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Post aus New York
Singt noch aus dem Jenseits: Elvis
Von Ute Thon
16.08.2002. Vor 25 Jahren starb Elvis Presley - Die Musikindustrie versucht, das Phänomen neu zu definieren.
Elvis-Week in Memphis. Im Heartbreak-Hotel sind alle Betten ausgebucht, die Souvenir-Shops entlang der Main Street verkaufen Glasflakons mit echtem "Elvis-Schweiss", in der Baptistenkirche nebenan gibt es ein Elvis-Gospel-Brunch und in der Universität von Memphis diskutieren Popdozenten wie Greil Marcus und Sun-Record-Legende Sam Phillips das Thema "Is Elvis History?" Und wie in jedem Jahr versammeln sich auch diesen August wieder Tausende mit Kerzen und Erdnussbutterbroten zur Totenwache vor der Graceland-Villa. Hier im Garten, unter einer mit Blumen und Teddybären geschmückten Granitplatte soll in einem versiegelten Kupfersarg der King of Rock'n'Roll liegen, zur letzten Ruhe gebettet in seinem hautengen, weißen Nietenanzug mit Schlaghosen und kiloschwerem Goldschmuck, nachdem er in der Nacht des 16. August 1977 an einer Überdosis aus Tabletten und Alkohol auf dem Flokatiteppich neben dem Klo sein tragisches Ende fand.
Elvis Presleys 25. Todestag markiert jedoch nicht nur die Wiederkehr altbekannter Fanrituale, sondern ist diesmal der Kulminationspunkt einer aggressiven Marketingstrategie, um den hüftschwingenden Sixties-Rocker einer neuen Generation bekannt zu machen. Denn dem unsterblichen Elvis sterben langsam die Fans weg. Sein zum Museum umgewandeltes Wohnhaus zieht zwar immer noch jährlich rund 650.000 Leute an - weit mehr als die Geburtsstätte des US-Staatsgründers George Washington. Doch jeder zweite Graceland-Besucher ist inzwischen über 50, viele sogar über 70. Was eigentlich nicht verwunderlich ist, wäre der King mit 67 Jahren heute doch selbst im rentenfähigen Alter. Doch anders als Kultbands wie die Doors oder Country-Star Johnny Cash, die von der zeitgenössischen Musikszene neu entdeckt werden und sich auch unter jungen Clubgängern wieder großer Beliebtheit erfreuen, stehen Elvis-Songs in der Szene für die angestaubte Tanzmusik der Großeltern-Generation.
"Wir wollen die ursprüngliche Zielgruppe nicht vernachlässigen" sagt Jack Soden, Chef von Elvis Presley Enterprises, dem Marketingarm des Graceland-Imperiums, über die neue Verkaufsoffensive. "Doch um Elvis' Musik erfolgreich zu verkaufen, muss man den Typ verkaufen und neuen Generationen erzählen, warum er immer noch wichtig ist." Das Resultat solcher Überlegungen ist eine massive Kampagne, in der mehr Elvis-Musik und -Merchandising angeboten wird als zu Lebzeiten des King. Neben einer Vielzahl neuer Best-Of-CDs und diversen Dokumentarfilmen im DVD-Format werden Presley-Songs auch in verschiedenen jugendorientierten Werbespots eingesetzt. In einem aktuellen Nike-Werbefilm hört man beispielsweise Elvis' "A Little Less Conversation" als Techno-Remix. McDonald's hat ein spezielles Elvis-Happy-Meal auf der Karte, im Buchladen steht in der Sektion für Frauen unter 24 ein neues Buch mit dem Titel "A Girl's Guide to Elvis" im Regal. Und vergangenen Monat brachte Walt Disney einen neuen Zeichentrickfilm heraus, "Lilo and Stitch", über einen Außerirdischen und ein Hawaii-Mädchen, der mit sechs verschiedenen Elvis-Songs unterlegt ist und dessen Geschichte mit einem Besuch in Graceland endet.
Zu den seriöseren Versuchen einer Neudefinition des Elvis-Phänomens gehört dagegen ein Projekt des New Yorker Plattenproduzenten Kevin Eggers. Eggers' Nischenlabel Tomato Records (Internetseite noch im Aufbau) zu dessen eklektischen Veröffentlichungen seltene Aufnahmen von Nina Simone, Louis Amstrong und Philip Glass gehören, brachte bereits 1984 eine Platte mit den frühesten Elvis-Presley-Auftritten aus der Radiosendung "The Louisiana Hayride" von 1954-56 heraus. Die Aufnahmen gelten als außerordentlich wichtige Zeitdokumente. Doch die Tonqualität war so schlecht, dass außer enthusiastischen Musikwissenschaftlern und einigen hartgesottenen Elvis-Fans niemand zuhören wollte. Dank neuer Technik und Eggers' Lust am Tabubruch, wurde Elvis' jugendlich-unpolierte Stimme nun isoliert und im Studio seine Begleitband von damals mit Live-Musikern rekonsturiert. Die so entstandene CD, "Roots Revolution", ist das seltene Experiment einer behutsamem Verjüngungskur, bei der Elvis Presleys Image nicht zwanghaft heutigen Hipness-Standards angepasst wurde, sondern die Möglichkeit geschaffen wurde, den Originalsound zu hören, mit dem der junge Elvis Amerikas Musikszene revolutionierte. (Hier was zum Hören: "Baby, Let's Play House")
Für dogmatische Elvis-Fans ist Eggers' CD-Remix jedoch ebenso respektlose Leichenfledderei wie die neue Linie von "Elvis"-Schlafzimmermöbeln, der Golfplatz im Elvis-Stil oder das große Memorial-Konzert in der Memphis Pyramid Arena am Freitag, bei dem Bilder von alten Elvis-Auftritten auf eine Großbildleinwand projiziert werden und eine Live-Band ihn beim Singen aus dem Jenseits begleitet. Donald Hinton glaubt dagegen, dass sich der King über den ganzen Wirbel um seinen 25. Todestag wahrscheinlich herzlich amüsiert. In seinen Buch "The Truth about Elvis Aron Presley: In His Own Words" behauptet der Psychiater aus Kansas City, dass Presley seinen Tod seinerzeit nur vorgetäuscht habe, um dem verhassten Star-Image zu entrinnen. Er lebe heute ein unspektakuläres Einsiedlerdasein weit weg von Graceland und Hollywood, schreibt Hinton. Und wenn er mal was Wildes anstellen wolle, gehe er Forellen angeln.
Archiv: Post aus New York
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