Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Alain Mabanckou: Black Bazar. Teil 1

25.01.2010.

Prolog

Vier Monate sind vergangen, seit meine Freundin mit unserer Tochter und dem Bastard geflohen ist, ein Typ, der in einer Band trommelt, die niemand in Frankreich kennt, nicht einmal in Monaco oder auf Korsika. Eigentlich möchte ich jetzt hier ausziehen. Ich habe genug von meinem Nachbarn, Monsieur Hippocrate, der mir nichts schenkt, der mir auflauert, wenn ich den Müll runterbringe, und mir alle Übel der Welt anhängt. Außerdem ertrage ich es nicht mehr, jedes Mal beim Nachhausekommen die Schatten meiner Ex und des Bastards herumgeistern zu sehen. Dabei habe ich die kleine Einzimmerwohnung bis in die letzte Ecke geputzt, ich habe sogar die Wände gelb gestrichen, die vorher himmelblau waren. Jetzt gibt es nichts mehr, was mich daran erinnert, dass ich in diesem Raum einmal mit Frau und Kind zusammengewohnt habe. Außer vielleicht den Schuh, den meine Lebensgefährtin wohl in ihrer Eile vergessen hat. An jenem Tag muss sie gedacht haben, ich würde jeden Augenblick nach Hause kommen und sie dabei überraschen, wie sie ihre Siebensachen zusammensucht, während ich ruhig im Jip?s saß und mein Pelforth schlürfte. Auf den Schuh bin ich nur durch den Rat eines meiner Freunde vom Jip?s gestoßen, Paul-aus-Großkongo. Zwischen zwei Bier hatte er mir gesagt, wenn dich eine Frau verlässt, musst du unbedingt dein Bett verschieben und einen Strich unter die Sache ziehen, dann hast du auch keine Albträume mehr, in denen dich kleine Männchen verfolgen, die dir wehtun wollen. Er hatte recht. In den ersten sieben Nächten, nachdem meine Ex weg war, hatte ich tatsächlich ständig Albträume. Ich sprang von Chinesischen Mauern und fiel ins Nichts. Ich hatte Flügel und flog hoch hinauf, in wenigen Sekunden legte ich mehr als zehntausend Kilometer zurück, dann landete ich auf einem Gipfel, der zehn Mal so hoch war wie der Himalaja und fünfundzwanzig Mal so hoch wie unsere Berge im Urwald von Mayombe. Plötzlich fand ich mich mitten unter den Pygmäen in Gabun wieder, die mit giftigen Wurfspießen bewaffnet waren und mich umzingelten. Ich konnte sie nicht abhängen, sie flogen viel schneller als ich. In meiner Kindheit hatte man uns erzählt, sie hätten übernatürliche Kräfte, weil sie die ersten Menschen gewesen seien, denen Gott nach der Schöpfung die Schlüssel zur Erde gegeben habe. An sie nämlich habe sich der Herr am fünften Tag der Schöpfung gewandt, als er sagte: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde ?" Und da sich die kleinen Männchen damals fragten, was sie hienieden essen sollten, begab sich Gott, der die Gedanken einer jeden Kreatur lesen kann, zu den Pygmäen aus Gabun und beschied ihnen: "Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise." Heute bedroht der Mensch die ganze Pflanzenwelt, und vielleicht erschrecken uns deshalb die Pygmäen aus Gabun in unseren Träumen.
     Während dieser Albträume wälzte ich mich im Bett hin und her, ich schwitzte, als ob ich Fieber hätte. Die Pygmäen aus Gabun machten sich gerade daran, meine Tochter in einen Kessel mit kochendem Palmöl zu werfen.
     Ich schrie: "Halt Jungs, bitte nicht! Das ist doch meine Tochter, die kleine Henriette! Sie ist unschuldig! Nehmt mich an ihrer Stelle! Macht der Menschheit keine Schande, ihr seid doch unsere Vorfahren! Zeigt der Welt, dass es bei uns keine Menschenfresserei gibt, dass das eine Erfindung der Entdecker ist, vor allem jener Afrikaner, die Bücher schreiben!"
     Und der Älteste von ihnen, mit seinem grauen Bart, seinen roten Augen und seinen gelblichen Zähnen, trat zu mir hin:
     "Wer sagt denn, dass wir Menschenfresser sind? Wir sind hundert Prozent Vegetarier! Wir opfern deine Tochter nur, damit es Regen gibt. Wir brauchen nur ihr Blut, danach kannst du sie wieder zurückhaben ?"
     Ich rief also meine Ex zu Hilfe, und plötzlich schreckte ich aus dem Schlaf auf und musste feststellen, dass da gar keine Pygmäen aus Gabun waren, dass ich ganz allein eingeschlafen war und vergessen hatte, das Licht zu löschen und den Fernseher auszuschalten.
     Erst als ich das Bett verschob, verschwanden die kleinen Männchen?

Ich gehe regelmäßig ins Jip?s, die afrokubanische Bar in der Nähe des Brunnens von Les Halles, im i. Arrondissement, ich kann sogar sagen, dass ich jetzt mehr als sonst da bin. Manchmal döse ich vor mich hin, bis mich der Lärm der Stühle weckt, die Lazio, der Sicherheitsmann, fluchend wegrückt, weil einer ohne zu bezahlen abgehauen ist und er deshalb Ärger kriegt, obwohl er nur da ist, um den Vorstadtgaunern eins überzuziehen, und nicht, um herauszukriegen, wer seine Rechnung nicht bezahlt hat. Willy, der Barmann, erinnert ihn daran, dass es zwischen einem Rowdy, der alles kaputt schlägt, und einem Gast, der nicht zahlen will, keinen Unterschied gibt. Beide müssen Prügel bekommen, auch wenn der Zechpreller vielleicht etwas weniger abkriegen sollte ?
     Bevor ich in die Bar trete, schaue ich immer über die Straße, dahin, wo früher Le Vogue a l?âme war, ein Geschäft für Damenunterwäsche. Dort hat mal meine Ex gearbeitet, deshalb. Den Laden haben sie endgültig dichtgemacht, niemand weiß warum. Der Chinese, der ein Stück weiter in der Rue de la Grande-Truanderie ein Restaurant hat, übernahm prompt die Räumlichkeiten und setzte eine Reinigung hinein?
Sobald ich im Jip?s aufkreuze, belagert mich Roger-der-Franko-Ivorer. Er hat von Paul-aus-Großkongo gehört, dass ich zu Hause auf meiner Schreibmaschine, die ich bei einem Lagerverkauf an der Porte de Vincennes erstanden habe, Tagebuch schreibe, um nach dem Weggang meiner Ex meinen Kummer zu ertränken und über meinen Hass auf den Bastard hinwegzukommen.
     Als er mich zum Beispiel vorgestern antanzen sah, ließ er mir nicht einmal Zeit, mich der Theke zu nähern, dort, wo für gewöhnlich Paul-aus-Großkongo lehnt, um den jungen Frauen nachzuschauen, die in der Rue Saint-Denis vorbeispazieren.
     Er sagte: "Du kommst wie gerufen, Arschologe, auf dich habe ich gewartet! Paul-aus-Großkongo hat erzählt, dass du schreibst und dass das Ding Black Bazar heißen soll! Was soll das? Warum schreibst du überhaupt? Glaubst du, hier kann jeder einfach so Geschichten erzählen? Oder ist das vielleicht eine neue Masche von dir, damit du dich arbeitslos melden kannst, durch die Maschen des Systems schlüpfst, dir die Gelder abgreifst, im Vorbeigehen das Loch in der Sozialversicherung vertiefst und so die ganze gallische Aufstiegsleiter blockierst?"
     Mir war, als ob ich gerade Monsieur Hippocrate hörte, wie er mir im Müllkeller unseres Wohnblocks Vorträge hält. Roger-der-Franko-Ivorer begriff, dass ich diesen Ton nicht mochte, und bestellte zwei Glas Pelforth, um mich zu beruhigen.
     "Hör zu, mein Junge, du musst realistisch bleiben! Lass diesen Quatsch, dich täglich hinzusetzen und zu schreiben, dafür gibt es hellere Köpfe, diese Leute kannst du im Fernsehen sehen, die können reden, und wenn sie reden, hat der Satz einen Anfang und ein Ende und am Schluss einen Punkt. Sie sind dazu geboren, sie sind damit aufgewachsen, das Schreiben ist nichts für uns Schwarze. Unsere Stärke ist die mündliche Überlieferung, die Erzählungen unserer Ahnen, die Geschichten aus dem Busch und dem Wald, die Abenteuer von Leuk dem Hasen, die den Kindern um ein knisterndes Feuer herum erzählt werden, und dahinter wummern die afrikanischen Trommeln. Unser Problem ist, dass wir weder Buchdruck noch Kugelschreiber erfunden haben, und im Klassenzimmer werden wir immer ganz hinten sitzen und davon träumen, wir könnten die Geschichte des schwarzen Kontinents eines Tages mit Wurfspießen hinkritzeln. Kapierst du? Außerdem haben wir einen eigenartigen Akzent, das merkt man den Texten an, und so etwas mögen die Leute nicht. Übrigens muss man etwas erlebt haben, um schreiben zu können. Und was hast du schon erlebt? Gar nichts! Ich dagegen hätte einiges zu erzählen, ich bin nämlich ein Mischling, meine Haut ist heller als deine, was ein ziemlicher Vorteil ist. Nur aus Zeitmangel habe ich bislang nichts zu Papier gebracht. Das hole ich später nach, wenn ich in Rente gehe und mich irgendwo auf dem Land in einem schönen Haus niederlasse, und die ganze Welt wird erfahren, was ein Meisterwerk ist!"
     Er leerte sein Glas in einem Zug und fragte nach einem Moment des Schweigens:
     "Wenn du schon vorgibst zu schreiben, gibt es denn wenigstens ein weißes Schaf in deinen Geschichten?"
     Ich sagte, ich möge keine Schafe und hätte noch nie eins in dieser Farbe gesehen.
     "Willst du mir sagen, dass es in deinem Viertel dort unten im Kongo keine Schafe gibt?"

Teil 2

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Archiv: Vorgeblättert

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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

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