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Essay
Bruch mit den Spielregeln
Von Michael Maier
22.09.2009. Es reicht nicht, den Nerd zu feiern. Es werden sich alle einlassen müssen auf die Digitalisierung: Computerkids und Feuilletonredakteure, Frau von der Leyen und die Hacker vom Chaos Computer Club.
Die deutschen Feuilletons haben sich mit dem Internet in den vergangenen Monaten immer wieder intensiv beschäftigt. Die neue Technologie wurde selten als das beschrieben, was sie ist: Als eine Möglichkeit für intelligente Menschen, sich auszudrücken. Allzu einseitig wurden die Gefahren beschworen, nicht selten im Kontext der Sorge um die eigene Zukunft: Journalisten fühlen sich vom Internet bedroht, weil sie glauben, dass die neue Technologie das Geschäftsmodell der Zeitungen zerstört.
Dabei wurde weitgehend übersehen, dass das Internet kein Medium an sich ist, sondern ein Informations- und Kommunikationssystem. Wie daraus ein Medium oder vielmehr: viele neue Medien werden, ist noch nicht klar. Das Internet lebt von Versuch und Irrtum. Nur eines ist klar: Durch die Art, wie wir mit dem Internet unsere Kommunikationsmöglichkeiten erweiteren, verändern wir unser Denken und damit jeden gesellschaftlichen Diskurs fundamental.
Nun hat erstmals ein führender deutschen Feuilletonist diese Dimension erkannt, und, wie man dem Text von Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung entnehmen kann, die Bedeutung dieses Vorgangs vorurteilsfrei und ohne Zynismus beschrieben. Dies ist besonders bemerkenswert, weil Schirrmacher noch vor zwei Jahren in seiner Dankesrede für die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises das Internet in düsteren Farben gemalt hatte (SZ-Version der Rede und FAZ-Version der Rede). Die mögliche Verrohung, die durch das Internet um sich zu greifen drohe, sei eine ungeahnte Gefahr für Menschheit und Zivilisation. Er forderte damals eine gesellschaftliche Debatte, die sich mit Kinderpornografie und Kriminalität auseinandersetzen müsse, um das Schlimmste zu verhindern.
Nun wird der Herausgeber der FAZ durch die Kandidatur der Piraten-Partei auf die helle Seite des Mondes aufmerksam. Unter dem Titel "Die Revolution der Piraten" schreibt Schirrmacher, dass es eine "Ko-Existenz der Plattformen" geben werde. Mehr noch: "Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, unserer SMS-Botschaften, mittlerweile unseres Denkens geschrieben." Und weiter: "Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik." Zwar könne man heute noch nicht sagen, ob dies "durchweg zum Guten" der Menschheit sei - aber immerhin: Das Gute im Internet wird denkbar. Und: "Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind legitim und überfällig."
Es ist Schirrmacher hoch anzurechnen, dass er auch vor Kritik an der eigenen Branche nicht haltmacht und sogar Selbstkritik übt: Der "Nerd" (für Schirrmacher der Archetyp des Internet-Intelligenzlers) fehlt nicht nur in den Salons und auf den Parties, "er fehlt, wie ich feststelle, auch in allen meinen Artikeln und in fast allen Artikeln meiner Kollegen der letzten Jahre".
Im November wird nun Schirrmachers neues Buch "Payback" bei Blessing erscheinen. Der zitierte Artikel liest sich wie ein Vorabdruck, wenngleich die Verlagsankündigung des Verlages noch den Pessimimus der Jacob-Grimm-Rede enthält: "Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen."
Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind nicht mit Kontrollmechanismen zu unterbinden. Schirrmachers Forderung, den Vordenkern "zuzuhören und mit ihnen zu reden", stellt einen vernünftigen Anfang dar. Allerdings wird es kein gemütlicher Kaffee-Plausch, bei dem man Nettigkeiten ausgetauscht werden. Wie jede Revolution fordert auch die digitale Revolution radikale Veränderungen. Mehr noch: Über das neue Kommunikations- und Informationssystem des Internet werden gegenwärtig bereits viele Veränderungen durchgesetzt - ohne auf die Zustimmung jener Teile der Gesellschaft zu warten, die bisher die Deutungshohheit für sich reklamieren konnten.
Diese Veränderungen bedeuten einen radikalen Bruch mit den bisher vertrauten Spielregeln in gesellschaftlichen Debatten: Alle Beteiligten müssen sich ihre Autorität erst verdienen. Gedanken werden ineinander verwoben, weil es kein Oben und Unten mehr gibt, sondern vor allem die gemeinsame Suche nach der besten Lösung für unsere in der Tat unübersehbaren globalen Probleme. Gaming, Videos, Interaktion und kollaborative Kommunikationsprozesse haben sich ihren gleichberechtigten Platz in jenem Raum erobert, in dem gesellschaftliche Definitionen formuliert werden. In dem Maß, in dem Kommunikationsprozesse für die Gesellschaft überlebensnotwendig sind, wird diese Gesellschaft auch unbeeindruckt von kommerziellen Erwägungen agieren. Viele Geschäftsmodelle funktionieren im Internet nicht, weil es um Prozesse geht, die wichtiger sind als das Geldverdienen. Es wird keine kulturelle Dominanz mehr geben, weil die Menschheit ein globales Kommunikationsmittel braucht. Alle Kulturen werden dazu beitragen, und am Ende werden hoffentlich alle mehr gewinnen als verlieren. Ebenso wie nationale Grenzen werden auch alle Altersbeschränkungen fallen - nach oben und nach unten. Kinder und Jugendliche werden ungeachtet ihres Alters wesentliche Beiträge liefern, und alte Menschen werden sich über die Ghettoisierung hinwegsetzen, die ihnen das Fernsehen mit der Definition der "werberelevanten Zielgruppe, 14-49 Jahre" aufgezwungen hat.
In diesen Veränderungen steckt eine Menge Potenzial für Tabubrüche. Solche sind immer schmerzhaft, besonders für jene, die von Tabus bisher profitiert haben. Weil die neuen Regeln des Internet zwar kollaborativ, aber eben nicht konsensual aufgestellt werden, treten wir alle in eine große Phase des Lernens ein. Das ist anstrengend, und nicht alle werden da freudig mitmachen.
Daher ist es besonders wichtig, den Prozess der "Revolution der Piraten", wie Schirrmacher das Ganze nennt, nicht mit romantischer Bewunderung für die "Nerds" in den Bereich des Kuriosen abzuschieben. Es werden sich alle einlassen müssen, Computerkids und Feuilletonredakteure, Frau von der Leyen und die Hacker vom Chaos Computer Club. Auch sind es am Ende nicht selbsttätige Algorithmen, die das Heil bringen.
So faszinierend die Mathematik ist - am Ende werden wir eine neue gemeinsame Moral entwickeln. Diese wird dann doch wieder konsensfähig sein müssen, wenn wir denn gemeinsam die Welt retten wollen. Ein Abstimmungsprozess darüber, was gut und was böse ist, wird viel komplexer und dynamischer sein als das, was wir bisher kulturgeschichtlich so erlebt haben. Die Entwicklung des Internet zu einem menschlichen "Superhirn" ist keine Marketingveranstaltung. Gerade weil ein ungeordneter, chaotischer Prozess auch viele Gefahren birgt, kommt es im Kantschen Sinne auf den einzelnen an. Dieser hat alle Möglichkeiten, in jedem denkbaren Sinn. Die Beschreibung dieses Prozesses wird auch zu einem Goldgräber-Zeitalter des Feuilletons führen. Als ihr Scout ist Frank Schirrmacher im Wilden Westen der digitalen Zukunft angekommen. Yeah!
Michael Maier
Michael Maier war Chefredakteur der Berliner Zeitung, des Stern und der Netzeitung. Zuletzt hat er ein buch vorglegt: "Die ersten Tage der Zukunft - Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können", Pendo Verlag, 19,90 Euro. (Bestellen)
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