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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

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Post aus New York

New York, 13.9.01: Stars & Stripes

Von Ute Thon

15.09.2001. "Zu Boden geschlagen, weinen wir / Weinend stehen wir auf / Stehend kommen wir zusammen / Zusammengekommen fragen wir / Wie können wir helfen / Lasst uns zusammen arbeiten, nicht Krieg führen!" Reaktionen auf das Attentat.

Amerikanische Flaggen überall. Sie flattern an Häuserfronten, Autoantennen, Kinderwagen, T-Shirts, den Helmen der Feuerwehrmänner, selbst die ersten geborgenen Leichen aus den Ruinen des World Trade Centers werden ins Star Spangled Banner gehüllt. Walmart, Amerikas größte Supermarktkette, meldet, in allen Filialen sei die amerikanische Flagge ausverkauft sind. Drei Tage nach den Anschlägen schwappt eine Welle des Patriotismus über New York und ganz Amerika. "Die Terroristen wollten das Herz unserer Nation zerstören", sagt ein erschöpfter Rettungsarbeiter, der sich die Fahne als Kopftuch umgebunden hat. "Womit sie nicht gerechnet haben, ist, dass dieses Ereignis uns nur stärker macht." Nathan Lane, der Star des Erfolgsmusicals "The Producers", das heute Abend wieder auf dem Broadway-Programm steht, sagt, dass Schauspieler gerade jetzt spielen müssten, "um den Angreifern zu zeigen, dass wir nicht unterzukriegen sind". Stimmen wie aus einem regierungsgesponserten Durchhaltefilm.

Das Gewicht der Katastrophe rückt Amerika als Nation dichter zusammen. Politischer Dissenz wird beiseitegeschoben, das Wir-Gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl gepflegt. New Yorker beschlagnahmen das Ereignis als ihre ureigene, nationale Prüfung, als Test für die kollektive Reaktion auf eine persönliche Kränkung. Wer sich dem Patriotismus entzieht, wird automatisch zum Außenseiter in dieser Großstadt, die mir letzte Woche noch als Vorbild des transnationalen Zusammenlebens galt. Ein Pressefotograf, der die Ereignisse der letzten beiden Tage mit seiner Kamera aufgezeichnet hat, fragt mich, ob man die Attentate nicht schon jetzt als den wichtigsten Einschnitt in der modernen Geschichte einstufen müsse - wichtiger noch als die Ermordung Kennedys, der Vietnamkrieg oder den Fall der Berliner Mauer?

Auf der Lexington Avenue, Ecke 28. Straße, zwei Blocks von dem Missing Person Center, wo Informationen zu Vermissten gesammelt werden, gibt es am Nachmittag ein spontanes Jubelfest. Der Grund: Bill und Chelsea Clinton haben auf ihrem Weg nach "Ground Zero", dem Epizentrum der Zerstörung in Downtown Manhattan, einen Zwischenstopp eingelegt. Passanten klettern auf die Motorhauben ihrer Autos, umringen die schwarzen Limousinen und applaudieren. Clinton schüttelt die Hände der Umstehenden und gibt ein Spontaninterview. "Wir alle wünschen uns schnelle Antworten", sagt er. "Doch wir sollten uns darauf einstellen, dass es diesmal keine einfachen Lösungen gibt." Die Menge antwortet mit "We love you, Bill"- "Verlass' uns nicht"-, und "Chelsea for President"-Rufen. Die New Yorker machen keinen Hehl daraus, dass sie sich in dieser schwersten aller Stunden einen Mann von der Statur Clintons als Staatsführer wünschen.

Derweil bemüht Präsident Bush Jr. in Washington das abgedroschene Kalte-Krieger-Vokabular seines Vaters. "Uns ist der Krieg erklärt worden, aber wir werden die Welt zum Sieg führen..." Die Angst, dass Amerika durch vorschnelle, reflexartige Militärschläge einen neuen Weltkrieg auslösen könnte, wächst. Morgen will Bush New York besuchen, ein PR-Trip mit sorgfältig inszenierten Fototerminen mit den Rettungsarbeitern und am Krankenbett von Opfern. Hoffentlich nimmt er sich darüber hinaus die Zeit für einen kleinen Abstecher zum Union Square Park. Dort hat ein NYU-Student gestern leere Papierbahnen aufs Pflaster geklebt und Passanten aufgefordert, ihre Gedanken, Sorgen und Hoffnungen aufzuschreiben. Der Platz hat sich innerhalb kürzerster Zeit in eine zentrale Gedenkstätte verwandelt.

Tausende von Menschen kommen und hinterlassen Notizen, bringen Blumen, zünden Kerzen an, kleben Fotos von Vermissten auf. Zwei blonde Models, wegen der Absage der Fashion Week wohl ihrer Auftritte im Rampenlicht beraubt, haben sich die amerikanische Flagge auf ihre schönen Gesichter gemalt und posieren nun für die Fernsehkameras. Ein Zeichen, dass die Grenzen zwischen Anteilnahme und Exhibitonismus auch hier bereits verwischen.

Auf den meterlangen Papierschlangen liest man unzählige Appelle zur Besonnenheit, kaum einen Ruf nach Rache. "Wir müssen unsere politischen Führer dazu bringen, nicht die Flammen der Selbstmordattentäter durch einen unüberlegten Bombenkrieg zu entfachen", schreibt einer. "Im Namen aller Indonesier und Muslime verurteile ich diesen Anschlag. Bitte vergesst nicht, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Ich liebe New York", schreibt eine andere. Und ein dritter dichtet: "Zu Boden geschlagen, weinen wir / Weinend stehen wir auf / Stehend kommen wir zusammen / Zusammengekommen fragen wir / Wie können wir helfen / Lasst uns zusammen arbeiten, nicht Krieg führen!" Am Abend versammeln sich 3000 Menschen zu einer Lichterkette auf der Brooklyn Heights Promenade. Auf dem Union Square leiten tibetanische Mönche derweil eine buddhistische Andacht. Sie murmeln Gebete und singen. Viele New Yorker lassen sich auf der Wiese nieder, schließen die Augen, halten inne. "Vielleicht ist das der Anfang einer neuen Friedensbewegung", sagt ein Musiker, den ich am Rande treffe. "New York ist zu wichtig für die ganze Welt, um es engstirnigen amerikanischen Patrioten für ihre Propaganda zu überlassen."

30 Straßen weiter südlich rauchen immer noch die Trümmer. Kurz nach Mitternacht ziehen Gewitterwolken auf, es blitzt und donnert, dann fällt Regen. Wie bei einer Sintflut.

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