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zuletzt aktualisiert 09.02.2012, 20.50 Uhr

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Virtualienmarkt

Krankheit als Metapher

Über Frank Schirrmachers Internetrede. Von Robin Meyer-Lucht

05.11.2007. Frank Schirrmacher rückt das Internet in seiner Grimm-Preisrede in die Nähe einer Krankheit. Für den Qualitätsjournalismus, den er dem Chaos des Netzes entgegensetzen will, findet er keine vergleichbar kraftvolle Metapher.

Dem Kern des Schlagabtauschs um Frank Schirrmachers Internetrede (hier die SZ-Version, hier die FAZ-Version) kann man sich trefflich nähern, wenn man jeweils nur die ersten Sätze der Beiträge rekapituliert. Der FAZ-Mitherausgeber beginnt seinen Text, indem er den Archetyp des schreibenden Journalisten auftreten lässt: "Journalisten werden in amerikanischen Filmen gerne mit einem Stift hinter dem Ohr porträtiert", lautet sein erster Satz. Es folgt für das Nicht-nur-Schrift-Medium Internet wenig Schmeichelhaftes. Schirrmacher geht es um eine Hymne auf die Institution des geschriebenen (Print-)Journalismus.

Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker wiederum fasst seine Reaktion auf die Schirrmacher-Thesen noch am gleichen Tag in dem Anfangssatz zusammen: "Das Internet ist an allem schuld." Stöcker sieht in Schirrmachers Text den Versuch, das Internet als journalistisches Medium und als Agenten des gesellschaftlichen Wandels einseitig zu diskreditieren. Schirrmacher wiederum antwortet zwei Tage später bei Spiegel Online mit dem Eingangssatz: "Das nenne ich Eskalation: Aus einer Rede, die für die Koexistenz von Tageszeitung und Internet plädiert, macht der Internetredakteur kurzerhand eine Kriegserklärung." Er fühlt sich strategisch missverstanden und krawallversiert fehlinterpretiert.

Schirrmacher hat seine Rede ganz augenscheinlich für ein Publikum aus gesetzten Studienräten geschrieben. Warum er sie dennoch in dieser Form zwei Tage später in der SZ veröffentlicht, ist schwer verständlich. Das Manuskript ist als Plädoyer für den textbasierten Qualitätsjournalismus angelegt - mit einem Umweg über die Kritischk am "ikonografischen Extremismus" des Internets. Leider gelingt dies nicht so recht. Die Rede gurgelt sich in unheilvollen Metaphern über das Internet fest, während das Lob der Institution des Qualitätsjournalismus nicht so recht im Gedächtnis haften bleiben will.

Schirrmacher war das Manuskript wohl selbst nicht mehr ganz geheuer. Noch bevor er Stöcker antwortet, veröffentlicht er eine zweite Fassung auf FAZ.Net. Gegenüber der SZ-Version fehlen unter anderem folgende Passagen:

- "Fast alles, was im Netz auf Dauer ernst genommen wird, hat seine Urquelle in der Zeitung."
- "'Im Internet", so erzählte [ein dänischer Kollege], "hängen die Redakteure weniger an ihrem Text.'"
- "Jetzt aber verändern sich die Gehirne ... Fest steht, dass der ikonographische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt."

Die internetfeindlichsten Stellen fehlen damit in der zweiten Fassung der Rede, die Schirrmacher als Plädoyer für "die Koexistenz von Tageszeitung und Internet" verstanden wissen will, wie er bei Spiegel Online schreibt (siehe zu den zwei Versionen auch Hans-Peter Roentgen in literature.de). Glauben möchte man ihm das sofort. Schließlich ist es Schirrmacher, dem man es am allerehesten zutrauen würde, die FAZ für das Internet zu begeistern und gestaltend dorthin zu führen.

Doch die Metaphern seiner Rede weisen diesmal unmissverständlich in eine andere Richtung:

Das Internet identifiziert er gleich zweimal mit Krankheit: Die Gewalt der Bilder verbreite sich über das Netz wie eine "Infektion". Gegen solche Körperverletzungen könne man sich "nicht immunisieren". Das Internet in die Nähe eines Virus, eines Eindringlings, einer Seuche gerückt. Es zersetzt sozusagen den vorhandenen gesunden moralischen Körper. Das bleibt als Subtext haften. Für die Vorzüge des textbasierten Qualitätsjournalismus bietet Schirrmacher keine vergleichbar kraftvolle Metapher.

Christian Stöcker kritisiert, Schirrmacher erhebe technisch deterministisch das Transportmedium Papier zum Qualitätsmerkmal. Die Druckerpresse würde laut Schirrmacher die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen steigern. Doch, so Stöcker, könne Qualität schwerlich von der Medientechnik abhängen.

Hier hat Stöcker Schirrmacher auf erhellende Weise missverstanden: Denn Schirrmacher geht es nicht um die Medientechnik der Tageszeitung, ihm geht es um das damit verbundene Institutionensystem und die Grammatik des Aussagbaren. Um das Medium Tageszeitung hat sich in den vergangenen 150 Jahren ein professionelles Normengerüst gebildet, gesellschaftliche Verantwortungskulturen, institutionelle Arrangements, die er beim Internet vermisst. Um die Vorzüge dieser institutionellen Arragements für die gesellschaftliche Entwicklung geht es Schirrmacher. Nicht um die Medientechnik an sich.

Schirrmacher geht es letztlich um die FAZ. Er möchte seine "Gelehrten-Republik mit X-Men-Einschlag" als Modell gegen die Online-Durchschnittlichkeit profilieren. Zugleich möchte er die Überlegenheit des Denkens in Zeilen gegenüber dem Denken in Bildern hervorheben.

Schirrmacher hat sich dabei in seiner Rede mit auch Verve dem Thema Pornografie im Internet genähert. Er fordert explizit eine Debatte - deutlicher kann man ein Themenfeld nicht bestellen. Doch wer eine solche Debatte anstoßen möchte, muss sich fragen lassen zu welchem Zweck und zu welchem Ende? Derartige Inhalte - so unmoralisch und eklig sie auch sein mögen - lassen sich im dezentralen Internet wohl nur zum Preis von Zensurmechanismen chinesischen Ausmaßes aussperren. Demgegenüber scheint es für den Computer im Kinderzimmer bereits jetzt effektive Filter zu geben. Die Vermutung liegt nicht fern, dass hier das Unbehagen gegenüber dem chaotischen Internet der unkontrollierbaren Nischen einen plakativen Kristallisationspunkt erhalten soll. Die Institutionkrise des Journalimus würde so doch leidlich unredlich auf das Problem der Pornografie projiziert.

Bei Sueddeutsche.de erhielt das Schirrmacher-Manuskript einen schönen, von der Printversion abweichenden Vorspann: "Nicht das Internet ist der Feind des Journalismus, sondern das Kalkül". Zweifellos eine hübsch zweideutige Formulierung. Doch das Kalkül, also die wirtschaftliche Rationalität, kann nicht nur der Feind des Journalismus sein. Sie steht zum Journalismus in einem aufschlussreichen Spannungsverhältnis. Der "Feind", um den es in der Schirrmacher Rede geht, ist die drohende institionelle Zerbröselung des Journalismus, also der Verlust normativer Leitplanken, durch eine internetgetriebene Ökonomisierung und Banalisierung. Der richtige Vorspann zur seiner Rede hätte also heißen müssen: "Nicht das Internet ist der Feind des Journalismus, sondern seine digitale Deinstitutionalisierung."

Robin Meyer-Lucht

Robin Meyer-Lucht arbeitet als Medienwissenschaftler und Unternehmensberater in Berlin.

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