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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Virtualienmarkt

Egocasting

Von Robin Meyer-Lucht

23.02.2005. Der Trend geht zur Fetischisierung des eigenen Medienkonsums. Aber Technik bedeutet Gewinn von Möglichkeiten und Verlust von Beschränkungen. Ob bei  iPod, TiVo oder Weblog: - es ist hilfreich, beides zu betrachten.

Zur Eröffnung des Berliner Medienkunstfestivals transmediale erzählte dessen Leiter Andreas Broeckmann eine Geschichte davon, was Technik bedeuten kann: Sie handelt von zwei Ehepaaren, die jeweils eine künstliche Befruchtung in Auftrag gegeben hatten. Im Labor werden die Eizellen versehentlich vertauscht. Die falschen Kinder werden gezeugt und nichts ahnend ausgetragen. Die Sache kommt heraus und die "Technikbenutzer" sehen sich entsetzt und ratlos vor Gericht wieder. Im Falle des einen Kindes gibt es nunmehr drei Frauen, die alle behaupten könnten, seine Mutter zu sein: Die Ei-Spenderin, die Leihmutter, die es ausgetragen hat, und die Frau, die für den ganzen Prozess bezahlt hat.

Das Beispiel soll verdeutlichen: Technik macht atemberaubend viel möglich - und diese Möglichkeiten müssen kulturell, sozial und juristisch verwaltet werden.

Der Prozess der technologischen Entwicklung lässt sich schreiben als Geschichte des Gewinns von Möglichkeiten oder aber des Verlustes von Beschränkungen. Die erste Denkart ist von Technologie-Unternehmen oder von der technologisch orientierten Linken bekannt. Der zweite Ansatz entspricht dem kulturkonservativen Impuls in der Tradition etwa eines Neal Postman. Er kommt häufig etwas behäbig, altväterlich, gar spielverderberisch daher. Man ahnt: Das ist die Fraktion, die den Schritt von der Schreibmaschine zum PC als Kulturverlust beklagte und mit der Einführung des Walkmans die finale Banalisierung der Musik gekommen sah. Technikgeschichte ist für sie Verlustgeschichte - eine kontinuierliche Vertreibung aus dem Paradies des wohligen Gestern.

Eher von kulturkonservativer Denkart, aber dennoch sehr lesenswert ist ein Essay, in dem sich Christine Rosen mit den jüngsten unterhaltsindustriellen Apparaten beschäftigt: dem iPod und dem persönlichen digitalen Videorecorder TiVo. Beide Geräte fördern ihrer Meinung nach einen extrem individualisierten Medienkonsum. Auf das "Narrowcasting" der Spartensender und Magazine folge nunmehr das "Egocasting" der persönlichen digitalen Massenspeicher. Rosen mahnt, die Nutzer würden sich in selbst erzeugten Blasen aus hoch personalisierten Inhalten verlieren. Mögliche Folgen seien eine Fragmentierung der Gesellschaft, eine Fetischisierung des eigenen Medienkonsums, Ungeduld und der Triumph der eigenen Auswahl über jegliche Standards der Kritik. Egocasting sei nicht gefährlich an sich. Gefährlich sei, mögliche Exzesse zu leugnen. So würden TiVo-Nutzer eine geradezu religiöse Beziehung zu ihren Geräten entwickeln - und mehr, nicht weniger fernsehen.

Rosen hat einen richtigen Punkt: Vielleicht ist es an der Zeit, die coolen neuen Gerätschaften, und dazu auch so manche Internet-Applikation, auch einmal wieder unter dem Aspekt des Verlusts zu betrachten. Zwar liegt dieser Denkrichtung stets auch ein romantisiertes Bild der alten medialen Massengesellschaft zugrunde, aber der Perspektivenwechsel kann helfen, Technikfolgen umfassender zu erkennen.

Eine entsprechende Betrachtung könnte auch die weiterhin sehr emotionale Debatte um Sinn und Unsinn von Weblogs befruchten. Die Protagonisten der Weblog-Bewegung gratulieren sich weiter mit demonstrativer Selbstgewissheit für die erfolgte oder noch anstehende Teildemontage des etablierten Mediensystems. In der Tat haben Weblogs ihre unschätzbaren Vorteile. Ignacio Ramonet formulierte kürzlich sehr treffend, die Popularität der Blogs zeige, dass Leser die Subjektivität und Parteilichkeit der Blogger häufig der scheinheiligen Objektivität und Ausgewogenheit der klassischen Presse vorziehen würden. Weblogs brechen die hohle Pose der massenmedialen Realitätskonstruktion mit ihrer ausgeleierten Sprache auf. Blogs liefern wunderbare Echtzeit-Kritik und oder erweisen sich als verlässliche Filter.

Doch lohnt sich auch hier eine Verlust-Bilanz zu erstellen. Man muss nicht gleich poltern, mit Hilfe von Weblogs habe unsäglicher Meinungssenf "einen Weg durch die Staumauer gefunden". Auch anders lassen sich mögliche Nachteile von Blogs thematisieren: Was bedeutet der Teil-Abschied vom klassischen Institutionensystem Journalismus? Was bedeutet der Verlust seiner Diskursökonomie und Kohärenz, gar seiner Verdienstmöglichkeiten? Welches ist die epistemische Struktur des Wissens, wie es sich in Weblogs präsentiert?

Die Vorteile von Weblogs können zugleich ihre Nachteile sein. Den Möglichkeiten stehen der Verlust von Beschränkungen gegenüber, der kulturell und sozial verarbeitet werden muss. Diese Verluste müssen nicht gefährlich oder nachteilig sein. Gefährlich wäre nur, sie aus Selbstbezogenheit zu leugnen.

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