Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Mord und Ratschlag
Deprimierende Strickjacken
Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
07.03.2005. Auch in Island wird gemordet, in den Island-Krimis von Stella Blomkvist und Arnaldur Indridason trifft es gern gehässige Literaturkritikerinnen oder ehemalige Kinderstars.
"Heute Nacht will ich einen Orgasmus haben. Ganz klar." So redet Stella Blomkvist, Ich-Erzählerin und pseudonyme Autorin des isländischen Kriminalromans "Das ideale Verbrechen". Auch wenn es um andere Themen geht, zum Beispiel um eine "geschickte Köchin", bevorzugt die Anwältin den kurzen, oft subjektlosen Satz: "Es macht ihr unglaublichen Spaß, Gerichte aus ihrer Heimat zuzubereiten. Lächelt uns oft zu. Erklärt uns das Gericht: Adobo. Verwendet köstliches Schweinefleisch. Würzt mit zwei Zwiebelsorten, Zitronensaft, Sojasoße und anderen Leckereien." Dieser Stil soll zeigen: Stella sagt zupackend, was zu sagen ist, alles andere lässt sie weg. Für ihre Mandanten legt sie sich furchtlos mit Polizisten und Dunkelmännern an; für sie selbst fällt ab, was in anderen Krimis männlichen Detektiven vorbehalten bleibt: Lust (mit zarten Frauen und hengsthaften Männern), Whisky, ein mythostauglicher Mercedes. Stella, so die Botschaft des Stummelstils, ist frech und widerständig.
In "Das ideale Verbrechen" hat sie es mit zwei Fällen zu tun. Der erste: Vor laufender Kamera stirbt, viel zu jung für einen Herztod, die Fernsehmoderatorin Steinunn. Ihre Assistentin Asta, später Stellas Klientin, wird verdächtigt, ihr Gift ins Wasserglas getan zu haben. Aber war das Glas überhaupt für Steinunn bestimmt? Deren Studiogast war nämlich die Literaturkritikerin Hallgerdur. Die hat ungefähr so viele Feinde, wie sie Bücher verrissen hat, und zum Gatten einen hämischen Taugenichts.
Der zweite Fall dreht sich um die junge Philippina Corazon. Ein Isländer lockt sie als Au-pair-Mädchen ins Land, dort wird sie festgehalten und von einem mächtigen kriminellen Unternehmer und dessen Freunden vergewaltigt. Das gilt es zu beweisen, doch der Ermittlungseifer der Polizei hält sich in Grenzen. In diesem Teil ist der Roman schwarzweiß: Böse Männer sind gewalttätig, gute Männer schwach oder lächerlich; sensibel, verletzlich, fürsorglich sind die Frauen.
Je länger man liest, desto mehr empfindet man Stellas Widerstandsstil als Schwindel. Denn nicht wörtlich, aber in der Quintessenz ihrer kurzsätzigen Brandreden behauptet die Anwältin solche Sachen: Reiche Menschen sollten nicht über dem Gesetz stehen. Frauen sollten genauso wirr herumvögeln dürfen wie Männer. Vergewaltigungen sind schlecht. Feige Polizisten auch. Ein autobiografisches Buch sollte man als Kritiker nicht so besprechen, dass die labile Verfasserin an Selbstmord denkt. Mit alledem hat Stella so offensichtlich Recht, dass fast niemand ihr widersprechen wird. Im rebellischen Gestus sagt sie das Selbstverständliche, das mag Lesern gefallen, die sich ihrerseits für Selbstverständliches als Rebell fühlen möchten. In Deutschland erschien der erste Stella-Blomkvist-Roman im März 2003, im August dieses Jahres kommt der fünfte. Die Bücher sind für einen schnellen Erfolg auf dem internationalen Markt geschrieben. Das ist nicht verboten, aber muss man es sich so einfach machen?
Dass sich nämlich auch Romane gut verkaufen können, aus denen nicht alle Ambivalenzen ausgeblendet sind, zeigen die Bücher von Arnaldur Indridason. "Engelsstimme", erinnert vordergründig in einigem an "Das ideale Verbrechen". In der Tiefe nicht.
Gemeinsamkeiten: Auch "Engelsstimme" spielt überwiegend in Reykjavik und zum kleineren Teil auf dem Land. Die Polizistin Elinborg und ihre Kollegen Erlendur und Sigurdur Oli arbeiten an zwei Fällen gleichzeitig. Der eine: In einem vorweihnachtlich ausgebuchten Hotel wird der Portier erstochen. Er war 48 Jahre alt, schwul und hat seit vielen Jahren an seinem Arbeitsplatz gewohnt, in einer winzigen Kammer. Der andere: Ein Schuljunge sagt nicht, wer ihn zusammengeschlagen hat. Elinborg versteift sich darauf, dass es sein Vater war. Wie Stella Blomkvists Buch wird "Engelsstimme" - abgesehen von eingeschobenen Rückblicken und kleinen sonstigen Ausnahmen - aus einer einzigen Perspektive erzählt, der von Erlendur, wenn auch nicht in Ich-Form. Wie "Das ideale Verbrechen" liest es sich leicht - der 1961 geborene Indridason ist als Journalist auf Verständlichkeit gebimst.
Während sich aber in Stella Blomkvists Buch jeder Verdacht schnell bestätigt, muss Erlendur tiefer graben. Er findet heraus, dass der Portier, Gudlaugur Egilsson, ein Kinderstar war, bevor, gleich am Anfang seines größten Konzerts, seine Engelsstimme dem Stimmbruch zum Opfer fiel. Damit verbunden ist ein Familiendrama: Egilssons Vater, seine Schwester und er selbst haben sich gegenseitig zerstört. Zuletzt hat Egilsson vor allem Unglückliche und Seltsame angezogen, zum Beispiel einen drogensüchtigen Strichjungen, dessen Schwester im Hotel arbeitet. Noch ein drittes Geschwisterpaar spielt eine Rolle: Kommissar Erlendur fühlt sich schuldig, weil er, schon als Kind, seinen Bruder überlebt hat. Vielleicht hat er deshalb die falsche Frau geheiratet, ihr nach der Scheidung die Kinder überlassen und sich niemandem mehr verbunden.
So wie mit den Geschwistern und der Vaterschaft ist es in Indridasons Roman auch sonst: Alles, was für eine Person wichtig ist, treibt noch mindestens eine andere um. In Thema und Variationen ist der Roman vielschichtig. Die drei Polizisten etwa stehen für drei Lebensformen: Elinborg ist Großfamilienfrau, Erlendur ein einsamer Single in einer deprimierenden Strickjacke, Sigurdur Oli und seine Frau haben ungewollt noch keine Kinder. Indridason ist kein Schwarzweißzeichner, sein Roman handelt von Widersprüchen. Elinborg muss einsehen, dass ein arroganter Unternehmer ein guter Vater sein kann. Vorher, im Verhör, hat sie ihn gedemütigt und getreten. Jemand anderes tötet aus hilfloser Liebe. Und Erlendur kümmert sich wieder um seine Tochter. Wird er auch seinen Sohn wiedersehen?
Stella Blomkvist: "Das ideale Verbrechen". Roman. Aus dem Isländischen von Elena Teuffer. btb, München 2004, 223 Seiten, Taschenbuch, 8,50 Euro (Bestellen)
Arnaldur Indridason: "Engelsstimme". Island-Krimi. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling. Edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2004, 379 Seiten, gebunden, 18 Euro (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen
Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen
Siegelringzellen-Krebs
12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen
Gehobene Koks-Klasse
07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen
Emotional labiler Federfetisch
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen








