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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Ups and Downs einer Beziehungskiste: Andres Veiels 'Wer wenn nicht wir'

Von Thomas Groh, 18.02.2011, 08:00

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Für Katzen ist das kein guter Berlinalewettbewerb: In "The Future" (unsere Kritik) stirbt eine im Heim über Beziehungskrisen nicht abgeholte Katze den Tod durch Einschläferung, bei "Wer wenn nicht wir" wird gleich zu Beginn eine Katze standesgemäß erschossen. Das Jahr ist 1949, auf der anderen Seite des Gewehrs steht Will Vesper, Literat im Dienste des Dritten Reiches, und hält eine pädagogische Rede an den Sohn, Bernward Vesper: Die Katzen gehören nicht zu uns, sie stammen aus dem Orient und sind damit die Juden unter den Tieren und insbesondere diese Katze, die des Sohns, tötete die schönen Nachtigallen.

Den Weg von der hingerichteten Katze bis zum hingerichteten Schleyer geht "Wer wenn nicht wir" als Spielfilm über die Wiegenzeit der RAF zwar nicht, doch bleibt die tote Katze prägend. Bernward (August Diehl) studiert Germanistik, lernt Gudrun Ensslin kennen (Lena Lauzemis) und gründet mit ihr in den frühen Sechzigern einen Verlag zur Pflege des Vaterwerks, das jedoch, aus verständlichen Gründen, keiner lesen will. Es folgt der Weg in die 60er: Pop, Studentenbewegung, offene Revolte. Die Bekanntschaft mit Andreas Baader (Alexander Fehling), stürzt das ohnehin krisengeschüttelte Paar vollends in die Entfremdung: Ensslin geht mit Baader in den bewaffneten Untergrund, Vesper verliert sich in Drogen. In der Psychiatrie gelandet, spricht er wieder von jener Katze.

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Veiel, den man für seine Dokumentarfilme (z.B. "Balagan", "Black Box BRD") ohne weiteres schätzen kann, strukturiert seinen ersten Spielfilm chronologisch anhand von historischem Material aus den Archiven. Vietnam, Fidel Castro, JFK, Kubakrise, Jubelperser, Studentenbewegung - alles anwesend und aneinandergereiht, grobkörnig, verpixelt aufgeblasen, fetzige Beatmusik obenauf. Dazwischen und mehr oder weniger verhältnislos zum Kolorit des Medienmaterials: Die persönlichen Miniaturen von Vesper und Ensslin, Ups and Downs einer Beziehungskiste, aus der, wenn man "Wer wenn nicht wir" wirklich konsequent beim Wort nehmen wollen würde, die RAF hervorgegangen ist: Baader, hier mit tuntigem Lidschatten und an einer Stelle ziemlich "camp", stellt ein wildes, verruchtes Leben in ständiger Revolte in Aussicht, wohingegen das verbalradikalisierte Verlagswesen, für das Vesper steht, zum toten Buchstaben neigt.

Lieber gut gebumst statt trocken theoretisiert? So in etwa. Wie auch Veiel - und das überrascht nun wirklich angesichts seiner bisherigen Arbeiten - von der Politik nicht recht viel wissen will. Sicher, da ist sie schon - Kuntzelmann springt ein paar Mal durch's Bild, eine Langhanskopie sitzt vor Gericht. Dazu passen mit viel Liebe zusammengesuchte alte Telefone, alte Tapeten, der ganze prä-68er-BRD-Muff. Wie überhaupt hier alles sehr professionell gestaltet ist. Nur keine Entwicklung - Ensslin etwa verhärtet und verknöchert sich bis zur blanken Menschenverachtung - ist hier plausibel, geschweige denn interessant erzählt.

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Ganz prächtig entwickeln sich dafür die Frisuren, die im nicht geringen Maße als Attraktion ausgestellt werden: Die Figur der Ensslin etwa ist in dieser Hinsicht ein echter Jojo - erst geht's lang runter, dann wieder zurück an Haupt und Ohr und dann das ganze im Salto wieder von vorne. Schlechter fallen die Noten für Vesper aus, der weite Strecken des Films mit Otto-Schily-Gedächtnisfrisur bestreitet und sich erst zum Ende hin, neben einer Dosis drogeninduzierten Wahnsinns, frisurbezüglich etwas wirre Experimentierfreude leistet.

"Wer wenn nicht wir". Regie: Andres Veiel. Darsteller: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling u.a., Deutschland 2011, 124 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)





Stichwörter: andreas baader, andres veiel, bernward vesper, deutschland, gudrund ensslin, politisches kino, raf, wer wenn nicht wir, wettbewerb 2011

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