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Essay
Untot: Der Geist des Mai
Von Andre Glucksmann
23.04.2008. Verraten wurde der Geist des Mai von der heutigen Linken, die ihn sich gern als Feder an den Hut steckt, und bei Korruption und Staatsverbrechen züchtig die Augen senkt.
Anders als Götz Aly bewahrt Andre Glucksmann in seinem neuen Buch "Mai 68 explique a Nicolas Sarkozy" ein positives Bild des Mai 68: In Frankreich richtete sich die Revolte auch gegen die kulturelle Hegemonie der Kommunisten und hatte bei allen Irrwegen eine antitotalitäre Spitze. Allerdings meint Glucksmann auch, dass nicht die vielgescholtenen "Renegaten", sondern die klassische Linke, die das Erbe von 68 (unter tätiger Mithilfe von Ex-68ern etwa bei den Grünen) heute verwaltet, den Geist des Mai verraten haben. Gegen dieses neue juste milieu wendet sich in einem Kapitel des Buchs auch Glucksmanns Sohn Raphael Glucksmann, der die Rolle der französischen Linken während des Völkermords in Ruanda und im Mitterandismus untersucht. Wir übersetzen einen Abschnitt des Buchs, in dem Andre Glucksmann die heutige Linke am Geist des Mai misst. D.Red.
Es geht hier nicht um Herzenskälte. Viel mehr stört mich jene großspurige Nettigkeit, die an nichts Böses denkt und darauf stolz ist. Das süßliche Desinteresse am Bösen, das mit Gefühlstaubheit gegenüber dem Unglück der anderen einhergeht. Die aus mangelnder Vorstellungskraft herrührende Lähmung des Herzens. Man muss dem Mordbuben, der den Bus in Brand steckt, nur mit marxistischen, linken, christlichen Argumenten gute Gründe nachsagen, schon vergisst man das arme Mädchen, das im Bus verbrennt. Man muss nur behaupten, dass sich alles fügen wird, schon hat man sich in alles gefügt.
So disparat, konfus und verrückt der Mai 1968 war, er entstand doch aus der weltweiten Weigerung wegzusehen. Und nun soll er in den frommen Lügen und Euphemismen enden, die man einst den Altvorderen vorwarf?
Die eitle Frivolität der Linken erklomm beim Wiener EU-Gipfel 98 groteske Höhen. Zum ersten Mal gehörten die europäischen Regierungschefs - mit der Ausnahme der Spanier und Iren - dem gleichen politischen Lager an, sie schillerten zwischen zartrosa, rosarot und grün. Da war kein ideologischer Zwiespalt, der sie hätte behindern können. Man fühlte sich wohl. Aber das Ergebnis ihres Treffens ließ einem den Atem stocken. Selbst erstaunt seufzten Schröder und D'Alema am Ende in die Mikrophone: Wir haben der Frage der Duty-Free-Shops auf den Flughäfen mehr Zeit gewidmet als dem Untergang Russlands - mit dem Sturz des Rubels, den 42 Millionen Russen im Elend und den Kindern, die durch den sibirischen Winter irrten... Der Frage der Steuerfreiheit galt die absolute Priorität. Da waren die Abgründe des Postkommunismus die geringere Sorge. Der Börsenkrach im Sommer des Jahres läutete das Ende der Reformen in Moskau ein, zog die Ablösung Jelzins durch den Zar der Geheimdienste nach sich, kündete von einer neuen Vereisung ganz Russlands und führte zur zweiten verheerenden Offensive im Kaukasus. Wenn das alles ist...
Unsere apathische Linke zog stille Kreise in der Glaskugel ihres Egoismus. Sie war wild entschlossen, kurzsichtig zu bleiben. Die Zukunft des alten Kontinents bedachte sie in Begriffen von Stadtverwaltungen und Interessengruppen - die Schließung der duty-free-Bereiche kostete zweitausend Arbeitsplätze.
Die Leere ist geblieben. Bis heute nichts über über die Energieunabhängigkeit. Rosa und Grün haben lieber Putin als Atomkraft. Nichts über die internationalen Herausforderungen des Terrorismus, was soll's: Bush geht, dann werden die Gefahren schon verschwinden. Nichts über die Konkurrenz der Emerging Markets. Dass China eine geknechtete Arbeitskraft ausbeutet, die umso billiger ist, weil ihr die elementarsten Rechte vorenthalten werden, nimmt man einfach hin.
Die europäische Linke hat sich nicht verändert. Sie verspricht eine Reise nach Kythera, aber der Autopilot, den sie sich zusammenbastelt, verdammt Europa zur Wehrlosigkeit, als ob die Außenwelt uns nichts anginge. Eine Lösung: Sterbehilfe!
Nachdem sie lange gegen ihn tönte und giftete, hat sich die traditionelle Linke den Mai 68 unter den Nagel gerissen. Sie machte seine Buntheit und Fröhlichkeit zum Fetisch, behauptete, hier den Vorschein einer durch die soft power der sozialen Evangelien befriedeten Gesellschaft zu erblicken, sie feierte einen Patentpazifismus, der den ganzen Planeten in Harmonie vereint. Kurz, sie malte Gegenwart und Zukunft wie gewohnt in rosa Pastelltönen und ging durch den schönen Monat Mai in die beste aller Welten.
In Deutschland erreichte die Operation Luftschloss ihre höchste Intensität, als sich die Grünen unter die Fittiche des Kanzlers Schröder begaben. Der große Mann hat sich dann an den Kreml verkauft und fand sich im Zivilleben als Funktionär der Gasprom und Vasall von Petrozar Putin wieder. Unser tugendhafter Sozialist hatte die beiden letzten Wochen seiner Amtszeit damit verbracht, ein Bündnis Berlin-Moskau zu schmieden, das auch für ihn selbst sehr einträglich ist. Was kümmern uns die gerade aus dem sowjetischen Bann befreiten jungen Nationen Europas! Das Projekt der unterseeischen Gaspipeline war direkt gegen die baltischen Länder und Polen gerichtet und ließ die Ukraine außen vor. Der deutsche Staat versichert mit seinen Steuergeldern die Großindustrie gegen die Risiken der Konstruktion. Eine offenere Korruption kann man sich kaum vorstellen. Der Kanzler scheint in die Kassen der Bundesrepublik gegriffen zu haben, um den russischen Trust zu bereichern, an dessen Spitze er einen Monat später thront.
"Das stinkt!", rief eine grüne Abgeordnete. Einige Boulevardblätter brachten reißerische Titel. Das war's. Nun schweigen unsere lieben linken "Rebellen". Sie schweigen auch, wenn der Kreml zehn Jahre lang im Kaukasus Massaker anrichtet und die mageren bürgerlichen Freiheiten abschafft. Unsere Linken und Linksliberalen bleiben - bis auf seltene Ausnahmen - stumm, wenn es sich um das große Russland, den Erben der Sowjetunion handelt. Wladimir Putin, der ehemalige Oberstleutnant des KGB, genießt eine moralische Immunität, um die ihn Bush nur beneiden kann. Die Generationen folgen einander - und sehen sich ähnlich. Auf die antiamerikanischen Attentate der Baader-Meinhof-Gruppe feiern die Protestmärsche gegen die amerikanischen Sprengmeister Erfolge, Jahrzehnt um Jahrzehnt, während niemand Augen hat für die Verzweiflung der Tschetschenen, der Weißrussen und der Russen. Ukrainer und Georgier, die sich von den Moskauer Ketten befreien, stoßen bei unseren Linken weder auf Solidarität noch auf Unterstützung.
Das gute Gewissen ist wieder an der Macht. Eine tiefgekühlte Erinnerung an den Geist des Mai würzt die Rückkehr zur Ordnung mit einer Prise antiamerikanischen Radikalismus und einer Nuance Antiatom. Schröder ist ein Sohn des Volks, ein Führer der Linken, ein Patriot. Wer würde einen solchen Mann als korrupten Lumpen bezeichnen? Besser man senkt die Augen, hält sich die Nase zu und wechselt das Gesprächsthema. Kommt zahlreich zu Ostern zur Friedensdemo, ihr werdet sehen, dass dort kaum von Grosny die Rede ist, einer in der Morgendämmerung des neuen Jahrtausends von einer europäischen Armee ausradierten Hauptstadt. Die größte Premiere seit Warschau im Jahre 1944!
Die Rebellen sind ins Glied zurückgetreten und folgen der Parole ihrer Altvorderen: Wegschauen! Schließt eure Seelen, lasst es geschehen! Ich hatte Hoffnung, als Joschka Fischer, ein Freund seit dreißig Jahren, endlich seinen integralen Pazifismus überwand und eine bewaffnete - europäische und amerikanische - Intervention befürwortete, um die ethnischen Säuberungen des Kriegsverbrechers Milosevic zu stoppen. Lieber Krieg als Vernichtung. Aber diese schöne Aufwallung dauerte nur einen Augenblick. Mit den Weihen des Außenministeramts unterwarf sich Joschka dem Kanzler, ohne auch nur sauer aufzustoßen. Der kaum vollzogene antitotalitäre Bruch erlahmte schon wieder. Grüne, Sozialisten, Ultras pflegen wieder ihre fixen Ideen und ihre künstlichen Paradiese. Allein Angela Merkel macht dem Mörder des Kaukasus keine schönen Augen. Die Kanzlerin weiß, wo er herkommt, sie ist unter der Bedrohung der Stasi groß geworden.
In Frankreich verkorkten fünfzehn Jahre Mitterrand-Präsidentschaft die Fragen des Mai 68 mit einem hegelianischen "Ende gut alles gut". Mehr denn je pflegt die Linke die Nostalgie des gewieften Manipulateurs und vergisst dabei seine jämmerliche Bilanz nach innen und nach außen. Als hätte die verspätete Kenntnisnahme des kommunistischen Scheiterns schon ausgereicht, um dem Sozialismus eine neue Jugend zu geben.
Ach, ihr braven Kinder von 68, ruht in Frieden. Die dankbare Linke betrachtet in euch ihre extraterrestrische Vorvergangenheit. Sie hat sich die Erbschaft zugeschanzt, lebt von den Zinsen der Erinnerungen und investiert sie in verschiedene globalisierungskritische, ökologische oder Wahlprogramme. Hier stehen wir, zwischen Lenins Mumie und dem Devotionalienkitsch von Lourdes. Uns geht's gut.
Andre Glucksmann
"Mai 68 explique a Nicolas Sarkozy" von Andre Glucksmann und Raphaël Glucksmann ist in den Editions Denoël erschienen.
Aus dem Französischen von Thierry Chervel
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