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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Mord und Ratschlag

Musterhaft sozialistisch erwürgt

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer

17.03.2004. Vielmännerei, Marihuana, Wein - sieht so der Alltag einer sozialistischen Vorzeigelehrerin aus? In "Handel der Gefühle", dem zweiten Band von Leonardo Paduras Havanna-Quartett, läuft noch einiges andere schief. Aber der Traum vom besseren Leben ist auch auf Kuba nicht umzubringen.

Vielmännerei, Marihuana, Wein - sieht so der Alltag einer sozialistischen Vorzeigelehrerin aus? Im Havanna-Quartett, Leonardo Paduras Krimis um den zweimal geschiedenen Teniente Mario Conde, läuft noch einiges andere schief. Aber der Traum vom besseren Leben ist auch auf Kuba nicht umzubringen.

Niemand scheint sich erklären zu können, warum Lissette Nunez Delgado ermordet worden ist. Kollegen und Schüler sagen über die junge Chemie- und Physiklehrerin aus Havanna nur das Beste. Der Beruf soll ihr Berufung gewesen sein. Als Jugendliche hat sie eine Pioniergruppe geleitet, später die Schüler- und Studentenvertretung. Ihr Vater hat staatliche Betriebe geführt, ihre Mutter ist eine erfolgreiche Journalistin. Nach Aktenlage hat Lissette musterhaft sozialistisch gelebt, und zwar nicht aus Opportunismus, sondern gern. Dann aber hat jemand sie erwürgt. Vorher hat sie binnen weniger Stunden mit zwei Männern geschlafen, freiwillig. In ihrer Wohnung muss es ein Sauf- und Marihuanagelage gegeben haben. Wie kann das sein?

Teniente (ungefähr Leutnant) Mario Conde, der in Leonardo Paduras "Handel der Gefühle" auf diesen Fall angesetzt wird, ist ein Serienpolizist. Der Roman ist der zweite Band ("Frühling") des jahreszeitlich geordneten Havanna-Quartetts. Alle vier Bücher, entstanden von 1990 bis 1998, spielen 1989. Das ist das Jahr, in dem auch in sozialistischen Staaten öffentlich gefragt werden konnte, ob der Sozialismus sozialistisch war. Davon handelt das "Havanna-Quartett": Padura will, überwiegend am Beispiel Havannas, ein umfassendes Bild der kubanischen Gesellschaft zeichnen. Zu diesem Zweck ist die Krimiform das Mittel: Mario Conde und seine Kollegen arbeiten dort, wo die Wirklichkeit besonders schmerzlich von der Propaganda abweicht.

Dass sie das überhaupt tut, ist in Paduras Krimis noch eine Nachricht. In einer Demokratie glaubt niemand, dass das Land so ist, wie die Politiker behaupten. Verglichen damit wirkt Mario Conde passagenweise naiv. Was er aufdeckt, ist ja relativ harmlos und passiert überall: Schüler kiffen, Lehrerinnen kommen Schülern zu nahe, im Abitur wird geschummelt, Frauen bessern ihre Garderobe auf, indem sie mit wohlhabenden Männern ins Bett gehen. Westeuropäische Leser finden diese alltäglichen Kleinkatastrophen weniger bemerkenswert als die zufällige Folge, dass jemand daran stirbt. Für Mario Conde dagegen sind die Verstöße ein Symbol dafür, dass etwas falsch läuft, das der Staat auch richtig machen könnte. Der Teniente, so alt wie sein 1955 geborener Autor, verliert keinen intakten Glauben mehr, aber doch eine Hoffnung.

Deren Wurzeln liegen tief: in der Schule. Lissette hat in La Vibora gearbeitet, dem Gymnasium, auf dem vor vielen Jahren Mario Conde sein Abitur erworben hat. Damals träumten die Jungen davon, jetzt gleich die aufregendsten Mädchen zu vögeln und später zum Beispiel Baseballstar zu werden. Aber eben nicht nur. Es ging auch darum, die anderen Schulen bei der Zuckerrohrernte zu übertreffen. Der junge Conde und seine Freunde wollten Sozialisten sein; bedrückend schon damals die Kluft zwischen dem, was offiziell verlangt wurde, und dem, was man tatsächlich tun musste, um nach oben zu kommen. Conde hat auf La Vibora drei Freunde für immer gefunden, den Hasenzahn, Andres und den dünnen Carlos, der längst nicht mehr dünn ist, sondern fressend und saufend im Rollstuhl sitzt, seit ihn in Angola, wo er für die gute Sache zu kämpfen glaubte, eine Kugel getroffen hat. Wenn Carlos' Mutter tot ist, will Conde, der zwei Scheidungen hinter sich hat, ihn versorgen. Keine Frau wird das mitmachen.

All dies ist so grundlegend, dass Padura es zweimal erzählt. Auch in "Ein perfektes Leben", dem ersten Band ("Winter") des Havanna-Quartetts, wird ein Vorzeigesozialist, Rafael Morin Rodriguez, als kriminell enttarnt. Aus den Import-Export-Geschäften, die er für den Staat betreibt, hat er Geld für sich selbst abgezweigt. Auch ihn kennt Conde von der Schule, und auch seine Vergehen stehen, mit kapitalistischen Augen gesehen, in keinem Verhältnis zu der Erschütterung, die sie auslösen. Auch hier wird also ein - halbwegs ehemaliger - Glaube verletzt. Vielleicht kennt Leonardo Padura diese Seelenlage von sich selbst: Er hat eine politische Strafversetzung zu einer Jugendzeitung hinter sich, wurde dort aber zu einem der meistgelesenen Journalisten des Landes und später bei einer anderen Zeitung Chefredakteur. Mag er am kubanischen Sozialismus gelitten haben - dass der ihn einfach nicht mehr interessiert, kann man sich kaum vorstellen.

Er schreibt aber zu gut, als dass er sich in diesen zeit- und ortsgebundenen Themen erschöpfen könnte. "Der tägliche Schrecken eines Polizistenlebens" ist überall ein Krimithema: der Zwang, in anderen Leben herumzustochern, misstrauisch zu sein, das Wissen um eigene Schuld, die Spannung zwischen Gesetz und Moral, Recht und Gerechtigkeit. Auf ihre Weise leiden auch zwei Kollegen daran, denen Conde in ersatzfamiliärer Weise verbunden ist: der väterliche Mayor Rangel und der ungebärdige junge Sargente Manuel Palacios. Überhaupt nicht auf Kuba beschränkt ist die Suche nach einem anderen Leben: Conde liest und schreibt, bisher nur seitenweise, aber er sehnt sich nach Romanen. Und die Liebe: Conde ist alles andere als unerfahren, aber eine Frau fürs Leben konnte er noch nicht halten. Wenn es sich direkt um Sex dreht, fällt Padura in Klischees ("ein Saugmund mit fleischigen Lippen voll sinnlicher Leidenschaft"); aber wie das ganze Leben anders aussieht, wenn man verliebt ist, wie einen dann die Lust glauben macht, man brauche nichts außer ihr, das trifft er hervorragend.

Über weite Strecken sind "Handel der Gefühle" und "Ein perfektes Leben" per "Er" aus Condes Kopf heraus erzählt: Der Leser weiß, was der Teniente denkt, alle anderen sieht er nur von außen. Darin eingeschoben finden sich lange Monologe von Menschen, denen Conde bei den Ermittlungen begegnet. Dazu kommen seine literarischen Versuche, meist Kindheits- und Jugenderinnerungen in Ich-Form. Padura arbeitet also mit drei Typen von Perspektiven; im Einzelnen könnten es so viele Blickwinkel sein, wie Conde Leute trifft. So entsteht, Buch für Buch, eine Gesellschaft. Und mehr.

Leonardo Padura: "Handel der Gefühle". Das Havanna-Quartett: "Frühling". Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2004, 255 Seiten, gebunden, 18,90 Euro (Bestellen)

Leonardo Padura: "Ein perfektes Leben". Das Havanna-Quartett: "Winter". Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2003, 288 Seiten, gebunden, 18,90 Euro (Bestellen).

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