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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Verbindet Ökonomie und Action: Dante Lams 'The Stool Pigeon'

Von Thomas Groh, 18.02.2011, 10:05

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Die Schulden des frisch aus dem Knast entlassenen Ghost Jr. (Nicholas Tse) belaufen sich auf rund 800.000 Dollar. Bis er die, was unwahrscheinlich ist, zusammenkriegt, bleibt seine Schwester in den Händen von Zuhältern. 780.000 Dollar kostet ein kleiner Ohrring in einem Edel-Schmuckladen, der bis unter die Decke vollgepackt ist mit solchem und teureren Schmuck. Der Juwelier soll ausgeraubt werden - Ghost Jr. ist da nur eines von vielen Rädchen im Getriebe. Zugleich ist Ghost Jr. Spitzel für die Polizei - wenn alles glatt läuft und am Ende seiner Tätigkeit eine Verhaftung steht, erhält er eine Million Dollar.

Mit viel Sorgfalt fächert Dante Lam ein ökonomisches Geflecht aus - und stellt dabei stets die Wertfrage: Was ist ein Menschenleben wert - auf der Straße, auf dem Strich, im Knast? Vom Edeljuwelier bis zur verlausten Kleinstwohnung, von Konsumtempelbewohnern bis zum wirren Obdachlosen liegen bei Dante Lam nur wenige Schnitte - und, wenn man die Kompaktheit der Hongkonger Innenstadt berücksichtigt, kaum viel mehr Schritte. Es ist eine vollgestellte Welt, Dante Lams Figuren ertrinken regelrecht in Dingen und Waren: Eingegliedert in einem ökonomischen, höchst vitalen Prozess - der angehäufte Schmuck -, in einen zumindest funktionalen - die Auslage der zahlreichen Straßenhändler, die bei einer spektakulären Verfolgungsjagd als Versteck dient - und schließlich aus ihm ausgegliedert: Der Showdown findet in einer regelrechten Müllkippe verschrotteter Stühle statt. Im für wertlos erklärten Geraffel einer Wohlstandswelt gehen sich die armen Seelen dieses Films höchst drastisch ans Leder.

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Eingebettet ist das in eine für das Hongkong-Kino typische Geschichte einer Traumatisierung: Ghost Jr. wird von Don Lee (Nick Cheung) angeheuert, dessen ambitionierte Polizeiarbeit bereits ein Informant mit dem Leben bezahlen musste. Ein Fehler, den sich Lee niemals mehr gestatten will. Eine nur insgeheim eingestandene Schuld, die ihn selbst das Gesetz umgehen lässt: Weil das schmale Honorar, das die Bürokratie für Ghosts Spitzeltätigkeiten vorsieht, diesen niemals aus der Schuldenfalle befreien würde, besorgt Lee das Geld auf eigene Faust.

Dass "Stool Pigeon" dabei dramaturgisch nicht immer ganz eben ist, lässt sich kaum bestreiten und ist wohl auch auf einige Spezifika des Hongkongfilms - die starke Betonung der sentimentalen Komponente, eine zuweilen etwas sprunghafte Erzählhaltung - zurückzuführen. Doch immer, wenn sich "Stool Pigeon" ganz seiner Verschränkung von Ökonomie und Action und der sich daraus ergebenden Dynamik überlässt, hat der Film ganz große Klasse. Man fragt sich, warum ein solcher Film, der eine politische und ökonomische Haltung mit einem urbanen Crime-Plot verbindet, im Forum läuft, während der Wettbewerb, der sich doch als "politisch" versteht, vor allem entpolitisierte Ästhetik zeigt.

"The Stool Pigeon". Regie: Dante Lam. Darsteller: Nicholas Tse, Nick Cheung, Kwai Lun-Mei u.a., Hongkong, China 2010,
112 Minuten (Forum, Vorführtermine)





Stichwörter: china, dante lam, forum 2011, hongkong, the stool pigeon

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