Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Lidorama

Die Filmfestspiele in Venedig - 7. Tag

Von Robert Mattheis

04.09.2002. Wer Sex hat soll sich nicht wundern - Agnieszka Hollands "Julie Walking Home". "Un viaggio chiamato amore" von Michele Placido strapaziert die Nerven der Kritiker. "Ich hatte einmal einen Mann, und der war ein Affe!" Sergei Bodrovs "Bear's Kiss" erzählt von der Liebe zwischen zwei Gestaltenwandlern.

Ausgeknockt durch ein Wunder - Agnieszka Hollands "Julie Walking Home"

Die Kritiker können nicht mehr. Sie müssten langsam angezählt werden, wenn es hier einen verantwortungsvollen Ringrichter gäbe. "Julie Walking Home" endet, und - Buhrufe der Kritiker. Nicht, dass das neue Werk von Agnieszka Holland eines wäre, das ein "Meister"-Präfix verdient. Aber Buhrufe? Laute, ärgerliche, feindselige Buhrufe?

Bild zum ArtikelDer Unmut der Kritiker ist aber erklärlich, und ich will versuchen, ihn zu erklären. Der Film beginnt damit, dass Julie (Miranda Otto) mit ihren Zwillingen, einem Jungen (Ryan Smith) und einem Mädchen (Bianca Crudo), von einem Skiurlaub heimkommt und ihren Lebensgefährten (William Fichtner) mit einer Anderen im Bett erwischt. Es folgt eine Art Kampf um die verlorene Zweisamkeit. Dann wird beim Zwillingsjungen Krebs diagnostiziert. Die Schulmedizin ist machtlos, da der Junge allergisch auf die Chemotherapie reagiert. In ihrer Verzweiflung nimmt Julie den Jungen und reist zum Wunderheiler Alexy (Lothaire Bluteau), der gerade in Polen gastiert. Mit Alexy kommt das Wunder in Julies Leben. Alexy ist ein wunderbarer Mensch, der täglich Hunderte behandelt und für seine Dienste wunderlicherweise kein Geld nimmt. Er macht den Zwilling wieder gesund. Julie verliebt sich in ihn, er sich in sie, magische Anziehung, er folgt ihr nach Kanada, in ihre Heimat. Sie führt ihn in die Geheimnisse der Liebe ein. Bislang hat er ausschließlich für die Krankheiten der anderen gelebt, da war für etwas Erfrischendes wie Sex kein Platz.

Dann erkrankt der Junge erneut. Als Alexy helfen will, muss er feststellen, dass seine Wunderkräfte verschwunden sind. Die Liebe (oder, um katholisch zu argumentieren, der voreheliche Geschlechtsverkehr) hat sie ihm genommen. Diese Entdeckung wirft Alexy so aus der Bahn, dass er die Flucht ergreift. Am Ende ist Julie (von Alexy) schwanger und wieder mit ihrem Lebensgefährten zusammen. Die Zwillinge spielen Karten. Open end.

"Ich mochte den Anfang", hörte ich eine Kritikerin beim Hinausgehen auf Englisch zu einem Kollegen sagen, "doch dann brach der Film zusammen". Dann kam das Wunder durch die Tür, meinte sie. Ihre Rede hätte folgendermaßen weitergehen können (ich weiß nicht, ob sie's tat): "Nun, mein Lieber, wir lassen uns hier ja einiges gefallen, dieses Jahr. Wir machen die große Kehrtwende ins Retro mit. Wir akzeptieren, dass es wieder auf das Subjekt und sein Herz ankommen soll, wo doch beides jahrelang totgesagt worden ist. Wir lassen uns ein Biopic nach dem anderen vorsetzen. Wir nehmen sogar eine stupende Konventionalität der Ästhetik hin. Aber", und hier müsste der Ton der Dame ein bisschen schrill werden, "aber wir werden nicht, hören Sie, wir werden unter keinen Umständen hinnehmen, dass jetzt auch noch das große katholische Wunder auf der Leinwand Einzug hält! Irgendwo muss Schluss sein. Schließlich haben wir auch unseren Stolz, wir Filmkritiker! - Gehen wir noch auf einen Drink an die Bar?"

Die Verdoppelung ist das vorherrschende Strukturprinzip von Hollands Film. Julie entdeckt die Untreue ihres Lebensgefährten im Schlafzimmerspiegel, bevor sie des Originals des außerehelichen Beischlafs ansichtig wird. Erst wird er ihr, dann wird sie ihm untreu. Die Zwillinge sprechen für sich. Und Alexy und Julie gehören zusammen wie das Spiegelbild und das Gespiegelte, wie Narziss und das Wasser. Nur die Liebe und das Wunder scheinen diese Binarität nicht mitmachen zu wollen. Sie erheben Anspruch auf Ausschließlichkeit. Wo die eine ist, kann das andere nicht sein.

Die Kritiker können nicht mehr. Wer will es ihnen verdenken. Eine Woche voller Filme liegt hinter ihnen. Viele davon waren nicht unbedingt berauschend. Einen künstlerischen Schritt nach vorn hat kein einziger bislang geschafft, und man darf zweifeln, ob man darauf warten sollte. Das drückt mit der Zeit natürlich aufs Gemüt. Wenn dann noch ein russischer Wunderheiler aufgefahren wird - dann reißen schon mal die Nerven. Dann wird gebuht. Das ist nur menschlich. So menschlich wie ein Knock-out.

Julie Walking Home", Deutschland/Kanada/Polen, Regie: Agnieszka Holland, mit: Miranda Otto, William Fichtner, Lothaire Bluteau u.a.


Ungegenwärtig: "Un viaggio chiamato amore" von Michele Placido

Es kann für die Entscheidung, "Un viaggio chiamato amore" (Eine Reise namens Liebe) von Michele Placido zum Wettbewerb um den Goldenen Löwen zuzulassen, nur einen Grund geben. Dieser Grund ist, dass der Film alle auf der 59. Mostra zu identifizierenden Strömungen wie im Vergrößerungsglas zeigt. Mehr ist zugunsten des Films wirklich nicht zu sagen.

War Todd Haynes' "Far From Heaven" das Remake eines Douglas-Sirk-Films, so sieht "Viaggio" aus wie das Remake eines anderen Wettbewerbbeitrags: "Frida". Wie "Frida" behandelt auch "Viaggio" die außergewöhnliche Liebe zweier außergewöhnlicher Künstler, der Dichter Sibilla Aleramo (Laura Morante) und Dino Campana (Stefano Accorsi). Außergewöhnlich ist diese italienische Liebe vor allem in einer Hinsicht: sie ist außergewöhnlich nervtötend. Dafür können die Liebenden allerdings nichts: Der Symbolist Dino Campana (1885 bis 1932) mag, wie seine Freunde meinen, der größte Dichter Italiens sein. Ganz gewiss aber ist er komplett durchgeknallt. Mit seinen Wahnsinnsattacken wird er zur Gefahr für Sibillas Gesundheit und die Geduld der Zuschauer.

Bild zum ArtikelAuch in "Viaggio" wird, wie schon in "Frida" oder in "Nackt" von Doris Dörrie, dem Privaten unbedingt der Vorzug vor dem Politischen gegeben. "Herzschau" heißt die Devise. "Viaggio" spielt während des Ersten Weltkrieges. Während an der Front die Zukunft Italiens von einer beispiellosen Vernichtungsmaschinerie zu Knochenmehl zermahlen wird, darunter auch Sibillas beste Freunde und ehemalige Liebhaber, quält sie nur der eine Gedanke: der an ihre Liebe, an den Wahnsinn der Liebe, an die Tiefe der Liebe. Sibilla wringt ihr Herz aus, und heraus tropft: Dino. Mehr will man dann darüber eigentlich auch schon gar nicht mehr wissen.

Der Retro-Touch: "Viaggio" lenkt den Blick entschlossen weg von einer Gegenwart, über die das Kino, wenn man der Mostra glauben darf, immer weniger mitzuteilen weiß (oder zumindest immer weniger mitteilen will). Man fragt sich auch, warum es ausgerechnet die Liebe zweier Fin-de-siecle-Dichter sein muss, die inzwischen ihren Platz im Pantheon bezogen haben, von der hier gehandelt wird? Warum nicht einfach die nackte Gegenwart? Man hat den Eindruck, dass die Filmschaffenden Zuflucht suchen unter dem Dach der Geschichte.

Ästhetische Konventionalität: in dieser Kategorie kann man "Viaggio" ebenso die Höchstnote verleihen wie in der Kategorie "Humorlosigkeit".

"Un viaggio chiamato amore" hat sogar einen ungewollten antipädagogischen Effekt. Zum ersten Mal begrüßt sicherlich so mancher Zuschauer die Nachricht, dass jemand in die Irrenanstalt eingewiesen wurde, statt mit Empörung mit Erleichterung. (Für den historischen Dino tut es uns natürlich Leid.) Lautstarke Buhrufe schließen die Pressevorführung ab. Arme Laura Morante, aber man kann die Reaktion der Kritiker verstehen. Durchaus.

"Un viaggio chiamato amore", Regie: Michele Placido, mit: Laura Morante, Stefano Accorsi, Diego Ribon u.a.



Das animalische Element: Sergei Bodrovs Wettbewerbsbeitrag "Bear's Kiss"

Bizarres vom Lido, Folge 1001: Nach der Vorführung des Wettbewerbsteilnehmers "Bear's Kiss" mischten sich in den eher matten Abspannbeifall tatsächlich Buhrufe. Nun war der Film von Sergei Bodrov sicherlich kein heißer Kandidat auf den Gewinn des Goldenen Löwen. Dafür war er zu konventionell, sowohl inhaltlich als auch formal. Aber Buhrufe - das ging denn doch entschieden zu weit.

"Bear's Kiss" ist ein modernes Märchen aus dem Zirkusmilieu. Lola bekommt als Kind von ihren Adoptiveltern einen Bären geschenkt. Mit dem wird sie groß, sie werden Vertraute während des Wanderlebens, und als Lola in die Pubertät kommt, stellt sich heraus, dass ihr Bär ein so genannter "Gestaltenwechsler" ist, ein "shape-shifter": er kann sich in einen jungen Mann verwandeln und wieder zurück in einen Bären. Für Lola hat das den Vorteil, dass sie mit ihrer großen Kinderliebe nun auch die ersten sexuellen Erfahrungen sammeln kann. (Die Regie bleibt dem animalischen Element im jungen Mann - gespielt übrigens vom Sohn des Regisseurs - insofern treu, als er eine leichte Ähnlichkeit mit den "Oasis"-Brüdern hat.)

Bild zum ArtikelBild zum Artikel

Gestaltenwandler aus "Bear's Kiss"

Dann aber begeht der Bär einen Mord, um Lola vor einer Vergewaltigung zu bewahren, und damit bleibt ihm die Rückkehr in die Menschengestalt für immer versagt, wie eine alte Zigeunerin diagnostiziert, die sich mit derlei Erscheinungen auskennt ("Ich hatte einmal einen Mann, und der war ein Affe!"). Lola bringt ihren Lieberhaberbärenfreund nach Sibirien, wo er herstammt, und dann rennt Lola ihm hinterher und beweist dabei ebenfalls "Shape-shifter"-Qualitäten. Kann der Berg nicht mehr zum Propheten kommen, muss der Prophet eben zum Berg kommen.

Allein aus Respekt vor der Darstellung der jungen Rebecka Liljeberg, die die Lola spielt, hätten die Kritiker sich ihre Unmutsäußerungen verkneifen müssen. Sie macht ihre Sache großartig. Überhaupt ist an den Leistungen der Schauspieler nichts auszusetzen. "Bear's Kiss" ist niedlich und auch kurzweilig, aber alles andere als eine künstlerische Sensation. Doch musste man das ja schon von so manchem auf der 59. Mostra laufenden Film sagen.

Zugleich versuchte man sich in der Presse zur Halbzeit des Festivals auch an ersten Hochrechnungen. Legt man das Votum der italienischen Filmsachverständigen zu Grunde, liegt derzeit "The Magdalene Sisters" vorn - sicherlich nicht unverdient. Dass der Film einen Stoff von 1964 behandelt, steigert seine Aussichten in dem dieses Jahr herrschenden Retro-Umfeld eher noch. Überraschend freundlich wurde auch "Far From Heaven" aufgenommen. Offenbar ist es wieder an der Zeit für Lektionen wie die, dass es keinen Sinn hat, Homosexualität zu verdrängen, und dass Rassentrennung eine Schande ist. Anders ist die Begeisterung für diesen langweiligen Film eigentlich nicht zu erklären.

Weit abgeschlagen, noch hinter dem wirklich eher mauen "Führer Ex", landete der famose "Meili Shiguang", "Die beste aller Zeiten". Offenbar hat "Führer Ex" vom Bonus politischer Wortmeldung profitiert - in künstlerischer Hinsicht ist mit dem Film kein Staat zu machen. Große Chancen muss man auch "Frida" einräumen, der seine letzte Karte noch nicht ausgespielt haben dürfte. "Road to Perdition" hingegen ist vermutlich zu sehr Hollywood, um wirklich von einer goldenen Fassung von San Marcos Wappentier träumen zu dürfen. Apropos träumen dürfen: vielleicht schafft es ja doch "L'homme du train". Immerhin hatte es in dessen Abspann hinein Standing Ovations gegeben, keine Buhrufe.

"Bear's Kiss", Regie: Sergei Bodrov, mit: Rebecka Liljeberg, Joachim Krol, Sergei Bodrov Jr., Keith Allen u.a.

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