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Post aus New York
Schiffbruch mit Pi
Von Ute Thon
11.11.2002. Gerade erst hat Yann Martel für seinen Roman "Life of Pi" den Booker-Preis erhalten, da ist er schon Gegenstand einer Plagiatskontroverse. Hat er vom brasilianischen Moacyr Scliar abgeschrieben? Ute Thon untersucht die Affäre - mit vielen Links.
13. November 2002:
Den neuesten Stand der Affäre finden Sie hier.
11. November 2002:
Letzten Monat wurde Yann Martel, 39, noch als neuer Star am internationalen Literaturhimmel gefeiert. Der bis dahin ziemlich unbekannte kanadische Schriftsteller hatte für sein drittes Buch, "Life of Pi" (Auszug) den Booker-Preis, Groß-Britanniens wichtigste literarische Auszeichnung erhalten. Der phantastische Roman, in dem es um einen schiffbrüchigen jungen Mann und einen bengalischen Tiger im Rettungsboot geht, war plötzlich in aller Munde. Die Freie Universität in Berlin bot dem 39-jährigen Autor eine Gastprofessur an und er leitet dort nun ein Seminar zum Thema "Meeting the Other: the Animal in Western Literature".
Doch jetzt muss sich der frischgebackene Booker-Preisträger überraschend mit Plagiatsvorwürfen auseinandersetzen. Die Kritik hat ihren Ursprung in Brasilien. Die Feuilletons in Rio de Janeiro und Sao Paulo reagierten auf die Preisverkündigung mit harschen Worten. Martel hätte die Idee zu seinem Erfolgsbuch von einem der wichtigsten brasilianischen Autoren geklaut, lautete das indignierte Urteil. Tatsächlich weist Martels Geschichte deutliche Ähnlichkeiten mit einem früheren Werk des brasilianischen Schriftstellers Moacyr Scliar auf. Dessen Buch "Max and the Cats" von 1981 erzählt die Geschichte eines jüdischen Teenagers, der nach einem Schiffsunglück das Rettungsboot mit einem schwarzen Panther teilen muss.
Martel leugnet die Parallelen denn auch nicht, sondern nennt den Roman des Brasilianers eine literarische Inspiration. Er hätte Scliars Roman nie gelesen, sondern nur eine Buchkritik darüber. Doch die zentrale Idee des "einsamen Juden im Rettungsboot mit einem schwarzen Panther" habe ihn "elektrisiert", schreibt er in einem Essay über die Entstehungsgeschichte seines Romans auf der Homepage seines kanadischen Buchhändlers Powell's Book.
Dr. Moacyr Scliar, ein 65jähriger Mediziner und Sohn jüdischer Emigranten, hat 15 Romane und mehrere Essay-Bände veröffentlicht und zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Latein-Amerikas. Auf die Meldung von Martels Ideenklau reagierte er mit gemischten Gefühlen. Einerseits fühle er sich zwar geschmeichelt, dass ein anderer Autor seine Idee so unwiderstehlich gut finde, sagte er in einem New York Times-Interview. "Andererseits hat er meine Idee benutzt, ohne mich zu konsultieren oder zu informieren und eine Idee ist geistiges Eigentum."
Die Anwälte von Scliars brasilianischem Verleger, Companhia das Letras, prüfen nun, ob sie gerichtlich gegen Martel vorgehen können. Die zentrale Frage dabei ist, ob der Kanadier nur das generelle Motiv von Scliars Roman kopiert hat und ob das allein schon gegen die allgemeinen Copyright-Vereinbarungen verstößt. Oder ob Martel sogar ganze Passagen verbatim übernommen hat, was einen klaren Verstoß darstellen würde. Bisher hat sich offenbar noch niemand die Mühe gemacht, beide Buchtexte daraufhin zu untersuchen, ein Umstand, der auch darauf zurückzuführen ist, dass die 1990 erschienene, englischsprachige Version von Scliars Buch, seit Jahren vergriffen ist. Martels Glaubwürdigkeit, dass er Scliars Buch nie gelesen habe, ist jedoch umstritten. Der kanadische Autor behauptete nämlich, dass er von "Max and the Cats" nur indirekt gehört habe, weil er John Updikes Buchrezension im New York Review of Books gelesen habe. Updike hat das Buch jedoch nie rezensiert und in den Archiven des New York Review of Books befindet sich auch unter anderem Namen keine Kritik von Scliars Werk.
Neben juristischen Bedenken wirft der Fall jedoch auch grundsätzliche Fragen zur literarischen Ethik auf. Zwar ist es unter Schriftstellern durchaus üblich, die Werke anderer zu zitieren. Und es ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, das dabei die Grenzen zwischen respektvoller Hommage und frechem Ideenklau manchmal verschwimmen. In der Regel reagieren die Kritiker milder, wenn der Autor, von dem die Ideen "geborgt" wurden, bereits tot ist. (Bestes Beispiel: Ulrich Plenzdorfs "Neue Leiden des jungen W." Das Buch brachte nicht die Goethe-Fans, sondern die Stasi auf die Barrikaden.) Wenn der seines geistigen Eigentums beraubte Autor wie im vorliegenden Fall jedoch noch lebt und selbst an seinem Vermächtnis stickt, sieht die Sache anders aus. Mit seinen Äußerungen, dass es sich bei dem ungelesenen brasilianischen Kollegen wohl um einen "minderwertigen Schriftsteller" handeln müsse, hat Martel die Sache denn auch nicht gerade leichter gemacht.
Die respektlose Bemerkung traf die unter latenten Minderwertigkeitsgefühlen leidende südamerikanische Nation ins Herz. In Rio De Janeiros Literaturkreisen spricht man heute noch voller Bitterkeit von dem berühmtesten Plagiatsfall: Daphne du Maurier soll ihren Weltbestseller "Rebecca" (1938) von einem vier Jahre früher erschienenen Buch, "The Succsessor", der Brasilianierin Carolina Nabuco abgekupfert haben. Und erst kürzlich musste sich der Rockstar Rod Stewart Plagiatsklagen stellen, weil sein Hitsong "Do Ya Think I'm Sexy?" auffällig ähnlich klingt wie das Lied eines populären brasilianischen Sängers.
Bisher hat die Plagiatskontroverse Image dem Autor Martel wenig geschadet. Im Frühjahr 2003 soll das Buch unter dem Titel "Schiffbruch mit Tiger" im Fischer Verlag auf deutsch erscheinen. Nur die portugiesische Übersetzung wird wohl noch auf sich warten lassen. Die brasilianischen Verleger Companhia das Letras, die Martel preisgekröntes Werk ursprünglich herausbringen wollten, haben sich aus Loyalität zu ihrem Hausautor Moacyr Scliar aus dem Deal zurückgezogen.
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