Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Teil 1

05.10.2009.

Gerta Pfeffer schildert die Abschiebung polnischer Juden aus Chemnitz im Oktober 1938(1)

Bericht von Gerta Pfeffer(2) für ein Preisausschreiben der Harvard University (1940)


[...](3)
Austreibung aus Deutschland.
Ich betrieb alles, was möglich war, um meine Emigration zu beschleunigen. Die einzige praktische, erfolgversprechende Möglichkeit war, als Hausgehilfin nach England zu gehen. Eine liebe Bekannte, die bereits in England war, bemühte sich, mir einen Posten zu beschaffen. Fieberhaft bereitete ich alles vor, um nur rasch wegfahren zu können. Wir sassen eines Abends im Oktober 1938 bei Tisch, als ein junger Mann zu uns kam und erzählte, dass eine polnisch-jüdische Familie soeben verhaftet war. Eine quälende Unruhe bemächtigte sich unser. Ich sah durchs Fenster auf die Strasse, sah hell erleuchtete, mächtige Polizeiautos durch die Strassen fahren und fast nur bei Häusern haltend, wo polnische Juden wohnten. Es war eine der Austreibungsaktionen von Juden im Gang, die damals so grassierten. Um 11 Uhr nachts kam man auch zu uns. Die ganze Familie musste mitkommen, wir durften nur Essen für 24 Stunden mitnehmen, sonst nichts. Erklärungen wurden uns keine gegeben. Ein Polizist, der mit mir Mitleid zu haben schien, fragte mich nach meinem Alter und tröstete mich, dass, da ich noch jung sei, mir nichts passieren werde. Wir wurden in einen grossen Gasthaussaal in der Stadt geführt, wo dicht zusammengedrängt schon eine Menge Leidensgenossen waren. Alle hatten ein verängstigtes, bleiches Gesicht, jeden quälte die Frage, was wohl die Nazibanden mit uns vor hatten. Ein Feldwebel des Heeres hatte die Aufsicht über uns, und er schimpfte andauernd über die Unruhe, über den Lärm, der im Saale herrschte. Das war schliesslich nicht wunder zu nennen, da auch viele verängstigte Kinder anwesend waren. Meine ganze Familie musste in der Nacht einen Zettel unterschreiben, dass wir innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen mussten. Wir waren natürlich sehr erregt und hatten noch immer keine Ahnung, wohin man uns eigentlich bringen werde. Wir blieben die ganze Nacht noch mit den zahlreichen Leidensgenossen zusammengepfercht in dem viel zu engen Saal, und in den Morgenstunden erfuhren wir, dass wir abtransportiert werden; bei Fluchtversuch werde jeder sofort erschossen. In grossen Polizeiwagen wurden wir zum Bahnhof gefahren. Dort sammelten sich rasch Neugierige an, ich habe keinen lachen gesehen, niemand hat uns beschimpft. Lange endlose Stunden fuhren wir mit dem Zug. Wir wussten nun, es ging nach Polen, wo wir sicherlich unerwünschte Gäste sein werden, obwohl wir polnische Staatszugehörige waren. Wir hatten keine Dokumente bei uns, kein Gepäck, nichts ausser was wir am Leibe anhatten. Es war 12 Uhr nachts. Wir mussten unweit der Grenze sein. Einige wenige Reisegefährten versuchten durch Witze aufheiternd zu wirken, aber ich fühlte doch die Angst, die aus allen Reisegefährten sprach. Der Zug hielt. Am Nebengeleise stand bereits ein anderer Zug mit ebenfalls ausgetriebenen Deutschen polnischer Staatsangehörigkeit. Wir mussten aussteigen. Da standen eine Unzahl von Hitlers schwarzer S.S. Ein Gruseln überlief uns. Was werden sie jetzt nur mit uns beginnen? Wir mussten uns in Reihen aufstellen, und neben jeder Reihe schritt ein S.S.-Mann daher. Wir wurden angetrieben wie eine Herde, schneller, schneller, rief man uns zu. Wir mussten einen endlos langen Weg gehen, erschöpft von der Angst, der Reise, dieses nicht endenwollenden Marsches auf der Strasse nach Polen, angetrieben von mitleidslosen S.S.-Banden. Einigen wenigen war gestattet worden, dass sie ein wenig Gepäck auf die Reise mitnehmen durften. Die meisten von ihnen mussten aber das Gepäck jetzt auf diesem Marsch wegwerfen; weil sie einfach zu schwach waren, auch noch das Gepäck zu schleppen. Es war stockfinstere Nacht. Wir hörten nur das Stöhnen der Erschöpften und das rohe Schimpfen der S.S. Wir marschierten immer noch auf der unbekannten Strasse einem unbekannten Ziele zu. Plötzlich hörten wir an der Spitze des Zuges Schreien. Mich überlief es kalt. Was bedeutet das wiederum? Später erfuhr ich, dass die Ersten mit Schlägen mit einer Eisenrute in einen schlüpfrigen Wassergraben getrieben wurden, der anscheinend die Grenze zwischen Polen und Deutschland bildete. Auch ich und meine Familie mussten durch den eiskalten Wassergraben. Auf der anderen Seite standen bereits einige Männer, denen es gelungen war, den schlüpfrigen Graben zu passieren. Sie reichten uns die Hände, und es gelang so, uns herauszuziehen. Zwei Kinder sollen in dem Graben ertrunken sein. Wir standen nun auf einer Wiese und wussten nicht, wo wir waren. Die S.S. rief uns noch nach, wir mögen ja nicht wagen, noch einmal nach Deutschland zurückzukommen, sonst würde man uns einfach erschiessen. Auf der Wiese war ein allgemeines Durcheinander. Männer suchten ihre Frauen, Kinder ihre Eltern, und es dauerte ziemlich lange, bis man sich in dem Dunkeln fand. Dann stapften wir durch die Felder einem Lichte nach, das wir in der Ferne sahen. Gesprochen wurde wenig, zu sehr lastete das Erlebte auf unserer Seele. Wo waren wir eigentlich? Waren wir bereits auf polnischem Gebiet und sogar dann, wo werden wir wirklich noch landen? Plötzlich tauchte ein polnischer Grenzbeamter auf und sprach mit uns polnisch. Nur wenige verstanden ihn. Wir sollten mit ihm kommen, zurück nach Deutschland. Ein Grauen überlief uns. Als wir uns weigerten, hetzte er einen Hund auf uns, schlug mit seinem Gummiknüttel auf uns ein und beschimpfte uns "Deutsche Schweine". Das war das Widerwärtigste für mich. Dachte ich doch, dass man über der Grenze bei polnischen Beamten auf Menschlichkeit und Verständnis stossen werde. Dieser polnische Beamte zwang uns, die Richtung zurück nach Deutschland zu gehen. Wir überquerten eine Wiese, und unsere Phantasie malte sich die schrecklichsten Bilder aus, was jetzt die Deutschen mit uns anfangen werden, wenn wir in ihre Hände fallen werden. Auf der anderen Seite der Wiese stand ein deutscher Grenzbeamter, der uns natürlich die Rückkehr nach Deutschland verweigerte. Wir standen so die ganze Nacht auf dieser Wiese, aus Deutschland vertrieben, in Polen unerwünscht. Die Wiese war neutrales Gebiet, war Niemandsland. In der Ferne hörten wir [es] schiessen.
Den tiefsten Eindruck machten auf mich die Kinder, erschöpft, müde, tränenlos. Ich beobachtete, wie einzelne auf ihre verzweifelnden Eltern beruhigend einwirkten. Die Schüsse, die wir hörten, sollen Schüsse auf Vertriebene gewesen sein, die, von den Polen nicht ins Land gelassen, gezwungen wurden, deutsches Gebiet zu betreten. Ich selbst konnte nie Authentisches darüber erfahren. Wir standen die ganze Nacht auf dieser Wiese bis zum frühen Morgen. Einige Grenzbeamte führten uns zu einem Dorfweiler, an dessen Eingang wir eine Menge anderer Ausgetriebener bereits warten sahen. Von Ferne sah dieser Menschenschwarm wie ein schwarzer, düsterer Fleck in der Landschaft aus. Schicksale sprachen aus den traurigen Augen, und das herrschende Schweigen vervollständigte die düstere Stimmung. Die Grenzbeamten sprachen nur polnisch, obwohl sie auch deutsch sprechen konnten.
Als alle Vertriebenen, die man in dieser Gegend zusammengefangen hatte, beisammen waren, wurden wir auf einen Bahndamm geführt und mussten einen höchst beschwerlichen Marsch zwischen den Schienen machen. Ich befürchtete, dass jeden Augenblick ein Zug daherrasen konnte. Wir wussten nicht, in welche Richtung wir gingen, ob landeinwärts nach Polen oder ob die polnischen Beamten doch beschlossen hatten, uns wieder den Nazis auszuliefern, wir, die wir doch formell polnische Staatsbürger waren. Nach einer Biegung des Bahndammes sahen wir plötzlich wieder die gefürchteten schwarzen Uniformen der S.S. Nun war wohl allzu drastisch jeder Zweifel behoben, wohin wir gebracht worden waren. Wir waren unmissverständlich auf deutschem Boden. Sollte unsere Quälerei nie ein Ende nehmen? Die S.S. übernahm uns, und wieder marschierten wir einem unbekannten Ziel entgegen. Einige Ueberängstliche brachten den traurigen Mut auf, S.S.-Leute zu fragen, was denn nun mit uns geschehen würde. Die prompte Antwort war: "Erschiessen." Ein anderer meinte: "Ihr kommt in ein Lager." Rasch flüsterte einer dem anderen die Schreckensbotschaften zu. Erst ertönte ein Haltekommando, dann mussten wir umkehren und denselben Weg retour. Dann führte man uns auf eine Strasse, anscheinend noch immer deutsches Gebiet. Kinder lachten und höhnten uns, die wir müde, mit nassen Füssen und kotbeschmutzt Schritt für Schritt weitergingen. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir auf einmal ein polnisches Grenzhäuschen sahen. Wir wurden noch bis dort von der S.S. gebracht, die uns verliess und sich sofort zurückzog. Diesmal wurden wir von einem sehr höflichen polnischen Grenzbeamten übernommen, polnische Kinder brachten uns Wasser, und mit unserer letzten Kraft gelang es uns, uns in ein nahegelegenes Oertchen zu schleppen. Wir wurden in ein Haus gebracht, wo schon alles auf unser Kommen vorbereitet war. Man brachte uns zu essen und zu trinken, und diese Teilnahme war Balsam auf unsere bedrückten Gemüter. Zuerst waren wir ganz apathisch, und nur langsam trat das Ueberstandene hinter dem Neuen zurück.
Ich war schon öfter im Ausland gewesen, mit Wissensdrang erfüllt, aber jetzt war mein Herz besonders geöffnet für Neues, Gutes. Ich betrat einen Laden, um verschiedene Reinigungsmittel wie Seife und Schuhputzzeug zu kaufen. Zwei Arbeiter empörten sich über das uns zugetane Unrecht, der eine machte seine durch Loswettern auf die Hitlerbarbaren Luft, der andere, ein älterer Mann, weinte sogar. Ich war tief ergriffen, Mitgefühl zu finden. Am Abend gaben uns hilfsbereite Menschen Quartier und wenige verlangten eine Entschädigung von uns. Am nächsten Morgen wurden wir ins Landesinnere gebracht. Auf vielen Bahnstationen wurden uns Lebensmittel und Getränke gegeben. Manche der Leute, die uns Erfrischungen reichten, weinten. Wir selbst waren keiner Tränen mehr fähig; das Schicksal anderer kann einen mehr zu Tränen rühren als sein eigenes, oder vielleicht war uns auch die Tragik schon zur Gewohnheit geworden. Wir, auf der Fahrt ins innere Polen, waren eine Gemeinschaft geworden, verbunden durch gemeinsam erlebtes Unrecht. Die Hilfsbereitschaft in den Bahnhöfen tröstete. Ein religiöser Mann kam in mein Abteil und las aus der Bibel vor. Uns tröstete es, und ich gewann wieder meinen Glauben an die Menschen. Ich wurde mit meiner Familie in Lemberg untergebracht, wo wir ein entbehrungsreiches Emigrantenleben geführt haben.
[...](4)

--------------------------------------
(1) Gerta Pfeffer, Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933 (1940), S. 50-59; Harvard-Preisausschreiben, Nr. 177.
(2) Gerta Pfeffer (*1912), Textilzeichnerin; Tochter eines Chemnitzer Kaufmanns, 1933-1938 Anstellung in einer Weberei in Süddeutschland, danach Rückkehr nach Chemnitz; 1938 Verhaftung der Familie und Deportation an die poln. Grenze, 1939 Bewilligung zur Einreise nach England.
(3) Der gesamte Bericht umfasst 62 Seiten und wurde aus London eingesandt. Anfangs schildert Pfeffer ihren Schulbesuch in Chemnitz und die ersten Erfahrungen mit dem Antisemitismus ihrer Lehrer, die Verhaftung ihres Bruders, ihres Vaters und einiger Freunde nach dem Reichstagsbrand 1933. 1938 erhielt sie nach ihrer Geburtstagsfeier in der Firma das Entlassungsschreiben.
(4) Anschließend berichtet Gerta Pfeffer, dass ihr im Febr. 1939 die Einreise nach England genehmigt wurde und das deutsche Konsulat ihr einen vierwöchigen Aufenthalt in Chemitz gestattete, wo sie mit ihrer Mutter den Hausstand weit unter Wert verkaufte. Im März 1939 emigrierte sie nach London.

Teil 2

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