Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Virtualienmarkt
Krankheit als Metapher
Über Frank Schirrmachers Internetrede. Von Robin Meyer-Lucht
05.11.2007. Frank Schirrmacher rückt das Internet in seiner Grimm-Preisrede in die Nähe einer Krankheit. Für den Qualitätsjournalismus, den er dem Chaos des Netzes entgegensetzen will, findet er keine vergleichbar kraftvolle Metapher.
Dem Kern des Schlagabtauschs um Frank Schirrmachers Internetrede (hier die SZ-Version, hier die FAZ-Version) kann man sich trefflich nähern, wenn man jeweils nur die ersten Sätze der Beiträge rekapituliert. Der FAZ-Mitherausgeber beginnt seinen Text, indem er den Archetyp des schreibenden Journalisten auftreten lässt: "Journalisten werden in amerikanischen Filmen gerne mit einem Stift hinter dem Ohr porträtiert", lautet sein erster Satz. Es folgt für das Nicht-nur-Schrift-Medium Internet wenig Schmeichelhaftes. Schirrmacher geht es um eine Hymne auf die Institution des geschriebenen (Print-)Journalismus.
Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker wiederum fasst seine Reaktion auf die Schirrmacher-Thesen noch am gleichen Tag in dem Anfangssatz zusammen: "Das Internet ist an allem schuld." Stöcker sieht in Schirrmachers Text den Versuch, das Internet als journalistisches Medium und als Agenten des gesellschaftlichen Wandels einseitig zu diskreditieren. Schirrmacher wiederum antwortet zwei Tage später bei Spiegel Online mit dem Eingangssatz: "Das nenne ich Eskalation: Aus einer Rede, die für die Koexistenz von Tageszeitung und Internet plädiert, macht der Internetredakteur kurzerhand eine Kriegserklärung." Er fühlt sich strategisch missverstanden und krawallversiert fehlinterpretiert.
Schirrmacher hat seine Rede ganz augenscheinlich für ein Publikum aus gesetzten Studienräten geschrieben. Warum er sie dennoch in dieser Form zwei Tage später in der SZ veröffentlicht, ist schwer verständlich. Das Manuskript ist als Plädoyer für den textbasierten Qualitätsjournalismus angelegt - mit einem Umweg über die Kritischk am "ikonografischen Extremismus" des Internets. Leider gelingt dies nicht so recht. Die Rede gurgelt sich in unheilvollen Metaphern über das Internet fest, während das Lob der Institution des Qualitätsjournalismus nicht so recht im Gedächtnis haften bleiben will.
Schirrmacher war das Manuskript wohl selbst nicht mehr ganz geheuer. Noch bevor er Stöcker antwortet, veröffentlicht er eine zweite Fassung auf FAZ.Net. Gegenüber der SZ-Version fehlen unter anderem folgende Passagen:
- "Fast alles, was im Netz auf Dauer ernst genommen wird, hat seine Urquelle in der Zeitung."
- "'Im Internet", so erzählte [ein dänischer Kollege], "hängen die Redakteure weniger an ihrem Text.'"
- "Jetzt aber verändern sich die Gehirne ... Fest steht, dass der ikonographische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt."
Die internetfeindlichsten Stellen fehlen damit in der zweiten Fassung der Rede, die Schirrmacher als Plädoyer für "die Koexistenz von Tageszeitung und Internet" verstanden wissen will, wie er bei Spiegel Online schreibt (siehe zu den zwei Versionen auch Hans-Peter Roentgen in literature.de). Glauben möchte man ihm das sofort. Schließlich ist es Schirrmacher, dem man es am allerehesten zutrauen würde, die FAZ für das Internet zu begeistern und gestaltend dorthin zu führen.
Doch die Metaphern seiner Rede weisen diesmal unmissverständlich in eine andere Richtung:
Das Internet identifiziert er gleich zweimal mit Krankheit: Die Gewalt der Bilder verbreite sich über das Netz wie eine "Infektion". Gegen solche Körperverletzungen könne man sich "nicht immunisieren". Das Internet in die Nähe eines Virus, eines Eindringlings, einer Seuche gerückt. Es zersetzt sozusagen den vorhandenen gesunden moralischen Körper. Das bleibt als Subtext haften. Für die Vorzüge des textbasierten Qualitätsjournalismus bietet Schirrmacher keine vergleichbar kraftvolle Metapher.
Christian Stöcker kritisiert, Schirrmacher erhebe technisch deterministisch das Transportmedium Papier zum Qualitätsmerkmal. Die Druckerpresse würde laut Schirrmacher die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen steigern. Doch, so Stöcker, könne Qualität schwerlich von der Medientechnik abhängen.
Hier hat Stöcker Schirrmacher auf erhellende Weise missverstanden: Denn Schirrmacher geht es nicht um die Medientechnik der Tageszeitung, ihm geht es um das damit verbundene Institutionensystem und die Grammatik des Aussagbaren. Um das Medium Tageszeitung hat sich in den vergangenen 150 Jahren ein professionelles Normengerüst gebildet, gesellschaftliche Verantwortungskulturen, institutionelle Arrangements, die er beim Internet vermisst. Um die Vorzüge dieser institutionellen Arragements für die gesellschaftliche Entwicklung geht es Schirrmacher. Nicht um die Medientechnik an sich.
Schirrmacher geht es letztlich um die FAZ. Er möchte seine "Gelehrten-Republik mit X-Men-Einschlag" als Modell gegen die Online-Durchschnittlichkeit profilieren. Zugleich möchte er die Überlegenheit des Denkens in Zeilen gegenüber dem Denken in Bildern hervorheben.
Schirrmacher hat sich dabei in seiner Rede mit auch Verve dem Thema Pornografie im Internet genähert. Er fordert explizit eine Debatte - deutlicher kann man ein Themenfeld nicht bestellen. Doch wer eine solche Debatte anstoßen möchte, muss sich fragen lassen zu welchem Zweck und zu welchem Ende? Derartige Inhalte - so unmoralisch und eklig sie auch sein mögen - lassen sich im dezentralen Internet wohl nur zum Preis von Zensurmechanismen chinesischen Ausmaßes aussperren. Demgegenüber scheint es für den Computer im Kinderzimmer bereits jetzt effektive Filter zu geben. Die Vermutung liegt nicht fern, dass hier das Unbehagen gegenüber dem chaotischen Internet der unkontrollierbaren Nischen einen plakativen Kristallisationspunkt erhalten soll. Die Institutionkrise des Journalimus würde so doch leidlich unredlich auf das Problem der Pornografie projiziert.
Bei Sueddeutsche.de erhielt das Schirrmacher-Manuskript einen schönen, von der Printversion abweichenden Vorspann: "Nicht das Internet ist der Feind des Journalismus, sondern das Kalkül". Zweifellos eine hübsch zweideutige Formulierung. Doch das Kalkül, also die wirtschaftliche Rationalität, kann nicht nur der Feind des Journalismus sein. Sie steht zum Journalismus in einem aufschlussreichen Spannungsverhältnis. Der "Feind", um den es in der Schirrmacher Rede geht, ist die drohende institionelle Zerbröselung des Journalismus, also der Verlust normativer Leitplanken, durch eine internetgetriebene Ökonomisierung und Banalisierung. Der richtige Vorspann zur seiner Rede hätte also heißen müssen: "Nicht das Internet ist der Feind des Journalismus, sondern seine digitale Deinstitutionalisierung."
Robin Meyer-Lucht
Robin Meyer-Lucht arbeitet als Medienwissenschaftler und Unternehmensberater in Berlin.
Archiv: Virtualienmarkt
Der Abschied vom Universum Buch
30.01.2012. Jürgen Neffe will einen anti-globalen Schutzwall um einen Markt ziehen, der sich bereits in völliger Auflösung befindet. Das wird nicht funktionieren. Trotzdem braucht der Wandel gute Rahmenbedingungen. Mehr lesen
Wenn Bischöfe einen Konzern abstoßen
25.11.2011. Wer Weltbild kauft, erwirbt 18 Prozent Umsatzanteil im zweitgrößten Buchmarkt der Welt - und angesichts der chaotischen Vorgaben seitens der Eigentümer mit guten Chancen auf einen attraktiven Preis. Mehr lesen
Neue kulturelle Aufklärung
24.05.2011. Allen Vorurteilen zum Trotz: Die gute heimische Dichtung wird nicht von geistlosen Beststellern aus dem Ausland bedroht. Eine Analyse der literarischen Übersetzungen zeigt vielmehr: Europas junge Autoren und die urbanen Lesermilieus befördern einen regen kulturellen Austausch und lösen die Literatur aus ihrer nationalen Verankerung. Mehr lesen
Wer ist hier extremes Geflügel?
08.04.2011. Der arabische Booker-Preis für Raja Alem wäre mehr als schnöselige Meldungen mit dummen Überschriften wert.
Mehr lesen
Warnung vor dem Chaos
29.03.2011. Das Scheitern des Google Books Settlement hat zu Unrecht Begeisterung ausgelöst: Schließlich waren Verlage und Autoren an der Formulierung beteiligt - auch Holtzbrinck. Richter Danny Chin ruft nach dem Gesetzgeber. Der muss auch in Europa aktiv werden. Mehr lesen
Print minus 20 Prozent
09.02.2011. Zwischen den USA und Europa tut sich ein großer Graben auf: der eBook-Graben. Während in Amerika schon in drei Jahren mit digitalen Bücher ebenso hohe Umsätze erwartet werden wie mit gedruckten, versucht Kontinentaleuropa den digitalen Wandel durch hohe und festgefügte Preisdämme aufzuhalten.
Mehr lesen
Kleine Verschiebung, große Dynamik
20.12.2010. Wer eBooks kaufen will, auf den wartet das Chaos - und nicht nur in preislicher Hinsicht. Wer eBooks verkaufen will, hat es aber ebenfalls nicht leicht. Rundgang über einen schwer durchschaubaren Markt. Mehr lesen
Ebooks unterm Weihnachtsbaum
09.12.2010. Der Markt für digitale Bücher ist immer noch chaotisch. Und er kompliziert sich, weil zwischen Buchhandel, Antiquariaten und Bibliotheken kaum mehr zu unterscheiden ist. Der Google Bookstore bietet drei Millionen Titel! Mehr lesen
Die stärksten Triebkräfte bei Büchern
16.03.2010. Vor der Leizpziger Buchmesse: Ein Blick auf europäische Bestsellerlisten zeigt, dass keineswegs nur die angloamerikanischen Dampfmaschinen ziehen. Übersetzt wird trotzdem zu wenig, und es fehlen Übermittlungskanäle. Mehr lesen
Achtzig Prozent Gut: Moses, der iPad und ich.
09.02.2010. Plötzlich ist die universale digitale Weltbühne nur noch von diversen Kaisern mit ihren Allmachtsansprüchen besetzt, und Steve Jobs führt die Truppen der Gegenreformation. Für alle anderen bleibt nur noch Platz in den Ritzen. Mehr lesen
Der Staat, das Internet und Europa
16.12.2009. Wenn es um die Kultur im Internet geht, dann soll es meist der Staat als Großer Regulator richten. Genauer gesagt der Nationalstaat. Vor allem Europa scheint sich von den einstigen universalistischen Vorstellungen des WorldWideWebs zu verabschieden. Mehr lesen
Angst ist eine schlechte Lehrerin
14.10.2009. Wir haben eine hoch politisierte Debatte um digitale Buchformate und ihre mögliche illegale Nutzung. Aber wir haben keine Ahnung, welche Titel wann, wie und warum kopiert werden. Wir brauchen die Zahlen. Und deswegen brauchen wir endlich eine europäische "Tools of Change"-Konferenz. Mehr lesen
Vier politische Variationen auf Jorge Luis Borges
25.09.2009. Fast alle der großen alten Bibliotheken wurden zerstört - aber nicht durch neue Formen und Technologien des Wissens, sondern durch politische Macht Mehr lesen
Von Texten und Snippets
01.09.2009. Ein kleiner Streifzug durch die Europeana zeigt, dass auch dort geschützte Werke frei zum Download angeboten werden - zumindest auf Slowenisch oder Ungarisch. Einige Tage vor dem nächsten Gerichtstermin zum Google Book Settlement stellt sich die Frage: Wann gibt es eine "fair use"-Regelung auch in Europa? Mehr lesen
Jenseits von Heidelberg
22.06.2009. Die Lobbies um den "Heidelberger Appell" verstärken im Wahlkampf ihren Druck auf die Politik. Aber nicht die Publikationsfreiheit ist bedroht, sondern das bisherige Gefüge aus Verlagen und Händlern, und zwar nicht durch illegale Praktiken, sondern durch neue Techniken und neue Vorlieben der Leser. Statt Heidelberger Zementierung des status quo ist Innovationsförderung gefragt. Mehr lesen








