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Risikoloser Thesenfilm: Jasmina Zbanics 'Na putu'
Von Lukas Foerster, 18.02.2010, 17:54
Be careful what you wish for... Gestern hatte ich mich angesichts des noch in seinen didaktischsten Momenten unbeholfenen "Shahada" nach einem echten Thesenfilm gesehnt. Heute habe ich einen bekommen und habe mir prompt Burhan Qurbanis wirre Dialektik zurück gewünscht. Die hat auf ihre Art wenigstens ein klein wenig riskiert. Jasmila Zbanics "Na putu" geht nicht das geringste Risiko ein.
Der originellste Einfall steht gleich am Beginn: Über den Anfangstiteln läuft pumpender Balkan-Pop ("Roll With It, Roll With It"), dann folgt ein abrupter Schnitt in die Stille und auf das Gesicht Lunas, der Hauptfigur des Films. Luna (Mirjana Karanovic) ist Stewardess, schätzungsweise Mitte Zwanzig, ihr Freund Amar ist Pilot. Bei einem Autounfall ? das schimpfe nochmal jemand über die konstruierten Plots Hollywoods ? treffen die beiden auf Amars alten Kumpel aus der Armee, Bahrija. Der trägt seinen Bart lang und hat eine Frau in einer Niqab auf dem Beifahrersitz. Luna meint zu Amar, diese Frau sehe ja aus wie ein Ninja. Das ist dann auch schon der lustigste Satz, der in diesem Film fällt. Wenig später trifft Amar Bahrija wieder. Die beiden reden über den Bosnienkrieg, der hinter ihnen und die mühselige Zukunft, die vor ihm liegt. Bahrija erzäht Amar, wie er zu Gott gefunden hat. Er war am Ende, erzählt er, er wusste nicht mehr weiter, und da sei er an einer Moschee vorbei gelaufen und habe einen Ruf gehört.
Was jetzt passiert, kann sich natürlich jeder selbst ausmalen. Amar ? der gerade wegen Alkohol im Dienst beurlaubt wurde ? ist auch am Ende. Auch er wird einen Ruf hören. Und Luna wird Angst bekommen, dass sie zum Ninja werden muss. Genau das passiert dann auch. Zusätzlich gibt es in der Beziehung der beiden noch einen unerfüllten Kinderwunsch. Wir sind hier schließlich in einem Arthausfilm und als solcher muss am Ende doch wieder alles aufs bittersüße Familiendrama zurück gebogen werden. So darf Luna dann auch durchaus neidisch auf die vielen Kinder blicken, die sie im Arbeits- und Freizeitcamp der Islamisten, wo Amar sein Erweckungserlebnis hat, herumtollen sieht. "Du wirst sehen, wie einfach und schön das Leben sein kann", erklärt ihr eine der Frauen. Jeder weiß, was dieser Satz bedeutet, Zbanic zeigt es trotzdem, wieder und wieder.
Dieser im falschesten Sinn einfache Film sichert sich dabei stets in alle Richtungen ab. Politisch korrekt laufen auch mal ein paar christliche Nonnen durchs Bild. Dass Bahrija und seine Kumpels zwar Fundamentalisten, aber keine Terroristen sind, wird einem mindestens fünf Mal erzählt. Und es gibt ein paar Szenen, in der die westlich orientierte muslimische Gemeinschaft Bosniens ausgestellt wird. Auch Luna ist eine dieser in der Moderne angekommenen Muslime. Das heißt aber nur, dass hier ein Blick von außen sich als ein Blick von innen tarnt. Als "Islamploitation" könnte man vielleicht "Shahada" bezeichnen, bei Zbanic reicht es nicht mal dazu. "Na putu" ist einfach platte Islamkritik. Dies sei an einer Szene verdeutlicht: Luna betritt, in einem verzweifelten Versuch, ihren Geliebten zu retten, eine Moschee, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Die ersten Worte, die sie hört, beschreiben die ideale muslimische Ehefrau. Das erste, was sie sieht, ist die Heirat Bahrijas mit seiner Zweitfrau, einer Minderjährigen.
Jede Menge deutscher und österreichischer Fördergelder stecken in diesem Film. Mitproduziert hat die östereichische Coop99 von unter anderem Barbara Albert und Jessica Haussner, die es eigentlich besser wissen müssten. Auf den ersten Blick könnte man die Ästhetik des Films auch tatsächlich mit der österreichischen Schule verwechseln: einfache, tendenziell leere Bilder, kalte Farben, hartes Licht, viel und gerne Großaufnahmen von Frauengesichtern. Nur hat dieser Stil bei Zbanic jegliche Widerständigkeit verloren, er wird - durchaus im Stil der schlechtesten Formen des großen, kommerziellen Kinos - zum folgerichtigen Medium eines unendlich öden Programms.
Jasmila Zbanic: "Na putu - On The Path". Mit Zrinka Cvitesic, Leon Lucev, Ermin Bravo, Mirjana Karanovic. Bosnien und Herzegowina, Österreich, Deutschland, Kroatien 2010, 100 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)
1 Kommentar
Stichwörter:
bosnien-herzegowina, islam, Jasmina Zbanic, Na putu, wettbewerb 2010
Marcus Welsch
22.02.2010 um 14:02:41 Uhr
mir ist nicht ganz klar woher Argwohn Empörung des Autors stammen. Von diesem Film wohl weniger. Es ist ein interessantes Phänomen. Auch unter meinen Freunden wird eine gewisse Enttäuschung geäußerte, dass aus der Goldenen Bären Gewinnerin keine Avantgardfilmerin geworden ist. Das war sie allerdings auch bei Grabavica, mit dem sie die Berlinale 2005 gewonnen hat nicht. Na Putu ist ein weiterer solide und konventionell erzählter Film. Jasmila Zbanic hat mit diesem Film ein wirklich wichtiges Thema auf die Leinwand gebracht, dass vielleicht unisono von der Kritik übersehen wird, weil diese pauschal alles was mit dem Islam zu tun hat, etwas vereinfacht betrachtet und dabei die besondere Realität nach dem Krieg in Bosnien nicht differenziert. Dabei beschäftigt die veränderte Lage Bosniens in Hinsicht auf den neu praktizierten Islam einige in dem Land. Der Wutanfall der Großmutter, als der junge Wahabismus-Anhänger ihr versucht die ?richtigen? Gebräuche zu diktieren, bringt dies wunderbar zum Ausdruck. Also woher dieser Argwohn gegenüber dem Film? Falsche Erwartung gegenüber einem vermeintlich einklagbaren Stil? Es ist vermutlich immer noch das alte Phänomen: man geht davon aus, dass nach einem großen Festivals-Erfolg automatisch die Weiterentwicklung des Stils des Autors folgen muss. Doch diese falsche Erwartung, beruht ebenfalls auf der naiven Ansicht, dass diejenigen, die von der Kritik hochgeschrieben werden, dies auch beim nächsten Film einlösen.
Warum nimmt man den zugegebenen behäbigen Stil Zbanic so übel? Die Berlinale war immer dann gut, wenn sie politischen Filmen ein Podium bot. Und mit der Entscheidung Na Putu in den Wettbewerb zu lassen, hat sie eine vollkommen richtige Entscheidung getroffen. Klar surft es sich mit einem Golden Bären im Rücken in den Fördergremien besser. Aber warum nimmt man ihr das übel. Vielleicht ist es der deutsche kleinmütige Geist des Neids. Filme - egal ob konventionell oder ästhetisch, politisch engagiert - in solch kleinen Filmländern wie Bosnien zu produzieren ist eine unglaublich schwierige Angelegenheit, die mehr als die üblichen komplizierten Koproduktionen bedarf, aber dies ist den Sonntagsschreiber egal. Sie scheren alles über einen Kamm. Es geht ja in der Bewertung nur um den Endverbraucher. Dabei ist die Produktions-Situation der Filmländer am Rande der EU trotz finanzieller Kooperationsprogramme prekär bestellt. Wenn schon das Fernsehen aus der umfangreicheren Berichterstattung der Region Südost-Europas quasi ausgestiegen ist - und das betrifft auch den dokumentarischen Bereich, dann müsste man als interessierter Zuschauer doch um so dankbarer sein, dass sich eine kluge und engagierte Regisseurin wie Zbanic mit ihren Filmstoffen überhaupt durchsetzen konnte.
Auch die inhaltliche Kritik zielt am Film vorbei. Ich dachte, dass man so uninformiert über die innpolitische Realität in Bosnien nur in studentischen Kneipen in Freiburg redet. Dass dies bei Perlentaucher geschieht ist traurig. Die Tatsache, dass in Bosnien mit diesem Film eine innermuslimische Auseinandersetzung entsteht wird in der Rezeption des Films von Seiten der Kritik allerdings allgemein geflissentlich übersehen. Vielleicht weil man generell mit der Entwicklung in den Kriegsländern nach dem Krieg nichts mitbekommen hat. Dabei sind die neu entstandenen Moscheen, die es in dieser Form auf dem Balkon vor dem Krieg nicht gab, kein Geheimnis und beschäftigt nicht nur die Bosniaken auf den Reisen durch ihre alte Heimat. Die Klage der Imame, dass man es von Europäischer Seite verpasst hat, mit Bosnien einen gemäßigten, weltlichen Islam in Europa zu unterstützen, ist wohl auch vergessen. Es kommt mir beinahe so vor, als ob man dieses Jahr auf der Berlinale mit Islamfilmen gefüttert werden möchte, die auf die Bedürfnisse des Westdeutschen Filmkonsumenten zugeschnitten sein sollten, anstatt auf die Situation ausserhalb dieses Dunstkreises hinzuweisen. Schade, früher ist man eigentlich ins Kino gegangen, um sich etwas unvoreingenommener auf den Kontext in dem ein Film entstanden ist einzulassen und zu fragen, warum ein solches Thema in dem Land wichtig geworden ist. Meines Wissens hat sich ein deutscher Filmemacher für die Auseinandersetzung mit dem Wahabismus nicht ein vergleichbares Forum erkämpfen können.
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