Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Post aus New York
New York, 14-16.9.01: Purpurrote Wut
Von Ute Thon
16.09.2001. Bushs erste Reaktion auf den Terroranschlag konnte niemand überzeugen. In den ersten Tagen nach dem Attentat fiel daher New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani die Rolle des souveränen Krisenmanagers und tröstenden Landesvaters zu.
Nicht nur der Anblick der zusammenstürzenden World Trade Center-Türme war für die Amerikaner ein echter Schock. Schockierend war auch die offenkundige Führungsschwäche und Unsicherheit ihres Präsidenten unmittelbar nach dem Terroranschlag. Zuerst versteckt er sich für Stunden, dann liest er papierene Floskeln vom Teleprompter ab, scheint also nicht einmal angesichts einer solch blutigen Katastrophe in der Lage, seine Trauer, Wut und Entschlossenheit in eigenen Worten auszudrücken. "Mr. Bush braucht weniger vorgefasste Rhetorik von alliterationsverliebten Phrasendreschern, die schöne Worte in seinen Mund legen, die klingen als habe sie ein glibberiger Stylist geschrieben, und mehr Zeit für seine Bürger", empörte sich Frank Rich in der New York Times.
In den ersten Tagen fiel New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani die so dringend benötigte Rolle des souveränen Krisenmanagers und tröstenden Landesvaters zu. Er wischte sich den Ruß aus dem Gesicht, hielt die erste Pressekonferenz, kaum dass sich der Ascheregen gelegt hatte und hielt die Nation auch nach Mitternacht noch mit Informationen zum Stand der Rettungsarbeiten auf dem Laufenden. Er fand die richtigen Worte - ohne Skript. Auf die vorschnelle Frage eines CNN-Reporters nach der Zahl der Opfer antwortete er mit beklemmender Schlichtheit: "Ich fürchte, wenn wir das erst wissen, werden es mehr sein, als wir ertragen können". Selbst seine schärfsten Kritiker loben Giuliani neuerdings für seinen uneitlen Führungsstil. "Ein Mann, der an einer schrecklichen Aufgabe gewachsen ist", schreibt Joan Walsh im Salon-Magazin. "Wenn Bush nach einer angemessenen Rolle strebt, sollte er sich ansehen, was Giuliani in den letzten Tagen geleistet hat."
Diesen Rat hat sich der "Führer der freien Welt" offenbar zu Herzen genommen. Am Donnerstag verkündete er in einem für die Fernsehkameras inszenierten, betont lockeren Telefongespräch mit Giuliani, dass er persönlich nach New York kommen werde, um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen und die Rettungsarbeiter "zu umarmen und mit ihnen zu weinen". Eine überraschende Wendung, hatte Bush doch in seiner Ansprache am Dienstag Abend New York kaum mit einem Halbsatz erwähnt. Die Demokraten-Hochburg mit ihren liberalen Kultureliten und dem eloquenten Bürgermeister ist dem Texaner eigentlich ein Gräuel. Dennoch reiste er am Freitag Nachmittag unter strengsten Sicherheitsbedingungen an. Die Stadt, ohnehin schon unter strenger Militärbelagerung, wurde noch mehr lahmgelegt. F-16-Bomber röhrten durch die Luft, der Passagierflugverkehr, nach dreitägigem Stillstand gerade erst wieder aufgenommen, wurde erneut gesperrt. Nach seiner Ankunft an einem geheimgehaltenen Flugfeld außerhalb New Yorks, rast Bush mit einer Autokolonne mit 20 Fahrzeugen quer durch Manhattan. Derweil werden am zerstörten World Trade Center Hunderte von Feuerwehrmännern, die eben noch nach Überlebenden gruben, am Rande der Ruinen als Empfangskomitee gruppiert.
Nach stundenlangem Warten taucht der Präsident endlich auf. Wie auf Bestellung wechselt das Licht. Der trübe Regenhimmel reißt auf, als Bush im grauen Arbeiterblazer und offenem Hemd durch den Matsch schreitet. Reporter müssen großen Abstand halten. Die sorgfältig geplante Begehung von "Ground Zero" wird von den Kameras nur aus der Ferne, wie ein zufällig eingefangenes Bild aufgezeichnet. Bush schüttelt Hände, klopft Feuerwehrleuten jovial auf die Schulter. Dann schwingt er sich mit einem Megaphon in der Hand auf einen LKW - die revolutionäre Heldenpose. "Ich höre euch, der Rest der Welt hört euch und die Leute, die diese Gebäude niedergerissen haben, werden schon bald von uns allen hören", schreit er. Die Arbeiter antworten mit Sprechchören: "USA, USA, USA!".
Der Auftritt verfehlt seine Wirkung nicht. Die Amerikaner lieben solche Bilder. Nach dem New York-Besuch gehen Bushs Beliebtheitswerte steil nach oben. Über 80 Prozent finden plötzlich wieder, dass er seine Sache ausgesprochen gut macht. Als er im Javits Center die Angehörigen von Vermissten trifft, reichen ihm die Leute sogar die Fotos der Toten für ein Autogramm. Laut Umfragen unterstützt inzwischen auch eine überwiegende Mehrheit Bushs Idee, einen Krieg zu starten. "Von vielen Personen des öffentlichen Lebens, die die Außenpolitik der Regierung Bush noch vor kurzem heftig kritisiert haben, ist jetzt nur noch eines zu hören: dass sie gemeinsam mit dem gesamten amerikanischen Volk, vereint und furchtlos hinter dem Präsidenten stehen", beobachtet Susan Sontag.
Kritik an Washington gilt plötzlich als unamerikanisch, fast schon als Verrat. Die US-Medien haben aufgehört, dem Präsidenten mit zielgerichteten Fragen zur inneren Sicherheit oder zur Außenpolitik zu belästigen. Stattdessen rüsten sich die Reporter schon für die Frontberichterstattung. Das Nachrichtenmagazin Time veröffentlichte am Wochenende eine Extraausgabe mit schockierend unverblümter Kriegstreiber-Propaganda. "Was wir jetzt brauchen, ist eine vereinte, verbindende Pearl-Harbor-mäßige purpurrote Wut, die nicht nach ein, zwei Wochen wieder versickert", schreibt Lance Morrow in einem wütenden Kommentar. "Lass Amerika die reichhaltigen Möglichkeiten der 'Fatwa' ausloten. Eine Politik der gezielten Brutalität. Amerika muss eine verlorengegangene Disziplin, nämlich selbstbewusste Rücksichtslosigkeit, wiedererlernen - und wir müssen wieder lernen, warum die menschliche Natur uns alle mit einer Waffe namens Hass ausgestattet hat. Die Präsidentschaft von George W. Bush beginnt jetzt."
Archiv: Post aus New York
Kopf in den Sand
10.11.2003. Auf schlechte Nachrichten aus dem Irak reagiert die Regierung Bush vor allem mit den bewährten Mitteln der Medienpolitk: Restriktion und Plauderei. Doch allmählich entwickeln die amerikanischen Medien wieder Beißreflexe. Mehr lesen
Der andere Ground Zero
02.10.2003. Bis zu 20.000 schwarze Sklaven sollen unter dem Pflaster von Downtown Manhattan verscharrt worden sein. Morgen werden erstmals Überreste dieser namenlosen Toten auf dem African Burial Ground beigesetzt. Mehr lesen
Zensiert in China: Hillary Clintons Memoiren
25.09.2003. Hillary Clintons "Memoiren" wurden in der chinesischen Übersetzung zensiert. Der Verlag der US-Senatorin wehrt sich mit einer speziellen Website. Mehr lesen
Ist Gott schwarz?
27.06.2003. In dem Film "Bruce Almighty" wird Gott von einem Schwarzen gespielt - ist das rassistisch? Mehr lesen
Reagans dritte Amtszeit
29.01.2003. Amerika vor dem Krieg - ein Stimmungsbild. Mehr lesen
Beruhigender Einfluss
07.01.2003. Die amerikanische Regierung beauftragte 15 Schriftsteller, darunter Richard Ford, mit einem Propagandabuch über die amerikanischen Werte. Nur die Amerikaner dürfen es nicht lesen. Mehr lesen
Schiffbruch mit Pi
11.11.2002. Gerade erst hat Yann Martel für seinen Roman "Life of Pi" den Booker-Preis erhalten, da ist er schon Gegenstand einer Plagiatskontroverse. Hat er vom brasilianischen Moacyr Scliar abgeschrieben? Ute Thon untersucht die Affäre - mit vielen Links. Mehr lesen
Kontroverse Koranlektüre
31.08.2002. Sollen amerikanische Studenten den Koran lesen? In den USA ist eine heftige Debatte entbrannt um ein Sommerleseprogramm der University of North Carolina, das ein Buch über 35 frühe Suren des Korans empfiehlt. Mehr lesen
Singt noch aus dem Jenseits: Elvis
16.08.2002. Vor 25 Jahren starb Elvis Presley - Die Musikindustrie versucht, das Phänomen neu zu definieren. Mehr lesen
Ist die New York Times gegen Israel?
14.06.2002. Sind die amerikanischen Medien zu palästinenserfreundlich? Ja, glauben viele Israel-Sympathisanten und rufen zum Boykott der New York Times, Los Angeles Times und der Washington Post auf. Aber nicht jeder findet das klug. Mehr lesen
Kampf der Giganten
15.04.2002. Überzogenes Budget, fahnenflüchtiger Robert DeNiro und Cinecitta-Mitarbeiter, die kein Englisch sprechen - kommt Martin Scorseses neuer Film "Gangs of New York" jemals in die Kinos? Und wenn ja, wann? Mehr lesen
Schlammschlacht in Los Angeles
25.03.2002. Die Oscars sind vergeben. Halle Berry ist als erste schwarze Schauspielerin mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet worden. Um "A Beautiful Mind", ausgezeichnet als bester Film, tobte vor der Verleihung eine Schlammschlacht. Mehr lesen
Celebrity-Boxen und Militainment
19.03.2002. Ein halbes Jahr nach dem Attentat genießen die amerikanischen Fernsehzuschauer wieder die Wonnen der Seichtheit - und zwar schlimmer denn je. Mehr lesen
Nazipizza und Popkultur
07.03.2002. Ein neues Popmagazin namens Heeb will beweisen, dass jüdische Jugendliche kosher und cool sein können. Um den Titel gab's schon den ersten Krach. Mehr lesen
Die Macht des N-Worts
21.02.2002. Havard-Jurist Randall Kennedy untersucht in seinem provozierenden Buch "Nigger" die Karriere von Amerikas schlimmstem Schimpfwort. Mehr lesen








