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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Necla Kelek: Himmelsreise. Teil 1

08.03.2010.

(S. 163 ff)

Das islamische Dilemma

Wie die Aufklärung des Islam endete,
bevor sie richtig begann


Der Islam war von Beginn an ein Teil der europäischen Geschichte. Er war militärisch in Europa präsent, eroberte vor über tausend Jahren Andalusien, Teile Siziliens und gefährdete den Bestand des Oströmischen Reiches in Kleinasien; später breitete er sich bis Wien aus. Aber er war auch in der geistigen Auseinandersetzung Europas präsent; in den Debatten um das gemeinsame Erbe des Hellenismus spielten islamische Denker eine wichtige Rolle. Davon möchte ich im Folgenden erzählen, denn der Abbruch dieser intellektuellen Diskussion macht deutlich, worin heute das "islamische Dilemma" besteht.

Im September 2009 wurde mir der Hildegard-von-Bingen-Preis verliehen. Bis zur Ankündigung, man wolle mich in ihrem Namen mit einem Preis bedenken, war mir die bemerkenswerte Äbtissin vom Rupertsberg (vermutlich 1098-1178) nur als Klostergärtnerin geläufig, nun aber entdeckte ich mit ihr eine Zeit, in der die Weichen für eine Entwicklung gestellt wurden, die uns bis in unsere Tage zu schaffen macht.
     Sowohl für den Herrschaftsbereich des Islam wie auch für das Christentum, für die ganze damals bekannte Welt von Mainz bis Teheran, markiert das Hochmittelalter einen Wendepunkt. Es ist nicht nur das Zeitalter prägender Persönlichkeiten, von denen die einen Neues in ihre Gesellschaften hineintragen, die anderen sich gegen jedwede Veränderung stemmen. Es ist auch die Zeit der großen Glaubensauseinandersetzungen, der Kreuzzüge, der Beginn der Inquisition in Europa und des aufkommenden Osmanischen Reichs; die Zeit der Ritterturniere und des Minnesangs, der Klöster, Derwischorden und Koranschulen. Es ist das Jahrhundert der Mystik und der Wissenschaft, der Philosophie und der Religion und des frühen Zusammenpralls der Kulturen.


Vor dem Wendepunkt: Hildegard von Bingen

Die katholische Kirche hatte sich 1054 in Byzanz und Rom gespalten, im Heiligen Römischen Reich stand ihr ein Papst vor, der alles sein wollte - Heiliger, weltlicher Fürst und Steuern eintreibender Finanzherr. Die Kirche war erstarrt, demütigte Könige, verfolgte Andersgläubige und Kritiker, die sie zu Ketzern erklärte, und schuf sich schließlich mit der Inquisition eine mächtige Institution, die das christliche Europa für Jahrhunderte in Angst und Schrecken versetzen sollte.
     Charismatischer, innovativer und entschlossener trat der von Süden vorrückende Islam auf. Der militärische Erfolg der muslimischen Krieger gründete auf der Gewissheit, in jedem Kampf nur gewinnen zu können - wer überlebte, erhielt einen Teil der Beute, wer den Tod fand, dem winkten als Märtyrer die Wonnen des Paradieses - Jungfrauen, Knaben und Wein, alles, was im irdischen Leben verboten war.
     Hildegard von Bingen, eine charismatische Benediktinerin, ausgestattet mit unbändiger Neugier, mit Wissensdurst, Selbstbewusstsein und einem erfrischend unabhängigen Geist, wusste sich gegen viele Anfeindungen katholischer Hierarchen zu behaupten - eine Leuchte in zuweilen finsteren Zeiten, die selbst Päpste in ihren Bann zog und von ihrer Gottesgläubigkeit überzeugte.
     Es gab nur einen Ort, an dem die Frauen dieser Zeit dem Patriarchat entkommen konnten: das Kloster. Das kirchliche Ideal für das «Dasein der Frau war die geschlechtslose Nonne. Als Braut Gottes hatte sie wiederum Freiräume, die Frauen ihrer Zeit sonst verwehrt waren. Noch bei Thomas von Aquin ist die reale Frau "etwas Mangelhaftes und Misslungenes".
     Hildegard von Bingen nutzte in ihrem Kloster diese Freiräume auf vielfältige Weise. Sie unterlief die rigide kirchliche Moral, die von allen, die der Kirche dienten, ein strenges Zölibat einforderte76 und die Geschlechtslust geißelte, weil sie die Erbsünde übertrage. Der Körperfeindlichkeit des Klerus setzte sie anschauliche und höchst realistische Schilderungen der Sexualität, des Geschlechtsverkehrs, selbst des Lustempfindens in ihren beiden medizinischen Werken "Physika" und "Ursachen und Heilungen" entgegen.
     Dass sie sich solche Freiheiten nahm, blieb nicht ohne Widerspruch. Die Enge der geistigen Welt führte sie zwangsläufig auf einen anderen spirituellen Weg der Freiheit, den der Mystik. In ihrem Zwielicht ließ sich manches suchen, was die Welt draußen nicht zu suchen erlaubte, ließen sich Visionen heranziehen, wo das Argument versagte. Die Entdeckung der visionären Autorität des Ichs und der inneren Freiheit ist ein großes Thema der Selbstbehauptung gegen die durch die Religion auferlegten Verbote. Nicht nur in der europäischen Welt.


Das "Argument des Islam" - Al-Ghazali

Über viertausend Kilometer entfernt lebte und lehrte fast zur gleichen Zeit Al-Ghazali (1058-1111), einer der einflussreichsten und umstrittensten muslimischen Philosophen, der später, als Wächter über Scharia und Islam, auch das "Argument des Islam" genannt wurde. Vorher war er durch alle Höhen und Tiefen der Philosophie und Theologie gegangen. Als junger Mann hatte er Theologie und Rechtswissenschaft studiert und an der Autoritätshörigkeit der Hanbaliten - einer der vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam - gezweifelt, die den Kanon der Prophetenüberlieferung erstellt und das "Tor der selbstständigen Rechtsfindung" geschlossen hatten. Nur die Nachahmung, taqlid, oder Analogieschlüsse, ightihad, waren noch zugelassen, selbstständiges Denken war untersagt. Geschult an griechischen Philosophen wie Aristoteles versuchte Al-Ghazali, zweifelsfreie Gewissheit in Gott zu erlangen, verfiel aber zunehmend der Skepsis und verlor sein Vertrauen in die Vernunft. In der Mitte seines Lebens zog er sich ganz in die Mystik der Sufis zurück, die er als "gänzliches Versinken des Herzens in der Anrufung Gottes" empfand. Hier werde man den Gottesbeweis finden. Er hoffte, als Derwisch spirituelle Freiheit im Rückzug von der materiellen Welt zu finden, die damals von der mörderischen Fürstendynastie der Seldschuken bestimmt wurde.
     Schließlich lehnte er die Philosophie als eigenen Weg zur Wahrheit ab und verteidigte im Koran die Offenbarung und die darin verbürgte Erschaffung der Welt durch Allah. Al-Ghazali war es letztlich, der den Islam mit seiner "Widerlegung der Philosophen" gegenüber jedwedem Zweifel versiegelte und die Religion damit in jenes Gehäuse verbannte, das ihr jede Möglichkeit zu Innovation, Weiterentwicklung und Modernisierung raubte.
     In seiner Schrift "Wiederbelebung der Wissenschaft von der Religion" stellte er - ähnlich wie Hildegard von Bingen in ihrem "Buch der Lebensverdienste" ("Liber Vitae Meritorum") - Laster und Tugenden einander gegenüber und entwickelte schließlich einen Leitfaden für eine an der Scharia orientierte wahrhaft muslimische Lebensführung. Nicht zu seinen Lebzeiten, erst später wurden seine Schriften zu einer Art Katechismus eines gottgefälligen Lebens. Die Sprüche und Empfehlungen, die er beispielsweise in seinem "Buch der Ehe" versammelte, lieferten all die Argumente und Begründungen, die die patriarchalische, diskriminierende Halt«ung des Islam zu den Frauen bis heute bestimmt. "Eine Matte im Winkel des Hauses ist besser als eine Frau, die nicht gebiert", soll der letzte Prophet, Mohammed, nach Al-Ghazali über eine kinderlose Frau geurteilt haben.


Der muslimische Aufklärer: Ibn Ruschd

Al-Ghazalis großer intellektueller Gegenspieler auf muslimischer Seite wurde im andalusischen Cordoba geboren, hieß Ibn Ruschd, im europäischen Kontext besser unter dem Namen Averroes (1126-1198) bekannt. Er war ein spanisch-arabischer Philosoph, Arzt und Mystiker des Islam und geistiger Anreger von Thomas von Aquin. Averroes war Hofarzt in Marrakesch, Richter in Sevilla und Cordoba und kommentierte die Werke von Aristoteles. Damit gab er Europa zurück, was für christliche Gelehrte jahrhundertelang verloren schien, und entfachte ein neues Denken, das letztlich in die europäische Aufklärung mündete. Averroes? Befassung mit der aristotelischen Logik ließ ihn in Widerspruch zu Al-Ghazali treten und führte zur Trennung von Offenbarung und Philosophie - der deutsche Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing sollte Jahrhunderte später mit dieser Unterscheidung seinen Angriff gegen die "Buchstabenhörigkeit" der christlichen Orthodoxie munitionieren und fordern, die Bibel, das Heilige Buch der Christen, als historisches Dokument zu lesen. Nur so, schrieb Lessing, könne die Vernunft von der "Gefangennehmung unter den Gehorsam des Glaubens" befreit werden.
     Lessing wurde für solche Gedanken die Zensurfreiheit entzogen, aber ihm blieb das Theater, um den Kampf für den "freien und öffentlichen Gebrauch der Vernunft" fortzusetzen. Der Preis, den Averroes zu zahlen hatte, war höher. Er erregte mit seinen Schriften das Missfallen der Ulemma, der Rechtsgelehrten: Solche Gedanken stifteten Unruhe, schürten Zweifel und untergruben die Einheit der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, wetterten sie. Der Kalif, der ihre Unterstützung im Kampf gegen die christliche Reconquista brauchte, die das seit Jahrhunderten in arabischer Hand befindliche Andalusien zurückerobern wollte, folgte ihrem Urteil. Er verbannte Ibn Ruschd und ließ seine Werke verbrennen. Auf diesem Scheiterhaufen wurde das philosophische Denken im Islam vernichtet. Es war das vorläufige Ende der arabischen-islamischen Philosophie, die bis dahin in vielen Bereichen der Wissenschaft dem "Westen" weit voraus war.


Die Fesselung der Neugier

Die Wirkung von Averroes? Schriften auf das christliche Europa - und auf das Judentum - war dafür umso revolutionärer. Mit der Trennung von Vernunft und Glauben war das Tor zur "Lehre von der doppelten Wahrheit" aufgestoßen; weder Thomas von Aquin, der entschied, die Philosophie habe die "Dienstmagd der Theologie" zu sein, noch den zahlreichen Bannflüchen der Kirche gelang es, den Geist zurück in die Flasche zu drängen. Offenbarung und Wissenschaft, Glaube und die "Lehre von Gott", Philosophie und Theologie entwickelten sich im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer weiter auseinander und schufen Raum für neue Erkenntnisse.
     In den europäischen Gesellschaften bildete sich - um es verkürzt zu sagen - eine rationale Wissenschaft heraus, die den Zweifel und damit so etwas wie "Geschichte" zuließ; man begann, sich und seine Zeit als historisch und damit veränder- und wandelbar zu begreifen. Die Gesellschaften wurden zukunftsoffen und der bewussten Gestaltung zugänglich. Geschichte wurde nicht mehr als Ausdruck höherer Vorsehung begriffen, sondern als von Menschen gemacht verstanden. Gott zog sich aus der Geschichte zurück - das mag, und viele empfinden es bis heute so, eine Leerstelle hinterlassen haben. Nun wurde dem Menschen die alleinige Verantwortung dafür auferlegt, was er aus seinem irdischen Dasein zu machen versteht.
     Das von Al-Ghazali aufgestellte Dogma der Überzeitlichkeit des Korans hingegen führte dazu, dass die Religion zur Fessel wurde für eine Gesellschaft, die bis dahin in der Mathematik, Medizin, Astronomie und Philosophie ganz außergewöhnliche Leistungen hervorgebracht hatte. Nicht in der Zukunft, sondern in einer weit zurückliegenden Vergangenheit wurde jetzt das islamische Ideal gesucht: Mit dem im Jahr 622 erfolgten Auszug Mohammeds aus Mekka nach Medina, der Verkündung des Islam und der Einigung der arabischen Stämme unter eine Religion sei die "Zeit der Unwissenheit" beendet gewesen.
     Tatsächlich begann nun, fast 400 Jahre später, die eigentliche "Zeit der Unwissenheit". Aus den islamischen Gesellschaften verschwand jede Innovationsfähigkeit. Noch heute gibt es im muslimischen Einflussbereich keine Volkswirtschaft, die der Welt irgendeinen technischen Fortschritt beschert hat; die Bildungsstudien der OECD weisen deprimierende Werte bei der Lese- und Schreibfähigkeit ihrer Bevölkerungen aus; ins Arabische werden fünfmal weniger Bücher übersetzt als in den viel kleineren Sprachraum des Griechischen. Die Versiegelung des Denkens führte zur Verkümmerung der Neugier.
     Dass wir im Heute leben, ermöglicht uns ein anderes Verhältnis zur Vergangenheit. Wir müssen keine Gewissensbisse haben, wenn wir nicht mehr glauben, sondern wissen wollen und mit Lust unsere Zweifel artikulieren. Denn wir wissen, dass der Zweifel und die Frage die Eltern der Vernunft sind, die uns das größte aller Geschenke gebracht hat: die Freiheit.
     Dem Islam fehlt ein solcher Zweifel an sich selbst, ihm fehlt die Öffnung hin zur Vernunft, zum kritisch-rationalen Denken. Er hatte mit Ibn Ruschd und anderen die historische Chance zur Selbstaufklärung, er hat sie verschenkt. Die Profiteure waren die anderen, die europäischen Christen.


Teil 2

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