Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Außer Atem: Das Berlinaleblog

Die Bären 2012

Von Anja Seeliger, 18.02.2012, 20:19


Goldener Bär für den besten Film: die Brüder Taviani für "Cäsar muss sterben"

Silberner Bär für beste Regie: Christian Petzold für "Barbara"

Silberner Bär für die beste Hauptdarstellerin: Rachel Mwanza ("Rebelle")

Silberner Bär für den besten Hauptdarsteller: Mikkel Boe Folsgaard ("Die Königin und der Leibarzt")

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Kameramann Lutz Reitemeier für seine Arbeit an Wang Quan'ans Film "Bai Lu Yuan - Land des weißen Hirsches".

Alfred-Bauer-Preis: Miguel Gomes für "Tabu"

Großer Preis der Jury: Bence Fliegauf für "Csak a szél - Just the Wind"

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Die Logik des Gemischtwarenladens

Von Lukas Foerster, 18.02.2012, 12:02

Die Berlinale ist auch 2012 ein Gemischtwarenladen, dessen Ausdifferenzierungen allen möglichen Prinzipien gehorchen, aber sicher keinen kuratorischen. Die angesagtesten Auteurs der Gegenwart warten (mit wenigen Ausnahmen) auch weiterhin auf Cannes. Und wer seismographisch den neuen, noch im Entstehen begriffenen Strömungen des Weltkinos nachspüren will, ist auch weiterhin in Venedig oder Rotterdam besser aufgehoben. All dies - immer wieder kritisiert, im Perlentaucher in den letzten Jahren von Ekkehard Knörer - gilt zwar immer noch. Dennoch kommt es mir im Rückblick so vor, als habe ich in den letzten zehn Tagen mehr interessante, richtungsweisende Filme gesehen, als auf den letzten zwei, drei Berlinalen zusammen.

Alleine der Wettbewerb: Den habe ich - wie auch meine Mitautoren im Perlentaucher - dieses Jahr noch weniger privilegiert als vorher, nämlich im Grunde gar nicht. Dennoch habe ich mindestens zwei Favoriten, denen ich jeden goldenen Bären der Welt bedenkenlos anvertrauen würde: Miguel Gomes und Christian Petzold haben mit "Tabu", beziehungsweise "Barbara" ihrem schon vorher außergewöhnlichen Werk neue, faszienierende Facetten hinzugefügt. Erst recht gilt das für einen dritten Film, meinen allerliebsten im Wettbewerb: Tsui Harks neues Schwertkampfmeisterwerk "Flying Swords of Dragon Gate", den man, neben allem anderen, was ihn auszeichnet, mit gutem Recht… mehr lesen

Heute noch zu sehen: Emin Alpers 'Beyond the Hill', Kiko Goifmans 'Look at me again' und Zoé Chantres 'Tiens moi droite'

Von Nikolaus Perneczky, 18.02.2012, 11:15

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Emin Alpers Erstlingsfilm "Tepenin Ard? - Beyond the Hill" (Forum) beginnt vielversprechend enigmatisch. Ein alter Patriarch verteidigt sein Anwesen in den anatolischen Bergen gegen Nomaden, die ihre Tiere auf sein Weideland führen. Der Kleinkrieg zwischen dem alten Mann, der mit einem seiner Söhne und dessen Familie in einer Talsenke lebt, und den angeblichen Aggressoren, tobt schon eine ganze Weile, als der zweite Sohn zu Besuch kommt. Geschickt relegiert der Film die wahrgenommene Bedrohung ins Off, hinter den Hügel, wo die Nomaden sich aufhalten sollen. Sie sind jedoch nie direkt zu sehen, sondern lediglich in der Phantomgestalt von Gegenschüssen aus dem umliegenden Gebirge, unauffällige Landschaftsaufnahmen jeder für sich, die sich nach und nach zu einer Triangulation des Geschehens im Tal addieren, und so die Frage aufwerfen, wessen Betrachterstandpunkt sich hier mitteilt. Es ist zu bedauern, dass Emin Alper den Konflikt am Ende zur Implosion bringt, indem er die Nomaden als selbstgemachtes, gleichsam kollektiv halluziniertes Feindbild offenbart. Alles betörend Rätselhafte an "Tepenin Ard?" wird so gebändigt zur - allzu didaktischen - politischen Allegorie der türkischen Kurdenpolitik an der ungenau definierten anatolischen Außengrenze. Die umständlich plumpe Tagline des Films: "Scapegoating may unify, but could you… mehr lesen



Stichwörter: beyond the hill, brasilien, emin alper, forum 2012, frankreich, kiko goifman, look at me again, panorama 2012, tiens moi droite, türkei, zoé chantre

Wildeste Gedanken- und Bildersprünge: Shirley Clarkes 'Ornette' (Forum)

Von Lukas Foerster, 17.02.2012, 15:00

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“Not to make music, but to imitate music”: so beschreibt Ornette Coleman seinen eigenen Anspruch an seine künstlerische Praxis an einer Stelle in Shirley Clarkes Dokumentarfilm über den Jazz-Musiker “Ornette: Made in America”. Dieses Zitat gibt die Richtung dieses Films aus dem Jahr 1988 vor, er bezeichnet das spezifische Interesse, das er am Jazz hat: es geht ihm nicht (oder nur am Rande, in kurzen, wunderschönen Spielszenen, die einige wenige Szenen aus Colemans Jugend nachstellen, vor einer dröhnenden Industriekulisse) um dessen Herkunft, um seine sozialen oder musikhistorischen Wurzeln in schwarzer amerikanischer Kultur. Ganz im Gegenteil interessiert sich der Film für das Moment am Jazz, das identitäre Zuschreibungen (von Kreativität auf Personen, von rhythmischen Formen auf Menschengruppen etc) zu durchbrechen in der Lage ist.

Die große Dokumentaristin Clarke, von der auf der Berlinale im Reihe einer Mini-Retrospektive noch ein zweiter Film, der Living-Theater-Underground-Klassiker “The Connection” zu sehen war, schreibt in ihrem letzten großen filmischen Projekt Colemans Musik offensiv in die modernistische Kunsttradition des 20. Jahrhunderts ein. Das beginnt schon mit dem Ausgangspunkt, den sie wählt: Ein Konzert, das Coleman in seiner Heimatstadt Fort Worth, Texas, gemeinsam mit einem Synphonieorchester gibt und das… mehr lesen



Stichwörter: Jazz, ornette coleman, shirley clarke, usa, forum

Einen Film flechten: Clemence Ancelins 'Habiter' (Forum)

Von Elena Meilicke, 17.02.2012, 14:20

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Flechten, immer wieder flechten: einen Korb flechten, einen Zaun flechten, ein Dach flechten. Aus Stroh und getrockneten Palmblättern. Die Verbindung von Vertikalen und Horizontalen. Im Bild also immer wieder die grundlegende Operation des Verknüpfens, die Herstellung von etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Genauso funktioniert auch „Habiter/Construire“. Ausgehend von dem Straßenbauprojekt, das ein französischer Konzern in einem kaum erschlossenen Wüstengebiet im Tschad betreibt, beobachtet der Dokumentarfilm die unterschiedlichen Lebensformen, die um diese Baustelle herum existieren. Da sind die Nomaden, die mit ihren Kamelen durch die Gegend ziehen, da sind die sesshaften Wüstenbewohner, die in kleinen Dörfern leben. Darüber hinaus hat die Baustelle Arbeitsmigranten angezogen: aus anderen Teilen des Tschad, aus anderen Teilen Afrikas, aus anderen Teilen der Welt.

Es sind die immer gleichen grundlegenden Fragen, die Regisseurin Clémence Ancelin an diese Gruppen heranträgt: wie wohnen sie, wie bauen sie – „Habiter/Construire“ eben. Sie betreibt dabei eine Art Ethnographie, die sich nicht für Mythen und Rituale interessiert, sondern vielmehr für banale Handlungen und Objekte, für alltägliche Körper- und Kulturtechniken. In kommentarlosen, langen Einstellungen – die allerdings in regelmäßigen Abständen durch kurze formalisierte Interviews unterbrochen werden –… mehr lesen



Stichwörter: clemence ancelin, forum, frankreich, habiter/construire

'Internet, wie haben Sie das gemacht?' - Eine Diskussion

Von Thomas Groh, 17.02.2012, 10:48

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Neben ihrem umfangreichen Filmprogramm zeichnet sich die Berlinale auch durch ein flankierendes Angebot von Diskussionsveranstaltungen und Vorträgen aus. Der Großteil davon steht für gewöhnlich inhaltlich im Zusammenhang mit der jeweiligen Retrospektive und blickt somit also eher zurück in die Filmgeschichte. Als spannende Bestandsaufnahme und Blick nach vorn empfahl sich indessen das von Frédéric Jaeger (critic.de) moderierte Werkstattgespräch "Internet, wie haben Sie das gemacht", die ausnahmsweise einmal über das Potenzial des Internets für das Kino reden und entsprechende Beispiele vorstellen wollte.

Mit den Podiumsgästen Mathilde Henrot (Gründerin der VOD-Plattform Festival Scope, die akkreditierten Filmkritikern und Branchenvertretern eine Auswahl des internationalen Filmfestivalprogramms im Stream anbietet), Andreas Wildfang (Filmverleiher und Betreiber der Online-Arthouse-Videothek realeyz), Julien Marsa (Redakteur des französischen Filmkritik-Onlinemagazins Critikat), Florian Thalhofer, der mit dem System Korsakow nicht-lineare Dokumentarfilme für das Netz erstellt, und dem Filmemacher und Regisseur Romuald Karmakar, der über YouTube und Facebook klassisches Web 2.0 betreibt (siehe auch die zwei Bonus-Videos am Ende des Artikels), wurde die Bandbreite an Möglichkeiten, wie sich das Netz produktiv für das Kino nutzen lassen könnte, bereits… mehr lesen



Stichwörter: film on demand, internet, netzkultur, romuald karmakar, video on demand

Erzählt von einer Mordserie an Roma: Bence Fliegaufs 'Just the Wind' (Wettbewerb)

Von Lukas Foerster, 16.02.2012, 17:55

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Ein Tag im Leben einer Familie ungarischer Roma in einem kleinen Dorf, ausgehend von den schlaftrunkenen, gemeinsamen, größtenteils sprachlosen Tagesvorbereitungen in der digitalen Dunkelheit des beginnenden Morgengrauens. Dann splittet der Film sich auf in drei Stränge und verfolgt: Mutter, Tochter, Sohn. "Verfolgt" ganz buchstäblich, denn die Kamera klebt oft am Rücken, im Nacken der Protagonisten, wie sie sich von einem Ort zum nächsten bewegen, wie sich voneinander trennen, wie sich ihre Wege gelegentlich überschneiden und wie sie schließlich wieder zusammenkommen. Die Mutter Mari versucht mit mehreren Jobs ihre Familie über Wasser zu halten und versinkt doch in Schulden (ihr Mann lebt in Kanada und hofft, seine Angehörigen bald nachholen zu können). Die Tochter Anna geht zur Schule, zeichnet auf dem Pausenhof dunkle Engel und tupft sich blaue Flecken auf die Fingernägel, später geht sie mit einem jungen Mädchen baden. Der Sohn Rio schwänzt die Schule und richtet sich im Wald in einem Bunker häuslich ein. Das ist keine Marotte, sondern vernünftig. Denn es herrscht Krieg.

Wenn Anna zur Schule geht, begegnet sie einer Gruppe Männer, die sie auffordern, ihr Handy nicht auszuschalten: Eine Art Bürgerwehr der örtlichen Roma-community, die sich gebildet… mehr lesen



Stichwörter: bence fliegauf, just the wind, roma, ungarn, wettbewerb 2012

Unterkörperfixiert: Tea Lim Kouns 'Snake Man' (Forum)

Von Nikolaus Perneczky, 16.02.2012, 11:08

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Alles beginnt mit einem halbstündigen Prolog, der nach sozialem Realismus aussieht - ein trunksüchtiges Ekelpaket von einem Mann, seine geschundene, aber wunderschöne Frau und das gemeinsame Kind in einer ärmlichen Hütte am Waldesrand -, wäre da nicht die sprechende Schlange, mit der die Frau in Abwesenheit ihres brutalen Gatten eine Liebesbeziehung anfängt. Es sei zwar eine Schlange, schaltet sich an dieser Stelle ein Erzähler ein, der Sex aber allemal besser als mit ihrem Mann. Bald kommt der Gehörnte der Schlange auf die Schliche und hackt ihr den Kopf ab. Als er im Zorn dann auch seine schwangere Frau richtet, indem er ihr den Unterleib aufschneidet, quillt eine ganze Schlangenbrut aus ihrem Uterus. Nur eine von ihnen überlebt und verwandelt sich, etliche Jahre später, in den Schlangenmann.

"Mit langem Atem und ohne eine langweilige Minute", so der Katalogtext, sei Tea Lim Kouns Märchenfilm "Puos Keng Kang / The Snake Man" von 1970 erzählt. Das ist, mit Verlaub, eine Übertreibung. Zwar entfaltet der Film irgendwann tatsächlich eine Art epischer Qualität, bei seinen drei Stunden Laufzeit wäre es aber auch verwunderlich, wenn er dies nicht täte. Im Verlauf seiner mäandernden Bewegung fallen ein paar… mehr lesen



Stichwörter: forum 2012, kambodscha, tea lim koun, the snake man

Bewegungskino reinster Form: Steven Soderberghs 'Haywire' (Wettbewerb, außer Konkurrenz)

Von Thomas Groh, 16.02.2012, 09:18

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In gewisser Hinsicht holt Steven Soderbergh mit "Haywire" den Menschen ins zuletzt von bigger-than-life-Computeranimationen und verwackelten, hektisch montierten Handkamerabildern bestimmte Actionkino zurück: Kaum einmal, dass seine Kamera ins Geschehen eindringt, häufiger bleibt sie auf gut ein, zwei Schritte Abstand, filmt in verhältnismäßig langen Einstellungen den Kampf zwischen zwei Körpern in ihrer Gesamtheit, deren Wendigkeit, noch mehr aber deren brutale Wucht zum Spektakel wird: Wenn Gina Carano, hier in der Rolle der Mallory Kane, die im Auftrag einer der Regierung unterstellten Privatfirma weltweit die schmutzigen Jobs übernimmt, zuschlägt, tun die Knochen schon beim Hinsehen weh. Kein Wunder: Carano blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin zurück. Für "Haywire", für Soderbergh ist sie ein ungeheurer Gewinn: Kaum eine Viertelstunde vergeht, ohne dass Carano atemberaubend die Fäuste schwingt und noch ganz andere Stunts vollführt, um ihre Häscher zu erlegen.

Der Häscher gibt es einige: Eine Geiselbefreiung in Dublin entpuppt sich als zunächst undurchschaubares, abgekartetes Spiel, in dessen Verlauf Kane als Bauernopfer zu fallen hat. Schnell kommt sie der Sache auf die Schliche, überlebt und schlägt sich fortan buchstäblich durch, um dem Komplott einiger alter Männer gegen sie auf den Grund zu gehen.… mehr lesen



Stichwörter: actionfilm, antonio banderas, ewan mcgregor, gina carano, michael douglas, michael fassbender, steven soderbergh, usa, wettbewerb 2012

Rein imaginär: Miguel Gomes' 'Tabu' (Wettbewerb)

Von Lukas Foerster, 15.02.2012, 13:30

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Am Anfang steht ein vollbärtiger, traurig dreinblickender Mann im Dschungel, dann verwandelt er sich vielleicht in ein Krokodil, vielleicht wird er von einem gefressen. Dazu leise, verspielte Klaviermusik und eine sanft dröhnende Voice-Over-Stimme, die über die Möglichkeit eines melancholischen Krokodils nachdenkt. Dann Schnitt auf eine ältere Frau, die alleine im Kino sitzt, bald aufsteht und mit dem Auto nach Hause fährt. Der Film im Film, mit dem "Tabu" beginnt, ist zu Ende, aber gleichzeitig setzt er sich fort im kontrastarmen Schwarz-weiß und dem 1.37:1-Bildformat des klassischen Kinos, das Miguel Gomes' dritter Langfilm bis zum Ende durchhält. Auch die Klaviermusik weht noch ein paar Einstellungen lang nach. Das melancholische Krokodil wird schließlich ebenfalls wiederkehren, als fröhliches Babyreptil, das in einer afrikanischen Badewanne planscht.

Aber zunächst: Kapitel eins ("Das verlorene Paradies"), drei Frauen in Portugal. Pilar, die Frau aus dem Kino, die alleine lebt und politisch überaus aktiv ist. Ihre deutlich ältere Nachbarin Aurora, die regelmäßig alles Geld, das sie auftreiben kann, im Casino verspielt. Und Auroras schwarze Haushälterin Santa, die von ihrer Chefin unter Voodoo-Verdacht gestellt wird und in ihrer Freizeit in einem Buchklub Robinson Crusoe liest. Später, im zweiten Teil ("Paradies"),… mehr lesen



Stichwörter: afrika, miguel gomes, portugal, tabu, wettbewerb 2012

Liebt nur ihre Katzen: Brian M. Cassidys und Melanie Shatzkys 'Francine' (Forum)

Von Elena Meilicke, 15.02.2012, 12:33

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Aus dem Gefängnis in die unfreundliche Wirklichkeit: Germanisten denken da sofort an Franz Bieberkopf, und auch der Weg von Francine scheint auf den ersten Blick nur eine Richtung zu kennen: nach unten.

Francine (uneitel gespielt von Oscar-Preisträgerin Melissa Leo) ist eine mittelalte, verhärmt und verbraucht wirkende Frau. Dass sie über sich, ihren Körper und ihr Leben nicht frei verfügen kann, zeigt der Film schon gleich zu Beginn. Da sieht man Francine unter der Dusche, sie genießt das heiße Wasser und fährt sich mit den Händen über die Haut, bis plötzlich eine Wärterin den Schalter umlegt und das Wasser ausstellt - eine Fremdbestimmung, die sich über das Gefängnis hinaus fortsetzen wird. Nach ihrer Haft lässt Francine sich in der Provinz im Staat New York nieder und versucht, ein neues Leben aufzubauen. Sie durchläuft eine Reihe von Hilfsarbeiter-Jobs, die alle mit Tieren zu tun haben, und knüpft lose, sehr lose Beziehungen zu Menschen in ihrer Umgebung, Beziehungen, die fragil bleiben, weil Francine kaum interagiert. Sie ist verhalten und zurückgenommen, Gespräche lässt sie grundsätzlich im Sand verlaufen. Francine produziert einfach nicht den emotionalen Kleister, der soziale Beziehungen - auf der Arbeit, in der… mehr lesen



Stichwörter: brian m. cassidy, forum 2012, francine, melanie shatzky

Anarchy in the UK: Meryl Streep ist 'The Iron Lady' (Wettbewerb Sonderführung)

Von Thomas Groh, 15.02.2012, 09:37

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Good girls go to heaven, bad girls kommen ins Irrenhaus. Zumindest heißt ein alter Konservativer Margaret Thatcher (Meryl Streep) entsprechend willkommen, als sie erstmals Abgeordnete das Parlament betritt: "Welcome to the madhouse!" Repräsentative Demokratie als Nervenanstalt: Es wird geschrien, gekreischt, gestampft, geklopft. Und spätestens mit Thatchers Regierungsantritt 1979 als Premierministerin scheint das Land ringsum ohnehin in Flammen aufzugehen, während Punks defätistisch ihre Liebe zur 'Eisernen Lady' bekunden.

Auch in anderer Hinsicht spielt der Wahnsinn eine Rolle: "The Iron Lady" ist in hochassoziativen Rückblenden, in Erinnerungen einer sich zusehends in die Demenz verabschiedenden Seniorin erzählt, die sich fortwährend ihren seit Jahren toten Mann herbeihalluziniert, sich noch immer als Premierministerin wähnt und angesichts islamistischer Anschläge umgehend in Ansprachenrhetorik verfällt. Wie sie um sich das Land anzuzünden und in Trümmer zu legen scheint, steht am Ende des Films auch die Zerlegung der Wohnung. Eine Frau, der der Wahnsinn immer schon im Genick saß, scheint dies zu sagen. Abstruse Szenen wie jene, in der ihre Coaches sie darin üben, ihre schrille Stimme in den Zaum zu kriegen, unterstreichen dies. Vielleicht ist sie aber nur die erste Punkrockerin Englands? Den alten Konservativen mit ihrem… mehr lesen



Stichwörter: biopic, großbritannien, margaret thatcher, meryl streep, phyllida lloyd, the iron lady, wettbewerb

Peter Kerns 'Glaube, Liebe, Tod' (Panorama)

Von Nikolaus Perneczky, 15.02.2012, 09:13

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Die thomistische Trias christlicher Tugenden - Glaube, Liebe, Hoffnung – hat Pate gestanden für Peter Kerns neue filmische Selbstentäußerung. Allein Hoffnung mag in diesem Rundumschlag gegen die unchristlichen Zustände an der europäischen Außengrenze keine aufkommen. Darum folgt auf den Glauben und die Liebe... der Tod.

"Glaube, Liebe, Tod" ist das filmische Äquivalent einer Wellblechhütte, ein mit ärmlichen Mitteln aus schierer Notwendigkeit hastig zusammengezimmertes Provisorium, wackelig und schlecht abgedichtet, durch das der Wind pfeift. "Was machen wir eigentlich hier in Mecklenburg-Vorpommern?", fragt Kern seine Mutter (Traute Furthner), die auch keine gute Antwort darauf weiß. Ein Hausboot haben die beiden gemietet, auf dem sie, zu Filmmusik nach Bernard Herrmann, familiären Kleinkrieg spielen. Bis ein marokkanischer Bootsflüchtling als Fremdkörper - hier buchstäblich: als fremder, begehrlicher Körper - auftaucht und die libidinöse Ökonomie der Haus(boot)gemeinschaft nachhaltig aufrüttelt. An einen Sessel gefesselt erstattet der junge Mann Bericht, von seiner mittellosen Familie, von Ausbeutung und Prostitution, von seinem tollen Schwanz, dem eine deutsche Vorstandschefin einmal restlos verfallen gewesen sein soll. Aus der allgemeinen Ratlosigkeit, die weniger figurenpsychologisch als im behelfsmäßigen Drehbuch begründet sein dürfte, entwickelt sich ein sadistisches Spiel, an dessen Ende ein Messer im Rücken… mehr lesen



Stichwörter: glaube, liebe, tod, österreich, panorama 2012, peter kern

Lebenszeichen: Werner Herzogs Blick in die 'Death Row' (Berlinale Special)

Von Thomas Groh, 14.02.2012, 14:30

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"Ich will eins von vornherein klarstellen", sagt Werner Herzog dem zum Tode verurteilten James Barnes gleich direkt ins Gesicht, "ich bin kein Befürworter der Todesstrafe. Aber das muss nicht heißen, dass ich dich mag." Barnes zuckt kurz, versteht aber offenbar umgehend, was Sache ist, dass es hier nicht um eine Empathieshow geht. "Okay", sagt er kurz, verständig. Wie viele andere Figuren in Herzogs dokumentarischem wie fiktionalem Oeuvre wirkt auch Barnes fahrig, unergründlich, als würde ein Wille in ihm rumoren, der ihm diese Welt zu klein werden lässt. Mit einem Unterschied: Weder will Barnes Weltmeister im Skispringen werden, noch ein Schiff über einen Berg ziehen. Barnes sitzt wegen einiger bestialischer Morde - dass es wohl noch weitere gibt, die ihm bislang nicht angelastet werden konnten, schimmert zudem überdeutlich durch - in der Death Row, im Todestrakt des amerikanischen Gefängnissystems, und wartet auf einen Hinrichtungstermin, den er offenbar durch immer neue Geständnisse, deren Gehalt ermittelt werden müssen, hinauszögern will: Salamitaktik, um den Justizbetrieb auf Trab zu halten.

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Barnes ist einer von insgesamt vier porträtierten zum Tode Verurteilten in "Death Row", einer für das amerikanische Fernsehen… mehr lesen



Stichwörter: berlinale special 2012, dokumentarfilm, todesstrafe, usa, werner herzog

Duvall auf Acid: Billy Bob Thorntons 'Jayne Mansfield's Car' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh, 14.02.2012, 13:24

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"Manchmal muss man einen Film eben etwas anders verpacken, um seine Botschaft an den Mann zu bringen", sagt Billy Bob Thornton in der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag "Jayne Mansfield's Car" und weiter: "Man könnte zwar einen Film gegen Krieg drehen und diesen dann "Anti-War" nennen, dann schauen ihn aber eben auch nur jene, die eh schon gegen Krieg sind."

So zeigt der Film, was Krieg mit zwei über einen Ehebruch verbundenen Familien macht - drei Generationen hat er im Blick: Die erste kämpfte im Ersten Weltkrieg, die zweite im Zweiteb , die dritte wird gerade Mann für Mann nach Vietnam eingezogen: Nichts wird angesprochen, bei jedem übersetzt sich das Trauma in eine andere Marotte. Die eine Familie lebt in Alabama, die andere in England: Jim Caldwell (Robert Duvall), als Großvater auf amerikanischer Seite, ist auf abgründige Weise von Autounfällen fasziniert. Mit solchen konfrontiert, verfällt er rasch ins Brüten und entwickelt eine Philosophie der Banalität des Lebens. Sein Söhne: Jimbo (Robert Patrick) sah den Krieg nur von weit hinter der Front, ein Minderwertigkeitskomplex ist die Folge, den er in besonders markige Sprüche übersetzt. Carroll (Kevin Bacon), dekorierter Weltkriegsveteran, ist LSD werfender Hippiemehr lesen



Stichwörter: billy bob thornton, drogen, john hurt, kevin bacon, krieg, robert duvall, vietnam, wettbewerb 2012

Ein eingelöstes Versprechen: Ly Bun Yims '12 Sisters' (Forum)

Von Lukas Foerster, 14.02.2012, 11:55

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Es war von Anfang an ein großes Versprechen: Drei Filme aus der klassischen Phase des kambodschanischen Kinos hat das Forum dieses Jahr in seinem Programm. Drei Filme aus einem Kino, das kaum überliefert ist, weil die Roten Khmer nach der Machtübernahme in den Siebzigern mit dem filmischen Erbe so gründlich aufgeräumt hatten, dass die Archivlage dort heute noch verheerender ist als in anderen südostasiatischen Ländern. Die Kopien (in einem Fall leider nur eine DVD-Kopie) gelangten unter abenteuerlichen Bedingungen nach Berlin, vorgeführt werden können sie nur ein einziges Mal, da eine Restaurierung und Sicherung der kostbaren Rollen noch aussteht.

Der erste der drei Filme lief gestern abend: "12 Sisters" von Ly Bun Yim, aus dem Jahr 1968. Und schon der alleine, vorgeführt in einer trotz einiger erkennbarer Mängel wunderschönen, farbsatten Cinemascope-Kopie, hat das eingangs erwähnte Versprechen voll und ganz eingelöst. Gleich nach dem Vorspann, der mit sonderbaren Zooms auf die Namen der Verantwortlichen überrascht, tauchen die zwölf titelgebenden Schwestern auf. Zwölf Frauen, die einst vor ihrer Stiefmutter, einer Menschenfresserin, flüchteten, jetzt Zuflucht bei einem Herrscher suchen und ihn kurzerhand alle zwölf heiraten. Die Menschenfresserin (man könnte sie auch eine Hexe nennen,… mehr lesen



Stichwörter: 12 sisters, forum 2012, kambodscha, ly lun yim

Fraktionen des Bösen im Nazihauptquartier: Volker Schlöndorffs 'La mer à l'aube' (Panorama)

Von Lukas Foerster, 14.02.2012, 11:17

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"La mer a l'aube", eine Fernsehproduktion von Volker Schlöndorff, die, was Ausstattung und filmische Mittel angeht, auch so aussieht, erzählt von der Hinrichtung 150 französischer Kriegsgefangener, die im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung Hitlers als "Vergeltungsmaßnahme" für den Anschlag auf einen deutschen Offizier im Oktober 1941 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit französischen Hilfstruppen geplant und durchgeführt wurde.

Wie obszön ist "La mer a l’aube"? Erste Antwort: schon ziemlich obszön, schließlich steckt auch Schlöndorff wieder deutsche Schauspieler in Naziuniformen und die deutschen Schauspieler fühlen sich da wohl: jetzt können sie endlich mal alle Register ziehen, vorführen, was sie auf der Schauspielschule so alles gelernt haben. Vielleicht schauen ja die richtigen Leute zu, dann könnte die SS-Uniform als Karrieresprungbrett dienen. Diesem Mechanismus kann sich ein deutscher Film, der im Modus des psychologischen Realismus über das Dritte Reich erzählt, kaum entziehen, das stimmt schon; den einzelnen Schauspielern ist sowieso nichts vorzuwerfen. Aber das heißt ja vielleicht nur, dass deutsche Filme, die im Modus des psychologischen Realismus über das Dritte Reich erzählen, grundsätzlich obszöne Unternehmungen sind und schlicht und einfach nicht gedreht werden sollten.

Zweite Antwort: So obszön wie zum Beispiel Oskar Roehlersmehr lesen



Stichwörter: deutschland, ernst jünger, frankreich, guy moquet, kriegsverbrechen, panorama 2012, volker schlöndorff

Ein Film über kein Kind: Ursula Meiers 'L'enfant d'en haut' (Wettbewerb)

Von Nikolaus Perneczky, 14.02.2012, 09:13

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Kinder und Tiere sind beliebte Sujets des Festivalbetriebs. Das spricht nicht unbedingt gegen sie. Es lässt sich aus ihrem erhöhten Aufkommen aber ein gewisser Rechtfertigungsdruck ableiten: Weshalb braucht die Welt einen weiteren Film, der uns an die unausdrückliche Ausdruckskraft kindlicher und tierischer Akteure heranführt?

Auch in Ursula Meiers Wettbewerbsbeitrag "L'enfant d'en haut" ist es ein kleiner Junge, der den Gang der Erzählung anleitet. Simon lebt mit seiner Schwester in einer Sozialbausiedlung an der Talsohle eines Schweizer Skigebiets. Um sich und seiner Schwester, die keiner geregelten Arbeit nachgeht, den Unterhalt zu ermöglichen, begibt sich Simon auf kleine Raubzüge in die Berge, wo eine wohlhabende Après-Ski-Elite zunächst gar nicht merkt, wenn sie bestohlen wird: So saturiert sind die! Er lässt Skier, Brillen, Handschuhe mitgehen, und vertickt sie zu Schwarzmarktpreisen an Angehörige der Dienstleisterklasse. Die Eltern, so erzählt Simon einmal, seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Inszenatorisch waltet in Meiers drittem Langspielfilm das maßvolle bis gemäßigte Idiom des Arthouse. Nicht zu nah dran und nicht zu weit entfernt will die Kadrage sein, ein bisschen elliptisch und roh - aber nicht zu sehr - der Schnitt. Zum Gebirge und seiner touristischen Bebauung… mehr lesen



Stichwörter: L'enfant d'en haut, ursula meier, wettbewerb 2012

Flirrendes Gespensterhaus: Guy Maddins 'Keyhole' (Berlinale Special)

Von Thomas Groh, 13.02.2012, 16:02

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Jeder, der es ernst meint mit der Berlinale, wird diesen Zustand kennen: Nach einigen Tagen blenden die Filme ineinander über, eine leicht fiebrige Müdigkeit überfällt einen im Kino, das Gefühl für Zeit, die Fähigkeit, einem Plot zu folgen, wird fragil: Stattdessen Lichtreflexe, denen man mit den Augen folgt. Wenn man so will hat Guy Maddin mit "Keyhole" den Film zu diesem Zustand gedreht: Doppelbeleuchtungen, schummriges Licht, oft totes Schwarzweiß, ein Soundtrack, der so wabert wie es im Innern eines betrunkenen Seemanns nachts auf Deck klingt, eine assoziative Montage, die die Geschehnisse nicht so sehr in Zeit anordnet, sondern die Dinge aufeinander schichtet. Sitzt man selbst dazu berlinale-übernächtigt im dunklen Kino, geht man dazu ganz eigene Korrespondenzen ein. "Im Kino zu schlafen, heißt dem Film vertrauen", lautet ein Satz in Rudolf Thomes "Berlin Chamissoplatz". Bei Guy Maddins "Keyhole" kann man einschlafen, wieder aufwachen oder ganz in den Schwebezustand zwischen Traum und Diesseits-Verankerung eintauchen, den schwere Augenlider im Kinosaal markieren – der Film verzeiht einem diese Schwäche ohne weiteres, ja, er wattiert einen gleichsam ein, vielleicht will er das sogar so.

Neu sind diese Filmkonvolute im Werk Guy Maddins natürlich nicht. Seit vielen… mehr lesen



Stichwörter: berlinale special, gangsterfilm, geister, gespenster, guy maddin, isabella rosselini

Porträtiert die Skaterszene in Ostberlin: Marten Persiels 'This Ain't California' (Perspektive Deutsches Kino)

Von Elena Meilicke, 13.02.2012, 14:04

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Es sieht so aus, als sei 2012 die Berlinale, die die DDR, zumindest filmisch gesehen, in ein neues Licht rückt. Zuerst präsentierte Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" im Wettbewerb - "Ich wollte, dass die DDR Farbe hat", so Petzold in der taz - und jetzt läuft in der Perspektive Deutsches Kino "This Ain't California" über die Skaterszene im Ostberlin der 80er Jahre.

Die DDR war zwar nicht Kalifornien, aber fast - so könnte man den Dokumentarfilm von Marten Persiel zusammenfassen. In originalen Super-Acht-Aufnahmen aus den 80ern leuchtet der Himmel über dem Alexanderplatz tiefblau und der weiße Beton unter dem Fernsehturm glänzt wie der Strand von Malibu. Und die blonden Jünglinge (Minipli-Dauerwelle, Pornobalken, superenge Shorts), die auf ihren "Rollbrettern" über den Platz flitzen, erinnern optisch durchaus an Sean Penn als Surferdude in "Fast Times at Ridgemont High" (1982). Weil sie darüber hinaus auch an die ironiegestählten Retro-Hipster aus jüngerer Zeit erinnern, dürfte "This Ain't California" auch jenseits von Skater-Historiografie rein kleidungs- und stiltechnisch für viele Zuschauer ein interessantes Dokument sein.

Filmemacher Marten Persiel, der neben Dokumentarfilmen auch Musikvideos (unter anderem für Lena Meyer-Landrut) und Werbespots dreht, hat eine Gruppe… mehr lesen



Stichwörter: ddr, dokumentarfilm, marten persiel, perspektive deutsches kino 2012, skater, this ain't california

Erzählt von einem geplanten Nichtausbruch aus Nordkorea: Yang Yonghis 'Kazoku no kuni' (Forum)

Von Lukas Foerster, 13.02.2012, 12:59

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Am Anfang sitzt Rie abgeschlafft in dem kleinen Cafe, das ihre Mutter betreibt, den Kopf flach auf die Theke gelegt. Sie wird bald Besuch bekommen von ihrem Bruder Sonho, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Sie wartet, was kommt, aber ist doch schon gezeichnet von Wunden aus der Vergangenheit, die durch nichts wieder heilen werden.

Rie ist eine Koreanerin, die in Japan lebt. Ihr Vater ist dem nordkoreanischen Regime treu ergeben und engagiert sich im hochpolitisierten Exilantenverband, der Verbindungen nach Pjöngjang unterhält. Sonho wurde als 16-Jähriger vom Vater ins Heimatland seiner Eltern geschickt, jetzt hat er dort selbst einen Sohn, zurückkehren kann er nur für kurze Zeit, zwecks Behandlung einer Krebserkrankung. Begleitet wird er von Yang, einem Aufpasser, der eigentlich gar nicht notwendig wäre, schließlich könnte das Regime Sonhos nordkoreanische Angehörigen jederzeit als Geisel nehmen, gewissermaßen sind alle Nordkoreaner potentielle Geiseln. "Kazoku no kuni" erzählt von einem geplanten Nichtausbruch aus einem totalitären System - in dieser Hinsicht ist er, nebenbei bemerkt, auch eine interessante Alternative zu Christian Petzolds "Barabara", einem sehr schönen Film, der freilich doch konventioneller konstruiert ist: entlang des Gegensatzes von (diktatorischem) Staat und Individuum.

Yang Yonghi,… mehr lesen



Stichwörter: forum 2012, japan, kazoku no kuni, our homeland, yang yonghi

Kein Entrinnen aus der Eskalationsmaschine: Radu Judes 'Everybody in Our Family' (Forum)

Von Thekla Dannenberg, 13.02.2012, 09:02

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Marius Vizereanu ist ein netter Kerl, Ende dreißig, etwas depressiv und heillos unerwachsen. Solche Männer haben jahrelang Berlin bevölkert, jetzt sind sie offenbar in Bukarest. In seiner Wohnung hängt noch ein Poster von Che Guevara, aber für sein Handy braucht er schon die Lesebrille. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die kleine Tochter darf er fünfzehn Tage im Jahr sehen. Jetzt will er mit ihr ein Wochenende zum Zelten nach Constanta ans Schwarze Meer. Mehr Urlaub bekommt er nicht, mehr Geld hat er nicht. Der Mann hat alle Sympathie, aber man weiß auch: Er hat keine Chance.

Zuerst gibt es den üblichen Zoff mit den Eltern, bei denen er vorbeifährt, um sich das Auto auszuleihen, dann gibt es Knatsch mit der Ex-Schwiegermutter, weil er das kranke Kind weckt. Mit dem neuen Freund der Ex-Frau gibt es natürlich auch sofort Streit, der Mann ist ein schreckliches Exemplar stiefväterlicher Perfektion. Und natürlich ist auch der Krach mit der passiv-aggressiven Ex-Frau unvermeidlich, die ihn nicht mit dem Kind fortlassen will. Je mehr Steine ihm in den Weg gelegt werden, umso verzweifelter klammert er sich an das Kind, das er ganz offensichtlich mehr braucht… mehr lesen



Stichwörter: everybody in our family, forum 2012, radu jude, rumänien

Spricht die Sprache der Liebe: Vincent Dieutres 'Jaurès' (Forum)

Von Nikolaus Perneczky, 12.02.2012, 20:57

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Vincent Dieutres "Jaurès" ist einer der bisher schönsten Filme des diesjährigen Forums. Seine Konstruktionsprinzipien sind schnell nacherzählt: Als Dieutre noch mit seinem Geliebten Simon zusammen war, verbrachte er viel Zeit in dessen Wohnung unweit der Pariser U-Bahnstation Jaurès. Vom Fenster aus machte Dieutre digitale Videoaufnahmen von der umliegenden Stadtlandschaft, von gegenüberliegenden Wohnhausfassaden, von der vorbeifahrenden U-Bahn, vom artist in residence, der schräg vis-à-vis an einer Neoninstallation bastelt, und immer wieder, mit besonderer Beharrlichkeit, von dem kleinen Hohlraum unter der Brücke auf der anderen Seite des Kanals, wo afghanische Flüchtlinge eine Notunterkunft errichtet haben. Diese Aufnahmen nun kommentiert Dieutre, gemeinsam mit seiner Freundin Eva Truffaut (François' Tochter), die Fragen und Stichworte liefert, aus dem Inneren eines kleinen, ortlosen Aufnahmestudios. Und schließlich sind da kleine Manipulationen des Ursprungsmaterials, pastos-flächige Übermalungen einzelner Objekte - von Straßenlampen, Kartons, Geländern und eines parkendes Autos - als dezente Vorwegnahme von Dieutres Fabulierlust, die Details seines erinnernden Erzählens verfälscht oder übertreibt, um die Identität seines immer noch nicht geouteten Ex-Geliebten zu wahren, aber auch aus schierer Lust an der nachmaligen Verdichtung und Intensivierung ihres sehr alltäglichen Lebens zu zweit.

Dieutres ebenmäßige Stimme mit wundervoll dunklem Timbre antwortet… mehr lesen



Stichwörter: forum 2012, frankreich, jaures, liebe, paris

Am Meer ein Gefängnis: Christian Petzolds 'Barbara' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh, 12.02.2012, 14:30

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"At last, I am free - I can hardly see in front of me!", singen Chic über die präzise gesetzte Schwarzblende mit der Christian Petzold "Barbara" enden lässt. Ein Auftakt übertönt das Schwarz, ein Knoten, auf den "Barbara" kontinuierlich hingearbeitet hat, ist mit einem Mal gelöst - der Film, der zwar unweit der Meeresküste spielt, aber eigentlich ein Gefängnis beschreibt, öffnet sich schlagartig zu der weltumarmenden Weite, die nur der Soul der 70er Jahre auf diese Weise in Klang gegossen hat. Es gehört viel Mut dazu, einen Film über latente Paranoia, angespannte Kiefermuskeln, suchende Blicke in leere Augen und, schlussendlich auch, ethische Dilemmata mit derart zärtlichem Schmelz ausklingen zu lassen. Petzold, mit "Barbara" in einer Meisterschaft seiner Kunst angelangt, die nichts mit Routine oder gar Abgeklärtheit zu tun hat, gelingt dies glatt.

Vom Soul der 70er, überhaupt von solchem Sound und jedweder Urbanität ist Barbara (Nina Hoss) denkbar weit entfernt: Als eigentlich reüssierende Ärztin an der Berliner Charité wird sie gleich zu Beginn wegen eines Ausreise-Antrags - sie ist in einen Westdeutschen verliebt - von der DDR-Obrigkeit an ein Provinzkrankenhaus unweit der Ostseeküste strafversetzt. Die zugeteilte Wohnung ist ein… mehr lesen



Stichwörter: christian petzold, ddr, deutschland, nina hoss, wettbewerb 2012

Beim Barte des Führers: Nazi-Ufos in Timo Vuorensolas 'Iron Sky' (Panorama Special)

Von Thomas Groh, 12.02.2012, 14:02

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Kommen zwei Nazis nach 72 Jahren nach New York und finden ein Pornoheft. Sagt der eine: "Die entwickeln sich ja wie unsere Weiber. Aber da unten haben sie keine Haare, wie die Mädchen seh'n die aus." Sagt der andere: "Und wenn sie da Haare haben, seh'n die aus wie der Bart unseres geliebten Führers!" Oder aber: Greifen Nazis vom Mond völlig krass die Erde an. Die Leute in der UNO so voll am Abstreiten, keiner ist's gewesen. Meldet sich Nordkorea: "Wir sind's, wir sind's gewesen!" Alle anderen voll so am Ablachen: "Als ob!!"

Seinen Ursprung kann "Iron Sky" kaum verhehlen: Seit Jahren geistern Trailer und Teaser (siehe auch unten) mit Nazi-Ufos durchs Netz, meist auf der Suche nach Geldgebern und einer spendewilligen Community, die den Film nicht nur finanziell, sondern auch mit Ideen und Gags versorgt hat: Crowd-Gag-Funding, wenn man so will. Und klar, jeder, der seine Sinne recht beisammen hat, muss die Grundidee auch erst einmal großartig finden: Eine Kohorte der Nazis samt Technikpark und Forschungsstation überwintert seit Ende des 2. Weltkriegs auf der dunklen Seite des Mondes, nur um im Jahr 2018 - nunmehr unter… mehr lesen



Stichwörter: actionfilm, australien, deutschland, finnland, nazis, panorama 2012, trash, udo kier, ufos

Untersucht den ungeklärten Tod zweier Roma: Philip Scheffners Dokumentarfilm 'Revision' (Forum)

Von Lukas Foerster, 12.02.2012, 12:58

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Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche scheinbar nebensächlichen Details, für auf den ersten Blick völlig kontingente Verbindungen, ist kennzeichnend für die Filme des außergewöhnlichen Dokumentaristen Philip Scheffner.

Schon zum dritten Mal ist er im Forum vertreten. "Halfmoon Files" aus dem Jahr 2007 war seine erste eigene Regiearbeit (Filme machte er schon seit Anfang der neunziger Jahre, Anfangs als… mehr lesen



Stichwörter: deutschland, dokumentarfilm, philip scheffner, revision, rumänien, strafprozess

Filmt von der Eisscholle: Wladimir Schnejderows 'Zwei Ozeane' (Retrospektive)

Von Lukas Foerster, 12.02.2012, 12:10

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Die Retrospektive machte in den letzten Jahren abwechselnd einen allzu routinierten und einen allzu beliebigen Eindruck. Präsentiert wurden entweder altbekannte Meisterregisseure (Bunuel, Bergman) oder eher willkürlich zusammengestellte Programme ("City-Girls im Stummfilm", "Traumfrauen der Fünfziger"). Dieses Jahr zeichnet sich die Retro ganz im Gegenteil gleichzeitig durch Wagemut und den Willen zur Konkretion aus: Gezeigt werden sowjetische (und ein paar deutsche) Filme aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, die allesamt von einem einzelnen Studiokomplex produziert wurden: Der "Meschrabpom-Film" und ihrem deutschen Ableger, der Prometheus. Eine Sonderstellung im sowjetischen Kino nahm Meschrabpom nicht nur aufgrund seines Bezugs zu Deutschland ein: Die Verbindung der Studioverantwortlichen zur Staatsmacht waren - zumindest zunächst - verhältnismäßig locker, produziert wurden neben Kultur- und Dokumentarfilmen vor allem Spielfilme mit einer Nähe zum schon damals von Hollywood dominierten Genrekino - eine "rote Traumfabrik" (so der Titel der Retro) eben.

"Zwei Ozeane" ist ein Film, den man auch innerhalb der Retrospektive leicht übersehen könnte: Ein nur gut einstündiger Dokumentarfilm aus der frühen Tonfilmzeit über die Nordostpassage, über den am Ende (das darf man ruhig verraten) erfolgreichen Versuch, entlang der russischen Nordküste vom Atlantik in den Pazifik zu gelangen und also… mehr lesen



Stichwörter: dokumentarfilm, jakow kuper, nordostpassage, retrospektive 2012, russland, wladimir schnejderow, zwei ozeane

Pollesch in Polen: Przemyslaw Wojcieszeks 'Secret'

Von Thekla Dannenberg, 12.02.2012, 09:12

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Zwei Themen trüben das polnische Gewissen: Die miserable Behandlung der Schwulen und Lesben, deren Märsche für Toleranz immer wieder von nationalkatholischen Schlägertrupps gesprengt werden. Und die beunruhigende Frage, wie die Polen vom Holocaust profitiert haben. Sie haben die Geschäfte der ermorderten oder geflohenen Juden übernommen, sind in ihre Häuser gezogen und haben ihren Besitz in Beschlag genommen. Und was passierte, wenn Juden aus den Lagern heimkehrten? In Kielce wurden 1946 vierzig Holocaust-Überlebende erschlagen, unter anderem auch deshalb, weil die Polen die okkupierten Häuser nicht wieder hergeben wollten.

In seinem Film "Sekret", dem einzigen polnischen Film auf der Berlinale, schickt Przemyslaw Wojcieszek seine beiden jungen Protagonisten Ksawery und Karolina aufs Land, um an einem Wochenende und mit Ksawerys Großvater gleich beide Traumata aufzuarbeiten. Eine Familienaufstellung unter erschwerten Bedingungen: Ksawery ist eine erfolgreiche drag queen, Karolina eine mit dem Land und ihrem Leben noch lange nicht versöhnte Jüdin, und der Großvater ein alter polnischer Nationalist, der in der Folge des Krieges Schuld auf sich geladen hat. Das wunderbare Haus in einer Gegend von Seen und Kieferwäldern gehörte einst Tzvika Aigerman, der zusammen mit seinem Sohn den Krieg überlebte, so viel ist bekannt. Was… mehr lesen



Stichwörter: forum 2012, homosexualität, polen, przemyslaw wojcieszek, secret

Tierbeobachtungen: 'Bestiaire' von Denis Côté (Forum)

Von Thomas Groh, 12.02.2012, 08:03

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Anfangs schaut man Kunststudenten über die Schulter: Wie sie mit mal schnellen, mal vorsichtigen Strichen ein ausgestopftes Tier abzeichnen, das in ihrer Mitte steht. Dasselbe Tier, unterschiedliche Bilder. Wo das Tier herstammt, sieht man im späteren Verlauf in "Bestiaire", wenn Denis Côté bei einem Erkundungszug durch den Parc Safari in Quebec auch die taxidermische Abteilung in den Blick nimmt. Dieser ist zugewandt, aber gerade insoweit interesselos, dass sich eine Sphäre zwischen Emphase und kritisch-analytischer Distanz aufbaut. Ganz ohne Kommentar oder ersichtlichen Eingriff in das Geschehen zeigt Côté, was in dem Safari-Erlebnispark geschieht: Tierfütterung, Tierbehandlung, gesunde Tiere, kranke Tiere, verkrüppelte Tiere. Mittendrin dann bald, selbst ein bisschen wie possierliche Tiere: mal jauchzende, mal interessiert um sich schauende, fotografierende Parkbesucher, die irgendwann wieder im Auto sitzen, womit der Film dann schließt. Ein etwas rigoroseres Strukturkonzept - man wäre bei James Benning. Ein etwas genauerer Blick auf die Arbeitsabläufe im Park - man wäre bei Frederick Wiseman. Zwischen diesen beiden Protagonisten des vorsichtig beobachtenden Dokumentarfilms - überdies keine Unbekannten im Internationalen Forum - richtet sich Denis Côté gut und für den Zuschauer mit Gewinn ein.

Der Prolog mit den Studenten hat freilich… mehr lesen



Stichwörter: bestiaire, denis cote, dokumentarfilm, forum 2012, kanada, tiere, zoo

Grandios stoisch: David Zellners 'Kid-Thing'

Von Elena Meilicke, 11.02.2012, 20:42

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Ein ländlicher Vorort von Austin in Texas: hier lebt Annie, 10 Jahre alt, blond, sommersprossig, ein bisschen moppelig. Sie trägt ein immer gleiches weißes T-Shirt mit Airbrush-Motiv und isst ausschließlich regenbogenfarbene Industrienahrung. Als die Schule wegen eines Gaslecks geschlossen bleibt, erdenkt sich Annie ihre ganz eigenen 'extracurricular activities': sie stromert herum, beklaut Tante-Emma-Läden und behinderte Mädchen und lässt ganz allgemein ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Pulen und hauen und stechen und kratzen und reißen und schlagen und schleudern - das sind einige ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Kurz: Annie ist ein richtiger Satansbraten. Eines Tages stolpert Annie im Zuge ihrer Eskapaden über ein Loch im Waldboden, aus dem eine Frauenstimme um Hilfe ruft. Ob aber dieses Loch im Wald real oder imaginiert ist oder ob da unten vielleicht gar der Teufel persönlich residiert, das lässt "Kid-Thing" auf angenehme Weise offen und hält die Schwebe zwischen Realismus und Märchen.

"Kid-Thing" ist das Gemeinschaftswerk zweier Brüder, der vierte Langfilm, den David und Nathan Zellner aus Austin, Texas, gemeinsam produziert haben. Beide sind Ende Dreißig und drehen seit den späten 90ern Filme und Musikvideos. Für "Kid-Thing" hat David Zellner das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, während Nathan Zellner… mehr lesen



Stichwörter: david zellner, forum 2012, kid-thing

Fantasieambitioniert: Anja Salomonowitz' 'Spanien' (Forum)

Von Nikolaus Perneczky, 11.02.2012, 20:02

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"Spanien", der Titel von Anja Salomonowitz’ Spielfilmdebüt ist ein Täuschungsmanöver. Filme, die die Namen ferner, glückversprechender Orte in sich tragen, dann aber in Wien und Umgebung spielen, partizipieren in der Regel an demselben (nennen wir es das "österreichische") Gefühl, so dehnbar diese Gestimmtheit im Einzelnen auch sein mag - vom Melancholischen ("Indien") übers Schicksalhafte ("Antares") bis zum Dystopischen ("Der siebte Kontinent"). "Spanien" dagegen will anders sein, ein kalkulierter Ausbruchversuch aus diesem Gefühlszusammenhang und genauer aus der sozialrealistischen Umgangssprache, die den österreichischen Film seit geraumer Zeit durchherrscht; ein Versuch, der dabei aber trotzdem auf das dramaturgische Klischee par excellence des (nicht mehr ganz) neuen österreichischen Films rekurriert: "Spanien" erzählt seinen Plot um einen in Niederösterreich gestrandeten Migranten (Claire Denis' Grégoire Colin) und eine Handvoll ähnlich deplatzierter/deklassierter Gestalten in losen Episoden, die sich nach und nach zu einem zusammenhängenden Knäuel verheddern.

Leider will aus dem Ausbruch kein Aufbruch werden. Kein zweiter Film auf der diesjährigen Berlinale ist mit einem derartigen Aufwand auf so vielen Ebenen gescheitert (aber die Woche ist ja noch jung). Das hat vor allem damit zu tun, dass Salomonowitz und ihr Koautor Dimitré Dinev sehr viel wollen: Schwebende Kamerabewegungen, die… mehr lesen



Stichwörter: anja salomonowitz, forum 2012, österreich, spanien

Senegalesisches Stationendrama: Alain Gomis' 'Aujourd'hui' (Wettbewerb)

Von Nikolaus Perneczky, 11.02.2012, 19:52

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Manche sagen, die gesamte Geschichte des Films lasse sich aus der Opposition von Louis Lumière und George Méliès, von Realitätsprinzip und Fantasietätigkeit extrapolieren. Übertragen auf das afrikanische, und darin insbesondere das senegalesische Kino, könnte man, ähnlich verkürzend, eine derartige Matrix zwischen dem Gründervater Ousmane Sembène und dem Vatermörder Djibril Diop Mambéty aufspannen, oder, in Erstlingsfilmen gesprochen, zwischen Sembènes "Borom Sarret" und Mambétys "Contra's City". In dieser etwas kruden Analogie wäre "Tey / Aujourd'hui" des franko-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis (übrigens der einzige afrikanische Bewerber um den goldenen Bären, sieht man von Kim Nguyens Kindersoldatenfilm "Rebelle" ab) genau zwischen den Stühlen zu verorten. Mit Sembène teilt er die geradlinige, bald didaktische Erzählhaltung und die gelegentliche Zuspitzung ins Satirische, so in einer Szene, in der eine Gruppe heuchlerischer Honoratioren auftritt, die nicht nur sozioökonomisch, sondern auch auf der Ebene der Figurenzeichnung mit der postkolonialen Elite übereinstimmen, wie Sembène sie so unnachgiebig karikiert hat. Von Mambéty überlebt in "Tey" das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen vor der schlechten Wirklichkeit, buchstäblich (weg aus Senegal) wie in der Form bzw. ihrer spielerischen Öffnung (weg vom sozialen Realismus). Mit beiden großen… mehr lesen



Stichwörter: alain gomis, aujourd'hui, senegal, stationendrama, wettbewerb 2012

Film noir aus Thailand: Pen-Ek Ratanaruangs 'Headshot' (Panorama)

Von Lukas Foerster, 11.02.2012, 11:02

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Tul war früher Polizist. Nachdem er von einem korrupten Politiker, dem er auf den Fersen ist, erpresst wird, steigt er aus und wechselt die Seiten, wird Auftragskiller (allerdings einer der moralischen Sorte, der nur die "richtigen" killt), es tauchen weitere Schwierigkeiten auf - und eine geheimnisvolle Frau, die den Blick des Films in ihrer ersten Szene regelrecht stillstellt: in Untersicht taucht sie zuerst auf, die Kamera blickt zu ihr hoch, auf ihren ins engste Kostüm gequetschten Körper, dann entspinnt sich ein Gespräch, aber die Kamera bleibt an ihr kleben, verzichtet auf den Gegenschuss auf Tul, der ihr dann folgerichtig hoffnungslos verfällt. Irgendwann bekommt er eine Kugel in den Kopf, er überlebt das zwar, doch die Kugel (John Woos "Bullet in the Head" hatte seinerzeit eine ähnliche Konstellation) verändert ihn: er sieht nun alles falsch herum. Eine klinische Erklärung gibt der Film dafür nicht, man muss es ihm abnehmen, wie man ihm auch einiges anderes abnehmen muss. Und dann ist da noch eine zweite Frau.

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Man wird in diese wilde Geschichte irgendwo in der Mitte hineingeworfen und sortiert sich und sie nur langsam. Vielleicht… mehr lesen



Stichwörter: film noir, headshot, panorama 2012, pen-ek ratanaruang, thailand

Tanz den Affenkönig! Empfehlungen zum Forum Expanded

Von Nikolaus Perneczky, 11.02.2012, 09:54

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"Kritik und Klinik" ist eine der Ausstellungen (in den Kunstsaelen [sic!]) überschrieben, in denen das Forum Expanded das Kino an seine Grenzen und darüber hinaus - also an den Bereich der Videokunst heran - zu führen gedenkt. "Kritik und Klinik", das ist auch der Titel einer 1993 erschienenen Aufsatzsammlung von Gilles Deleuze, worin der Philosoph das Verhältnis von "écrire" und "délirer", von schreiben und delirieren zu klären sucht. Um die Weisen eines, zumal filmgestützen, Delirierens kreist auch das Schaffen Ken Jacobs'. Der amerikanische Experimentalfilmer der alten (Avant-)Garde ist in der bezeichneten Ausstellung mit einer neuen Arbeit vertreten, die das unzeitgemäße Projekt einer zornigen Ideologiekritik verfolgt. Auf Schrifttafeln, die den Fluss - oder eigentlich: das mechanische Rotieren - des abstrakten Hauptfilms in unregelmäßigen Intervallen unterbrechen, schwadroniert Jacobs über den militärisch-industriellen Komplex, Corporate America und all die anderen üblichen Verdächtigen, hart aber irgendwie souverän an der Grenze zur altlinken Paranoia entlang schrammend.

"Seeking the Monkey King" heißt dieses neue Werk, das sich glücklicherweise nicht erschöpft in solcher, von einer Mitarbeiterin des Forum nicht ganz zu Unrecht in die Nähe des deutschen Wutbürgertums gerückten Raunzerei. Zum weitaus größeren Teil besteht es… mehr lesen



Stichwörter: all divided selves, antipsychiatrie, database cinema, eva sussman, forum expanded 2012, ken jacobs, luke fowler, psychiatrie, rosalind Nashashibi, seeking the monkey king, trollsländor med faglar och orm, whiteonwhite:algorithmicnoir, wolfgang lehman

Denkmal für die Überlebenden: Funahashi Atsushis 'Nuklear Nation'

Von Elena Meilicke, 11.02.2012, 09:38

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Noch nicht einmal ein Jahr ist vergangen seit Fukushima oder '3/11', wie die Ereigniskette aus Erdbeben, Tsunami und atomarem Super-GAU vom 11. März 2011 in Japan mittlerweile genannt wird. Aus den deutschen Nachrichten zumindest ist Fukushima mittlerweile so gut wie verschwunden, was bleibt, ist kaum mehr als die Erinnerung an verwüstete Küstenstreifen und einen Regierungssprecher im blauen Arbeitsanzug. Drei Filme im Forum versuchen jetzt, über die kurzlebigen Fernsehbilder hinaus ein Bild der Lage zu liefern; als erstes läuft Funahashi Atsushis Dokumentarfilm "Nuclear Nation" an. Im Mittelpunkt von Funahashis Film steht Futaba, eine Kleinstadt in der Provinz Fukushima, im Nordosten Japans, an der Pazifikküste – die Stadt, in der der Reaktor Fukushima Dai-ichi liegt. Futaba wurde im März 2011 nicht nur fast vollständig durch Erdbeben und Tsunami zerstört, sondern auch vom radioaktiven Fallout kontaminiert. Heute ist Futaba Sperrgebiet, niemand darf sich dort aufhalten. 1400 Bewohner der Stadt wurden evakuiert und in eine Schule umgesiedelt, wo sie seitdem unter widrigen Umständen leben, ohne zu wissen, wie lange dieser Zustand andauern wird und ob sie je in ihre Heimatstadt zurückkehren können.

"Nuclear Nation" beobachtet den Alltag der Evakuierten, zeigt die Enge… mehr lesen



Stichwörter: atomkatastrophe, forum 2012, fukushima, funahashi atsushi, futaba, japan, nuclear nation

Fortgehen und reich wiederkommen: Michel Zongos 'Espoir Voyage' (Forum)

Von Thekla Dannenberg, 10.02.2012, 16:59

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Wenn afrikanische Regisseure über das neue afrikanische Kino lästern, dann haben sie meist einen Film vor Augen, der mit europäischen Geldern koproduziert wurde, eine Migrationsgeschichte erzählt und zur Freude eines schuldbewussten Publikums auf Festivals und bei Arte gezeigt wird. Und wahrscheinlich wird er nie in einem afrikanischen Kino zu sehen sein. Kann gut sein, dass Michel Zongos "Espoir Voyage" zu hundert Prozent das Klischee des Weltkinos erfüllt, er ist aber trotzdem sehr schön und sehr sehenswert.

Michel Zongo, Regisseur aus Burkina Faso, begibt sich für diese Dokumentation auf die Spuren seines älteren Bruders Joanny, der 1978 mit gerade einmal 14 Jahren in die Elfenbeinküste aufgebrochen ist, um dort sein Glück zu suchen. Michel Zongo war damals vier Jahre alt, hat also keinerlei Erinnerungen an seinen Bruder. Nach achtzehn Jahren ohne ein Lebenszeichen von ihm brachte ein Cousin, der ebenfalls fortgegangen war, die Nachricht, dass Joanny gestorben sei. Der Film beginnt in Zongos burkinischem Heimatdorf Koudougou mit einer Botschaft der Tante, die ihrem Sohn vorwirft, nicht nach Hause zurückzukommen, sie alleinzulassen, wo doch das Haus schon ganz baufällig sei. Aber sie wünscht dem Filmemacher auch Glück bei der Spurensuche: "Ein Mann sollte… mehr lesen



Stichwörter: afrika, burkina faso, espoir voyage, forum 2012, michel zongo, wanderarbeiter

Big in Berlin: Shah Ruhk Khan in 'Don - The King is Back' (Berlinale Special)

Von Thomas Groh, 10.02.2012, 14:57

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Es ist eine Szene wie aus einem alten Serial: Der Held steht inmitten in einer ausweglosen Situation, diverse Gewehrläufe sind auf ihn gerichtet, zwei, drei coole Sprüche - "Wo finde ich hier eigentlich ein gutes italienisches Restaurant, wenn ich mit euch fertig bin?" - sowie einen spektakulären Kampf einer gegen alle unter allerlei Verrenkungen und Zweckentfremdungen später bleibt dem Held nur noch, sich den Staub von der Kleidung zu klopfen und das Feld, auf dem sich die zuvor noch aufrechten Bösewichte nun in der Horizontalen stapeln, mit einem schelmischen Grinsen zu verlassen.

So ein Held ist Shah Rukh Khan als Don, so eine Szene markiert den Anfang der raumgreifenden, comicartigen Action-Oper "Don - The King is Back". Zurück ist der König gleich in zweierlei Hinsicht: Nicht nur handelt es sich um ein Sequel (das man auch gut versteht, wenn man den ersten Teil nicht gesehen hat), sondern auch um den Aufgreif der Don-Figur aus den 70ern, damals noch von Bollywood-Überpatriarch Amitabh Bachchan verkörpert. Ein Held im eigentlichen Sinne ist dieser Don nun freilich nicht: Eher ein Gentleman wie James Bond, nur eben kriminell. Der Plan, der ihn in "Don… mehr lesen



Stichwörter: actionfilm, berlin, berlinale special 2012, bollywood, indien, shah ruhk khan

Fehlt alles Familiäre: Rodrigo Plas Familienfilm 'La demora' (Forum)

Von Lukas Foerster, 10.02.2012, 09:02

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Nichts Spektakuläres passiert in diesem Film. Es geht um eine Frau in Montevideo, eine Mutter, die mit ihrem Leiharbeitergehalt mit Mühe ihre drei Kinder ernähren kann, die dann auch noch ihren Vater versorgen muss (gleich am Anfang wäscht sie ihn, in der Dusche, das ist eine schöne Szene, wie es überhaupt schön ist, wenn sich das Kino dafür interessiert, wie ein Mensch einen anderen pflegt, schon, weil das Berührungen sind, die weniger "gespielt" erscheinen als zum Beispiel in Sex- oder Prügelszenen), die versucht, wenigstens diesen einen Teil des Terrors, der der Alltag für sie ist, von sich weg zu halten, die vom staatlichen Altersheim abgewiesen wird und auch von ihrer Schwester und die den alten, geistig verwirrten Mann dann einfach auf einer Bank neben einem Mietshaus sitzen lässt, ohne jeden Identitätsnachweis, in der Hoffnung, dass sich die offiziellen Stellen nun doch um ihn kümmern werden.

"La demora" ist ein ruhiger, konzentrierter Film in braun-grünen Farbtönen, einer, den man leicht übersehen oder an sich vorbeirauschen lassen kann, weil er so ökonomisch ist, weil es an ihm nichts Exzessives gibt. Es gibt zum Beispiel nur eine Szene in der Fabrik, in der die… mehr lesen



Stichwörter: familie, forum 2012, la demora, montevideo, rodrigo pla, uruguay

Risse im Mädchentraum: Benoit Jacquots 'Les Adieux à la Reine' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh, 10.02.2012, 08:27

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So nahe wie die junge Dienerin Sidonie (Léa Seydoux) kommt an Marie Antoinette (Diane Kruger) im Hofstaat von Versailles sonst nur Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen), die lesbische Maitresse der Königin. Wohl jeden Morgen, darf man mutmaßen, findet dieses intime, zärtlich alberne Spiel zwischen der Vorleserin Sidonie und der Monarchin statt: Die Dienerin um Form und Haltung bemüht, wie alles steif und zugerichtet ist an diesem Hof, Marie Antoinette, als erste und - beinahe - einzige in diesem Film, körperlich ausgelassen, verspielt, fast kindisch herumtollend, wenn Sidonie ausgesucht Frivoles aus der Königlichen Bibliothek vorliest. Dass Sidonie das Spiel genießt, die küssbar nahe Präsenz von Marie Antoinettes Gesicht an ihrem eigenen, die gelegentlichen Berührungen, ist ihr sichtlich an jeder Geste, jeder mimischen Regung abzulesen. Weit mehr ist da, von ihrer Seite wenigstens, im Spiel, wenn beide Liebesdialoge aus galanten Romanen aufsagen.

Es ist eine in sich ruhende, selbstzufriedene Welt: Das Geschmeiß an den äußeren Schlossmauern ist morgens rasch weggejagt, selbst noch kleinere Protokollfehler - Sidonie leiht sich eine teure Uhr, um morgens nicht zu verschlafen - werden offenbar gütig übersehen. Versailles als Mädchentraum: Nicht so sehr, wie vor ein paar Jahren… mehr lesen



Stichwörter: benoit jacquot, diane krüger, französische revolution, lea seydoux, versailles, wettbewerb 2012

Berlinalewettbewerb ohne Helden: Der sonnengebräunte Hintern des Klaus Lemke.

Von Thomas Groh, 09.02.2012, 22:02

Gerade war Doris Dörrie unter viel Blitzlichtgewitter über den Roten Teppich gelaufen: Galavorführung zur Berlinale-Eröffnung. Ein bisschen hatte sie vor dem Festival geschimpft, wie avantgardistisch und unkommerziell doch die Berlinale sei und wie froh sie deshalb sei, dass ihr neuer Film nicht im Wettbewerb, sondern in der Resterampe-Sektion "Berlinale Special" zu sehen ist. Auf den Roten Teppich verzichtet sie dann aber doch nicht, den empfindlichen Minusgraden zum Trotz. Ein wenig Mosern auf hohem Niveau erregt noch keine Gemüter.

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Auch ein anderer hatte im Vorfeld gemeckert und sein Kommen ebenfalls zugesagt: Klaus Lemke, enfant terrible der Münchner Szene der späten 60er, der zuletzt das Subventionskino deutscher Provenienz zum Todfeind erklärt hatte. Nur eingeladen war Lemke nicht: Weder sein (eingereichter) neuer Film "Berlin für Helden", noch er als Person. Dafür hieß es markig auf Facebook: "Aktion Toter Teppich, Treffpunkt 19:00 Uhr Marlene-Dietrich-Platz 1". Während sich die Stars auf dem Teppich bei herber Kälte abendgarderobebedingt die Schultern blau frieren, will auch Lemke sich kamerawirksam entblättern: Mit blankem Hintern Richtung Kosslick. Auf SpOn warf ihm dafür Silke Burmester im… mehr lesen



Stichwörter: klaus lemke, protest, roter teppich

Filmische Kartierung des Nachkriegsjapans: Kawashima Yuzo (Forum)

Von Elena Meilicke, 09.02.2012, 14:21

Es ist fast schon Tradition geworden: seit ein paar Jahren präsentiert das Forum regelmäßig eine kleine Mini-Retro zu einem japanischen Regisseur. 2007 konnte man auf diese Weise Okamoto Kihachis formvollendete Gangster- und Schwertfilme wiederentdecken, im Jahr darauf die "pinku eiga" eines Wakamatsu Koji. 2012 ist die kleine Retrospektive einem fast Vergessenen gewidmet, der im Westen ohnehin nie wirklich bekannt war: Kawashima Yuzo. Kawashima wurde 1918 geboren und begann 1938 als Assistent in den Shochiku-Studios zu arbeiten; ab 1944 drehte er eigene Filme, und zwar genau 51, bevor er 1963 starb. Einen Platz in der japanischen Filmgeschichte hat Kawashima immerhin noch als Mentor von Imamura Shohei, zweifacher Palme-d'Or-Preisträger, der Kawashima als seinen wichtigsten Lehrer bezeichnet.

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Das Forum zeigt drei Produktionen aus den 1950er Jahren. Obwohl sehr unterschiedlich, zeichnen alle drei Filme das Bild einer Gesellschaft im Umbruch, ein Land "zwischen gestern und morgen", wie es einer der Filmtitel programmatisch formuliert. "Kino to ashita no aida" (Between Yesterday and Tomorrow) aus dem Jahr 1954 erzählt von einem jungen Mann, der Tabula Rasa macht. Er kündigt seinen Job bei einem Fernsehsender und beendet die Beziehung zur Freundin. Schnell aber wird klar, dass es den… mehr lesen



Stichwörter: forum 2012, japan, kawashima yuzo

Ausblick auf die Berlinale 2012

Von Lukas Foerster, 08.02.2012, 13:40

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Benoit Jacquot, Brillante Mendoza, Miguel Gomes, Ursula Meier

Nicht jeder kann alles mögen. Klaus Lemke und Doris Dörrie zum Beispiel mögen die Berlinale nicht. Dem einen ist sie zu risikoscheu, der anderen zu avantgardistisch. Auch die Filmkritik, die überregionale und internationale zumal, ist zunehmend verstimmt, die Berlinale sei, das war der letztjährige Tenor, in Bezug auf das aktuelle Weltkino längst minderrelevante Provinz. Festivalleiter Dieter Kosslick, schon seit 2001 im Amt, ließ seinen Vertrag, davon unbeeindruckt, kürzlich verlängern, bis 2016 vorerst. Die Kritik an seiner kuratorischen Praxis weist er nicht einmal unbedingt zurück, er stellt sich ihr gar nicht erst (so sagte er die Teilnahme an einem Symposium des Verbands der Deutschen Filmkritik im letzten Herbst kurzfristig ab), vielleicht, weil im System Kosslick das Kuratorische ohnehin zweitrangig ist, es geht eher um effektives und maximal sichtbares Eventmanagement. Da auch die anderen wichtigen Sektionen derzeit wenig Reformdruck zu verspüren scheinen, kann man davon ausgehen, dass die Berlinale sich mittelfristig eher nicht verändern wird - oder höchstens ihr ungerichtet wirkendes Wachstum in alle Richtungen gleichzeitig… mehr lesen



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