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zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Essay

Eine deutsche Psychose?

Von Wolfram Schütte

21.10.2009. Ich kenne - außer manchen Ausfällen gegen die Straubs - keinen Autor, der von deutschen Filmkritikern mit mehr Hass und Hohn kontinuierlich verfolgt wurde als Michael Haneke. Eine Replik auf Ekkehard Knörer

Lieber Herr Knörer,

Ihre Kritik von Hanekes "Weißem Band" habe ich mit wachsendem Unmut gelesen. Ich vermute (& weiß ja als Kollege, wovon ich rede), dass Sie sich beim Schreiben & am Ende sehr wohl und im Recht fühlten: es scheint ja alles schlüssig & die Pointe, dass Haneke Sie (d.h. "uns", nämlich dich & mich) dressieren will & Sie ihm ihr "Nö, nicht mit mir" entgegensetzen, hat ja etwas sympathisch Aufmüpfiges. Oder soll man dabei eher an das "We don´t need no education" der Pink Floyd denken?

Für mich - das gehört zum Nachteil des Alters - ist aber alles, was Sie gegen Haneke & jetzt gegen seinen Film vorbringen, ein alter Hut, den sich viele deutsche Kritiker, seit Haneke Filme macht, immer wieder aufgesetzt & einander weiter gereicht haben. Nun ist er bei Ihnen angekommen. Im Grunde wird Haneke und werden seine Filme von deutschen Kritikern verfolgt, als handele es sich um einen Totengräber des Kinos oder einen bösartigen Gottseibeiuns, der auf Teufel komm raus exorziert werden muss. Schlagt den Hund tot, er ist ein Moralist=Terrorist.

Mich erinnert das an die historischen Auseinandersetzungen über Brechts Episches Theater, das u.a. intendierte, den Theaterbesucher nicht dümmer und seiner selbst bewusster aus dem Theater zu entlassen, als er hineingegangen war, indem es ihn nicht als Konsumenten, sondern als Produzenten anzusprechen versuchte.

Ich gebe zu, dass ich mich nicht nur im Alltag, sondern erst recht in der Kultur besser aufgehoben und animiert sehe, wenn ich mich als (Mit)Produzent, statt als traktierter Konsument angesprochen sehe & fühle: im Film so gut wie in der Literatur.

Was mich aber vom Anfang an (bis jetzt zu Ihnen) erstaunt, ist nicht nur die Kontinuität der Zurückweisung Hanekes (sozusagen als unerlaubtes ästhetisches, narratives, dramaturgisches System, sprich: als Verstoß gegen die allein selig machende, gnadenreiche Kino-Ästhetik); sondern viel mehr noch erstaunt mich dieser, soweit ich sehe, deutsche Sonderweg der Verachtung a la ""Nö, nicht mit mir" - (weil ich schlauer bin & alles besser weiß?).

Denn die internationale Zustimmung & Wertschätzung für Hanekes Werk - die sich für mich noch substantieller in seinen FIPRESCI-Auszeichnungen als bloß in seinen 3 Canneser-Jury-Voten niederschlägt - könnte einem deutschen Filmkritiker, bei einiger Selbstreflexion, durchaus Anlass sein, dem eigenen Urteil, wenigstens für einen Augenblick, nicht immer oder ganz & gar übern Weg zu trauen. Oder weiß die deutsche Filmkritik mehr, Besser- & Anderes als die kollegialen Ignoranten z.B. in Frankreich oder Italien, die von Hanekes Filmen so fasziniert wie die deutschen abgestoßen sind? Ich will hier nicht darüber spekulieren, was die deutsche Filmkritik zu ihrer Haneke-Aversion motiviert. Das wäre ein Thema für sich.

Nur ein paar Worte zu Ihren ersten Argumenten, weil sie mir die Rhetorik Ihrer Stoßrichtung zu zeigen scheinen.
Sie beginnen mit der "Stimme aus dem Off" und deren verschiedenen narrativen Möglichkeiten und zeigen sich begeistert von dem, was Lars von Trier damit alles anstellt: viel. Dagegen Haneke: wenig. Dann kommen Sie jedoch auf deren sozusagen "klassische" Rolle im Film zu sprechen - wie sie H. benutzt, gleich vielen anderen vor ihm -, von der Sie aber behaupten, sie "imitiere" die Stimme "eines allwissenden, also literarisch-romanhaften Erzählers". Der "allwissende" auktoriale Erzähler des Romans gibt sich, wenn überhaupt, höchst selten als "Ich-Erzähler" aus ("Nennt mich Ismael").

Der "Ich-Erzähler" im Roman, wie die "Stimme aus dem Off" im Film, annonciert gerade nicht Allwissendheit, sondern die subjektive Erlebnis-, bzw. Zeugensituation, wie er ja auch in Hanekes Version gleich einbekennt, dass er manches, was er zu erzählen hat, nur aus Zweiter Hand weiß. D.h. der alte, rückblickende, erinnernde Lehrer, dessen Stimme wir hören, relativiert, was er erzählt und setzt es zugleich in Beziehung zu dem, was für den sich hier Erinnernden später daraus gefolgt ist.

Schon in Ihrem 1. Absatz also schneidet Hanekes klassischer Gebrauch der "Stimme aus dem Off" (wie z.B. bei Orson Welles) bereits schlechter ab, als der von Ihnen als glorreichen Kontrast benutzte Lars von Trier.

Im 2. Absatz steigen Sie gleich voll in Ihre Ideologieproduktion ein, indem Sie pauschal dekretieren: "Haneke sucht in seinen Filmen alles, nur eins nicht: den inneren Widerspruch". Nun, sage ich: muss er ja auch nicht - umso weniger, wenn Sie den vermissten "inneren Widerspruch" bei Lars von Trier in "faszinierenden Gerümpelkammern wenig zusammenpassender Einfälle" bejubeln, mit denen der Däne "ohne Scheu seine Filme vollmüllt" und "deshalb "auch noch "gerne die irritierendsten Off-Stimmen auf den Zuschauer/Zuhörer loslässt". Ihre Begeisterung üben den dänischen Messie in Ehren, ihn aber zugleich sowohl als Gott wie auch als Kobold zu feiern, ginge mir zu weit. Aber ich weiß, warum Sie sich derart versteigen - nämlich um von der Verhimmelung Lars von Triers rhetorisch den Österreicher in Ihre Hölle verstoßen zu können, weil bei ihm "immer alles an seinen Platz gehört" (wie z.B. bei Hitchcock, von Sternheim, Kiarostami) und er als "Regisseur unglaublich autoritär" ist, weil er "haargenau selbst bestimmen will, dass und wo etwas offen bleibt" - wie Hitchcock, Kubrick etc..

Ja, mein Gott, lieber Herr Knörer, sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Was Sie an Hanekes Arbeiten inkriminieren, ist doch das innerste ästhetische Gesetz von Kunst & von Handwerk, wo alles an seinen Platz gehört und dies der Autor haargenau selbst bestimmt: ob es ein Tischler, ein Schriftsteller oder ein Filmregisseur ist!

Und selbstverständlich ist die "Stimme aus dem Off" bei Hanekes "Weißen Band" wie bei dem Welles´ der "Lady from Shanghai", wie Sie schreiben, " Nadel und Faden mit denen der Film rundum zugenäht wird" - nämlich das Weberschiffchen mit dem der Erzähler seine Erinnerungs- & Vorstellungsbilder miteinander verwebt. Denn er will, wie jeder Erzähler, eine merkwürdige Geschichte erzählen, die ihm zugestoßen ist und die er zu bedenken gibt: aus seiner subjektiv-selektiven Perspektive.

Erneut drehen Sie aber in blinder Wut - die sich in Formulierungen ausdrückt wie "dass alles, was der stets eigensinnigen Moral ihres Autors widersprechen könnte, gefälligst den Rand hält" - Haneke einen Strick aus dem Gebrauch einer klassischen Erzählhaltung subjektiver Weltaneignung - wie wir sie z.B. von Truffauts "Jules & Jim" ebenso kennen, übrigens beides mal als "vollendete Historienmalerei".

Und August Sander wollte Menschen seiner Zeit im Bild fixieren (wie ein Bildhauer), Haneke, der sich an ihm orientiert (wie Kubrick historisch & ahistorisch sich an Hogarth und Reynolds für "Barry Lyndon" orientierte), rekonstruiert eine vergangene Zeit. Das Narrative Hanekes, bzw. des im Altersrückblick sich erinnernden Lehrers (an die dörflichen Zustände), der als Augenzeuge fungiert (wie in den naturalistischen Dramen jener Zeit bei Hauptmann, Ibsen etc.), hat damit nichts zu tun. Und wer im Nachhinein erinnernd, über das Vergangene sich Gedanken macht - "im Lichte unserer Erfahrung", wie Thomas Mann seinen späten Nietzsche-Essay charakterisierte -, hat ein legitimes Motiv darin, nachträglich zu mutmaßen, was genealogisch damals schon angelegt war und später sich erst entfaltete.

Dass der Lehrer - übrigens ein Dörfler aus der geografischen Nähe - dem gewissermaßen "untergegangenen" Dorf "entkommen" ist, gehört zu den Topoi solcher Erzählungen, In der Tat wird ihm "konsequenterweise die Stimme des Ich-Erzählers zugeschrieben": er ist es ja, der sich erinnert und das Erinnerte (das wir sehen und hören) im Lichte seiner späteren Erfahrung uns erzählt. So what?
Auch aus dieser dramaturgischen Notwendigkeit machen Sie wieder Haneke einen Vorwurf, indem Sie ihm unterstellen, damit spreche der Lehrer "cum grano salis die reine Wahrheit" - dabei geht es weder um die reine, noch die Wahrheit cum grano salis, sondern um seine Erinnerung und womöglich um seine Deutung (im Gespräch mit dem Pfarrer) des rätselhaften Geschehens.

Ich erspare mir, lieber Herr Knörer, Sie nun weiter auf dem vorsätzlich eingeschlagenen Holzweg Ihrer Interpretation zu begleiten - obwohl es mich reizen würde, etwas zu Ihren gönnerhaften, recte: abfälligen Bemerkungen im Blick auf Hanekes "sagenhaft akkurat komponierte" Einstellungen zu sagen; und ich verkneife mir auch, etwas zu Hanekes "Gnadenlosigkeit", resp. "Trostlosigkeit" (wie andere schreiben) zu bemerken.

Trostlos borniert ist die ideologische Vorurteilsstruktur, in der Sie und andere Haneke-Verächter sich verstricken, um ihn & seine Filme - denn immer ist alles ad personam gerichtet - zu vernichten.

Ich kenne - außer manchen frühen und jahrelangen Ausfällen gegen die Straubs - keinen Autor und seine Filme, die deutsche Filmkritiker mit mehr Hass, Hohn und übler Nachrede kontinuierlich verfolgt haben als Michael Haneke. Eine deutsche Psychose?

Wolfram Schütte

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Thorsten Krämer am 22.10.2009: Wo soll man anfangen? Wie einen Text verteidigen gegen eine ...

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