Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Fast wie bei Amazon - Rechteeinkauf bei der FAZ

Von Thierry Chervel

28.09.2007.

Bitte kommentieren Sie hier
Kommentare lesen

Die FAZ darf selbstverständlich Rechte an ihren Artikeln elektronisch weitervertreiben. Das tut sie auf ihrer Website faz-archiv.de. Der Perlentaucher (mehr zum Prozess der FAZ und SZ gegen den Perlentaucher, in dem es auch um Urheberrechte geht, hier, mehr zur Auseinandersetzung zwischen FAZ und Perlentaucher hier) hat's ausprobiert. Unsere Wahl fiel auf Günter Grass' Nobelpreisrede, die in der FAZ vom 9. Dezember 1999 veröffentlicht war.

Diesen Artikel im FAZ-Archiv zu erwerben, ist wirklich kinderleicht - fast wie bei Amazon! Zunächst einmal muss man bei der FAZ das Recht erwerben, Grass' Nobelpreisrede überhaupt lesen zu dürfen. Hierfür verlangt diese Zeitung 2 Euro, die man per Kreditkarte entrichten kann.

Als nächstes gibt man an, für seine Internetadresse die Nutzungsrechte zur Wiederveröffentlichung erwerben zu wollen, trägt seine Internetadresse ein und macht wahrheitsgemäße Angaben über die Nutzerzahlen seiner Adresse. Dann hilft ein Blick auf die Preistabelle der FAZ: Der Perlentaucher hat 1,5 Millionen Seitenaufrufe im Monat. Die Wiederveröffentlichung der Grass-Rede mit Erlaubnis der FAZ kostet den Perlentaucher 265 Euro für einen Monat.

Man erklärt sein Einverständnis mit den allgemeinen Geschäftsbedingungen, klickt auf den abschließenden Kaufbutton, und die FAZ gratuliert: "Vielen Dank, Sie haben erfolgreich Nutzungsrechte erworben." Das Geld ist überwiesen. Die FAZ bestätigt die Kreditkartenbuchung per E-Mail.

Die FAZ genehmigt dem Perlentaucher damit, Grass' Nobelpreisrede zu veröffentlichen. Voraussetzung ist selbstverständlich eine korrekte Copyright-Angabe: "Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main."

Der Perlentaucher hat sich gegenüber der FAZ auch verpflichtet, Grass' Nobelpreisrede nach Ablauf der Monatsfrist von seiner Internetadresse herunterzunehmen. Hinzu kommt folgende Geschäftsbedingung: "In jedem Fall hat der Kunde unmittelbar nach Erlöschen des Nutzungsrechts sämtliche etwa bei ihm noch gespeicherten Informationen zu vernichten bzw. von den entsprechenden Datenträgern zu löschen. Sollten der F.A.Z. begründete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass der Kunde der vorstehenden Verpflichtung nicht nachgekommen ist, steht der F.A.Z. das Recht zu, in den Geschäftsräumen des Kunden durch einen zur Berufsverschwiegenheit verpflichteten Sachverständigen überprüfen zu lassen, ob der Kunde seiner Verpflichtung nachgekommen ist."

Ist das so zu verstehen, dass der Perlentaucher mit dem Besuch eines Sachverständigen zu rechnen hätte, der überprüfen würde, ob irgendwo in den Perlentaucher-Computern noch Grass' Nobelpreisrede gespeichert ist?

Bevor der Perlentaucher Grass' Nobelpreisrede nun veröffentlicht, fragen wir lieber noch mal in Grass' Sekretariat nach. Das Erstaunen ist groß. Dort versichert man, dass Grass der FAZ für Texte, die er in dieser Zeitung veröffentlicht hat, niemals Nutzungsrechte zur Wiederveröffentlichung in Drittmedien eingeräumt hat. Im Fall der Nobelpreisrede liegen diese Rechte ohnehin exklusiv bei der Nobel-Stiftung, sagt man uns.

Das wird in Stockholm bestätigt. Der Nobelpreis ist eine Würdigung durch die Schwedische Akademie der Wissenschaften. Die lässt sich grundsätzlich von den Preisträgern das Recht einräumen, über die bei der Preisverleihung gehaltenen Reden nach eigenem Gutdünken zu verfügen. Das ist außergewöhnlich, aber dafür ist der Nobelpreis auch ganz gut dotiert. Auf diese Weise sichert die Stiftung sich die Möglichkeit, die Nobelpreisreden umfänglich zu verbreiten und sie jedermann kostenfrei zugänglich zu machen - tatsächlich sind sie auch auf der Homepage der Nobelstiftung jederzeit nachzulesen.

Die Justiziarin der Stiftung, Erika Lanner, schreibt uns in einer Mail: "Das Verfahren, das Sie erwähnen, in dem eine Zeitung die Veröffentlichung einer copyright-geschützten Nobelpreisrede bei dritten Parteien in Rechnung stellt, ist vom Copyright-Inhaber, der Nobel-Stiftung, nicht genehmigt."

Auch andere in der FAZ abgedruckte Texte von Günter Grass lassen sich im FAZ-Archiv "kaufen". Etwa die Rede mit dem passenden Titel "Wir Urheber" von 2005, deren Veröffentlichungsrecht für einen Monat die FAZ dem Perlentaucher ebenfalls für 265 Euro einräumte. "Wir Urheber kommen in der Öffentlichkeit nur mit Hilfe einer chronisch schmalbrüstigen Lobby zu Wort", sagt Grass da über dem Copyrightvermerk der FAZ.

Kann das rechtens sein? Dürfen Zeitungen Artikel ihrer Autoren an andere Medien weiterverkaufen, ohne sie zu informieren, sie zu beteiligen, und das sogar, wenn keine entsprechende Vereinbaung vorliegt? "Wir geben grundsätzlich keine Genehmigung dafür, dass Zeitungen Veröffentlichungsrechte an Texten von Günter Grass weitervertreiben", sagt Grass' persönliche Assistentin Hilke Ohsoling. "Diese Praxis entspricht nicht dem, was wir für richtig halten. Herr Grass und sein Verlag Steidl in Göttingen haben die Prüfung dieser Frage einem Anwalt übergeben."

Wir verzichten auf eine Veröffentlichung der Grass-Reden.

Thierry Chervel

Bitte kommentieren Sie hier
Kommentare lesen

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Essay

Selbst ist der Autor

08.02.2012. Die entscheidenden Akteure im Buchmarkt sind die Leser und die Autoren. Sie können nun direkt zueinander finden. Weitere Regulierungen braucht es nicht. Eine Antwort auf Jürgen Neffe Mehr lesen

Gemeinsam einsam: Havels Beispiel

29.12.2011. Der Dissident ist nicht tot. Vaclav Havel verkörperte diese Figur wie kein anderer. Er demonstrierte die Macht der Ohnmacht - und war siegreich. Mehr lesen

Small Town, Big Government

19.12.2011. Jedes Scheitern ist eine neue Chance: In der amerikanischen Fernsehserie "Parks and Recreation" beweist eine ambitionierte Provinzbürokratin, dass keine Bühne zu klein für einen großen politischen Auftritt ist. Solange es dem öffentlichen Wohl dient. Mehr lesen

Gutenberg und die Brandstifter

19.12.2011. Nun kommt es doch: Das elektronische Buch revolutioniert den deutschen Markt. Wenn er sich nicht schützt, gerät er in die Hände übermächtiger Akteure Mehr lesen

Ecce Pontifex

12.12.2011. Wie Nanni Moretti mit dem weißen Zauber der Improvisation den Papst zum Menschen macht. Und wie er seine Botschaft so elegant an der Oberfläche versteckte, dass sie für die Kritik undurchdringlich wurde. Mehr lesen

Nichts, das ist kein schlechter Slogan

23.11.2011. Der Zufall wollte es, dass sie in Cannes gegeneinander antraten, Terrence Malicks "Tree of Life" und Lars von Triers "Melancholia": zwei Filme, absolut heterogen, die sich doch auf irritierende Weise gleichen. Was unterscheidet den Hypersymbolismus eines Lars von Trier so radikal von Malick? Mehr lesen

Man muss sie nicht hassen

22.11.2011. Die Piraten sind ein Interessenclub für das neue WLan-Bürgertum. Ihr Wahlerfolg in der "Kreativhauptstadt" Berlin ist plausibel. Ein neues Bürgertum auf der Suche nach sich selbst. Mehr lesen

Das Dilemma der Wirklichkeitsverweigerer

06.09.2011. Lässt sich Anders Breiviks Attentat tatsächlich als "spiegelsymmetrische Entsprechung" zu 9/11 betrachten? Und warum wird ausgerechnet Henryk Broder dafür in Haftung genommen? Eine fällige Nachbetrachtung aus Anlass eines Jahrestags Mehr lesen

Der schlüpfrige Puritanismus der USA

29.08.2011. Die Häme der amerikanischen Medien im Fall DSK ist das Symptom einer ans Unheimliche grenzenden sexuellen Verklemmtheit, für deren Durchsetzung Feministinnen mit der religiösen Rechten paktieren. Wir können viel von Amerika lernen, aber bestimmt nicht die Kunst zu lieben. Mehr lesen

Boykottiert Durban 3!

22.08.2011. Aktualisierung vom 4. September: Deutschland boykottiert Durban 3. Auf der Durban-Konferenz kurz vor dem 11. September 2001 wurde Israel im Namen des Antirassismus für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Die UNO droht zum Jahrestag mit einer neuen Durban-Konferenz - unweit von Ground Zero. Demokratische Länder sollten sie boykottieren. Mehr lesen

In hoc signo vinces!

03.08.2011. Die nach Utoeya kursierende Kritik an "Islamkritikern" verdrängt den gefährlichsten Aspekt an Breiviks Tat: Sie ist selbst infiziert vom Gift, das sie bekämpft Mehr lesen

Drei Schlote, zwei Krokodile, ein Fisch

25.07.2011. Terrence Malicks Cannes-Gewinner "Tree of Life" ist kein mit harmloser Eso­terik kosmologisch überhöhtes Familiendrama, sondern ein nach Form und Inhalt hyper­reaktio­näres Manifest. Seine christlich-fundamentalistische Botschaft will verstanden werden. Wieso tut das niemand? Mehr lesen

Hätte Freud Emails geschrieben...

09.05.2011. Archive konstruieren nicht nur die Vergangenheit. Sie strukturieren auch das Denken. Was verändert sich durch ihre Digitalisierung? Mehr lesen

Leistungsschutzrechte schaden - auch den Verlagen

30.03.2011. Bis heute haben die Verlage keinen Gesetzentwurf für das seit langem herbeigebettelte Leistungsschutzrecht vorgelegt. Wenigstens hierfür verdienen sie Dank. Ein Vortrag Mehr lesen

Für eine Intervention in Libyen

16.03.2011. Wir dokumentieren einen Aufruf französischer Intellektueller für eine Sperrung des libyschen Luftraums. Lanciert wurde er unter anderem von Jane Birkin, Andre Glucksmann und Claude Lanzmann Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Essay