Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

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Post aus der Antarktis

Abschied

Von Isabel Köhler, Bernd Schuldt

03.04.2002. Wehmut bei den Pinguinen! Isabel Köhler und Bernd Schuldt haben die Forschungsstation Neumayer verlassen und schicken den Perlentaucherlesern einen Abschiedsbrief. Wir danken ihnen für ihre lehrreiche und unterhaltsame Post aus der Antarktis.

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

dies ist nun der letzte Brief, den Sie von uns aus der Antarktis zu lesen bekommen. Und das stimmt nicht einmal ganz, da wir uns bereits auf der Rückreise recht nahe der Hafeneinfahrt Kapstadts in Südafrika befinden. Wir wollen versuchen, Ihnen in diesem Brief die mitunter sehr intensiven Eindrücke der letzten Tage im Eis nahe zubringen. Sie waren geprägt von Packen, Aufräumen und Abschiednehmen....Alles hat ein Ende - Sie kennen das.

Bereits Anfang Februar begannen vereinzelt diese Zeremonien. Innerhalb weniger Minuten brach das Meereis auf, so dass der Abschied von unseren kleinen Freunden im Frack sehr schnell gehen musste. Ein gigantisches Naturschauspiel war es, als unsere Rampe vom Schelfeis zum Meereis abbrach. Isabel hatte das Glück, genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und konnte so diesen gewaltigen Kraftakt der Natur beobachten. Zunächst sah man überhaupt nichts, keinen einzigen kleinen Riss im Eis. Dann knurrte es mächtig in der Eisdecke, und nach etwa zehn Minuten war zwischen der abgebrochenen Eisscholle und der eigentlichen Schelfeiskante ca. zehn Meter der tiefe Ozean zu sehen. Wenn man bedenkt, dass Isabel kurz zuvor noch auf dieser Scholle stand, möchte man gar nicht weiterdenken, was alles hätte passieren können. Aber wir können Sie beruhigen, liebe Leserinnen und Leser, Isabel und ihre Begleiter sind unversehrt wieder zur Station zurückgekehrt. Außerdem bekamen wir an eben diesem Tag Besuch aus SANAE (hier noch eine Karte). So wäre es im Grunde kein Problem gewesen, jemanden von einer Eisscholle zu "retten"; der Helikopter war ja schon in der Nähe. Es war dennoch ein beeindruckendes Schauspiel (mehr zum Abbruch der Schelfeiskanten hier und hier, mehr zum Meereis generell hier). Wieder einmal wurde uns bewusst, wie gewaltig und rücksichtslos die Natur sein kann. Ein Abbruch an einem Gletscher in den Alpen ist im Vergleich dazu richtig langweilig.
Eine kleine Delegation von Pinguinen stand ebenso fasziniert wie wir an der Eiskante und staunte nicht schlecht, als einer ihrer Kollegen plötzlich auf einer der abgebrochenen Schollen auftauchte und verzweifelt nach seinen Freunden rief. Tja, so kann es gehen, wenn man nicht schnell genug ist. Diese kleine Gruppe hat von uns den Auftrag bekommen, die ganze Kolonie noch einmal zu grüßen und "Lebewohl" zu sagen, wir konnten es ja nun nicht mehr selbst tun.

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Traurige Pinguine

Einige Tage später reisten die ersten Sommergäste ab. Nun hieß es das erste Mal so richtig "Tschüss" sagen. Sie wurden nach SANAE geflogen und gingen von dort aus an Bord des südafrikanischen Forschungsschiffes "S. A. Agulhas", das sie zusammen mit unseren südafrikanischen Überwinterungskollegen zurück nach Kapstadt brachte. In der Zwischenzeit sind alle wohlbehalten zu Hause angekommen.

Am 18. Februar waren alle Flugaktionen abgeschlossen. Morgens wurden die letzten Personen von der Kohnen-Station nach Neumayer gebracht. So herrschte an der Station wieder reger Betrieb, der aber bereits am Abend weniger werden sollte. Die Flieger wollten noch die Etappe nach Halley schaffen, damit es dort am nächsten Morgen zeitig nach Rothera weitergehen konnte (hier noch eine Karte und eine zweite Karte mit allen Forschungsstationen in der Antarktis). Nach dem Abendessen mussten also weitere sechs Personen verabschiedet werden. Ein komisches Gefühl, da wir eine ähnliche Szene genau ein Jahr und einen Tag zuvor schon einmal erlebt hatten. Nur stand uns da noch der lange Winter bevor und nicht die baldige Rückkehr. Freude machte sich in uns breit, ein Signal mehr, dass wir es geschafft hatten, die Sommerkampagne im Grunde erfolgreich abgeschlossen war. Wir konnten also getrost nach Hause fahren. Die Triebwerke wurden gestartet und Polar 2 rutschte als erste Maschine zum Skiway. Nach dem Abheben verabschiedeten sich die Piloten mit einem tiefen Überflug von uns allen. Danach begab sich Polar 4 zur "Startbahn" und gab Gas. Auch von dieser Besatzung bekamen wir einen schönen Überflugabschied zu sehen. Langsam aber sicher verschwanden beide Polarflugzeuge am westlichen Horizont in Richtung Halley. Inzwischen sind die Flieger irgendwo zwischen Südamerika und Deutschland. Mitte März werden sie in Bremerhaven zum Fototermin erwartet...

Der nächste Abschied, der nun folgen sollte, war unser eigener!!

"S. A. Agulhas" sollte am 1. März die Atka Bucht erreichen, uns nach erfolgreichem Laden und Löschen an Bord nehmen und nach Kapstadt bringen, wo wir eigentlich spätestens am 12. März ankommen wollten. Aber das wäre ja alles viel zu einfach gewesen. Die "S. A. Agulhas" lief bereits von Kapstadt zwei Tage verspätet aus, was eigentlich kein Problem werden sollte. Immer wieder bekamen wir neue Informationen über die ETA (geschätzte Ankunftszeit), aber niemand wusste genau, wann sie wirklich in der Bucht sein würde. Hier brauchten alle an der Station sehr, sehr viel Geduld, was natürlich altgedienten Überwinterern wie uns keine Probleme bereitete.

Der normale Stationsbetrieb ging weiter, die Übergabe war ja bereits vollzogen, so dass unsere Nachfolger das Ruder in der Hand hatten, und wir uns getrost und in aller Ruhe auf unsere Abreise vorbereiten konnten.

Wir beide verabschiedeten uns auf eigene Weise von diesem Kontinent. Darüber möchten wir uns hier allerdings nicht näher auslassen - ist es doch etwas sehr persönliches. Jedenfalls war es ein bewusster Abschied, denn wir wissen ja nicht, ob wir dieses wunderschöne Fleckchen Eis jemals wieder sehen oder gar betreten werden. Wohl eher nicht, davon gingen wir zumindest aus, beziehungsweise sind wir bei unseren "Abschiedszeremonien" davon ausgegangen.

Dann erreichte uns die Nachricht, dass das Schiff in der Bucht sei, aber wegen zu starken Ostwindes nicht anlegen könne. In der Station machte sich Ungeduld breit. Es war bereits der 3. März und eigentlich wollte jeder Heimfahrer, ob Sommergast oder Überwinterer, langsam aber sicher in Richtung Heimat aufbrechen. Und die neuen Röhrenbewohner sehnten sich nach Ruhe und dem Beginn ihrer eigenen Überwinterung. Ein Gefühl, das wir sehr gut nachvollziehen können, denn im vergangenen Jahr ging es uns nicht viel anders.

Am nächsten Tag kam die "S. A. Agulhas" mehr oder weniger gut an die Kante heran. Es konnte mit der Beladung begonnen werden. Wenn es zu Beginn auch nur sehr schleppend voranging, so ging es doch voran, und die Ungeduld bei den Wartenden in der Station war nicht mehr ganz so groß wie am Vortag. Die See war leicht bis mäßig bewegt, was die Lade- und Löscharbeiten nicht gerade erleichterte. Hut ab vor den Kollegen, die diese Arbeiten direkt an der Eiskante oder auf dem schwankenden Schiff erledigten.

Am folgenden Tag war die See ruhiger und so konnten die Arbeiten zügiger vonstatten gehen. Wir beide genossen zum letzten Mal auf dem Treppenturm bei einer Tasse Tee (mit Rum) und Windstille den herrlichen Ausblick auf die Umgebung von Neumayer, unserem Zuhause der vergangenen 15 Monate. Aus unseren Gedanken und Träumereien an unserem "Lieblingsteetrinkort" holte uns die Nachricht "Sachen packen und standby sein!" auf den Boden der Tatsachen zurück. Plötzlich ging alles furchtbar schnell, wir sprangen vom Turm, packten unsere restlichen Sachen und die ersten drei Pistenbullys machten sich vollbesetzt auf den Weg zur Eiskante, zum Schiff. Wir nahmen uns das Recht, da wir nunmehr fast 15 Monate auf Neumayer gelebt hatten, erst mit dem letzten Bully zu fahren. Wir wollten uns in aller Ruhe von der Station verabschieden und sie nicht Hals über Kopf fluchtartig verlassen. Doch die ganze Aufregung war umsonst. Kurze Zeit später erreichte uns der Funkspruch, dass zwar die, die mit den ersten Pistenbullys unterwegs waren, an Bord gehen sollten, wir aber erst am nächsten Tag. Da saßen wir nun, wussten nicht so recht, ob wir uns freuen sollten, oder nicht. Wir hatten uns verabschiedet, und das sehr bewusst, wir waren bereit zu gehen, und dann sollten wir eine weitere Nacht auf der Station verbringen. Wie dem auch sei, uns blieb keine Wahl, wir mussten die Situation nehmen, wie sie war. Wir machten das Beste daraus und genossen den nun wirklich letzten Abend auf Neumayer.

Am nächsten Morgen, es war der 6. März, ging es dann pünktlich um 7:15 Uhr los. In Pistenbullys machten wir uns auf den Weg zur Schelfeiskante, verabschiedeten uns vorerst schon einmal von unserem Nachfolgern. Wir würden sie ohnehin am Schiff sehen, wenn die Ladearbeiten abgeschlossen sind und es dann wirklich losgehen sollte....

Es war ein wunderschöner Morgen. Die "S. A. Agulhas" lag im Seerauch in der Bucht, die Sonne lachte und im offenen Wasser tummelten sich einige Wale. Kaum an der Kante angekommen, wurden wir auf recht abenteuerliche Weise an Bord gehievt. Vom Peildeck aus konnten wir die restlichen Ladearbeiten verfolgen, hatten einen tollen Blick auf die Bucht und zur Station. Als unsere Ablösung am Liegeplatz auftauchte, dachten wir eigentlich, dass sie noch an Bord kommen würde. Doch das ging aus verschiedenen Gründen nicht. Schade eigentlich, so konnten wir nur noch die Arme ausstrecken und gegenseitig die Finger berühren und mit ihnen plaudern. Eigentlich nicht wirklich ein schöner Abschied für die, die alleine zurückbleiben. Manchmal hat man eben auf höhere Gewalten keinen Einfluss und muss die Gegebenheiten hinnehmen, wie sie sind.

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Einladen auf die S. A. Agulhas

Dann, endlich, gegen 14 Uhr war der letzte Container an Bord, sämtliche Tankcontainer auf dem Schelfeis betankt, der Kran wurde seefest gelascht, nachdem alle "Heimfahrer" an Bord waren. Auf dem Eis standen etwas einsam sieben Pistenbullys und acht rote "Männchen", die neue Überwinterungsmannschaft, darunter wieder zwei Frauen. Um 14:12 Uhr begann sich das Schiff langsam von der Eiskante zu entfernen. Entsprechend seemännischem Brauch verabschiedete sich auch die "S. A. Agulhas" mit drei langgezogenen Tönen aus dem Typhon von der Schelfeiskante.

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Abschied

Manche Träne kullerte unter den Sonnenschutzbrillen hervor...

Unsere Blicke machten die Runde. Ein überwältigender Anblick: Die Bullys mit eingeschalteten Warnleuchten, unseren Nachfolger, die Station in der Ferne und die Bucht, unsere Atka Bucht....

Gemischte Gefühle ergriffen uns. Auf der einen Seite war da ein Gefühl, das uns sagte "Jawohl, wir haben es geschafft, diesmal sind wir auf der richtigen Seite der Kante..." Auf der anderen Seite kam doch Wehmut auf, ganz besonders bei dem Blick in die Bucht, in die so langsam aber sicher wieder Eis driftete. Dieser Blick weckte Erinnerungen an die zahlreichen Ausflüge zur Pinguinkolonie, zu den Robben oder Eisbergen, die meistens Balsam für die Seele waren. Das ist nun Geschichte, manchmal fällt es schwer, dies schon wirklich zu begreifen, zu akzeptieren. Es wird vermutlich noch einige Zeit dauern, bis wir ohne Wehmut an diesen Moment des Abschieds denken können.

Nun sind wir bereits eine Woche auf See, wurden zeitweise ganz schön durchgeschüttelt. Es gab manchmal doch gelichtete Reihen zu den Mahlzeiten in der Messe. In den nächsten zwei Tagen, irgendwann, werden wir in Kapstadt einlaufen und alle von Bord gehen. Obwohl wir beide noch einige Tage Urlaub in Südafrika verbringen werden, trennen sich dann unsere Wege. Ende März werden wir nach Deutschland zurückkehren und versuchen, uns wieder in der "Zivilisation" zurechtzufinden.

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... nach Kapstadt

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir alles Gute. Einen weiteren Brief von uns aus der Antarktis wird es nicht mehr geben, aber vielleicht ja mal von einem anderen Fleckchen dieser durchaus wunderbaren Welt.

Wir hoffen, Ihnen mit unseren Briefen ein bisschen von der Faszination vermittelt zu haben, die uns überwältigt hat. Uns hat es zudem sehr viel Freude gemacht, diese Briefe zu schreiben und Sie so am Leben der Station und unserer Überwinterungsmannschaft teilhaben zu lassen.

Schön wäre es, wenn wir in dem einen oder anderen von Ihnen das Verständnis nicht nur für die sensible Antarktis, sondern generell für die Natur wecken konnten. Vielleicht gehen Sie nun bei Ihrem Nachmittagsspaziergang aufmerksamer durch die Umgebung und sehen mit einem Mal Dinge, die Sie zuvor nie bemerkt haben.....

In diesem Sinne ein freundliches Adieu und noch einmal alles Gute

Isabel und Bernd

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