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Bewältigt Kindheitstraumata: Tamara Trampes 'Wiegenlieder' im Panorama
Von Anna Steinbauer, 16.02.2010, 14:02
Was haben ein trockener Alkoholiker, ein Knasti und ein Flüchtling aus Tschetschenien gemeinsam? Sie können keine Wiegenlieder singen! Und das bedeutet, dass sie keine schöne Kindheit hatten, zumindest, wenn man dem Film "Wiegenlieder" glaubt.
Zu Beginn des Dokumentarfilms fragt die Regisseurin Tamara Trampe verschiedene Menschen auf der Straße, ob sie ein Wiegenlied kennen und ob sie dies singen wollen. Einige singen, was meist wenig angenehm ist, andere nicht, einige erzählen viel von sich und ihrer Kindheit, andere schweigen - mit Tränen in den Augen. Es ergibt sich ein Potpourri aus Porträts und Einzelschicksalen rund um das Thema Kindheit. Inklusive Liebeserklärung an die Stadt Berlin.
Der Film steht und fällt mit seinen Protagonisten, unter denen einige besondere Originale hervorstechen. Wie zum Beispiel die kleine Mila, die sehr selbstbewusst und altklug erklärt, warum es ihr peinlich ist, wenn ihre Mutter singt. Oder die frischgebackene Mutter, die bemerkt, dass ihr Leben vor der Geburt ihres Sohnes auch nicht schlecht war. Jedoch ist es eine nicht zu bewältigende Fülle von Gesichtern und Geschichten, mit der der Zuschauer konfrontiert wird, einzelne Erzählstränge werden, wenn überhaupt, nur sehr unterbrochen weitergeführt. Ziemlich wahllos und wirr ist die Dokumentationsweise der Filmemacherin. Einige Menschen werden ganz kurz auf der Straße befragt, andere werden ausführlich in ihrer Lebensumwelt porträtiert. Nicht klar wird, warum Trampe bestimmten Personen mehr Raum gibt als anderen und durchaus interessante Geschichten nicht weiterverfolgt werden.
Vielleicht hätte sich die Regisseurin einfach darauf beschränken sollen, ein paar Menschen weniger zu porträtieren. Sehr beeindruckend ist zum Beispiel das Schicksal eines älteren Herren, der bei einer Pflegefamilie aufwuchs, in der nicht einmal sein Geburtstag gefeiert wurde oder die Geschichte des Flüchtlings aus Grosny, der von Krieg und Elend in seiner Heimat berichtet. Der Komponist, dessen Eltern beide gehörlos waren. So spannend die Geschichten der einzelnen Menschen sind, so wird der Zuschauer jedoch das unangenehme Gefühl von Voyeurismus nicht los. Trampe bohrt mit sehr direkten Fragen in die persönlichen Schwachstellen und manchmal schlimmen Erinnerungen ihrer Protagonisten und hält, froh über eine Reaktion der Betroffenen, immer munter die Kamera drauf. Wenig Feingefühl und Originalität beweist die Regisseurin auch bei den Aufnahmen, die die Stadtkulisse Berlins mit lauter werdenden Müttern zeigt. Noch unangenehmer ist aber die klangliche Seite des Filmes, wenn man anderen Menschen beim Singen zuhören muss und sich schnell das Gefühl von Fremdscham einstellt.
Der rote Faden des Filmes soll wohl das Wiegenlied selbst sein, dass zunächst einzelne Menschen singen und als Höhepunkt in einer äußerst kitschigen Szene von einem Gospelchor vorgetragen wird. In diesem wirken übrigens auch der trockener Alkoholiker und andere schräge Gestalten mit. Singen als Bewältigung? Der pseudo-psychologisierende Unterton geht einem auf die Nerven. Nicht alle, die kein Wiegenlied singen können, haben ein schlimmes Kindheitstrauma hinter sich.
Johann Feindt, Tamara Trampe: Wiegenlieder. Deutschland 2009, 98 Minuten. (Panorama, Vorführtermine)
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