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Mord und Ratschlag
Leseprobe zu Kurt Lanthalers ´Napule´
Die Krimikolumne.
Leseprobe zu Kurt Lanthalers ´Napule´

Kurt Lanthaler: "Napule". Ein Tschonnie-Tschenett-Roman.
Haymon Verlag, Wien 2002, 221 Seiten, gebunden, 17,90 Euro
Klappentext:
Der gewesene Matrose und Lastwagenfahrer Tschonnie Tschenett trifft seinen alten Freund Toto, Polizist mit Sonderstatus, in Napoli, wo ein gespenstisch sinnloser Kongress der europäischen Polizeien stattfindet. Mit von der Partie ist auch Ciro, genannt 'o professore; in Totos Polizeischuljahren Aushilfslehrer, seither Inspektor in Napoli, in der Vergangenheit mit einigen der großen italienischen Verschwörungen und Verbrechen befaßt. In 'o professores Büro findet sich ein geköpfter Hahn: Warnung wovor? Welcher Fall aus seiner Vergangenheit holt ihn ein?
Zum Autor:
Kurt Lanthaler, geboren 1960 in Bozen, aufgewachsen in St. Pauls, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Schreibt Erzählungen, Romane, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Diverse Preise und Stipendien.
Leseprobe
Kapitel 2
Für gewöhnlich garantiert ein Seesack die wenigen Dinge, die ein einigermaßen vernünftiger Mensch zum Leben braucht: eine Handvoll Sicherheit, zwei Paar trockene Socken, ein kleines Zuhause und so viel Glück, daß von Unglück nicht mehr zu sprechen ist. Für gewöhnlich war Verlaß auf meinen Seesack. Also schulterte ich ihn, hob kurz die rechte Schulter, damit er sich an meinen Rücken legen konnte, nickte dem Ägypter zu, zog die Jacke vor der Brust zusammen und ging von Bord.
Sirenen, Autos, Bremsen, Türen, Geschrei. Und ich liege bäuchlings am Boden, mein Seesack halb auf, halb neben mir, ein oder zwei Schuhe im Kreuz, Schnee im Mund.
Denn es schneit in Napoli.
Dünne, leise Flocken. Sie wirbeln im ablandigen Wind auf und ab, ein Spiel wie ein anderes, und trotzdem denke ich: fehl am Platz. So wie du selbst.
Ich spucke, versuche zu Atem zu kommen und zu begreifen.
Vor mir, in dem schmalen Streifen zwischen dem dünnen, weißen Flaum auf dem Asphalt und dem blauen Autoblech mit den roten Buchstaben ARABI, laufen Stiefel und Turnschuhe, nach dem achten Paar habe ich aufgehört, sie zu zählen, und als ich meinen Kopf kurz nach oben drehe, sehe ich die Maschinenpistolen und die schwarzen Kapuzen.
Dann drückt ein Stiefel meinen Kopf wieder in den Schnee.
"Ist gut", sage ich, "? schon verstanden."
"E stai fermo!" schreit einer. "Rühr dich nicht."
"Va bene", sage ich, "bin schon brav."
Und es fällt mir nicht einmal schwer.
Als ob so eine kleine Neugier schon eine Todsünde wäre. Als ob einer wie ich überhaupt etwas sehen könnte, das später einmal wichtig werden kann.
Und langsam wird mir naß und kalt.
Von Bord des Frachters kommen Schreie, vielsprachige Flüche. Ein neues Paar Schuhe vor meiner Nase. Der rechte kippt immer wieder auf die Außenseite. Ein nervöser Mensch. Und laut.
"Avanti! Marsch!"
Deutlich der Ton eines Norditalieners. Poebene. Polenta. Perfidie. Deutlicher Carabinieriton.
"E fissatelo, questo qui."
Soll ich also auch noch gefesselt werden. Und schon reißt es an den Armen und klickt, schneidet ins Fleisch, drückt in den Rücken und nimmt den Atem.
Eben noch hatte ich gedacht: Macht nur. Ich habe Zeit. Und schon wird sie mir lang. Also zähle ich erst einmal Schneeflocken.
Ich hatte mich auf die Reise nach Napoli gemacht, weil es an der Zeit gewesen war. Weil ich diesen Frachter gefunden hatte. Weil ich es einem alten Freund versprochen hatte. Weil ich es eines Tages doch leid geworden war, aus dem Fenster meiner kleinen Wohnung auf den verschneiten Hafen von Saloniki zu blicken.
Also hatte ich, als mich der Chef des Kafenions am Hafenrand ans Telefon gerufen hatte, Kieselstein ans Fenster, wie immer gleich der erste Wurf ein Treffer, "eh, Tsene, komm runter, ela kato!", nicht lange nachgedacht.
"Dann sehen wir uns. Freut mich."
Und herumgefragt. "Wann geht ein Schiff nach Napoli?"
"Es wird eines gehen. Es wird."
Ich hatte mich hingesetzt und einen Kaffee bestellt.
Und war drei Tage später an den Ägypter geraten, der mit
seinem Frachter erst Pireas, dann Napoli anlaufen sollte.
Und weil Jorgos, der Wirt des Kafenions Majestic, mit dem Ägypter befreundet war und mich nun auch schon gute vier Jahre lang als Nachbar hatte, waren wir uns schnell handelseins geworden.
"Kein Problem. Sei einfach morgen um sechs Uhr da. Wir trinken noch unseren metrio*, und dann geht?s los."
Ich hatte am selben Nachmittag noch meinen Seesack gepackt.
Als wir in Saloniki ausliefen, schneite es noch immer. Über Athina lag ein dunkelgrauer Schneesturm, in der Meerenge von Messina brodelte es. Dieser Januar des Jahres 2002 meinte es gar nicht gut mit dem Mittelmeer. Trotzdem hatte ich die Reise für eine vernünftige Idee gehalten.
Inzwischen bin ich drauf und dran, mir das wieder anders zu überlegen. Die Arme sind mir längst taub geworden und liegen wie Fesseln am Rumpf, immer noch marschieren Stiefel an mir vorbei aufs Schiff, dann drei Hunde. Der letzte, eine schwarzgraue Mischung mit ansehnlichen Riesenschnauzer-Anteilen, hält kurz an, schaut neugierig in meine Richtung, kommt langsam näher, schnüffelt an meinem Gesicht.
Ich schließe die Augen und warte. Liege starr. Als ich endlich wieder alleine bin, bis auf den Fuß in meinem Rücken, ein kurzer Pfiff hatte mich erlöst, hole ich so tief Luft, wie es mein längst schon flachgedrückter Brustkorb eben erlaubt, und versuche, laut zu werden. "Ma porca miseria."
Jetzt soll man sein eigenes Unglück nicht auch noch verfluchen, zuviel hängt an ihm, wenn nicht gar unser ganzes Leben, und ein Unglück kommt selten allein, und also schreit mich ein Jemand aus dem Nichts an: "Tschenett!"
Das, denke ich, kann jetzt eigentlich nicht sein. Wer kennt mich schon. Und hier schon gar.
Mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlags.
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