Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 09.51 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Mord und Ratschlag

Letzte Küsse

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer

18.07.2003. Die Krimikolumne. Heute: In Jan Costin Wagners Krimi "Eismond" tötet ein sanfter Verrückter, um den Tod zu besiegen. Vorgestellt von Michael Schweizer

Sanna stirbt im Schlaf. Ihr Mann, der finnische Polizist Kimmo Joentaa, auch er noch keine dreißig Jahre alt, bleibt bei ihr. Dann zieht er sie an sich, küsst und beißt sie, verlässt das Krankenhaus. Sanna war Kimmos Platz auf der Welt. Als sie noch gesund war, hatte er nicht den geringsten Zweifel, dass er immer mit ihr zusammen sein würde. Der Tod war ein abstraktes Wissen, Kimmos Herz hielt Sanna für unsterblich. Nun scheint es nichts mehr zu geben außer Betäubung und würgendem Verlassensein. Manchmal möchte Kimmo fremden Menschen, die ihn an Sanna erinnern, von ihr erzählen; die ihn kennen und ihm helfen wollen, lässt er nicht an sich heran. "Niemand war etwas, wenn Sanna nicht mehr lebte."

In Turku werden zwei junge Frauen und ein schwedischer Student im Schlaf erstickt. Die Opfer hatten nichts miteinander zu tun, aber etwas gemeinsam: Sie waren freundlich, sympathisch, hatten keine Feinde, niemand kann sich vorstellen, wer ihnen Böses wollte. Joentaa glaubt, dass er nicht drei Täter suchen muss, sondern einen, und dass er ihn verstehen wird. Eine der Toten "sah aus, als schlafe sie, wie Sanna": Auch dem Mörder muss der Tod so begegnet sein, dass er ihn nicht irgendwann hinnehmen konnte. Er muss ein stiller, sanfter Mensch sein, der sich verstecken und einschleichen kann, den niemand sieht, wenn er es nicht will. Zu sehr in sich eingeschlossen, als dass ihn jemand heilen könnte.

Joentaa hat Recht, aber dass seine Theorie auf den jungen Museumsführer passt, den er nach dem zweiten Mord kennen lernt, kapiert er erst nach dem dritten. Vesa Lehmus hat früh seine Eltern verloren und seither Panik vor der Endlichkeit: Alles, was schön ist, kann abrupt zerbrechen und ihn noch einsamer zurücklassen. Um nicht wieder so verletzt zu werden, muss er selbst bestimmen, wer wann stirbt. Das gilt vor allem für die Einfühlsamen, Liebevollen, die ihm nicht weh tun. Auch für Jaana Ilander, das dritte Opfer, die erste Frau, die ihn geküsst und mit ihm geschlafen hat. Lehmus tötet, um den Tod seiner Eltern rückgängig zu machen, so wie Joentaa alles gäbe, um Sanna wieder in die Welt zu holen. In einem finsteren Winkel seiner Seele will der Polizist, dass der Mörder weitermacht: So kann er ihn verfolgen, hat zu tun und ist nicht pausenlos der Leere ausgeliefert.

Am Anfang glaubt man sogar, Joentaa selbst sei der Täter. Danach aber ist Jan Costin Wagners "Eismond" kein Rätselkrimi mehr, dessen Hauptreiz in der Wer-war's-Frage liegt, sondern bezieht im Gegenteil seine Spannung daraus, dass der Leser den quälend geschickten Mörder viel früher kennt als Joentaa.

Der 1972 geborene Wagner, der für seinen ersten Roman "Nachtfahrt" den Marlowe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres 2001 erhielt, hat auch "Eismond" sehr gekonnt konstruiert. Er traut sich zum Beispiel mehrmals, über Seiten hinweg viele Sätze, die sich auf Lehmus beziehen, mit "Er" beginnen zu lassen. Der Verrückte ist auf sich selbst beschränkt und kann keine anderen Subjekte zulassen. Dasselbe macht Wagner mit Joentaa, den sein Schmerz gefangen hält und isoliert, und schließlich auch mit Daniel Krohn, für den Jaana ein Urlaubsvergnügen und der für sie eine Liebe war.

Durchdacht verteilt Wagner auch Innen- und Außensicht: Die meisten handelnden Personen sieht und hört der Leser bloß. Nur von den vier Männern, denen jemand gestorben ist, erfährt er auch die Gedanken. Das Buch fragt nach dem Tod, und wie mit ihm zu leben sei.

Hin und wieder, vor allem auf den ersten etwa achtzig Seiten, stören Sachbearbeiterwendungen mit Ausschlag ins Therapeutische: "auf seine Anfrage hin", "den Eindruck hatte", "offensichtlich", "langfristig", "Probleme thematisiert", "Gefühle offenlegen", "vorauszuplanen" - geht's auch hinterher? Um diese Inseln herum ist vieles schön formuliert.

"Eismond" ist ein Viel-Personen-Roman. Wäre es ein Film, hätten nicht wenige Akteure eine Chance, den Preis für die beste Nebenrolle zu gewinnen. Zum Beispiel Joentaas Chef Ketola: Er trinkt, brüllt, hat einen drogensüchtigen Sohn und tritt eine Verdächtige - da denkt man an viele skandinavische Krimis, in denen das Kommissariat einen Schmerzensmann enthält, der in nicht zu knapper Auswahl die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme erduldet. Wenn Wagner das zitiert, dann verfremdet er es zugleich: Ketola ist nämlich auch sensibel, fürsorglich und findet zur rechten Zeit das rechte Wort. Die Übergänge sind abrupt und grundlos.

Man erfährt in Wagners Buch viel über Finnland. Dem wichtigsten Thema aber weicht nirgends einer aus: Wo Liebe ist, wird Tod sein; und manchmal umgekehrt.


Jan Costin Wagner: "Eismond". Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003, 306 Seiten, gebunden, 19,90 Euro (Bestellen)

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Mord und Ratschlag

Das ist also Reichtum

14.05.2012. Oliver Harris holt mit "London Killing" den englischen Krimi zurück in die Metropole und lässt seinen Detective Belsey sehr riskant, aber vornehm gegen die City zocken. Giancarlo de Cataldo und Mimmo Rafele decken in "Zeit der Wut" den Plan zur Abschaffung Italiens auf. Mehr lesen

Schönheit in den Gesten

02.04.2012. In Oscar Urras Madrid-Trilogie raffen sich erschöpfte Männer noch einmal auf, um gegen die Mafia, einen korrumpierten Apparat und ihre Abschiebung aufs Abstellgleis zu kämpfen. Fred Vargas lässt in ihrem neuen Roman "Die Nacht des Zorns" die Wilde Jagd durch die Normandie reiten. Mehr lesen

Verbrechen und Erlösung

06.03.2012. In Georg M. Oswalds Roman "Unter Feinden" versuchen ein Junkie und ein Spießer, ihre Haut und ihren Polizistenjob zu retten, während Dealer, Terroristen und eine Staatsanwältin hinter ihnen her sind. Yves Ravey erzählt in "Bruderliebe" von einem kalten, aber sehr eleganten Verbrechen. Mehr lesen

Erde im Blut

17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen

Hier ist alles Intelligenz

05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen

Kunst in Schwarzweiß

17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen

Luxus und Kunst für jedermann

17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen

Akte der Liebe

30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen

Darf ein Esel zum Pferderennen?

18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen

Er kämpfte fair. Ich nicht.

30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen

Wer öffnet heute noch nackt die Tür?

17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen

La Muerte, Die Knochige, Die Magere

25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen

Literat und Leser

18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen

Die Farbe von Kopfweh

26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen

Wie man eine Lerchenpastete backt

08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Mord und Ratschlag