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Vorgeblättert
Herta Müller: Der König verneigt sich und tötet, Teil 1
28.07.2003.
Seite 151 ff
Die rote Blume und der Stock
Auf den Sitzungen, mit denen die Leute in der Diktatur einen großen Teil ihrer Zeit zubrachten, zeigte sich das klarste Bild des Sprechens in der überwachten Gesellschaft Rumäniens. Wahrscheinlich nicht nur dieser Diktatur. Alles Halbauthentische, jeder persönliche Hauch, jedes individuelle Fingerzucken waren bei den Rednern aus der Welt geschafft. Ich sah und hörte austauschbaren Figuren zu, die sich vom einzelnen Menschen weg, in die glatte Mechanik einer politischen Position begeben hatten, um der Karriere zu entsprechen. In Rumänien wurde alle Ideologie des Regimes durch den Personenkult Ceausescus gebündelt. Mit der gleichen Methode, wie mir im Kindesalter der Dorfpfarrer die Angst vor Gott in den Kopf setzen wollte, verbreiteten die Funktionäre ihre sozialistische Religion: Was du auch tust, Gott sieht dich, er ist endlos und überall. Das zigtausend Male ins Land gestellte Porträt des Diktators wurde unterstützt durch die Berieselung mit seiner Stimme. Durch stundenlange Übertragungen seiner Reden im Rundfunk und Fernsehen sollte diese Stimme als Kontrolle jeden Tag in der Luft liegen. Diese Stimme war jedem im Lande so bekannt wie das Rauschen von Wind oder fallendem Regen. Ihr Sprachduktus, ihre begleitende Gestik so bekannt wie die Stirnlocke, die Augen, die Nase, der Mund des Diktators. Und das Wiederkäuen der immerselben, gestanzten Fertigteile war so bekannt wie die Geräusche alltäglicher Gegenstände. Die Wiederholung der Fertigteile garantierte die Anerkennung beim Reden nicht mehr ganz. Daher gaben sich die Funktionäre bei ihren öffentlichen Auftritten Mühe, die Gestik Ceausescus nachzuahmen. Der oberste Sprecher des Regimes hatte vier Schulklassen absolviert und nicht nur Probleme mit komplexeren Inhalten und der einfachsten Grammatik. Er hatte zusätzlich eine Sprachstörung. Beim Wechsel von Vokalen und schnellen Aufeinanderfolgen von Konsonanten blieb ihm die Zunge hängen, er nuschelte. Von dieser Sprachstörung versuchte er durch kleingehacktes, gebellartiges Silbensprechen und ständiges Händeflattern abzulenken. Deshalb brachte die Nachahmung seiner Sprechweise eine besonders auffällige, tragisch-lächerliche Verzerrung der rumänischen Sprache mit sich.
Ich sagte damals oft, die jüngsten Funktionäre im Land seien die ältesten. Denn sie schafften die Imitation des Diktators ohne Anstrengung, wie es schien, und perfekter als die älteren. Natürlich hatten sie diese auch nötiger, ihre Karriere hatte erst angefangen. Aber nachdem ich mit Kindergartenkindern zu tun hatte, blieb mir die Meinung nicht erspart, daß die Jungfunktionäre gar nicht imitierten. Sie waren es selber, sie hatten gar keine andere, eigene Gestik.
Ich war zwei Wochen Kindergärtnerin und merkte, daß die Imitation Ceausescus schon bei Fünfjährigen unübersehbar war. Die Kinder waren versessen auf Parteigedichte und patriotische Lieder und die Landeshymne. Ich kam an diesen Kindergarten nach längerer Arbeitslosigkeit infolge der Entlassungen aus der Fabrik und einigen Schulen, die mich alle nicht mehr nahmen wegen: "Individualismus, Nichtanpassung ans Kollektiv und Fehlen sozialistischen Bewußtseins." Das Unterrichtsjahr hatte längst angefangen, ich sollte eine an Gelbsucht erkrankte Kindergärtnerin, mit deren Genesung nicht so schnell zu rechnen war, vertreten. Ich dachte mir, als ich die Stelle annahm, so schlimm wie in den Schulen könne es nicht sein. Ein bißchen Kindheit wird es in diesem Staat ja noch geben, die leere, gleichmäßige Zerstörung durch Ideologie könne man bei so Kleinen nicht anwenden, da gäbe es noch Bausteine, Puppen oder Tänze. Auch hatte ich überhaupt kein Geld, aber Schulden und Wohnungsraten, die jeden Monat bezahlt werden mußten. Ich wußte, in die Abhängigkeit einer Mieterin sollte man in meinem Fall nicht gelangen. Denn jeder Vermieter hätte mich bei der ersten Drohung durch den Geheimdienst auf die Straße gesetzt. Ich hing am Tropf meiner Mutter, einer LPG-Bäuerin, die viel schuften mußte, um mich über Wasser zu halten.
Die Kindergartendirektorin führte mich an meinem ersten Arbeitstag zu meiner Gruppe. Als wir die Klasse betraten, sagte sie fast kryptisch: "Die Hymne." Automatisch stellten sich die Kinder in einen Halbkreis, preßten die Hände kerzengerade an die Schenkel, streckten die Hälse lang, richteten die Augen nach oben. Es waren Kinder von ihren Tischchen aufgesprungen, aber im Halbkreis standen und sangen Soldaten. Es wurde mehr geschrieen und gebellt als gesungen. Auf die Lautstärke und Körperhaltung schien es anzukommen. Die Hymne war sehr lang, hatte in den letzten Jahren etliche Strophen hinzugewonnen. Ich glaube sie hatte zu der Zeit ihre Sieben-Strophen-Länge erreicht. Ich war nach längerer Arbeitslosigkeit nicht auf dem Laufenden, den Text der neuen Strophen kannte ich gar nicht. Nach der letzten Strophe löste sich der Halbkreis auf, tobend, kreischend wurden aus den Strammstehern wieder Unbändige. Die Direktorin nahm einen Stock aus dem Regal: "Ohne den geht es nicht", sagte sie. Dann flüsterte sie mir ins Ohr und rief vier Kinder zu sich. Ich solle sie mir ansehen, sagte sie, und schickte die vier auf ihre Plätze zurück. Dann weihte sie mich in die Funktionen ihrer Eltern oder Großeltern ein. Ein Junge war sogar der Enkel des Parteisekretärs, da müsse man besonders aufpassen, meinte sie. Er dulde keine Widerrede, und man müsse ihn auch in Schutz nehmen vor den anderen, was immer er anstelle. Dann überließ sie mich der Gruppe. Im Regal lagen an die zehn Stöcke, bleistiftdicke, lineallange Baumzweige. Drei davon waren zerbrochen.
Draußen schneite es an diesem Tag die ersten großen, zerzausten Flocken, die liegen blieben in diesem Jahr. Ich fragte die Gruppe, welches Winterlied sie gerne singen möchten. Winterlied, sie kannten keines. Dann fragte ich nach einem Sommerlied. Sie schüttelten die Köpfe. Dann nach einem Frühlings- oder Herbstlied. Endlich schlug ein Junge ein Lied übers Blumenpflücken vor. Sie sangen von Gras und Wiese. Also doch ein Sommerlied, dachte ich, auch wenn es diese Einteilung hier nicht gibt. Kurz drauf war es soweit: Nach der ersten Sommerstrophe steuerte das Lied in der zweiten auf den Personenkult zu. Die schönste, rote Blume wurde dem geliebten Führer geschenkt. In der dritten Strophe freute der Führer sich und lächelte, weil er zu allen Kindern im Land der Beste war.
Die Einzelheiten der ersten Strophe, die Wiese, das Gras, das Blumenpflücken wurden in den Köpfen gar nicht nachvollzogen. Das ganze Singen, vom ersten Wort an, klang fiebrig, es trieb die Kinder in Eile. Sie sangen immer lauter, schroffer und schneller, je näher das Schenken der Blume und das Lächeln des Führers im Text kamen. Dieses Lied, das dem Sommer eine Strophe gönnte, verbot das Nachvollziehen der Landschaft, in der es seinen Anlauf nahm. Aber genauso verbot es das Nachvollziehen des Schenkens. Ceausescu hielt zwar oft Kinder auf dem Arm, doch wurden diese vorher tagelang in ärztlicher Quarantäne gehalten, um eine Krankheitsübertragung auszuschließen. Das Lied forderte geistige Abwesenheit beim Singen. Sie hatte alles, was im Kindergarten geschah, im Griff.
Teil 2
Archiv: Vorgeblättert
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07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
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12.04.2012. Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen
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05.04.2012. Der belgische Autor David van Reybrouck erzählt die Geschichte des Kongo aus der Sicht seiner Bewohner: von der blutigen Kolonialherrschaft der Belgier, der Mobutu-Diktatur bis hin in die Gegenwart. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Kongo - Eine Geschichte". Mehr lesen
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08.03.2012. Die neuen Erzählungen von Alice Munro "Was ich Dir schon immer sagen wollte" sind von 1974 und immer noch und immer wieder so betörend wie aktuell. Lesen Sie hier die Geschichte "Wie ich meinen Mann kennenlernte". Mehr lesen
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