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Welt am Draht: Mamoru Hosadas 'Summer Wars'
Von Thomas Groh, 17.02.2010, 11:35

Nach einigen Festivaljahrgängen hat man auf der Berlinale geheime Freundschaften geschlossen: Im Fall des Hongkong-Kinos sind es einige Straßen, die mit hoher Regelmäßigkeit auftauchen, im Fall des japanischen Kinos sind es die Zikaden, die bei Außenaufnahmen vernehmlich schnattern und spotten. Die typische Rhythmik des Zikadenschnatterns steht meist für den Sommer, mitunter für eine gewisse Angespanntheit, sehr häufig: Für die Provinz und das Landleben.
"Summer Wars" beginnt gar nicht wie ein japanischer Provinzfilm: OZ heißt die angesagte virtuelle Welt, eine Art Meta-Web, das Facebook mit Second Life verbindet, eine bonbonfarbene, räumlich repräsentierte Utopie eines von seiner Glückseligkeit felsenfest überzeugten Konsum- und Differenzkapitalismus, die Individualität mit Avatardesign übersetzt und für alle persönlichen Interessen die passenden virtuellen Waren vorrätig hält - Zutritt per Handy, Internet, Fernsehen. In der Welt von "Summer Wars" trifft die Welt sich umfassend in ihrer Spiegelung an, ein Leben im total gewordenen Vergnügungspark ohne Schließungszeiten.
So umfassend ist OZ für die Welt in "Summer Wars" geworden, dass darüber Steuererklärungen, das Verkehrsnetz, ja, schlicht alles geregelt wird. So erklärt sich auch das verbindliche Verhältnis, dass die Leute in "Summer Wars" zu ihren Avataren und Accounts hegen. Was dann dramatische Folgen hat, als eine Art Super-Avatar, eine künstliche Intelligenz mit unstillbarem Informationsdurst, den Zugang zu den untersten Betriebsebenen knackt und die Welt ins Chaos zu stürzen droht.
Und hier nun kommen die Zikaden ins Spiel. Weil "Summer Wars", seines modischen Themas zum Trotz, überwiegend in der Provinz spielt, hört man diese an mehreren Stellen sehr deutlich als Hintergrundrauschen. Hierher, aufs japanische Land, hat es den Schüler Kenji verschlagen, ein Mathegenie par excellence und eigentlich Internet-Nerd, weil er seiner Mitschülerin Nakutsi versprochen hat, ihr aus der Patsche zu helfen: Ihre rüstige Großmutter wird am Wochenende 90 Jahre alt und Kenji soll der Familienschar als Verlobter vorgestellt werden. Als das Netzchaos ausbricht (nur soviel: Kenji ist daran nicht unbeteiligt), wirft die Familie rund um Kenji alle Ressourcen zusammen - und beginnt der künstlichen Intelligenz zu trotzen.
Als quirliger Familienunterhaltungsfilm, der "Summer Wars" sein will und auch ist, ist er immer dann am schönsten, wenn er gerade mit dem Spannungsverhältnis zwischen peripherer Provinz und strahlend urbanistischem Webwelt-Zentrum hantiert. Während im Netz existenzielle Kämpfe gefochten werden, läuft im Fernseher nebendran das Baseballspiel der Lokalmannschaft, ein bisschen weiter nur wird Reis geerntet. Die Charaktere der Familie sind durch die Bank sehr liebevoll mit individuellen Charaktereigenschaften ausgestattet, der Humor ufert mitunter grotesk aus. Und die Katastrophe, die es abzuwenden gilt, wird nicht auf übliche, megalomane Weise ins Bild geholt, sondern spiegelt sich im Privaten der Familie - sehr anschaulich und schön werden dabei die horizontalen und vertikalen Vernetzungen im global und räumlich entfesselten Kapitalismus illustriert.
Etwas schade ist es deshalb, dass "Summer Wars" sich zum Ende doch eine Spur zu sehr im Anime-Exzess verliert. Das Schachspiel mit dem Tod wird zum Kartenspiel unter digitalästhetisch hochgerüsteten Bedingungen, die Accounts zu Seelen, die es dem Gegner mit List abzuluchsen gilt. In diesen Momenten zerplatzt der Film und erliegt seiner eigenen hysterischen Kirrigkeit vollends.
Aber dann wieder: Der als Publikum anvisierten Generation gefiel das gut, frenetischer Applaus im ausverkauften Saal.
Mamoru Hosoda: "Summer Wars". Mit: Ryunosuke Kamiki, Nanami Sakuraba, Mitsuki Tanimura, Sumiko Fuji. Japan 2009, 114 Minuten. (Generation 14plus, Vorführtermine)
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17. Februar 2010, anime, generation 14plus 2010, japan, mamoru hosoda, summer wars
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