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Nadeschda am Schwarzen Meer
(Leningrad/Jalta 1925-1926)
(Januar bis März 1925: Affäre mit Olga Waksel. Die schlimmste Ehekrise. "Das Leben fiel, ein Wetterblitz": zwei Gedichte für Olga. Ein Nomade in der dunklen Stadt, grenzenlose Verlorenheit. Quarantäne in Detskoje. April 1925: Das Rauschen der Zeit erscheint in Leningrad. Frühjahr 1925: der erste Herzanfall. Ein streitendes Paar fern der Idylle. Eifersüchtiger Patriarch, Tyrann beim Diktat, besorgter Moskitojäger. "Geschlechtslos ist der Tod": Sexus und Eros bei Mandelstam. Oktober 1925: Nadeschdas Tuberkulose, Aufenthalte in Jalta. Brotarbeiten, der Kampf um jeden Rubel. "Um so zu lieben": Mandelstams Liebesbriefe an Nadeschda. Der verstummte Lyriker 1925 bis 1930. Reaktionen auf Das Rauschen der Zeit: "unzeitgemäß und unzeitgenössisch". 1925/1926: vier Kinderbücher. Die beiden Trams: verschlüsselte Trauer um Gumiljow. Träume von Wärme, Angst vor Gewalt. Politischer Zündstoff in Luftballons. Die Kampagne der Krupskaja gegen "schädliche" Kinderbücher. Die Prosaskizzen Kiew und Michoëls (1926): neue Beziehung zum Judentum. Der "jüdische Dionysos". Mandelstams "Briefe an den Vater": Von der Entfremdung zu neuem Verständnis. Eine Wohnung in Puschkins Lyzeum: Detskoje Selo, Dezember 1926.)
Mitte Januar 1925 trifft Mandelstam in Leningrad auf der Straße Olga Waksel, eine zierliche Schönheit und Schauspielerin, die vom Film träumt. Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und einen einjährigen Sohn, für den sie sorgen muß. Mandelstam kennt Olga bereits: Im Sommer 1916 und 1917, als dreizehn-, vierzehnjähriges Mädchen, war sie in Begleitung ihrer Mutter bei Maximilian Woloschin zu Besuch, als auch Mandelstam in Koktebel auftauchte. Jetzt hat sie den zerbrechlichen Charme einer unglücklichen jungen Frau, deren Lebenswünsche und schauspielerischen Träume sich nicht verwirklichen lassen. Mandelstam bringt Olga nach Hause zu Nadeschda. Doch was als Freundschaft zu dritt anfing, endete als die schlimmste Ehekrise. Mandelstam war fast sofort in Olga verliebt, erst heftig, dann besinnungslos.
Dreierbeziehungen waren in der frühen Sowjetepoche nichts Außergewöhnliches, sie galten als schick und progressiv, weil anti-bürgerlich. Die berühmteste "Menage a trois" der Epoche hatte den "Trommler der Revolution" höchstpersönlich zum traurigen Helden: Wladimir Majakowskij war jahrelang der Dritte im Haushalt von Lilja und Ossip Brik. Lilja blieb Majakowskijs lebenslange Liebeswunde. Die Dreierbeziehung der Mandelstams schien anfangs nach Nadeschdas Geschmack zu verlaufen. Sie nannte ihren Mann scherzhaft einen "Mormonen" und hatte gegen seine fantastischen Pläne, zu dritt nach Paris zu fahren, nichts einzuwenden. Doch rasch geriet das erotische Dynamit außer Kontrolle.
Das bitterböse Kapitel Grenzsituation im zweiten Band der Memoiren Nadeschdas läßt die Ausmaße der Katastrophe ahnen. Noch 1970, als sie das Buch schrieb, schien ihr die ungezügelte Eifersucht die Feder zu führen. Fast täglich sei die junge Schöne vorbeigekommen und habe vor ihrer Nase Mandelstam "entführt". Die Situation wäre reichlich banal, hätte Mandelstam in jenen ersten Monaten des Jahres 1925 für Olga nicht zwei seiner schönsten Gedichte geschrieben, die er wohlweislich vor Nadeschda verborgen hielt (1935, in der Woronescher Verbannung, als er verspätet vom Selbstmord Olga Waksels in Oslo erfuhr, kamen noch zwei Gedichte hinzu). Es sind die Verse eines schwerverliebten Dichters, der sich seiner Ehefrau gegenüber bereits in Lügen und Ausflüchte verstrickt hatte und oft selber keinen Ausweg mehr wußte. Das Leben war zum freien Fall geworden:
Das Leben fiel, ein Wetterblitz,
Wie ins Glas die Wimper stürzt,
Lügenprall bis an den Rand -
Keinen, niemand klag ich an.
(TR, 195/197)
Das Gedicht entwirft eine Utopie absoluter Liebe. Das "goldene Schaffell", das die Geliebte umgibt, ist das Kleid eines unerhörten Liebesmythos. Ein Traumpaar wird vorgeführt, das alles hinter sich zurückläßt. Der Reiz des Gedichtes liegt in der Spannung zwischen mythisch-erotischer Utopie und winzigen, schlichten Alltagsdetails:
Willst zur Nacht du einen Apfel,
Honigtee, ganz frisch gemachten?
Zieh ich dir die Stiefel aus,
Heb dich Fläumchen leise auf?
Engel - hell im Spinngewebe,
Goldnes Schaffell dich umgebend,
Strahl von dem Laternenlicht
Schulterhoch beleckt er dich.
(...)
Wie du stocktest allzuplötzlich,
Logst und lächeltest verletzlich,
Und verhaltene Schönheit strich
Hilflos hin dir durchs Gesicht.
Hinter Hüten von Palästen,
Hinter Gärten, schäumend letzten,
Wimpernjenseits liegt ein Land -
Bist dort meine Frau genannt.
Komm wir nehmen trockne Stiefel,
Goldne Bauernpelzchen, tiefe,
Nehmen uns dann bei der Hand
Gehn die gleiche Straße lang,
Blicken uns nie um, erreichen
Strahlend helle Wegezeichen,
Nachtlang bis der Tag anbricht
Zwei Laternen voller Licht.
(TR, 195/197)
Sogar der Apfel des Sündenfalls fehlt nicht ... Mandelstam traf Olga im Leningrader Hotel "Astoria" und mietete zeitweilig, um ihr nahe zu sein, ein Zimmer im Hotel "Angleterre" (wo Sergej Jessenin im Dezember desselben Jahres 1925 Selbstmord verüben wird). Um ihr seine Gedichte vorzutragen, nahm er auch gelegentlich eine Mietdroschke und fuhr mit Olga von der Morskaja zur Tawritscheskaja, wo sie mit ihrer Mutter und dem kleinen Söhnchen wohnte. Nadeschda aber hielt die immer häufigeren "Entführungen" ihres Ehemannes nicht aus und - packte die Koffer. Der bekannte Avantgarde-Maler Wladimir Tatlin (in ihren Memoiren nennt sie ihn nur mit der Initiale T.), der ihr den Hof gemacht hatte, bot sich als Retter an. Doch als Mandelstam einmal zufällig zu früh nach Hause kam und die wartende Nadeschda mit dem Koffer vorfand, kam er zur Besinnung. Als Tatlin klingelte, um Nadeschda abzuholen, machte Mandelstam die Tür auf und verkündete: "Nadja wird bei mir bleiben." Nadeschdas Abschiedsbrief warf er ins Feuer, rief Olga an und teilte ihr "schroff und grob" das Ende ihrer Beziehung mit. Das geschah Mitte März 1925. Noch in den Erinnerungen von 1970 klingt das Erstaunen darüber nach, daß die zufällige Rückkehr Mandelstams und der Anblick des gepackten Koffers schicksalhaft ihr Leben bestimmen sollte.
Teil 2
Archiv: Vorgeblättert
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07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Goncalo M. Tavares: Die Versehrten
19.04.2012. Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen
Laszlo Vegel: Sühne
12.04.2012. Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen
David van Reybrouck: Kongo - Eine Geschichte
05.04.2012. Der belgische Autor David van Reybrouck erzählt die Geschichte des Kongo aus der Sicht seiner Bewohner: von der blutigen Kolonialherrschaft der Belgier, der Mobutu-Diktatur bis hin in die Gegenwart. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Kongo - Eine Geschichte". Mehr lesen
Abdellah Taïa: Der Tag des Königs
15.03.2012. Der marokkanische Autor Abdellah Taïa erzählt von den beiden ungleichen Freunden Khaled und Omar. Khaled kommt aus einer reichen Familie, er darf dem König die Hand küssen. Omar ist arm, seine Mutter hat die Familie verlassen, der Vater ist ein gebrochener Mann. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Der Tag des Königs". Mehr lesen
Alice Munro: Was ich dir schon immer sagen wollte
08.03.2012. Die neuen Erzählungen von Alice Munro "Was ich Dir schon immer sagen wollte" sind von 1974 und immer noch und immer wieder so betörend wie aktuell. Lesen Sie hier die Geschichte "Wie ich meinen Mann kennenlernte". Mehr lesen
György Dalos: Der Fall des Ökonomen
05.03.2012. György Dalos erzählt die Geschichte von Gábor Kolozs, eines nicht weiter gefragten Ökonomen, der in Moskau studierte. Und wie es dazu kam, dass er den Tod seines Vaters verschweigt, um nicht auf dessen Wiedergutmachungsrente als Holocaust-Überlebender verzichten zu müssen. Lesen Sie den Anfang von "Der Fall des Ökonomen". Mehr lesen
Ina Hartwig: Das Geheimfach ist offen
01.03.2012. "Das Geheimfach ist offen", im wahrsten Sinne des Wortes. Ina Hartwigs Blick auf SchriftstellerInnen und ihre Werke ist analytisch und sehr persönlich. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Sammelband ihrer Literaturkritiken, das Lektüreprotokoll "Obsession der Schläge" über Georges-Arthur Goldschmidt (siehe auch "Vorgeblättert" vom 27.2.). Mehr lesen
Georges-Arthur Goldschmidt: Ein Wiederkommen
27.02.2012. In Paris angekommen und in Sicherheit erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt alias Arthur Kellerlicht an seine Kindheit, seine Flucht als 10-Jähriger aus Deutschland 1938, an die Zeit im Internat während des Krieges und an die Strafen für fast alle Lebensäußerungen. Lesen Sie hier den Beginn der Erzählung "Ein Wiederkommen". Mehr lesen
Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt
23.02.2012. Alice, die junge Krankenschwester im Herz Jesu Krankenhaus, und Teddy, der junge Taugenichts, verlieben sich ineinander. Das Leben ist schon schwer genug in Karatschi, ohne dass es auch noch unterschiedlicher Religionen bedürfte. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman von Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt".
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16.02.2012. Joachim Kalka sinniert über das Leben und seine unwiderstehlichen Seiten, etwa den Dialog: "Wir möchten Brautbilder haben ... - Wie viel? - Ein halbes Dutzend bitte. - Soviel wern ma gar net ham (Nimmt Bilder und zeigt sie her). - Von uns wollen wir doch Bilder haben, das sind wir ja gar nicht. - A so, von eahna wollens welche ham, ja de müssten aber extra angefertigt werden ... Diese Firmlingsbilder wern sehr gern gekauft - oder soll's was in Uniform sein?..." - Lesen Sie hier einen Auszug aus "Die Katze, der Regen, das Totenreich". Mehr lesen
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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen








