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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Essay

Freiheit ist nicht Hürriyet

Von Necla Kelek

27.11.2008. Freiheit ist nicht Hürriyet: Unsere Gesellschaft muss sich dafür einsetzen, dass Frauen selbst entscheiden, ob, wann und wen sie heiraten und ob und wie viele Kinder sie bekommen. Rede für den Preis der Frauen Europas

Am Dienstag hat die Soziologin Necla Kelek in Berlin den "Preis Frauen Europas - Deutschland 2008" erhalten. Wir dokumentieren ihre Rede. D.Red.

Mut gehört bei dem, was ich mache, nicht dazu.

Ich lebe in einem freien Land, ich kann sagen und schreiben was ich für richtig halte. Ich werde meist gehört und manchmal gedruckt, und bekomme heute diesen Preis. Ich werde weder bedroht, noch muss ich mich vor der Polizei oder der Staatsanwaltschaft fürchten. Im Gegenteil.

Ich hätte all dies vielleicht nicht tun können, wenn ich nicht in der Gewerkschaft, auf der Universität und im privaten Umfeld immer wieder Menschen begegnet wäre, die mich bestärkt hätten, meine Meinung zu sagen, die aber vor allem mir gezeigt haben, dass es zu einer demokratischen Gesellschaft gehört, als Einzelner Verantwortung zu übernehmen.Für sich und für andere. Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber für mich ist Freiheit zu haben, Verantwortung zu übernehmen ein großes Glück.

Aber Freiheit so zu leben , zu nutzen, muss man lernen. Ich hatte eine gute Lehrerin.


Meine Schwester Simone

Lassen Sie mich deshalb zunächst über eine Frau sprechen die mir sehr geholfen hat, Simone de Beauvoir! Ich habe zu ihr ein ganz persönliches Verhältnis, denn sie begegnete mir nicht als politische Figur der Frauenbewegung, mit der hatte ich mit Anfang Zwanzig noch nichts zu tun. Die Schlachten der Frauenbewegung wie "Mein Bauch gehört mir" und "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" waren längst geschlagen, nicht alle wurden gewonnen. Ich war viel zu sehr mit meiner eigenen Befreiung beschäftigt, hatte mich von meinem Vater, meiner Familie, meinem Mann getrennt und wollte leben. Ich lernte "die Tochter aus gutem Hause" durch ihre Memoiren kennen, ich las, wie die junge Simone, heimlich nach der Schule im Park auf der Bank saß und ihre Freiheit genoss, eifersüchtig auf eine Frau war, die mehr Bücher besaß, als sie.

Sie war mir wie eine Schwester, denn sie liebte das Leben wie ich, las ich in ihren Büchern. Ich war 25 als ich allein meine erste Reise unternahm. Es war eine 69-Mark-hin-und zurück Busfahrt von Hamburg nach Paris, um für einen Tag in die Nähe von ihr zu sein. Ich rauchte eine Zigarette im Cafe de Flore, sah zu dem Fenster ihrer Wohnung hinauf und setzte mich auf eine Bank im Jardin du Luxemburg und genoss das Gefühl, ganz für mich und ich selbst zu sein. Diese Freiheit, ganz bewusst für sich selbst sein und für das eigene Handeln selbst verantwortlich zu sein, war das, was ich in meinem Leben am meisten vermisst hatte und nie wieder hergeben wollte.

"Freiheit" habe ich als Kind nur als etwas Fremdes, den Männern vorbehaltenes kennengelernt.


Hürriyet ist nicht Freiheit

"Freiheit", heißt auf türkisch "Hürriyet". Dieses Wort stammt von dem arabischen Begriff hurriya ab, das in seiner ursprünglichen Bedeutung das Gegenteil von Sklaverei meint, und nicht das, was in der westlichen Tradition mit "libertas" verbunden wird, nämlich die Befreiung des Einzelnen von jedweder, auch religiösen Bevormundung. Hurriya bedeutet, ein Sklave wird "frei", um Allah zu dienen. Für gläubige Muslime besteht in diesem Sinne Freiheit in der bewussten Entscheidung, "Den Vorschriften des Islam zu gehorchen".

Als ich meine in der türkisch-muslimischen Tradition verhaftete Mutter fragte, wann ich denn - ich war 16 oder 17 Jahre alt -  ich frei sein würde, in dem Sinne, wann ich denn für mich entscheiden könne, sagte sie mir: "Die Freiheit ist nicht für uns gemacht." Sie verstand meine Frage nicht. Für sie war "frei sein" gleichbedeutend mit "vogelfrei" sein , das heißt ohne Schutz sein.

"Frei sein" ist schutzlos, verlassen sein. Die Frau ist im Zweifelsfall der Gewalt der Männer ausgeliefert, denn die Männer der Familie schützen die Frauen vor der Gewalt fremder Männer. Ist der eigene Mann gewalttätig, so ist das kismet, Schicksal. Männer, das sind in der Lebenswelt immer noch vieler muslimischen Frauen, Beschützer und Bewacher. Die Männer sind die Öffentlichkeit und die Frauen ihre Privatheit.

Für viele muslimische Frauen ist die Freiheit "von etwas". Frei vor Anfeindungen Fremder, aber auch frei von Verantwortung für sich selbst, frei von eigenem Willen.

Sie werden einwenden, dass ist doch die Ausnahme und sicher kennen sie Frauen, die Musliminnen sind und trotzdem selbständig.

Ja, sage ich, auch das stimmt.

Natürlich gibt es Frauen, die sich diesem kulturellen System längst entzogen haben, weil es den Anforderungen der modernen Gesellschaft und den Wünschen der Frauen in der heutigen Zeit widerspricht. Und zum Glück bietet gerade unsere Gesellschaft diese Möglichkeit.Die aber die es gelernt haben ihre Freiheit zu nehmen vergessen leider allzu schnell die anderen und sprechen von ihrem persönlichem Freiraum, als sei der für alle selbstverständlich.

Ich bin in einer muslimisch-türkisch geprägten Gemeinschaft aufgewachsen, in der solche Gedanken für Mädchen und Frauen tabu waren und oft noch sind. Es war wohl meine Rettung, dass ich mich instinktiv gegen die Bevormundung meines Vaters gewehrt hatte. Und es war mein Glück, dass er den Kampf aufgab und uns verließ. Das wir nur noch zu dritt waren und ich zum Glück einen Bruder hatte, der zu mir hielt, mir half, meinen eigenen Weg zu gehen. Denn in einer traditionellen Großfamilie mit vielen Brüdern und Cousins und Onkeln und Tanten, hätte das "Volksgericht" wie ich viele Familien bezeichne, meinen Aufstand niedergeschlagen und ich stände nicht hier.

So konnte ich mich später in meinem Studium und in meinen Forschungen auch mit der Frage beschäftigen, warum meine Herkunftsgesellschaft dem weiblichen Geschlecht verweigert "für sich selbst zu sein".

Ich bin bei meinen Arbeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass die besondere Lage der Frauen in muslimischen Communities in der Migration wie in den Herkunftsländern, nicht so sehr durch die soziale Lage bestimmt wird, dass sie nicht von den christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaften per se benachteiligt werden, sondern sich die Diskriminierung in der kulturellen Herkunft, genauer in der Kultur und des traditionellen und politischen Islam selbst festmachen lässt. Ich spreche hier jetzt nicht vom spirituellen Glauben, den jede und jeder leben kann wie er will, sondern vom Islam als politische Weltanschauung, als die Gesellschaft und alle Lebensbereiche bestimmende Institution.

Obwohl die Muslime meinen, zwischen Religion und religiöser Praxis trennen zu können und bei Missständen sagen , "das ist nicht der Islam", sind sie diejenigen, die die kulturelle Prägekraft und soziale Einflussnahme ihrer Religion immer besonders herausstellen und keine Trennung von Religion und Politik akzeptieren.

Ich spreche damit unsere Gesellschaft nicht von der Verantwortung frei, für alle Mitglieder auch die Schwachen und Benachteiligten zu sorgen und Chancen zu eröffnen. Wir haben da einiges aufzuholen. Aber es wird nicht funktionieren, wenn nicht Bereitschaft besteht, in und für die Gesellschaft selbst zu wirken, sich als Teil der Gesellschaft zu begreifen. Die Migrantenkinder sind Kinder unserer Gesellschaft. Und wenn die Eltern diese Verantwortung nicht übernehmen können, müssen wir durch sprachliche Früherziehung, Ganztagsschule und besondere Förderung dafür sorgen, dass sie unserer Gesellschaft nicht verloren gehen.

Die jungen Menschen müssen auch die Chance bekommen, sich beruflich zu integrieren zu können und dürfen nicht wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt werden.

Dabei begreife ich den säkularen Staat und die Schule nicht als Servicestation für die verschiedensten Kulturen, sondern als eine Wertegemeinschaft, die die freiheitliche Grundordnung erlebbar macht.


Verzicht ist eine Tugend

Aber zurück zum Begriff der Freiheit und der Verantwortung.

In der säkularen Gesellschaft ist ein Teil der Verantwortung für das eigene Verhalten ins Innere verlegt, wir nennen es Gewissen. Andere Regeln wurden nach außen in die Gemeinsachaft entlassen, wir meinen damit Gesetze.

Wenn traditionelle Muslime meinen, Frauen müssten sich verschleiern, weil die Männer sonst ihrer Triebe nicht Herr würden, und die Frauen seien vor ihnen nicht geschützt, verkehrt man die Verantwortung für das eigene Verhalten ins Gegenteil, denn zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilgesellschaft gehört auch die Beherrschung des Sexualtriebs.

Die Gesellschaft kann von einem Mann verlangen, Frauen nicht zu belästigen. Nicht das potentzielle Opfer muss sich verschleiern, sondern der Täter eines sexuellen Übergriffs muss von der Gesellschaft zur Verantwortung gezogen werden.

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Frauen selbst entscheiden, ob, wann und wen sie heiraten und ob und wie viele Kinder sie bekommen. Zur Not müssen wir die Schwachen der Gesellschaft, in diesem Fall die jungen Mädchen vor Missbrauch schützen. Wir müssen uns einmischen, und Selbstkontrolle und körperliche Disziplin abverlangen. Auch hier verlangt eine moderne Gesellschaft von seinen Mitgliedern Eigenverantwortung ab. Verzicht ist eine Tugend, die von Menschen verlangt werden kann, ohne ihre Rechte einzuschränken.

Der traditionelle Islam kennt die sexuelle Selbstbestimmung der Frau nicht, sie steht zeitlebens unter der Kontrolle der Männer. Ihre Reinheit ist die "Ehre" des Mannes, der Familie. Noch immer ist die Sexualität der Ehe und wie selbstverständlich dem Mann vorbehalten. Von der Selbstverantwortung der Frau dieser Art sind die muslimischen wie andere Gesellschaften noch sehr weit entfernt. Die Väter kontrollieren die Töchter, die Brüder die Schwestern, die Männer ihre Frauen, dann die Söhne die Mütter, die Männer die Frauen, die Frauen sich selbst.

Wir stehen erst ganz am Anfang. Und ich bin der festen Überzeugung, dass diese Befreiung nur von den Frauen selbst ausgehen kann. Die muslimischen und andere auf tradierte Rechte fixierte Männer werden uns zunächst dabei nicht helfen, weil wir ihnen etwas nehmen müssen - die Macht über und den Besitz an den Frauen und Mädchen. Aber sie werden auch etwas zurückbekommen, die Selbstbestimmung über ihr eigenes Leben. Auch sie werden so in die Lage kommen von den Erfolgen der Frauenbewegung zu profitieren, sie werden keine fremdbestimmte Rolle mehr spielen müssen.

Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

"50 Prozent der Frauen", sagte eine türkische Frauenärztin, die in einer deutschen Großstadt praktiziert , "haben Gewalt erlebt."

Körperliche oder sexuelle Gewalt auszuüben, so glauben viele Frauen, sei ein Recht der Männer. Die Aufklärung und der Schutz dieser Frauen stecken noch in den Anfängen, weil in diesen Gemeinschaften eine "Schweigekultur" vorherrscht, die nichts nach außen dringen lässt. "Eine Frau, die über diese Dinge spricht, bringt sich in Gefahr", sagt Seyran Ates.

Zwangsverheiratung, Vergewaltigung in der Ehe oder Verschleppung von jungen Frauen in die Türkei werden als Einzelfälle bagatellisiert, obwohl wir wissen, dass es Tausende sind.

Es gibt aber positive Beispiele der Gegenwehr: Um direkt von Gewalt und Zwangsverheiratung bedrohten Frauen zu helfen, haben sich Privatinitiativen gegründet. Zum Beispiel der Verein "Peri", die gute Fee, der Autorin Serap Cileli, die in Eigeninitiative bisher über 300 Frauen helfen konnte. Oder der Berliner Verein "Hatun und Can", der von Andreas Becker in Erinnerung an die von ihrem Bruder ermordete Hatun Sürücü gegründet wurde und den in seinem zweijährigen Bestehen bisher über 2000 Notrufe erreichten und der über hundert Menschen aus akuter Lebensgefahr retten konnte.

Die Politik hat in den letzten Jahren begonnen zu handeln. Es gibt den Integrationsgipfel und die Islamkonferenz. Es hat eine Änderung des Zuwanderungsgesetzes gegeben, das von Importbräuten 300 Worte Deutsch verlangt und ein Mindestalter von 18 Jahren.

Diese Maßnahme hat dazu geführt, dass - sehr zum Ärger der Türkeilobby - nur noch 5.000, statt fast 15.000 Anträge auf Familienzusammenführung gestellt wurden. Jetzt werden anstatt der Bräute aus Anatolien mehrheitlich türkische Jungakademiker mit Cousinen in Deutschland verheiratet.

Aber es sind noch ganz einfache Dinge zu tun.

Junge Menschen sollten in der Schule und durch öffentliche Kampagnen darüber aufgeklärt werden, dass jeder in diesem Land das Recht hat selbst zu entscheiden, wann, wen und ob er heiraten will.

Es sollte eine internationale Notrufnummer eingerichtet und bekanntgemacht werden, die Hilfe für Menschen in akuter Gefahr vor Gewalt, Zwangsverheiratung und Verschleppung bietet.

(...)

Im Koalitionsvertrag der CDU/CSU-SPD Bundesregierung steht "Zwangsverheiratungen werden als Straftatbestand in das Strafgesetzbuch aufgenommen." Das Gesetz liegt dem Bundesrat wie dem Bundestag vor, wurde aber bisher nicht auf die Tagesordnung gesetzt .

(...)

Wie gesagt, es braucht keinen Mut, wir müssen uns einfach unserer Verantwortung als Staatbürgerinnen und -bürger, stellen.

Necla Kelek

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