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zuletzt aktualisiert 22.05.2012, 14.07 Uhr

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Post aus Neapel

Der Fall Nanni Moretti

Von Gabriella Vitiello

06.02.2002. Der Filmregisseur Nanni Moretti hat der italienischen Linken eine schallende Ohrfeige versetzt. Die Medien sind in Aufruhr. Gabriella Vitiello erzählt die Geschichte - mit Video von Morettis Auftritt.

Der Regisseur Nanni Moretti ist für seine Kritik an einigen Politikern der Linken mindestens so bekannt wie für seine Filme. Beides hat einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Italiener und seine kritischen Sätze bleiben oft länger an den betreffenden Politikern haften als Kaugummi an alten Kinostühlen. Berühmt ist eine Episode aus seinem Film "Aprile". Moretti kommentierte ein Fernsehduell zwischen Berlusconi und Massimo D'Alema, dem damaligen Kandidaten des Ulivo-Bündnisses, mit den Worten: "Reagiere, antworte. D'Alema, sag mal was Linkes, auch was nicht Linkes, sag aber wenigstens mal was."

Viel besser als dem Spitzenpolitiker der Democratici di Sinistra (den Linksdemokraten) erging es auch Fausto Bertinotti nicht, dem Vorsitzenden der Rifondazione Comunista. Ihm gab Moretti nach der Wahlniederlage des Mitte-Linksbündnisses im vergangenen Jahr die Schuld am Erfolg Berlusconis, da Bertinotti mit seiner Partei aus dem Wahlverbund Ulivo ausgestiegen war: "Warum sollte Berlusconi Millionen von Menschen für seinen Sieg danken? Es reicht, wenn er einem dankt, Bertinotti."

Morettis jüngster, spontaner Auftritt - am vergangenen Samstag auf einer Kundgebung des Mitte-Links-Bündnisses in Rom gegen die Justizreform Berlusconis - sorgt derzeit in Italien für reichlich Wirbel. (Auch die FAZ berichtete heute darüber.) Was von den Veranstaltern als Kritik an der Regierung geplant war, erwies sich als Bumerang für die Opposition. Der Filmemacher war am Ende der Veranstaltung, zu der gerade mal 5000 Bündnis-Anhänger erschienen waren, überraschend auf die Bühne gestiegen, weil ihm nach den schlappen Reden der Partei- und Bündnisführer Fassino und Rutelli der Kragen geplatzt war. Radioradicale hat sowohl Text als auch - auf der selben Seite - ein (Real)-Video ins Netz gestellt. (Man sollte es sich ansehen, selbst wenn man nicht italienisch kann, schon wegen des Raunens im Publikum nach dem Wort "inutile"!)

Moretti bezeichnete in seinem Frontalangriff die Veranstaltung als nutzlos und die Führungsriege als unfähig: " Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber mit diesem Vorstand werden wir niemals gewinnen. Das tut mir wirklich leid, denn ich werde weiterhin Ulivo wählen." Der Regisseur befürchtet, dass ein Wahlsieg der Linken erst in zwei, drei oder vier Legislaturperioden möglich sein wird und vermisst die Fähigkeit der Politiker, direkt den Verstand, die Seele und das Herz der Menschen anzusprechen. Vor allem aber bemängelte er jegliche fehlende Selbstkritik in Anbetracht der Fehler der vergangenen Jahre. Dazu gehöre auch ein zu zaghafter, unkoordinierter Wahlkampf, der Berlusconi die Mehrheit beschert habe. Schließlich forderte der Filmemacher die Spitzenpolitiker auf, endlich ihre Arbeit zu machen und eine geeinte und starke Opposition zu präsentieren.

Der Schock sitzt tief, und die erste Reaktion der vorgeführten und blassen Oppositionsführer in diesem filmreifen Spektakel, das am Ende gar als Selbstzitat im nächstem Moretti-Streifen landet, kam von Francesco Rutelli. Er beschwichtigte, wo nichts mehr zu retten war: "Es ist immer hilfreich, wenn ein Intellektueller seine Meinung sagt. Natürlich heißt das nicht, dass er auch ein guter Politiker ist".

Da hat Rutelli wohl übersehen, dass es die Aufgabe und Arbeit eines Regisseurs ist, Filme zu machen. Und gerade aufgrund seines kritischen Blicks auf die italienische Gesellschaft dürfte es Moretti gelungen sein, endlich einmal das öffentlich auszusprechen, was die enttäuschte linke Wählerschaft seit Monaten denkt. Dies zumindest zeigen eine Reihe von geradezu belagerten Internetforen (hier das Repubblica-Forum und das Forum der Unita). Den Großteil des sogenannten Popolo della Sinistra (Volk der Linken) hat der Regisseur auf seiner Seite. Das Forum auf der offiziellen Web-Seite der Linksdemokraten wurde indes sogar abgestellt (hier nur eine Auswahl), ohne die genauen Gründe zu nennen - war es Verstopfung?

Das Unbehagen der linken Wählerschaft ist das Resultat einer endlosen Bündniskrise des Ulivo und seiner verschiedenen Komponenten. Der letzte Streit zwischen Rutelli und dem DS-Sekretär Piero Fassino, ist gerade mal ein paar Tage alt und endete mit der Bestätigung Rutellis als Vorsitzendem des Bündnisses, das jetzt möglicherweise in Haus der Reformisten umbenannt werden soll. Genaueres ist nicht bekannt. Auch nicht in der Bündnisspitze. Hinzu kommt der Unwille der Führungsriege, endlich einmal die Fehler der Vergangenheit zu diskutieren. Die Liste ist lang und jeder kennt sie. Sie begann mit der Auflösung der Regierung Prodis, der Angst Massimo D'Alemas vor Neuwahlen und seiner Ernennung zum neuen Premier. Es folgten ein ungelöster Interessenkonflikt, ein nicht verabschiedetes Anti-Trust-Gesetz und eine verhinderte Rechtsreform, die Berlusconi jetzt umso nachhaltiger durchsetzt. Schließlich führte die Unwilligkeit, einige Wahlkampf-Fehler einzugestehen und die Verweigerung einer konstruktiven Opposition dazu, dass die Wählerschaft ohne repräsentative Stimme da steht und sich meilenweit von der Führungsspitze entfernt sieht. So lautete auch der Tenor der Kommentare in der Tageszeitung La Repubblica. Massimo Giannini meint, dass niemand mehr die Autoreferenzialität und Selbstgerechtigkeit von D'Alema-Prodi-Amato-Rutelli-Fassino ertrage und die Linke endlich aufhören müsse, zu sagen, was sie 'nicht ist'. Stattdessen müssten Ideen und Perspektiven her.

Weniger verständnisvoll und analytisch gibt sich die Führungsmannschaft. Sie will den Basis-Konsens, den Moretti mit seinen Worten beschworen hat, nicht so recht gelten lassen. Die Stimmung ist nach wie vor frostig, weswegen die Cartoonistin ellekappa der linken Führungsgruppe den Spitznamen Ground Sotto Zero (unter null) gab. Rutelli, der Morettis Äußerung als "Schrei eines Künstlers" bezeichnet, gesteht schmollend ein, dass er einige der Vorwürfe für berechtigt halte. Er bevorzuge allerdings eine Kritik unter vier Augen. Fassino, der diplomatischste des Dreiergespanns, schreibt in der Unita einen Brief an Moretti und lädt ihn zum Dialog und zur Zusammenarbeit ein (noch lesbar auf der Web-Seite der DS). Im Gegensatz dazu gibt sich D'Alema lieber uneinsichtig. Sein offener Brief an den Regisseur (zuerst in La Repubblica und jetzt ebenfalls hier) lässt zwischen den Zeilen erkennen, dass er in Moretti einen Nestbeschmutzer sieht, der Partei und Bündnis Schaden zufügt, obwohl der Filmemacher doch selbst die Haltung des "Facciamoci del male" (Tun wir uns was Schlechtes an) oft genug kritisiert habe. Immerhin stamme dieser Satz sogar von ihm, Moretti. Zudem - fügt D'Alema hinzu - sei er fest davon überzeugt, dass die Linke und Italien neue Ideen und neue Ressourcen brauche. Das sei eine Arbeit, der er sich seit zwei Jahren widme. Ergebnisse dieses langjährigen Nachdenkens legt D'Alema in seinem Brief allerdings nicht vor.

Dies dürfte auch der Grund dafür sein, weswegen Massimo Cacciari ihm eine politische Auszeit und eine Art Forschungsfreisemester - besser noch ein ganzes Jahr - nahelegt. Der Corriere della Sera, der in diesen Tagen wegen des Falls Moretti einen besorgten Eindruck macht, hat den Philosophen und ehemaligen venezianischen Bürgermeister interviewt. Cacciari distanziert sich zwar von der unreflektierten Auftrittsweise Morettis, nimmt den impulsiven Nanni aber gleichzeitig in Schutz: "Es ging ihm auf den Sack. Sie haben ihm das Wort erteilt und er hat ausgepackt. Punkt." Für Cacciari ist D'Alema der Dreh- und Angelpunkt der Ulivo-Misere. Er habe in den letzten Jahren nur Schaden angerichtet, lautet das Urteil des Philosophen, der es satt hat, noch länger auf Godot zu warten, womit Cacciari das ewige Gerangel um den Führungsanspruch im Ulivo kritisiert.

In Il manifesto meldet sich ein weiterer Philosoph mit DS-Parteibuch zur Wort. Gianni Vattimo äußert sich ebenfalls kritisch zu D'Alema, dem Parteipräsidenten der DS. Er habe nach all seinen Fehlern immer noch zuviel Gewicht innerhalb der Fraktion. Der Philosoph schreckt auch nicht vor dem Gedanken zurück, einen Führungspolitker zu "opfern", wenn das der Einheit der Linken diene. Denn - so Vattimo - es muss unbedingt verhindert werden, dass als Reaktion auf das momentane Tief eine Politik mit Rechtsdreh folgt. Doch klare linke Ideen sind derzeit rar. Das weiß auch Vattimo und ärgert sich darüber, dass er nicht wie die Franzosen, die es soeben vorgemacht haben, auf den Gedanken gekommen ist, die Kaution für Mietwohnungen abzuschaffen.

Während die Linke sich so ihre Gedanken macht, hofft Moretti, dass sein Dampf-Ablassen nicht umsonst war. In einem Brief an die Repubblica, den einige Beobachter als direkte Antwort auf D'Alema verstehen, liefert er noch einmal die nüchterne Version der Beweggründe für seinen Auftritt und bezeichnet diesen als "Ohrfeige von einem Wähler". Vor allem betont der streitbare Moretti, dass er sich sein Recht auf Kritik nicht nehmen lassen will und kontert gegen den Vorwurf der Unangemessenheit: "Ich war nie mit der stalinistischen Praxis der doppelten Wahrheit einverstanden, die besagt: die Kritik müssen wir im Privaten üben, in der Öffentlichkeit hingegen treten wir wie ein Monolith auf, alle einer Meinung. Nein, ich bin der Ansicht, dass die 'dreckige Wäsche' öffentlich gewaschen wird." Bleibt allerdings zu hoffen, dass die Linke jetzt nicht wochenlang nur über den Fall Moretti diskutiert, um darüber wieder einmal die Suche nach neuen Ideen, die Auseinandersetzung mit der Basis und die bisher kaum wahrgenommenen Aufgaben als Opposition aus den Augen zu verlieren.

Und während sich der Künstler Moretti so deutlich von der linken Führungsgruppe distanziert, suchen noch weitere bekannte Kulturschaffende ebenfalls Abstand, allerdings nicht von der Linken, sondern von der Regierung. Andrea Camilleri, Antonio Tabucchi und Vincenzo Consolo nutzen ihre Namen für eine PR-Aktion der Absenz gegen Berlusconi. Weil sie sich weigern, eine "undemokratische und kulturlose Regierung" zu repräsentieren, haben die Schriftsteller ihre Teilnahme am Pariser Salon du Livre abgesagt, meldet die Unita heute auf ihrer Homepage. (Während Umberto Eco entgegen der Meldung doch hinfährt.) Vielleicht treffen sie sich ja stattdessen mit der französischen Kulturministerin zum espresso. Sie hat auch schon abgesagt!

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