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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

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Post aus New York

Schlammschlacht in Los Angeles

Von Ute Thon

25.03.2002. Die Oscars sind vergeben. Halle Berry ist als erste schwarze Schauspielerin mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet worden. Um "A Beautiful Mind", ausgezeichnet als bester Film, tobte vor der Verleihung eine Schlammschlacht.

Die gestrige Oscar-Verleihung war ein einziges Fest der Harmonie und Rührseligkeit. Es gab Schweigeminuten für die World Trade Center-Opfer, eine Hommage von Woody Allen an New York und ansonsten ziemlich wenig zum Lachen. Sidney Poitier, der erste schwarze Oscar-Preisträger, bekam Standing Ovations für seine Vorbildrolle und setzte den Ton für die politisch-korrekte Preisverteilungen, bei der sich Hollywoods afro-amerikanische Stars als Spitzenreiter platzierten. Halle Berry gewann für ihre Rolle in "Monster's Ball" als erste schwarze Schauspielerin den Preis für "Best Actress" und Denzel Washington den Besten-Schauspieler-Oscar für "Training Day". (Alle übrigen Preise finden Sie hier.) Fast hätte man glauben können, Hollywood ist eine kuschelige Familie. Man musste schon ganz genau hinsehen und -hören, um die feinen Risse in der Fassade zu erkennen. Ganz zu Anfang bemerkte Zeremonienmeisterin Whoopie Goldberg trocken, dass im Vorfeld der Oscar-Verleihung soviel Dreck aufgewirbelt worden wäre, dass alle Wettbewerbsfilme schwarz aussehen - eine Anspielung auf die erbitterte Schmierkampagne hinter den Kulissen.

Hinter den Kulissen gab es in diesem Jahr eine Schlammschlacht, wie sie die amerikanische Filmakademie, Ausrichter des Oscar-Wettbewerbs, noch nicht gesehen hat. Schmierkampagnen über Geschichtsverfälschung, versteckte antisemitische Tendenzen, Vorwürfe von Rassismus und Stimmenfang durch kalkulierte Opferhaltung überschatteten diesmal das Rennen um die Ernennung zum besten Film des Jahres. Im Zentrum der Kontroverse steht "A Beautiful Mind" von Ron Howard, der für acht Oscars nominiert wurde, darunter auch in den begehrtesten Kategorien "Best Picture" und "Best Actor". Berkommen hat er nun die Preise für die beste Regie und und den besten Film.

Der Film, der gerade auch in den deutschen Kinos läuft, basiert auf der wahren Geschichte des schizophrenen Mathematikers und Nobel-Preisträgers John Nash und hat mit Russell Crowe und Jennifer Connelly zwei preisverdächtige Hauptdarsteller. Die melodramatische Geschichte des geisteskranken Genies, das schließlich durch die Liebe einer schönen Frau gerettet wird, ist klassisches Oscar-Material. Doch bereits Anfang des Jahres tauchten im Internet und in Klatschkolumnen erste "Enthüllungen" über bewusste Auslassungen in der Filmstory auf. So soll der echte Nash einen wesentlich unsolideren Lebenswandel geführt haben als in "A Beautiful Mind" dargestellt. Er hat einen unehelichen Sohn und angeblich diverse homosexuelle Affären gehabt, und soll obendrein ein ausgesprochener Antisemit sein - Elemente, die in dem Film nicht vorkommen. Die Anschuldigung, dass der Regisseur im Dienste einer vermarktungsfähigeren Story schwere Geschichtsfälschung begangen hätte, tauchten zuerst im Drudge-Report auf, einer populären Webseite für Klatsch und Tratsch, die von Skandalreporter Matt Drudge gegründet wurde. Von dort verbreiteten sich die halbseidenen Neuigkeiten im Nu auch in die seriöse Presse. Der New York Times war die Angelegenheit gleich zwei Artikel wert, einer davon sogar auf der Titelseite. Times-Kritiker A.O. Scott verurteilt zwar die Schmierkampagne, wirft Regisseur Howard allerdings gleichzeitig vor, mit seiner Übersimplifizierung die Glaubwürdigkeit des biografischen Filmgenres zu verspielen.

Nun ist das Hollywood-Kino sicher noch nie für wissenschaftlich korrekte Widergabe von historischen Ereignissen berühmt gewesen. Wer würde schon allen Ernstes annehmen, dass das Oscar-prämierte Südstaatenmelodram "Vom Winde verweht" eine originalgetreue Rekonstruktion des amerikanischen Bürgerkriegs darstellt? Der moralisierende Ruf nach wahrhaftigeren Filmprodukten entspringt denn auch weniger der Sorge um das geistige Wohl der Kinogemeinde, sondern ist in Wirklichkeit clevere Wettkampftaktik. Wenn genug Akademie-Mitglieder an der Authentizität von "A Beautiful Mind" zweifeln, haben andere Wettbewerber vielleicht bessere Chancen. Revolverjournalist Drudge hält seine Quellen gern geheim, doch die Spur der üblen Nachrede führt auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen zur Konkurrenz. Die Los Angeles Times berichtete kürzlich, dass ein Vertreter des Miramax-Studios einen ihrer Reporter eigens anrief, um ihn auf die neuesten Gerüchte auf der Drudge-Website aufmerksam zu machen. Miramax wiederum hat mit "In the Bedroom", einen stillen Film über Tod, Trauer und Rache in einer amerikanischen Kleinfamilie, diesmal einen Außenseiterfavoriten im Oscar-Rennen, der zum Sieg ein bisschen Schützenhilfe dringend nötig hätte.

Der Wettbewerb um die umsatzsteigernde goldene Trophäe ist in den letzten Jahren zunehmend schärfer geworden. Time Magazine spricht sogar von einem wahren "Oscar-Krieg". Filmstudios geben Millionen von Dollars für zusätzliche Werbung aus, schalten doppelseitige Anzeigen in den Branchenblättern, versenden Tausende von Videos und DVDs und schicken ihre Stars auf den Talkshow-Parcours. Nach Insider-Schätzungen ließen die Studios sich ihre Oscar-Promotion diesmal 60 Millionen Dollar kosten - eine neue Rekordsumme, und etwa 30mal soviel wie "In the Bedroom" gekostet hat. Die Oscar-Kampagnen werden inzwischen geführt wie politische Wahlkämpfe. Die Studios stellen abgebrühte PR-Strategen ein, die die Gewinnchancen des eigenen Film erhöhen sollen, auch wenn es dazu gilt, den Gegner schlecht zu machen. Gerüchte, die "A Beautiful Mind" mit Antisemitismus in Verbindung bringen, können möglicherweise das Wahlverhalten der zahlreichen jüdischer Mitglieder in der Filmakademie beeinflussen. Die Basis für solche Anschuldigungen fanden Klatschkolumnisten in einer unautorisierten Biografie über John Nash.

Der Nobelpreisträger, der die Hollywoodversion seiner Lebensgeschichte abgesegnet hat, verleugnet hingegen nicht, dass er in seiner schizophrenen Verwirrung auch über Juden herzog. In einem aktuellen TV-Interview betonte er allerdings, dass das ebenso wenig seiner inneren Überzeugung entspricht wie eine andere krankhafte Wahnvorstellung jener Zeit, nämlich dass er der Kaiser der Antarktis sei.

Angesichts der Nachrichtenflut zu "A Beautiful Mind" witzelten einige Zyniker bereits, dass das Produktionsstudio Universal den Skandal vielleicht sogar selbst ins Rollen brachte. Tatsache ist, dass kurz vor der Oscar-Entscheidung über keinen anderen Spitzenreiter, weder "Moulin Rouge", "Gosford Park" oder den mit 13 Nominierungen anfangs favorisierten "Herr der Ringe", soviel geredet wurde. So könnte sich die Schmierkampagne letztlich in einen glorreichen Siegesmarsch verwandeln. Was einmal mehr beweisen würde, wie dicht in Hollywood Schmutz und Glanz zusammenliegen.

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