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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

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Post aus New York

Die Tiananmen-Papiere

Von Ute Thon

08.01.2001. Die Protokolle aus Chinas innerster Führungsriege lesen sich so salopp, als hätte ein Hollywood-Skriptwriter die Finger mit im Spiel. Wie echt sind die "Tiananmen Papers"?

Die Amerikaner mit ihrer Vorliebe für die Veröffentlichung einstmals geheimer Politkonversationen haben ein neues Dokument, dass sie neben die Nixon Tapes und den Kenneth Starr-Report ins Bücherregal einsortieren können: die "Tiananmen Papers", eine Sammlung von Protokollen aus Chinas Politbüro, die die Niederschlagung der Studentenunruhen im Sommer 1989 dokumentieren sollen. Die Enthüllungen in dem diese Woche im PublicAffairs-Verlag erschienenen Buch über die geheimen Sitzungen der geriatrischen Betonfraktion rund um Deng Xiaopeng sind nicht eben neu. Der Parteichef im Ruhestand machte seinerzeit seinen immer noch allumfassenden Einfluss geltend, stürzte den moderaten Generalsekretär Zhao Ziyang, rief das Kriegsrecht in Bejing aus und ließ schließlich die Panzer über den Tiananmen-Platz rollen. Doch jetzt kann man die hitzigen Diskussionen, die am Ende zu dem brutalen Blutbad und dem faktischen Ende der Demokratiebewegung führten, erstmals im Wortlaut lesen.

Das zumindest sagen die Herausgeber des Buches. Die hoch geheimen Dokumente seien von reformfreudigen Parteigenossen außer Landes geschmuggelt worden, um so eine Diskussion über die politischen Öffnung Chinas in Gang zu setzen, heißt es in der Pressemitteilung. Geprüft und redigiert wurden die Geheimpapiere von Andrew J. Nathan, Politikwissenschaftler an der Columbia University und Cheflektor der "Tiananmen Papers". Unterstützt wurde er dabei von Perry Link, einem Literaturwissenschaftler der Princeton University und Orville Schell, einem Chinaexperten und Chef der Journalistenschule an der Berkeley University.

Nach ausführlichen Gesprächen mit dem mysteriösen Überbringer der Dokumente, der sich unter dem Pseudonym Zhang Liang vorstellte, hätte man überzeugende Argumente für die Authentizität gefunden, sagt Nathan in dem Magazin Foreign Affairs, das in seiner Januar/Februar 2001-Ausgabe einen Vorabdruck der Tiananmen-Dokumente liefert.Die New York Times ist da etwas skeptischer. Zwar vermeldete sie die bevorstehende Veröffentlichung der "Tiananmen Papers" auf Seite Eins. Doch Richard Bernstein äußert Zweifel an der Echtheit. "Schon mehrmals in jüngerer Zeit wurden chinesische Dokumente, deren Veröffentlichung anfangs bejubelt wurden, später als Fälschungen diskreditiert", warnt der Times-Redakteur. Als Beispiel nennt er den angeblichen Insider-Bericht über den gescheiterten Mao-Nachfolger Lin Bao, der 1983 mit großen Fanfaren publiziert wurde, heute aber nur noch zweifelhafte Glaubwürdigkeit besitzt.

Tatsächlich lesen sich die Protokolle aus Chinas innerster Führungsriege so salopp, als hätte ein Hollywood-Skriptwriter die Finger mit im Spiel. "Natürlich wollen wir eine sozialistische Demokratie aufbauen, aber wir können das nicht überstürzen und wir wollen schon gar nicht diesen ganzen westlichen Kram", wird da beispielsweise Genosse Deng Xiaoping zitiert. "Wenn unsere Milliarde von Leuten plötzlich in Mehrparteien-Wahlen springen würde, würden wir ein Chaos erleben wie seinerzeit während der Kulturrevolution... wenn die Dinge so weitergehen, könnten wir sogar unter Hausarrest enden." Worauf Wang Zhen, ebenfalls ein Mitglied der alten Parteiriege, empört entgegnet: "Diese gottverdammten Bastarde. Was denken die eigentlich, wer sie sind? Trampeln schon so lange auf geweihter Erde wie dem Tiananmen-Platz herum?! Die fordern es doch richtig heraus. Wir sollten sofort die Truppen einsetzen und uns diese Konterrevolutionäre schnappen, Genosse Xiaoping! Wofür haben wir schließlich die Befreiungsarmee? Jeder, der versucht, die kommunistische Partei zu stürzen, verdient den Tod und kein Begräbnis."

Bei solch deftigen Dialogen hat man die TV-Miniserie mit dramatischen Titel wie "Tragödie am Tiananmen" schon förmlich vor Augen. Dabei sind Chinas Apparatschiks eigentlich eher für ihren trockenen, verklausulierten Sprachstil bekannt. Ob die chinesischen Parteiführer hinter verschlossenen Türen wirklich wie US-Cowboys reden, ob es mit dem Übersetzer durchgegangen ist oder ob jemand die ganzen Berichte frei erfunden hat, lässt sich schwer nachprüfen. Die Basis der Tiananmen Papers bilden laut Verlag anonyme Computerausdrucke und keine Original-Dokumente oder Tonbandaufzeichungen. Wer auch immer der Urheber der Protokolle ist, sie zeichnen ein packendes Bild von den Ereignissen hinter den Kulissen der Macht im Mai und Juni 1989 in Beijing und werden besonders in China, wo noch immer jegliche öffentliche Diskussion über das Tiananmen-Massaker tabu ist, auf großes Interesse stoßen. Im April soll das Buch auch auf Chinesisch erscheinen und unter anderem in Hongkong verkauft werden.

"Die Gründe für diesen Zwischenfall stehen im globalen Zusammenhang", sagt Deng an anderer Stelle. "Die westliche Welt, besonders die Vereinigten Staaten haben ihre ganze Propagandamaschine auf Agitationsarbeit eingerichtet und geben den sogenannten Demokraten in China Hilfestellung. Das ist die Wurzel des Chaos." Ob nun echt oder clever erfunden, dieses Zitat ihres verstorbenen Chefideologen wird Chinas jetziger Führung noch lange in den Ohren klingen.

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