Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 09.02.2012, 20.50 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Außer Atem: Das Berlinaleblog

Welt am Draht: Mamoru Hosadas 'Summer Wars'

Von Thomas Groh, 17.02.2010, 11:35

Bild zum Artikel

Nach einigen Festivaljahrgängen hat man auf der Berlinale geheime Freundschaften geschlossen: Im Fall des Hongkong-Kinos sind es einige Straßen, die mit hoher Regelmäßigkeit auftauchen, im Fall des japanischen Kinos sind es die Zikaden, die bei Außenaufnahmen vernehmlich schnattern und spotten. Die typische Rhythmik des Zikadenschnatterns steht meist für den Sommer, mitunter für eine gewisse Angespanntheit, sehr häufig: Für die Provinz und das Landleben.

"Summer Wars" beginnt gar nicht wie ein japanischer Provinzfilm: OZ heißt die angesagte virtuelle Welt, eine Art Meta-Web, das Facebook mit Second Life verbindet, eine bonbonfarbene, räumlich repräsentierte Utopie eines von seiner Glückseligkeit felsenfest überzeugten Konsum- und Differenzkapitalismus, die Individualität mit Avatardesign übersetzt und für alle persönlichen Interessen die passenden virtuellen Waren vorrätig hält - Zutritt per Handy, Internet, Fernsehen. In der Welt von "Summer Wars" trifft die Welt sich umfassend in ihrer Spiegelung an, ein Leben im total gewordenen Vergnügungspark ohne Schließungszeiten.

Bild zum Artikel

So umfassend ist OZ für die Welt in "Summer Wars" geworden, dass darüber Steuererklärungen, das Verkehrsnetz, ja, schlicht alles geregelt wird. So erklärt sich auch das verbindliche Verhältnis, dass die Leute in "Summer Wars" zu ihren Avataren und Accounts hegen. Was dann dramatische Folgen hat, als eine Art Super-Avatar, eine künstliche Intelligenz mit unstillbarem Informationsdurst, den Zugang zu den untersten Betriebsebenen knackt und die Welt ins Chaos zu stürzen droht.

Und hier nun kommen die Zikaden ins Spiel. Weil "Summer Wars", seines modischen Themas zum Trotz, überwiegend in der Provinz spielt, hört man diese an mehreren Stellen sehr deutlich als Hintergrundrauschen. Hierher, aufs japanische Land, hat es den Schüler Kenji verschlagen, ein Mathegenie par excellence und eigentlich Internet-Nerd, weil er seiner Mitschülerin Nakutsi versprochen hat, ihr aus der Patsche zu helfen: Ihre rüstige Großmutter wird am Wochenende 90 Jahre alt und Kenji soll der Familienschar als Verlobter vorgestellt werden. Als das Netzchaos ausbricht (nur soviel: Kenji ist daran nicht unbeteiligt), wirft die Familie rund um Kenji alle Ressourcen zusammen - und beginnt der künstlichen Intelligenz zu trotzen.

Bild zum Artikel

Als quirliger Familienunterhaltungsfilm, der "Summer Wars" sein will und auch ist, ist er immer dann am schönsten, wenn er gerade mit dem Spannungsverhältnis zwischen peripherer Provinz und strahlend urbanistischem Webwelt-Zentrum hantiert. Während im Netz existenzielle Kämpfe gefochten werden, läuft im Fernseher nebendran das Baseballspiel der Lokalmannschaft, ein bisschen weiter nur wird Reis geerntet. Die Charaktere der Familie sind durch die Bank sehr liebevoll mit individuellen Charaktereigenschaften ausgestattet, der Humor ufert mitunter grotesk aus. Und die Katastrophe, die es abzuwenden gilt, wird nicht auf übliche, megalomane Weise ins Bild geholt, sondern spiegelt sich im Privaten der Familie - sehr anschaulich und schön werden dabei die horizontalen und vertikalen Vernetzungen im global und räumlich entfesselten Kapitalismus illustriert.

Etwas schade ist es deshalb, dass "Summer Wars" sich zum Ende doch eine Spur zu sehr im Anime-Exzess verliert. Das Schachspiel mit dem Tod wird zum Kartenspiel unter digitalästhetisch hochgerüsteten Bedingungen, die Accounts zu Seelen, die es dem Gegner mit List abzuluchsen gilt. In diesen Momenten zerplatzt der Film und erliegt seiner eigenen hysterischen Kirrigkeit vollends.

Aber dann wieder: Der als Publikum anvisierten Generation gefiel das gut, frenetischer Applaus im ausverkauften Saal.

Mamoru Hosoda: "Summer Wars". Mit: Ryunosuke Kamiki, Nanami Sakuraba, Mitsuki Tanimura, Sumiko Fuji. Japan 2009, 114 Minuten. (Generation 14plus, Vorführtermine)



0 Kommentare

Stichwörter: 17. Februar 2010, anime, generation 14plus 2010, japan, mamoru hosoda, summer wars

zurück zum Blog

Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Blogtags

11. februar 2010, 11. september 2001, 12. februar 2010, 13. februar 2010, 14. februar 2010, 15. februar 2010, 16. februar 2010, 17. februar 2010, 19. februar 2010, 3d, a dream of iron, a somewhat gentle man, a woman, a gun and a noodle shop, abschlusstext, actionfilm, afghanistan, afrika, al qaida, albanien, alexander mindadze, alexei popogrebsky, alkohol, allen ginsberg, altersheim, an einem samstag, andreas baader, andres veiel, angela schanelec, animationsfilm, anime, anna fenchenko, arbeitskultur, argentinien, Art History, asghar farhadi, auf der suche, auschwitz-prozesse, bal, bankraub, banksy, bären 2011, bela tarr, belgien, ben kingsley, ben stiller, benjamin heisenberg, berlin, berlin, panorama 2010, Berlinale 2010, berlinale 2011, berlinale-jury 2010, berliner schule, bernward vesper, blood simple, blutrache, boris jelzin, bosnien-herzegowina, brasilien, bromance, burhan qurbani, caterpillar, Cave of Forgotten Dreams, chauvet-höhlen, cheonggyecheon, china, christian petzold, christoph hochhäusler, christoph terhechte, come rain, come shine, constantin popescu, coriolanus, dänemark, dante lam, ddr, dear oyongjang, debra granik, der preis, der räuber, der tag des spatzen, deutschland, deutschland: drittes reich, dies und das, dieter kosslick, dogma, dokumentarfilm, dokumentarfilme, dominik graf, dreileben, ehre, el premio, elke hauck, entwicklungshilfe, erika und ulrich gregor, eröffnungsartikel, ethan coen, exit through the gift shop, fernsehen, film noir, fin, florin serban, folter, forum 2010, forum 2011, forum 2012, frankreich, fritz bauer, gangster, generation 14plus 2010, gentlemen broncos, Goldene Bären 2010, greenberg, greta gerwig, großbritannien, guantanamo, gudrund ensslin, hanna schygulla, hans peter molland, heaven's story, heist-movie, hiroyuki tanaka, hoffnung, hommage 2010, homosexualität, hongkong, how i ended this summer, howl, i'm in trouble!, if i want to whistle, i whistle, ilona ziok, im schatten, Independent, indien, indiewood, irak, iran, islam, israel, jafar panahi, james franco, jan krüger, japan, jared hess, Jasmina Zbanic, jaume collet-serra, jean-francois caissy, jeff bridges, jeffrey friedman, jemen, jerzy skolimowski, Joe Swanberg, joel coen, joel und ethan coen, johann feindt, john wayne, jonathan sagall, jose padilha, joshua marston, kamera, kanada, kanikosen, kanun, karan johar, kawashima yuzo, kelvin kyung kun park, kernkraftwerk, kim sun, Klaus Lemke, koji wakamatsu, kommunismus, kunst, kurden, la belle visite, laura poitras, le depart, lee tamahori, lee voon-ki, leonardo di caprio, Les contes de la nuit, Les Femmes du 6eme Etage, lisa cholodenko, luis sampieri, mad men, mamoru hosoda, marseille, martin scorsese, metin erksan, michail chodorkowski, michel ozelot, miranda july, misel maticevic, missing man, mohamed al-daradji, Mumblecore, my name is khan, Na putu, nader and simin, nationalsozialismus, nenette, nicolas philibert, noah baumbach, nordkorea, norwegen, odem, oligarchen, orang-utan, orly, oskar roehler, our grand despair, ozarks, palästina, panaroma 2011, panorama 2010, panorama 2011, paula markovitch, perspektive deutsches kino 2011, philip scheffner, philippe le guay, pillow shot, pina, pina bausch, plein sud, polen, politisches kino, polizeifilm, portrait of the fighter as a young man, Protest, pulp, queer cinema, r.w. fassbinder, raf, rafi pitts, ralph fiennes, reinhold vorschneider, retrospektive 2010, revolution, robert epstein, rodrigo moreno, roman polanski, Roter Teppich, rumänien, russland, sabu, schlafkrankheit, sebastien lifshitz, self referential traverse, semih kaplanoglu, sex, seyfi teoman, shahada, shakespeare, shekarchi, shibuya minoru, shutter island, Silver Bullets, so goes my love, so sang-min, son of babylon, sona, the other myself, spanien, stop motion, street-art, submarino, südkorea, summer wars, taiwan, takahisa zeze, tamara trampe, tanz, thailand, thaksin, the forgiveness of blood, the future, the ghostwriter, the kids are all right, the lights of asakusa, the oath, the stool pigeon, the terrorists, the trio's engagement, the turin horse, thomas arslan, thomas vinterberg, thriller, thunska pansittivorakul, trash, trockener sommer, tropa de elite 2, true grit, tschernobyl, tuan yuan, türkei, Udai Hussein, ulrich köhler, un mundo misteroso, ungarn, unknown, unter kontrolle, uruguay, usa, utopians, videos, volker sattel, wang quan'an, wer wenn nicht wir, werner herzog, western, wettbewerb, wettbewerb 2010, wettbewerb 2011, wiegenlieder, wim wenders, winter's bone, wladimir putin, yang yong-hi, yasujiro shimazu, zbigniew bzymek, zeitgeist and engagement, zhang yimou