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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 09.51 Uhr

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Post aus New York

New York, 17.09.01: Back to normal?

Von Ute Thon

19.09.2001. Die Räumungsarbeiten im Finanzdistrikt werden Monate dauern. Noch hoffen die Rettungsteams, dass sie unter den Ruinen noch Überlebende bergen können. Sie wollen es glauben, weil solch ein Wunder die sinkende Moral aufbauen könnte.

Wie lange kann eine Stadt im Schock verharren? Wie viele Kerzen müssen abbrennen, um 5000 Opfer zu betrauern? Wie oft kann man dieselben schrecklichen Fernsehbilder ansehen, ohne abzustumpfen? Wie viele herzzerreißende Geschichten von Betroffenen muss man hören, bis man den ersten Lügner erwischt? Wie lange hält das Gute in Menschen an, die Zeugen einer unermesslichen Tragödie werden?

In New York nicht einmal eine Woche. Bereits vergangenen Donnerstag tauchen die ersten Meldungen von Leuten auf, die den Mordanschlag aufs World Trade Center zur persönlichen Bereicherung nutzen. Es erscheinen Webseiten mit gefälschten Überlebenden-Listen. Telefonbetrüger geben sich als Vertreter von Hilfsorganisationen aus und bitten um Spenden für die Angehörigen der Vermissten. ("Haben Sie ihre Kreditkarte bereit?") Jeden Tag gibt es neue Bombendrohungen, die sich als falscher Alarm erweisen. Am Freitag löst eine Frau mit der Mitteilung, sie habe einen Mobiltelefon-Anruf von ihrem Ehemann, einem Polizeibeamten, bekommen, eine fieberhafte Rettungsaktion aus. Er sei mit neun Kollegen im Keller des ersten Turms verschüttet, aber noch am Leben. Am nächsten Tag erfahren die Feuerwehrleute, dass die aufgeregte Dame sie mit einer ungeheuerlichen Lügengeschichte zum Narren hielt. Schon wachsen auch die Spekulationen, dass Versicherungsbetrüger oder Leute mit krimineller Vergangenheit die Katastrophe nutzen könnten, um sich für tot erklären zu lassen. Und die Buchhalter im Missing Persons Center müssen sich jetzt heimlich fragen: Sind die Tränen wirklich echt?

Auch im legalem Bereich setzt das Profitdenken wieder ein. Während die Börse an ihrem ersten Business Day nach vier Tagen des gespenstisch ungeschäftigen Stillstands - die längste Schließung in der Geschichte der Wall Street - empfindliche Verluste hinnehmen muss, blüht draußen das Memorabilia-Geschäft. Der Bestseller bei Amazon.com heisst "Twin Towers: The Life of New York Cities World Trade Center". Kioskbesitzer verkaufen mehr Postkarten vom WTC als je zuvor. Am Union Square, wo sich an einem spontan errichteten Schrein täglich Tausende von Menschen zum Gedenken an die Opfer einfinden, bieten Straßenverkäufer ein buntes Sortiment von Katastrophensouvenirs an: Anstecker ("Evil Will Be Punished", 5 Dollar), US-Flaggen (10 Dollar), Wandspiegel mit Downtown-Skyline (40 Dollar). Auf der Canal Street flattern frisch gedruckte T-Shirts mit Twin Tower-Motiven und Sprüchen wie "I Can't Believe I Got Out!" im Wind.

Am Sonntag war es auch mit dem Werbeverzicht im Fernsehen vorbei. Nachdem die großen Fernsehanstalten in einer respektvollen Geste fünf Tage lang den Botschaften des Konsumterrors entsagten und damit Verluste in Millionenhöhe hinnahmen, wird die Berichterstattung jetzt wieder wie gehabt mit Autoreklamen und Werbung für Katzenstreu ("mit Geruchskristallen") unterbrochen. Dabei kommt es manchmal zu unfreiwilligen Peinlichkeiten. Einem Bericht zum Stand der Rettungsarbeiten, in dem ein erschütterter Feuerwehrmann von den grausigen Leichenbergung seines Kameraden berichtet, folgt ein Werbespot für ein Mittel gegen Sodbrennen. Darin löschen fröhliche Feuerwehrmänner die Flammen auf ihrer Brust mit einem Schluck Mylanta. Der Terroranschlag hat unsere Wahrnehmung verändert, die Sinne geschärft, Nerven blankgelegt. Als in einem Restaurant versehentlich ein Glas mit lautem Knall zu Boden fällt, springen mehrere Leute auf. Alle starren verschreckt in dieselbe Richtung.

Auch im Himmel ist heute wieder ein Stück Normalität zurückgekehrt. Statt Kampfbombern und Hubschraubern sieht man zum ersten Mal wieder Verkehrsmaschinen über Manhattan. Doch der Anblick ist nicht beruhigend. Ich ertappe mich dabei, wie ich misstrauisch ihre Flugbahnen verfolge, die Flughöhe schätze und mich unwillkürlich ducke, weil ich denke, sie fliegen zu tief. Ein Flugzeug in der Luft wird nie mehr nur ein harmloses Flugzeug sein.

Back to normal? Die Räumungsarbeiten im Finanzdistrikt werden Monate dauern. Noch hoffen die Rettungsteams, dass sie unter den Ruinen noch Überlebende bergen können. Sie wollen es glauben, weil solch ein Wunder die sinkende Moral aufbauen könnte. Doch wenn man die Leute mit ihren neuerdings geruchssichern Atemmasken bei der Arbeit sieht, ahnt man, dass ihre Entdeckungen von jetzt an nur noch grauenhafter werden. Auch dort stellt sich so etwas wie Routine ein. Stahlarbeiter und Lastwagenfahrer, die letzte Woche in einem spontanen Akt der Solidarität ihre regulären Baustellen verließen, um im Katastrophengebiet mit anzupacken, arbeiten jetzt unter festem Vertrag. Stundenlohn: 28 Dollar. Durch den Battery-Park-Tunnel rollen Tag und Nacht LKWs mit Stahl, Schutt und Asche nach Staten Island. Dort landen die Überreste des World Trade Centers, jener stolzen Ikone amerikanischer Überlegenheit, auf Amerikas größter Müllhalde.

Perverser Symbolismus. Die Deponie wurde nach Jahren des Protests erst diesen Sommer permanent geschlossen. Nun wird die frische Erde über dem gigantischen Müllberg wieder aufgerissen. Bevor Planierraupen den WTC-Schutt mit New Yorks Wohlsstandsmüll vermischen, untersuchen Sondereinheiten des FBI jeden Kubikzentimeter nach Spuren der Terroristen. Nach Leichenteilen. Und wieder zeigt sich, dass es kein einfaches Zurück zur Normalität gibt. Niemand störte sich je am Namen dieser Müllhalde. Jetzt mag man ihn kaum mehr flüstern, so makaber ist die Wendung: FRESH KILLS.

Ute Thon, New York

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