandebüts verschlug. Die Handlung: Jesse und Célines Wiener Gspusi. Das Ende dieses zweiten Teils ließ offen, ob die beiden diesmal zusammenbleiben würden.
"Before Midnight" ändert nichts an den Spielregeln der bekannten, grundsympathischen Anordnung – außer dass Ethan Hawkes Jesse und Julie Delpys Céline nun ein ehegleiches Paar mit Kindern sind, das den magischen Moment der Zufallsbegegnung, der die ersten beiden Teile strukturierte, nur noch im peloponnesischen Urlaub herzustellen vermag bzw. genau daran scheitert. Das ist auch schon die Fragestellung von "Before Midnight": Lässt sich der romantische Augenblick verstetigen (nein) oder wiederbeleben (vielleicht) und soll man es überhaupt versuchen (unbedingt)?
Kernstück des Films ist ein nachmittäglicher Spaziergang vor unverschämt schönem Hintergrund, der vermittels eines noch schöneren Sonnenuntergangs in eine kammerspielartige Hotelszene übergeht. Schritt
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Ein Wunder von einem Film: Ramon Zürchers 'Das merkwürdige Kätzchen' (Forum)
Von Lukas Foerster, 11.02.2013, 17:02

Damit ich es gleich los bin: "Das merkwürdige Kätzchen" ist, in meinen Augen, ein Wunder von einem Film. Ich habe mich in den ersten fünf Minuten in ihn verliebt und wenn ich im Folgenden diese Liebe nicht zu fassen bekommen sollte, dann liegt das an mir und an der vielleicht blind machenden Liebe, nicht an dem Film.
Alltag, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Menschen, Tiere, Dinge, Worte, Räume. Menschen: Die Mutter hat ein ernstes Gesicht, steht in der Küche, beobachtet, kommentiert. Der Vater ist mal da, mal weg, hat wenig Präsenz. Der Sohn ist ein Ironiker. Die ältere Tochter hat einen kleinen Gesundheitsfimmel. Die jüngere Tochter reißt gelegentlich den Mund weit auf und schreit, nur um Krach zu machen (aber lärmig wird der Film auch in diesen Momenten nicht). Die Oma schläft meistens. Ein Nachbarskind schaut zur Tür herein, bekommt ein Glas Wasser. Eine der Verwandten, die zum Abendessen kommt, hat ein Cello dabei.
Eine wunderbare Fremdheit haben die Menschen des Films, eine Fremdheit, die sich nicht in Äußerlichkeiten, in Skurrilitäten, Marotten, Ticks erschöpft, sondern daher zu rühren scheint, dass der Film sich keinerlei Vorurteile über sie bildet. Tiere: eine
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Wie ein Wispern: Shane Carruthes 'Upstream Color' (Panorama)
Von Elena Meilicke, 11.02.2013, 15:02

Es ist schon klar, dass "Upstream Color" von Shane Carruth in gewisser Hinsicht ein ziemlich meisterhafter Film ist: ein unendlich fluider Bilderstrom aus fragmentierten Bild- und Tonereignissen, organisiert durch eine sehr schnelle und elegante Montage, die gleichzeitig ganz organisch und rund ist. Alles passiert rasch und nah, in Bildern mit minimaler Tiefenschärfe. "Upstream Color" erlaubt, ermuntert, forciert ein Sehen, das zugleich hört und spürt, ein Sehen, das mitgeht und sich tragen lässt. Ein Film wie ein Wispern, das einen von allen Seiten, lauter und leiser werdend, umfasst.
Die Wirrungen des Filmplots sind nicht wirklich erzählbar, zu formidabel sind die Sprünge durch Raum und Zeit, zu groß klaffen die erzählerischen Lücken, die sich nur mit Hilfe des Wortes "irgendwie" zukleistern lassen. Kris (Indie-Star Amy Seimetz) ist eine junge Frau, unabhängig und erfolgreich, der eine Art Droge verabreicht wird, ein Trank, der sie mit einem Wurm infiziert und willenlos macht. Sie verliert ihr Vermögen und ihren Job. Irgendwie wird der Wurm auf ein Schwein übertragen oder sie wird in ein Schwein verwandelt oder es gibt irgendwie plötzlich zwei Kris' in zwei parallelen Welten, einmal im Schweinekoben in Vermont und einmal in einer gesichtslosen
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Eine Mockumentary: 'Interior. Leather Bar' (Panorama) von Travis Mathews und James Franco
Von Lukas Foerster, 11.02.2013, 13:54

Interior. Leather Bar: Eine Ortsbeschreibung, im Kontext eines Filmdrehbuchs eine Anweisung für den Bühnenbildner. Im Skript von William Friedkins "Cruising", einem verspäteten New-Hollywood-Thriller, der in der New Yorker Schwulenszene spielt, kam diese Ortsbeschreibung häufig vor. Im fertigen Film, der trotz aller Kompromisse, die im Laufe der Postproduktion eingegangen wurden, noch für jede Menge Ärger sorgte, vor allem, weil ihm Homosexuellenverbände Homophobie und implizite Anstiftung zu hate crimes vorwarfen, taucht das entsprechende Set zwar noch immer recht prominent, aber lange nicht mehr so häufig auf. Insgesamt gut 40 Minuten Material möglicherweise hardcorepornografischer Natur wurde aus dem Film herausgeschnitten, bevor er zur Aufführung kam. Diese 40 Minuten sind seit den frühen Achtzigern wie vom Erdboden verschwunden, das entsprechende Material wurde möglicherweise wohl vernichtet.
James Franco und Travis Mathews haben nun einen Film gedreht, von dem es in Vorberichten hieß, er werde den Versuch unternehmen, die verschwundenen 40 Minuten nachzustellen. Das beschreibt den fertigen Film offensichtlich nicht so ganz. Es gibt tatsächlich einige wenige Szenen, die sich an einer derartigen Reinszenierung versuchen - und da finden dann auch einige erigierte Penisse ihren Weg auf die Leinwand, ins Festival. Aber im Kern ist der Film
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Heroischer Kampf der Arbeiterklasse: Ken Loachs 'Spirit of 1945'
Von Thekla Dannenberg, 11.02.2013, 10:35

Natürlich hat niemand einen solch zärtlichen Blick auf die britischen Arbeiter wie Ken Loach, aber bei Sam Watts übertrifft sich Loach selbst. In wunderbarstem Arbeiterklasse-Akzent lässt er diesen 90-jährigen Mann erzählen, wie er in den dreißiger Jahren mit seinen sieben Geschwistern in einem Slum in Liverpool aufwuchs, wie er mit vier Brüder in einem Bett voller Ungeziefer schlief. Immer wieder starben Geschwister von ihm an Hunger, Kälte oder Krankheit. Mit etwas über 20 Jahren las Watts sein erstes Buch, "The Ragged-Trousered Philanthropists", die Bibel der Arbeiterklasse, und er begriff, dass England gar kein armes Land ist, sondern das größte Empire der Welt, ein Land voller Reichtum, der nur anders verteilt werden müsste. Klar war Sam Watts dabei, als Labour sich 1945 daran machte, das Land umzukrempeln.
Ken Loach zeigt in seiner Dokumentation "The Spirit of 1945", wie Clemens Atlee mit seiner ersten Arbeiter-Regierung des Landes die große Umverteilung in Angriff nahm, oder zumindest die große Verstaatlichung aller wirtschaftlichen Schlüsselbereiche: das Gesundheitswesen, die Industrie und das Transportwesen. Mit viel Archivmaterial von demonstrierenden Arbeitern und Fäuste schwingenden Politikern, aber vor allem mit Interviews alter Labour-Veteranen erinnert er daran, wie die Arbeiterbewegung, die so
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Denis Cotes 'Vic+Flo haben einen Bären gesehen' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 11.02.2013, 07:02

Die 61-jährige Vic kommt aus dem Knast, sie ist vorzeitig, aber auf Bewährung entlassen, eigentlich sitzt sie lebenslänglich. Unterkommen wird sie in einem Haus von Verwandten, das einst Teil eines landwirtschaftlichen Betriebs war, aber jetzt eindeutig nicht mehr Teil einer Wertschöpfungskette ist. Auf dem Weg dorthin, an der Bushaltestelle, unterhält sie sich, in der ersten Szene des Films, mit einem Kind in Pfadfinderuniform, das mit seinem Trompetenspiel Geld verdienen will. So schlecht, wie Du spielst, meint Vic, bekommst du keinen Cent. Gib mir doch Geld, damit ich einen Anreiz bekomme, besser zu werden, sagt das Kind. In allen Beziehungen, auch solch flüchtigen, wie dieser ersten, an der Bushaltestelle, gibt es mindestens zwei Perspektiven. Denis Cotes "Vic et Flo ont vu un ours" zeigt eine ganze Reihe von Beziehungen; und keine einzige davon kann man in einer Perspektive erfassen.
Flo findet etwas später in den Film. In der ersten Einstellung nach ihrer Ankunft sieht man sie nicht, da steckt sie gemeinsam mit Vic, ihrer Partnerin, unter der Bettdecke. Auch Flo hatte ein bewegtes Vorleben, das sie bald einholt. Sie ist jünger als Vic und viel hält sie nicht von der Idee, ihre
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Güte und Perfidie: Guillaume Nicloux' 'Die Nonne' (Wettbewerb)
10.02.2013, 22:02

Suzanne (Pauline Etienne), die jüngste von drei Töchtern, drängt es zum Noviziat. Guillaume Nicloux' "La religieuse" gibt zunächst wenig Hinweise, warum Suzanne diesen Weg einschlagen möchte, aber man kann überschlagen, dass sie die Alternativen, die einer Frau im Frankreich des 18. Jahrhundert offenstanden, nicht eben attraktiv findet. Rasch stellt sich heraus, dass Suzanne das Klosterleben nicht liegt, sie verweigert, zum Chagrin ihrer Eltern, das Ordensgelübde. Die können sich nach der Verheiratung ihrer beiden älteren Töchter für die jüngste aber keine Mitgift mehr leisten. Ein zweites Mal wird Suzanne ins Kloster verbracht. Diesmal gibt sie nach, ohne sich aber in ihr Schicksal zu fügen: In keinem Moment verlässt die großartige Pauline Etienne der Bartleby'sche Widerstandsgeist, leise, unnachgiebig und ohne falsches Pathos. Auch der Rest der Schauspielerriege kann sich sehen lassen: Martina Gedeck ist Suzannes Mutter, Isabelle Huppert eine Mutter Oberin und Lou Castel – in der Rahmenhandlung, die eine Erlösung für Suzanne bereithält – gibt ihren leiblichen Vater (Disclaimer: Die Rivette-Verfilmung desselben Stoffes, mit Anna Karina und Liselotte Pulver, habe ich leider nicht gesehen).
Drei Oberinnen begegnet Suzanne im Laufe ihres Klosterlebens, die je unterschiedliche Aspekte der Macht akzentuieren. Am interessantesten scheint
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Und wer zahlt jetzt? Thanos Anastopoulos' 'Die Tochter' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 10.02.2013, 22:01

Mit Holz kann man gut arbeiten, auch als Filmemacher. Bäume werden gefällt und zersägt, Bretter gestapelt und gehobelt, mitunter fallen Späne, mal fängt man sich einen Splitter ein, mal kracht die ganze Chose zusammen. Und wenn das Holz erst einmal Feuer gefangen hat, brennt es natürlich wunderbar. Angesichts dieser symbolischen Qualitäten ist es kein Wunder, dass sich Thanos Anastopoulos für seine Parabel auf die griechische Krise "Die Tochter" ein Holzdepot als Ort der Handlung ausgesucht hat.
Der Vater der vierzehnjährigen Myrto ist spurlos verschwunden. Offenbar hat er sich aus dem Staub gemacht, um seinen Schulden zu entkommen. Überall wo Myrto nach ihm sucht, bekommt sie offene Rechnungen präsentiert, von der geschiedenen Mutter ebenso wie vom Vermieter, und immer wieder hört sie den Satz: "Und wer zahlt jetzt?" Myrto beschließt, dass der achtjährige Angelos dafür zahlen muss. Sein Vater ist der Geschäftspartner ihres Vaters und hat wahrscheinlich mit seinen Mauscheleien die Holzfirma in den Bankrott getrieben. Myrto entführt den Jungen und sperrt ihn in das Holzdepot. Während sie unter den Erwachsenen niemanden findet, der Verantwortung übernimmt respektive die Schulden zahlt, beginnt sie, den Jungen zu bestrafen, wobei sie durchaus einen gewissen Sadismus
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Gedrosselte Ambitionen: Sebastian Lelios 'Gloria' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 10.02.2013, 12:02

Eine Kamerafahrt über zu fröhlichem Radiomainstream tanzende Menschen. An der Bar und am Ende der Kamerafahrt steht eine Frau fortgeschrittenen Alters, mit einem irgendwie nervösen, irgendwie auch verschmitzten Lächeln im Gesicht. Einige Momente verharrt sie noch am Tresen, dann stürzt sie sich ins Getümmel, in den Tanz, an dem sie sich, etwas linkisch und self-conscious, aber durchaus mutig beteiligt. Gloria, sagt einem der Film schon in der ersten Szene, ist eine Frau, die sich aufs Leben einlässt, auch dann, wenn einiges gegen sie zu sprechen scheint. Ihr Alter vor allem, ihre leicht, aber dann doch wieder nicht allzu sehr verfahrenen familiären Umstände außerdem: Sie lebt geschieden, der Ex hat längst eine andere, die Kinder halten mal mehr, öfters weniger Kontakt.
Gloria hat eigentlich die Dramen hinter sich; tatsächlich findet der Film dafür ein ganz schönes Bild: Der Nachbar in der Wohnung über ihr führt ein höchst melodramatisches Leben, an dessen Kollateralschäden Gloria unfreiwillig ein wenig partizipieren darf: nicht nur dringen wilde Streitgespräche durch die Decke, auch eine haarlose Katze und ein Drogenpaket fallen für sie ab; auf beides lässt sie sich ein, wie sie sich dann eben auch, eines Abends
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Waffen, Nutten, Koks: Shaul Schwarz' 'Narco Cultura' (Panorama Dokumente)
Von Thekla Dannenberg, 10.02.2013, 10:31

Der im Norden Mexikos tobende Drogenkrieg ist uns nicht fremd. Wir wissen von den Tausenden Toten in Ciudad Juárez und den anderen Grenzstädten zu den USA. Wer nicht Roberto Bolano oder Alma Guillermoprieto gelesen hat, der kennt Don Winslows Thriller. Und doch fällt es schwer, sich ein Bild zu machen von einer Stadt, in der jährlich 3000 Menschen getötet werden - ohne dass Polizei oder Armee in der Lage oder willens wären, diese Morde aufzuklären -, von ihrer Armut, ihrer Hoffnungslosigkeit und auch ihrer Desolatheit.
Mit seiner Dokumentation über die nordmexikanische Narco-Kultur liefert Shaul Schwarz nun die Bilder, die einem bisher fehlten, um sich das Grauen in seiner ganzen Alltäglichkeit vor Augen zu führen. Schwarz, der zuvor lange als Fotoreporter gearbeitet hat, ist kein unvoreingenommener Beobachter und schon gar kein verständnisvoller.
Er mag die Drogenbarone nicht, er hält sie nicht für eine irgendwie systemkritische Bewegung von unten, kein movimiento alterado. Er zeigt die ganze Widerwärtigkeit einer Unkultur, bei der verfettete Neureiche in Cowboy-Stiefeln und Stetson-Hüten mit Waffen, Nutten und Koks prahlen und wichtigtuerische Worthülsen von sich geben: "The sky is the
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Aristokraten in Limpopo: Ntshavheni Wa Lurulis 'Elelwani' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 10.02.2013, 08:45

Es gibt viele bittere Wendungen, die das neue Südafrika genommen hat. Eine besteht darin, dass die Wiederbelebung der traditionellen afrikanischen Kulturen, die so lange Zeit verboten, verhöhnt oder ausgebeutet wurden, zu einer neuen Entrechtung der Frauen geführt hat. Nadine Gordimer beschreibt in ihrem Roman "Keine Zeit wie diese" sehr beeindruckend Frauen, die nach dem Tod ihres Mannes mittel- und obdachlos dastehen, da ihnen nach traditionellem Zulu-Recht kein Anteil am Erbe zusteht; es geht voll und ganz an den Bruder des Verstorbenen über. Auch der Regisseur Ntshavheni wa Luruli erzählt in seinem Film "Elelwani" von der Zerrissenheit südafrikanischer Frauen, die sich im Namen der neuen Vielfalt in die alte Unfreiheit begeben (müssen). Der erste überhaupt in der Sprache der Venda, in Tshivenda, gedrehte Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des Venda-Autors Titus Maumela von 1954 und kann sich vor allem zu Beginn nicht ganz von der Lehrbuchhaftigkeit der alten afrikanischen Volksliteratur frei machen. Aber er verbindet sie mit den magisch-malerischen Bildern Afrikas, mit denen die Johannesburger Filmfabrik den Zuschauer in den Bann zu schlagen versteht. Manchmal auch trotz heftigster Gegenwehr.
Die titelgebende Elelwani ist eine junge Kunststudentin, die zusammen mit
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Geld macht nicht glücklich in Asli Özges 'Lebenslang' (Panorama)
Von Lukas Foerster, 10.02.2013, 08:32
Was es heißt, kein Geld, oder zumindest eindeutig zu wenig Geld zu haben, im Alltag, im Familienleben, in Beziehungen, für Versuche, Beziehungen aufzubauen, potentielle Partner kennenzulernen: Das war eines der zentralen Themen von "Men on the Bridge", einer bedrückenden, realistischen Milieustudie, dem außergewöhnlichen ersten Spielfilm der in Berlin lebenden Türkin Aslı Özge. Ein Leben auf der Brücke, im Freien und doch bedrängt von allen Seiten. Das Paar, das im Zentrum des Nachfolgefilms "Hayatboyu" steht, lebt dagegen im durchgentrifizierten Istanbuler Stadtteil Nişantaşı. Wer sich da eine Wohnung leisten kann, hat keine Geldsorgen, zumindest keine drängenden. Was noch lange nicht heißt, dass er (beziehungsweise in diesem Fall vor allem: sie) ein entspanntes Leben führen kann.
Ela, eine Frau mittleren Alters, ist Künstlerin, eine, die zwar durchaus erfolgreich ausstellt, aber deren Installationen schwer verkäuflich sind. Wenn sie zum Beispiel zu einem Steinbruch fährt und da einen besonders voluminösen Brocken als Zentrum ihres neuen Werks auswählt, kann man sich schon denken: Den wird sich eher niemand ins Wohnzimmer stellen wollen. Fürs Geldverdienen - und das heißt: nicht nur zur Finanzierung des eigenen Lebensstils, sondern auch für das Studium der Tochter - ist zuerst Can, ihr Mann, ein Stararchitekt, zuständig. Der aber hat eine
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Post-Berliner-Schule-Western: Thomas Arslans 'Gold' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 09.02.2013, 19:03

Keine Emphase: Der dem Strom entrissene Nugget liegt auf einer Hand, bestaunt von einer Gruppe Pioniere. Es fällt kein und damit auch nicht dieses Wort - Gold. Darin liegt, im Norden Amerikas des späten 19. Jahrhunderts, auch ein Versprechen: Die Aussicht darauf, beengtesten und elendsten Verhältnissen (beschrieben wird einmal eine Unterkunft in New York: Vier Leute, ein Zimmer, dunkel, Feuchtigkeit und Kälte nagen an der Gesundheit) zu entkommen - sofern man die Strapazen meistert, die zwischen den jungen städtischen Zentren und dem Goldvorkommen in unwirtlichem Gebiet lauern. So finden sich in Thomas Arslans Post-Berliner-Schule-Western denn auch eine Gruppe deutscher Migranten ein, die dem Ruf des Goldes, genauer: der Annonce eines windigen Reiseführers, der zum geringen Preis eine weniger strapaziöse Passage zum neuen Reichtum in Aussicht stellt, folgen.
Im Grunde: Eine Migrantengeschichte, eine Geschichte, wie Menschen sich, allen Risiken für Leib und Leben zum Trotz, in Richung eines fremden Landes aufmachen, sich in die Hände eines undurchsichtigen Schleppers begeben, der für seine Route eine Sicherheit in Aussicht stellt, für die er nicht garantieren kann. Nur, dass die Migranten diesmal Deutsche sind - aus Bremen und Hannover, schnarrig aufschneidend und altpreußisch überheblich im
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Etwas Geklügeltes: Nicolas Wackerbarths 'Halbschatten' (Forum)
Von Ekkehard Knörer, 09.02.2013, 19:02

Wer kein Geld hat, dreht einen Hausfilm. Der Raum ist bühnenartig begrenzt, die Blickachsen liegen fest, die Blicke bleiben drinnen oder gehen nach außen oder gehen von außen nach innen. "Halbschatten", der Zweitling von Nicolas Wackerbarth, ist ein Hausfilm. Sein Debüt "Unten Mitte Kinn" war etwas anderes, ein Ensemble von Schauspielschülern, weitgehend improvisiert, ein Theaterfilm. Mit dem Improvisieren ist es vorbei. Die Dialoge sind sehr geschrieben, scheinen es jedenfalls. An die Stelle von Bernhard Kellers hochnervöser Kamera treten die hinreißend komponierten Bilder Reinhold Vorschneiders, die zwar das Licht schön haben, aber auch etwas leblos bleiben. So spielen sie leider dem Eindruck zu, den "Halbschatten" insgesamt macht. Er hat etwas Geklügeltes.
Das Haus liegt in Südfrankreich, Nizza. Am Hang. Vor dem Haus ein Swimmingpool, von dem aus der Blick Richtung Meer geht. Bei Nacht ist das toll, Lichtadern im Dunkeln, wie gemalt. Einmal fährt ein großes Schiff durch den Unschärfebereich. Auch das Haus selbst ist ziemlich toll. Beton, Holz, Glas. Der Beton blockt, das Holz vermittelt Wärme, Glas macht Licht und leitet den Blick ins Freie. Es ist ein ganz anderes Haus als das in Angela Schanelecs "Nachmittag", man geht aber
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Revoltierende Bauern in Boris Khlebnikovs 'A long and happy life' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 09.02.2013, 16:02

Obwohl "A Long and Happy Life" ("Dolgaya schastlivaya zhizn") im Einzelnen wenig Ungewöhnliches versucht, ist er insgesamt ein sonderbarer, schwer fasslicher Film. Weil Regisseur Boris Khlebnikov keines seiner Motive mit irgendeiner Konsequenz weiterverfolgt, weil die Signale des Films verlöschen, bevor sie zu einer Stimmung oder Tonlage sich verdichten könnten, kurz, weil "A Long and Happy Life" den unausgeschlafenen Kritikern in der frühmorgendlichen Pressevorstellung unentschlossen und zielunsicher erschienen sein mochte, täten die Buchmacher gut daran, seine Wettbewerbsfähigkeit eher niedrig anzusetzen.
Khlebnikov, in Deutschland vornehmlich für seinen Debütfilm "Koktebel" von 2003 bekannt, eröffnet seine Dorfgeschichte mit einer Szene, worin der Kleinunternehmer Sasha von lokalen Regierungsbeamten dazu gedrängt wird, seine kleine Farm auf der nordrussischen Halbinsel Kola gegen eine ansehnliche Kompensation aufzugeben. Die Entscheidung, so lässt sein Gegenüber – zwischen Halogenbeleuchtung und einem beflaggten Wimpel – durchblicken, sei bereits gefallen, Sasha habe also gar keine andere Wahl. Ausgehend von dieser Szene, die in ihrem prosaischen, im Handkameralook eingefangenen Setting, aber auch in ihrer halb ironischen, halb denunziatorischen Figurencharakteristik durchaus als Auftakt zu einer russischen Variante von "The Office" durchgehen könnte, erzählt Khlebnikov eine Geschichte, die noch mehrere Male ihre Ton- und Gangart ändern wird.
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Schweigsame Bauern in Nanouk Leopolds 'It's All so Quiet' (Panorama)
Von Lukas Foerster, 09.02.2013, 12:02

Ein Mann, der einen anderen Mann, seinen Vater, pflegt. In einem sparsam eingerichteten, fast durchweg von natürlichem Licht beleuchteten Zimmer liegt der Vater und wenn er sich ein wenig aufrichtet, das Kissen an die Wand hinter dem Bett gelehnt, das Gesicht umrahmt von schütterem weißem Haar, dann hat das etwas Malerisches, als würde einer der alten holländischen Meister seinen eigenen Vater porträtieren. Der Vater selbst weiß, dass er aus einer anderen Zeit kommt, dass er in der Gegenwart nichts mehr zu erwarten hat. Die wenigen Worte, die er mit seinem Sohn wechselt, drehen sich entweder um seinen Todeswunsch, oder um die letzten um ihn herum wegsterbenden Bekannten.
Der Sohn, Helmer, ist Bauer, wenn er sich nicht um den alten Mann kümmert, kümmert er sich ums Vieh: Kühe im Stall, Schafe auf der Weide, auch Esel tauchen auf, eingehegt in einem ländlichen Setting, das zwar nichts Urwüchsiges mehr hat, nicht verleugnet, dass es Teil eines (post-)industriell geprägten Landes ist, dem der Film aber, in seinen auch hier malerischen Bildern, mit seinen leicht verwaschen wirkenden, kühlen Farben eine eigentümliche Schönheit schenkt. Zwei weitere Figuren kommen hinzu: Ein junger Hilfsarbeiter, hochgewachsen, mit offenem
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Zwischen Porno und Religion: Teddy Soeriaatmadjas 'Something in the Way' (Panorama)
Von Jochen Werner, 09.02.2013, 12:02

Ahmad fährt Taxi in Jakarta, und wenn er dies nicht gerade tut, frönt er einem recht repetitiven Alltag. Entweder masturbiert er manisch zu raubkopierten Porno-DVDs, oder er lässt sich in der Koranschule vom rechten Glauben und dem Jihad vorschwadronieren. Heimlich ist Ahmad in seine Nachbarin, die schöne Prostituierte Santi, verliebt, doch bekommt der einigermaßen soziophobe junge Mann in ihrer Gegenwart kein Wort heraus. Dies ändert sich erst sehr allmählich, und zunächst vor allem durch Taten: ein wortlos gereichtes Taschentuch für das Blut im Mundwinkel der jungen Frau. Dann ein Einschreiten, als diese von zwei Kunden bedrängt wird. Und obgleich sie Ahmad, der sich wie zufällig stets in ihrer Nähe aufhält und sie wiederholt zu Treffen mit Freiern fährt – oder auch schon einmal die Rückbank seines Taxis als Ort der sexualgeschäftlichen Transaktion freigibt – schnell als potenziellen Stalker identifiziert, lässt sie sich schließlich doch auf den schüchternen, wortkargen Verehrer ein. Irgendwann schlafen sie miteinander – oder eher: sie mit ihm – und alles könnte gut werden. Wenn da nicht immer, der Titel spricht es aus, etwas im Weg stünde: Ahmad begreift sich selbst als (ungewollten) Ritter und Retter seiner neuen Geliebten und
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Ein Herz für dicke Kinder: Ulrich Seidls 'Paradies: Hoffnung' (Wettbewerb)
Von Elena Meilicke, 09.02.2013, 11:02

Fast hatte ich Angst vor dem, was Ulrich Seidels gnadenloser Blick mit einem Teenager-Diätcamp anstellen würde – und vielleicht auch bisschen hämische Vorfreude. Schließlich ist es gerade die Denunziation von Figuren und Exploitation von Darstellern, die Seidl immer wieder vorgeworfen wird, bei allem Respekt für den aufklärerischen Impetus, der Seidl treiben mag. Man kann Entwarnung geben: in "Paradies: Hoffnung" zeigt Seidl ein Herz für dicke Kinder.
Der Film erzählt von der dreizehnjährigen Melanie. Sie ist die Tochter der Sextouristin aus "Paradies: Liebe" und die Nichte der Religionsfanatikerin aus "Paradies: Glaube". Melanie verbringt den Sommer in einem Diätcamp, und die sportlichen, die psychotechnischen Exerzitien, denen sie hier unterworfen wird, fasst Seidl in seine wohlbekannten, mittig orientierten Trademark-Tableaus. Immer wieder Kinder in Reihe, nebeneinander, hintereinander, im Gänsemarsch, im Stuhlkreis. Hier solidarisiert sich Seidl auf bislang ungekannte Weise mit seinen Figuren. Denunziert wird, wenn überhaupt, das Gefüge der Institution, in das die Kinderkörper eingespannt sind, ein Gefüge, das konkret und sichtbar wird in der Uniform des Camps: hautenge und halbdurchsichtige weiße Shirts und Radlerhosen, die ihre Träger absolut bloßstellen, jede Unterhosenkante, jede Fettwulst ausstellen.
Seidl hat seine Tableaus diesmal sparsamer eingesetzt – was
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Katastrophale Hilfe zeigt Raoul Peck in 'Assistance Mortelle' (Berlinale Special)
Von Thekla Dannenberg, 09.02.2013, 10:28

Eine bittere Lektion in politischer Ökonomie erteilt Raoul Peck mit seinem Film "Assistance Mortelle" über die internationale Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, die keine Katastrophenhilfe war, sondern eine katastrophale Hilfe. Pecks Biografie ist sein filmisches Programm geworden: In Haiti geboren, in Zaire/Kongo aufgewachsen, hat er im Ost-Berlin der achtziger Jahre Wirtschaftswissenschaft studiert und in West-Berlin Film. Über den ermordeten kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba hat er gleich zwei Filme gedreht, im vorigen Jahr saß er in der Berlinale-Jury. Mit der ihm eigenen Mischung aus kommentierender Beobachtung und Zahlengewitter ist seine Dokumentation "Assistance Mortelle" eine wütende Abrechnung mit dem System internationaler Hilfe, das nicht in der Lage ist, guten Willen, Kompetenz und Gelder in zweistelliger Milliardenhöhe in sinnvolle Aufbauleistung umzuwandeln.
Bei dem verheerenden Erdbeben von 2010 wurden nach den ungefähren offiziellen Schätzungen 230.000 Menschen getötet, 300.000 verletzt und 500.000 obdachlos. Ein immense Welle der Hilfsbereitschaft ergriff die internationale Gemeinschaft. Von den USA und Europa, über IWF und Weltbank, bis zu Russland und Venezuela waren sich alle einig, dass diesem ärmsten und bedauernswertesten Land der Welt nun endlich und nachhaltig auf die Beine geholfen werden müsste. Bill Clinton
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Hat theatrale Dimensionen: Reha Erdems 'Jin' (Generation 14plus)
Von Lukas Foerster, 09.02.2013, 10:11

Eine 15-jährige, alleine in den Bergen, alleine mit der Natur. Felsen, Wiesen, Bäume, der Himmel mal strahlend blau, mal nebelverhangen, mal wolkenverzogen, oft stürmt und regnet es. Viele Naturtotalen, begleitet von flächiger, sinfonischer Musik. Die 15-jährige heißt Jin, also Geist; man kann das auf ihren legalen Status beziehen: Ein Mädchen ohne Papiere, eine junge Kurdin, die einmal Teil einer militanten Gruppierung war, jetzt aber allein, zwar bewaffnet, aber ohne Auftrag, ohne Ziel die Natur durchstreift. In die Welt, in den Film hineingeworfen, bleibt Jin eine ganze Weile lang einsame Überlebenskünsterin. Ein bloßer Zufall gibt ihrer Bewegung schließlich eine Richtung, ein Ziel (und einen möglichen Ausweg aus der geisterhaften Existenzform), dem Film eine Geschichte: Sie beschließt, nach Izmir, in die Großstadt, in den Westen der Türkei zu reisen. Und dafür muss sie zunächst einmal Geld auftreiben.
Reha Erdem ist eine Ausnahmefigur im aktuellen türkischen Autorenkino. Mit den spröden Realismen seiner international bekannteren Kollegen Nuri Bilge Ceylan und Semih Kaplanoğlu hat er nichts am Hut, seine Filme sind geprägt von einem stilistischen Maximalismus, breiten bildgewaltig und ohne Scheu vor Symbolismen mystisch aufgeladenen Geschichten aus, die orchestral ausgestalteten Tonspuren tun ihr übriges. Technisch brilliant
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The Pirate Bay auf Youtube
Von Thomas Groh, 09.02.2013, 10:02
Für alle Zuhausegebliebenen: Dass Simon Kloses im Panorama gezeigter Dokumentarfilm über Pirate Bay auch frei im Netz zu sehen ist, versteht sich bei dieser Thematik ja fast schon von selbst. Viel Vergnügen:
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Schmutzige Scheiben: Gus van Sants 'Promised Land' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 08.02.2013, 19:02

Wo man hinschaut: schmutzige Scheiben. Oft dreht Gus van Sant durch Scheiben hindurch, so dass man die Schlieren auf dem Glas sieht. Oder das Licht auf der Frontscheibe eines Autos reflektiert so, dass Matt Damon dahinter nur schemenhaft erkennbar ist. Ein Kontrast zu den weiten Panoramen oder den aus einiger Höhe aufgenommenen Gottesperspektiven: Hier, wo die USA am amerikanischsten sind, im Hinterland, wo die meisten - wenn auch zunehmend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten - noch auf Farmen leben, hier also, wo manche Einstellung so aussieht, als sei sie der Rahmenhandlung vom "Wizard of Oz" entnommen, wo man den Eindruck gewinnt, als habe sich die USA in den letzten Winkel und ihren eigene Ursprungsmythos zurückgezogen, hier liegt das Land in aller Klarheit vor einem. Nur die Leute, die in die Stadt kommen, bleiben undurchsichtig.
Es geht ums "Fracking", die Erschließung von Erdgas in tiefsten, bislang unzugänglichen Gesteinsschichten. Eine Technologie, die einerseits die USA vom Ressourcenvorkommen in Krisengebieten unabhängiger machen und den verarmten Farmern zugleich ein Vermögen einbringen könnte, wenn sie sich nur auf die Angebote von Steve Butler (Matt Damon) und Sue (Frances McDormand) einlassen. Doch was wie ein unverhoffter Segen in Zeiten
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Schwule Priester in Not: Malgoska Szumowskas 'In the Name of' (Wettbewerb)
Von Thekla Dannenberg, 08.02.2013, 16:30

Wie die Faust aufs Auge passt Małgośka Szumowskas Film "In the Name of" in die Kämpfe, die Europa gerade mit der katholischen Kirche ausficht, um Kindern Wiedergutmachung zukommen zu lassen, die in kirchlichen Einrichtungen missbraucht und misshandelt wurden. Von Irland bis Polen ist der katholische Priester, der weder mit seiner Machtstellung noch mit seiner Sexualität klarkommt, zum paneuropäischen Schreckensbild geworden. Szumowska erzählt in ihrem so feinsinnigen wie kraftvollen Film von einem solchen Mann, und sagen wir es so: Noch nie hat man einem katholischen Priester so sehr den Sex mit einem Schutzbefohlenen gegönnt!
Adam kommt in ein polnisches Provinzkaff. Wie so viele strafversetzte Priester gehört er eher zu der modernen, weltoffenen Fraktion. Und da die Ödnis in dieser sehr maskulinen und etwas verrohte Gegend so frappant ist, wird Adam bald für den ganzen Ort zum wichtigsten Anlaufpunkt. Er baut ein Zentrum für Jungen auf, spielt Fußball und kommt in die Kneipe zum Tanzen. Natürlich interessiert sich auch gleich die gelangweilte Frau seines Mitarbeiters für ihn, doch Adam will von Ewa nichts wissen. Denn Adam begehrt Lukasz, den Sohn einfacher Bauern, der sich durch seine Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit gegenüber seinem behinderten Bruder
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Absolute Seh-Souveränität: Harry Patramanis' 'Fynbos' (Forum)
Von Elena Meilicke, 08.02.2013, 14:55

Thom Anderson denkt in seinem Videoessay "Los Angeles Plays Itself" (2003) (Youtube) unter anderem darüber nach, warum modernistische Architektur im Hollywoodkino so schlecht wegkommt: es wohnen immer die Bösen in den Richard-Neutra- und Frank-Lloyd-Wright-Häusern.
Ein solches Haus – weiß, gerade, spektakulär, mit Flachdach und Fassaden aus Glas – spielt auch die Hauptrolle in "Fynbos". Südafrika, westlich von Kapstadt: eingenestelt in einem Tal vor atemberaubender Bergkulisse liegt die Villa Fynbos, umgeben von üppiger Vegetation. Ein Paradies auf Erden, das zum Verkauf steht. Aber auch ein Fremdkörper in der archaischen Landschaft, ein Raumschiff, eine fast dämonische Präsenz. Mitten im Bau ist das Geld ausgegangen, ein Teil des Hauses ist unfertig geblieben, wird versteckt unter großen Plastikplanen, die nachts im Wind flattern.
Richard muss das Haus unbedingt loswerden, sonst droht ihm der Ruin, verzweifelt versucht er, das Anwesen an ein britisches Geschwisterpaar zu verkaufen. Vorzüge anpreisen, einen guten Eindruck machen, Missklänge vermeiden. Seine Frau Meryl macht ihm einen Strich durch die Rechnung, somnambul durchwandert sie das Haus, hört und sieht Dinge, die nicht da sind. Auftritt: das Unheimliche. Deutlich wird außerdem, wie viel Ausschluss- und Abgrenzungsarbeit die Produktion des
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Edel ausgeleuchtet: Annemarie Jacirs 'When I saw you' (Forum)
Von Thekla Dannenberg, 08.02.2013, 13:47

Geradezu fassungslos lässt einen dieser PLO-Film der jordanisch-palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir, mit dem die Guerillaschnulze ihren Weg ins Forum gefunden hat. "When I saw you" erzählt die Geschichte eines tapferen kleinen Jungen, der sich nicht damit abfinden will, aus der Heimat vertrieben, den Rest seines Lebens mit der Mutter in einem Flüchtlingslager zu verbringen. Entschlossen macht er sich auf in die Heimat seiner Väter und stößt zu einer Gruppe Kämpfer, die später die PLO werden sollen. In ihrem Ausbildungslager lässt sich der Junge in Kampftechnik und Marxismus schulen. Abends sitzen die Kämpfer edel ausgeleuchtet und in kleidsam um den Kopf geschlungenen PLO-Tüchern am Lagerfeuer, hören Cat Stevens, tanzen traditionelle Tänze oder singen vom Feigenbaum in ihrem Garten, von Jasmin und Granatäpfeln. Im Fernsehen erklärt Arafat: "Die Palästinenser waren Flüchtlinge, jetzt sind sie Kämpfer."
Die Mutter Ghaydaa (von der zugegeben sehr schönen Ruba Blal gespielt) folgt dem Jungen ins Camp, und zwischen ihr und einem PLO-Kämpfer (dem ebenfalls sehr schönen Saleh Bakri) wird sich eine zarte Romanze entspinnen. Aber natürlich weiß sie, dass sie ihren stolzen Sohn nicht vom richtigen Weg wird abbringen können und so fügt sie sich in ihre
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Clash in Gaza: Yariv Horowitz' 'Rock the Casbah' (Panorama)
Von Thekla Dannenberg, 08.02.2013, 10:14

Der israelische Regisseur Yariv Horowitz besitzt ein beachtliches Gespür für absurde Situationen, bittere Ironie und alltäglichen Wahnsinn. Und da er sich auch mit den Gesetzen der Thermodynamik, der Klaustrophobie und der Labyrinthe auszukennen scheint, kann man ihm attestieren, dass er mit seinem Film "Rock the Casbah" die Pulverfass-Atmosphäre des Gaza-Streifen wirklich gut rüberbringt! Horowitz folgt darin einem Trupp junger Soldaten, der nach Ausbruch der ersten Intifada, im Frühsommer 1989, in einem Flüchtlingslager die Ordnung aufrecht erhalten soll. Trotz genauester Anweisungen und Vorschriften für jedes denkbare Vorkommnis eine unmögliche Aufgabe, denn die Gegner der Soldaten sind meist Kinder.
Wenn der Trupp eine Schar Steine werfender Jugendlicher in Schach hält, werden sie von aufgebrachten Frauen in die Ecke getrieben. Nach den Steinen kommen die Molotow-Cocktails und das Mauerwerk, bis Jugendliche eine Waschmaschine vom Dach werfen und damit den Soldaten Iliya töten. Um Hinweise auf die entkommenen Täter zu erhalten, wird der restliche Trupp auf dem Dach des Hauses stationiert - unter wüsten Protesten seiner palästinensischen Bewohner. Denn natürlich verabscheut die Familie nicht nur sehr herzlich die israelischen Soldaten, sie fürchten auch, als Kollaborateure gebrandmarkt zu werden.
Die Kompanie bezieht ihr
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Stocken und Scheitern: Zum Werk von Claude Lanzmann
Von Nikolaus Perneczky, 08.02.2013, 08:10

Claude Lanzmann
Der goldene Ehrenbär der 63. Berlinale geht an den französischen Autor und Filmemacher Claude Lanzmann, dem darum auch die diesjährige "Hommage" gewidmet ist. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich eine integrale Werkschau, die von Lanzmanns 1972 entstandenem Debütfilm "Pourquoi Israel" bis zur 2010 auf Arte erstausgestrahlten Fernsehproduktion "Le rapport Karski" reicht. Es fehlt lediglich der vierzigminütige Interviewfilm "Lights and Shadows" (mit dem ehemaligen israelischen General und späteren Ministerpräsidenten Ehud Barak); eine Apokryphe, die nur als DVD-Feature veröffentlicht wurde. In jedem Fall eine Gelegenheit nicht nur für Komplettisten, entfaltet sich Lanzmanns filmisches Schaffen doch so zusammenhängend aus sich heraus wie kaum ein anderes. Der Anzahl nach überschaubar, schüchtern die einzelnen Arbeiten vor allem aufgrund ihrer epischen Laufzeiten von bis zu neun Stunden ein, ohne darüber aber je monolithisch – wie ein undurchdringliches Massiv – anzumuten. Soll man Lanzmanns im Ganzen überschaubares, im Einzelnen aber ausuferndes Werk also eher als "Kontinent" fassen? Besser noch: als ein Land, und zwar ein ganz bestimmtes. 
Baruch Narshon und Claude Lanzmann, "Pourquoi Israël"
Ausgangspunkt ist Israel als unhinterfragbare Setzung – unhinterfragbar nicht im Sinn jener
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Andere Künstlichkeit: Der 'Weimar Touch' in der Retrospektive
Von Lukas Foerster, 08.02.2013, 07:02

John Mills, Grete Mosheim in "Car of Dreams" von Graham Cutts und Austin Melford
Drei Enten schwimmen im malerischen Berliner Badesee, drei junge Frauen haben am ebenso malerischen Ufer ihre drei Zelte aufgeschlagen - genauer gesagt: fein säuberlich nebeneinander aufgereiht, verbunden und geschmückt mit einer Art Girlande. Bevor sie sich zum Schlafen in ihre provisorischen, aber durch und durch gepflegten, verkleinbürgerlichten Behausungen zurückziehen, singt jede der drei ein süßliches Lied. Gerhard Lamprechts "Einmal eine große Dame sein", der Film, den diese Szene eröffnet, stammt aus dem Jahr 1934. Man denkt gleich an eine andere Berliner Badeseeszene zu denken, aus einem gerade einmal vier Jahre zuvor entstandenen Film: Im Klassiker "Menschen am Sonntag" wird der Badeausflug gezeigt als ein Fenster der Selbstbestimmtheit, das auf die Möglichkeit eines von den Zwängen der kleinbürgerlichen Existenz entlastetes und besseren, freieren Lebens verweist. Im Jahr 1934 sind Robert Siodmak, Edgar Ulmer und Billy Wilder, das Regie- und Autorenteam von "Menschen am Sonntag", bereits aus Nazideutschland ausgereist, arbeiten an ihren (bald außerordentlich produktiven) Exilkarrieren. Lamprechts Badesee hat wenig gemeinsam mit dem von Siodmak/Ulmer/Wilder, er ist kein Freiraum für eigene Erfahrung und spielerische Sozialisation jenseits
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Entropie des Firlefanz: Wong Kar-Wais 'The Grandmaster'
Von Thomas Groh, 07.02.2013, 14:53

Bruce Lee war der große Pragmatiker und Eklektiker des Kung-Fu: "Sei Wasser", war sein Leitspruch - nicht die Verbundenheit zu einer bestimmten Schule, sondern die Situation beherrschte seinen Kampfstil: Gut ist, was praktisch ist, Stiltreue nur soweit von Belang, wie sie im Moment weiterhilft. Einen ganz ähnlichen Pragmatismus hört man zu Beginn von "The Grandmaster", dem Berlinale-Eröffnungsfilm von Jury-Präsident Wong Kar-Wai, der darin Schlaglichter auf das Leben von Ip Man (Tony Leung), Bruce Lees Lehrmeister, wirft: Im Grunde läuft bei Kung-Fu alles auf zwei Begriffe hinaus - horizontal und vertikal. Einer steht, einer liegt am Boden.
Dass Wong Kar-Wai sich diesen Pragmatismus zu Herzen nimmt, wäre zu wünschen gewesen. Doch aufs Minimale und Praktische lässt Wong Kar-Wai sich (nicht, dass es zu erwarten gewesen wäre) von vornherein nicht ein: Er schlägt Schneisen in die chinesische Geschichte, die oft willkürlich, zumindest aber unkonturiert wirken (dass dies auch an Kulturtransferproblem liegen könnte, lässt sich allerdings nicht ausschließen), fährt ein Ensemble auf, dessen Beziehungen untereinander lange Zeit undeutlich bleiben und streut über den Teig Streusel aus dem Weisheitenschatz des Kalenderspruchgenres. Rauchschwaden verzwirbeln sich, es wird lange tiefsinnig geschaut und sieh an, wenn es schneit,
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Teilchenbeschleuniger: Das Forum Expanded
Von Elena Meilicke, 07.02.2013, 08:12

Lucy Raven: "RP 31"
Wenn der Film das Kino verlässt, dann wird es unübersichtlich. Diese Unübersichtlichkeit hat sich das Forum Expanded programmatisch auf die Fahnen geschrieben. Es will das Kino verstreuen, es wuchern lassen, über die Kinosäle hinaus, in die Stadt, in immer neue Orte und Kontexte. So beherbergt in diesem Jahr ein ausgedientes Krematorium im Wedding die Hauptausstellung "Waves vs. Particles", weiterer Höhepunkt des Programms ist die Filminstallation des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica im Kreuzberger Wellness-Tempel Liquidrom. Das Publikum soll Badesachen mitbringen. Andere Räume und spektakuläre Orte also, deren Auswahl zum Teil der überspannten Aufmerksamkeitsökonomie eines Mega-Festivals geschuldet sein mag. Darüber hinaus aber werfen diese Orte Fragen auf zum Thema "Kino, quo vadis?" Ist etwa das Ex-Krematorium als Spielort experimenteller Filmkunst ein lakonischer Kommentar auf die ewige Rede vom Tod des Kinos? Wird hier gar Wiederauferstehung gefeiert? Es scheint so: "Das Kinos stirbt nicht, es verändert sich nur massiv, tritt aus dem Kinosaal heraus – so dass man einen anderen Kinobegriff entwickeln muss und nicht vom Tod des Kinos sprechen sollte. Eine bestimmte Funktion des Kinos als gesellschaftlicher Ort existiert immer weniger. Aber das Kino
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Melodramatische Spitzen: Zu den Filmen von Keisuke Kinoshita (Forum)
Von Thomas Groh, 07.02.2013, 07:01

Die Würdigung japanischer Studioregisseure zählt zu den in den vergangenen Jahren am meisten liebgewonnenen, jüngeren Traditionen der Berlinale, respektive des Forums. Will einen aus dem Festivalprogramm womöglich auch sonst nichts anspringen - auf die japanische Hommage im Forum ist stets Verlass.
Dass sich rund um die Shochiku, Japans ältestem Film- und Studiogesellschaft, ein ganz eigenes "Genie des Systems" abzeichnet, wie es André Bazin in Abgrenzung zum und in Kritik am Hollywood-Geniekult seiner jüngeren Cahiers-Kollegen Godard und Truffaut bezeichnet hat, wird dabei auch in diesem Jahr aufs Neue (und Schönste) kenntlich: Hinter den Schwergewichten Kurosawa, Mizoguchi und Ozu gab es bislang eine ganze Reihe im Ausland faktisch unbekannter Routiniers zu entdecken, deren Werke unter den verlässlichen Arbeits- und Auftragsbedingungen eines Großstudios eine Meisterschaft im (gar nicht despektierlich gemeinten) kleinen aufweisen: Eine Termitenkunst, die vielleicht gerade in Japan florieren konnte, wo Genie- und Schöpferkult im europäischen Sinn kulturhistorisch kaum verankert ist und ästhetische Meisterschaft weniger am Ideal eines kristallin-erhabenen Kunstwerks, als vielmehr am Studium und Beherrschen einer handwerklich zwar komplexen, in seiner Erscheinung aber einfachen Form festgemacht wird.
"Karumen Kokyo Ni Kaeru" (Carmen comes home),
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Cinephiles Profil
Von Lukas Foerster, 06.02.2013, 09:02




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So ganz hat man sich noch immer nicht daran gewöhnt, aber es scheint sich zu verstetigen: Der Berlinale-Wettbewerb ist seit letztem Jahr - und zwar ohne jede Vorankündigung - keine Leistungsschau des cineastischen Mittelstandes mehr, keine zusammengewürfelte Auswahl, die so ausschaut, als sei sie zur einen Hälfte in der Vorauswahl für Cannes ausgesiebt, zur anderen Hälfte dort aus guten Gründen gar nicht erst eingereicht worden. Statt dessen tauchten letztes Jahr wagemutige, erstaunliche Filme von Miguel Gomes, Brillante Mendoza und Alain Gomis in der zentralen Sektion auf, allesamt Regisseure, von denen man nicht vermutet hatte, dass Kosslicks Team sie auf dem Schirm haben würde. Dazu noch Christian Petzolds wunderschöner "Barbara" und außer Konkurrenz einer der besten Actionfilme (ach, eigentlich kann man das "Action-" da weglassen) der letzten Jahre: Tsui Harks Schwertkampfspektakel "Flying Swords of Dragon Gate".
Auch dieses Jahr lassen die Vorankündigungen auf eine mindestens ebenso ambitionierte Auswahl hoffen. Vor allem überrascht die große Anzahl von - im Festivalkontext - "großen Namen": Der einstige Skandalregisseur Bruno Dumont ist dabei,
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