Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 08.02.2012, 16.40 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel. Teil 1

31.08.2009.

Kapitel 8

Bewusstseinstechnologien und das neue Bild des Menschen

Wir sind Ego-Maschinen, natürliche Informationsverarbeitungssysteme, die im Verlauf der biologischen Evolution auf diesem Planeten entstanden sind. Das Ego ist ein virtuelles Werkzeug: Es hat sich entwickelt, weil wir mit seiner Hilfe unser eigenes Verhalten kontrollieren und vorhersagen und das Verhalten anderer verstehen konnten. Jeder von uns lebt sein bewusstes Leben in seinem eigenen Ego-Tunnel, ohne direkten Kontakt mit der äußeren Wirklichkeit, aber wir besitzen eine innere Erste-Person-Perspektive. Wir alle haben bewusste Selbstmodelle - integrierte Bilder von uns selbst als einer Ganzheit, die fest in Hintergrundgefühlen und Körperempfindungen verankert sind. Aus diesem Grund baut sich die Weltsimulation, die ständig durch unsere Gehirne geschaffen wird, um einen Mittelpunkt herum auf. Wir sind jedoch unfähig, sie als solche zu erleben oder unsere Selbstmodelle als Modelle. Wie ich am Anfang dieses Buchs beschrieben habe, verleiht uns der Ego-Tunnel das stabile Gefühl, in direktem Kontakt zur Außenwelt zu stehen, weil er gleichzeitig eine anhaltende »außergehirnliche Erfahrung« und ein Gefühl des unmittelbaren Kontakts zum eigenen »Selbst« erzeugt. Die zentrale These dieses Buchs ist, dass das bewusste Erleben, ein Selbst zu sein, genau dadurch entsteht, dass ein großer Teil des Selbstmodells in unserem Gehirn - wie Philosophen sagen würden - transparent ist.
     Wir sind Ego-Maschinen, aber wir haben keine Selbste. Die Antwort auf die Kernfrage der Einleitung lautet nun: Wir können den Ego-Tunnel nicht verlassen, weil es niemanden gibt, der ihn verlassen könnte. Das Ego und sein Tunnel sind repräsentationale Phänomene: Sie sind nur eine von vielen möglichen Weisen, in denen bewusste Wesen ein Modell der Wirklichkeit erzeugen können. Letztlich ist subjektives Erleben ein biologisches Datenformat, also eine hochgradig spezifische Weise, Information über die Welt darzustellen, eine innere Weise des Gegebenseins, und das Ego ist lediglich ein komplexes physikalisches Ereignis - ein Aktivierungsmuster in unserem zentralen Nervensystem.
     Wenn wir - etwa aus weltanschaulichen oder psychologischen Gründen - dieser Tatsache nicht ins Auge sehen und unser traditionelles Verständnis davon, was ein »Selbst« ist, nicht aufgeben wollen, dann könnten wir versuchen, schwächere Versionen zu formulieren. Wir könnten sagen, dass das Selbst ein weitverteilter Vorgang im Gehirn ist - nämlich der Vorgang, durch den ein Ego-Tunnel erzeugt wird (seine natürliche »Bedingung der Möglichkeit«). Wir könnten sagen, dass sich doch einfach das System als Ganzes (die Ego-Maschine) oder der Organismus, der dieses vom Gehirn konstruierte bewusste Selbstmodell benutzt, als ein »Selbst« bezeichnen ließe. Dann wäre ein Selbst einfach ein selbstorganisierendes und selbsterhaltendes physikalisches System, das sich auf der Ebene der globalen Verfügbarkeit noch einmal für sich selbst darstellen kann. Das Selbst ist dann kein Ding, sondern ein Vorgang. Solange der Lebensprozess als solcher - der anhaltende Vorgang der Selbststabilisierung und Selbsterhaltung - sich in einem bewussten Ego-Tunnel widerspiegelt, wären wir in der Tat Selbste. Oder, besser gesagt, wir wären »selbstende« Organismen: Genau in dem Moment, in dem wir morgens aufwachen, beginnt das physische System - das wir selbst sind - mit dem Vorgang des »Selbstens«. Eine neue Kette bewusster Ereignisse beginnt, und auf einer höheren Stufe von Komplexität kommt der Lebensvorgang ein weiteres Mal zu sich selbst.
    Nichtsdestotrotz gibt es, wie ich immer wieder betont habe, kein kleines Männchen im Kopf. Vor allem haben alle schwächeren Versionen das Problem, dass sie unsere eigene Phänomenologie - das innere Erleben von Substanzialität und Seinsgewissheit - nicht wirklich ernst nehmen. Sie erklären es nicht. Es ist wahr, dass beim Aufwachen aus dem traumlosen Tiefschlaf das bewusst erlebte Ichgefühl immer wieder von neuem entsteht. Wie ich in dem Kapitel über außerkörperliche Erfahrungen vorgeschlagen habe, könnte dies mit der Tatsache zu tun haben, dass das Körperbild als Ganzes wieder für die selbstgerichtete Aufmerksamkeit verfügbar wird. Aber es gibt niemanden, der das Aufwachen einleitet oder steuert, niemanden hinter den Kulissen, der einen Knopf drückt und das System von neuem bootet, keinen transzendentalen Techniker der Subjektivität. Heute lautet der Schlüsselbegriff »dynamische Selbstorganisation«. Streng genommen gibt es in uns keine Essenz, die über die Zeit hinweg immer dieselbe bleibt, nichts, was man im Prinzip nicht in Teile zerlegen könnte, kein substanzielles Selbst, das unabhängig vom Körper existieren könnte. Im Moment sieht es so aus, als ob es so etwas wie ein »Selbst« in irgendeinem stärkeren oder metaphysisch interessanteren Sinne des Wortes schlichtweg nicht gibt. Es scheint, als müssten wir der Tatsache ins Angesicht schauen: Wir sind selbstlose Ego-Maschinen.
     Es ist schwer, dies zu glauben. Sie können es nicht glauben. Dies mag auch der eigentliche Kern des Bewusstseinsrätsels sein: Wir beginnen zu ahnen, dass seine Lösung radikal kontraintuitiv ist, etwas, das allen Vorstellungen und Erwartungen zuwiderläuft. Das größere Gesamtbild, nach dem wir suchen, lässt sich nicht wirklich im Ego-Tunnel reflektieren - es würde den Tunnel selbst auflösen. Anders ausgedrückt: Wenn wir diese Theorie auch als wahr erleben wollten, so könnten wir dies nur tun, indem wir unseren eigenen Bewusstseinszustand auf radikale Weise transformieren. Wenn man von der Hirnforschung auf die Ebene der Philosophie fortschreitet, ist dies vielleicht die wichtigste Einsicht.
     Vielleicht können uns Metaphern helfen. Metaphorisch könnte man den Hauptgedanken dieses Buchs vielleicht so ausdrücken, dass Sie - der Organismus als Ganzer - sich selbst während des Lesens der letzten Abschnitte ständig mit dem Inhalt des Selbstmodells verwechselt haben, das gegenwärtig durch Ihr Gehirn aktiviert wird. Während aber das Ego nur eine Erscheinung ist, könnte es falsch sein, zu sagen, dass es eine Illusion ist, denn Metaphern sind immer sehr begrenzt. All dies geschieht auf einer sehr grundlegenden Ebene in unseren Gehirnen (Philosophen nennen diese Ebene der Informationsverarbeitung »subpersonal«, Informatiker nennen sie »subsymbolisch«). Auf dieser fundamentalen Ebene, auf der die Bedingungen der Möglichkeit, etwas zu erkennen, gebildet werden, existieren Wahrheit und Falschheit noch nicht, und es gibt auch keine Entität, die die Illusion eines Selbst haben könnte. In diesem ständig ablaufenden Vorgang auf der subpersonalen Ebene gibt es keinen Handelnden - keinen bösen Dämon, der als Schöpfer einer Illusion zählen könnte. Und genauso wenig gibt es eine Entität, die als Subjekt der Illusion gelten könnte. Da ist niemand innerhalb des Systems, der sich irren oder sich mit irgendetwas verwechseln könnte - den homunculus gibt es nicht. Wir haben nur die dynamische Selbstorganisation einer neuen zusammenhängenden Struktur - nämlich des transparenten Selbstmodells im Gehirn -, und genau das bedeutet es, gleichzeitig niemand und eine Ego-Maschine zu sein. Zusammenfassend kann man sagen, dass sowohl auf der Beschreibungsebene der Phänomenologie als auch auf jener der Neurobiologie das bewusste Selbst weder eine Form von Wissen noch eine Illusion ist. Es ist einfach das, was es ist.

Ein neues Bild von Homo sapiens

Es ist nicht zu übersehen, dass momentan sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Philosophie ein neues Bild des Menschen im Entstehen begriffen ist. Dieser Prozess wird nicht nur durch die Molekulargenetik und die Evolutionstheorie angetrieben, sondern auch durch die kognitive Neurowissenschaft des Bewusstseins und die moderne Philosophie des Geistes. An diesem kritischen Übergangspunkt kommt es darauf an, die deskriptiven und normativen Aspekte der Anthropologie, der Theorie darüber, was der Mensch ist, nicht miteinander zu vermischen. Wir müssen zwei grundverschiedene Fragen sorgfältig unterscheiden: Was ist der Mensch? Und: Wie sollte der Mensch in der Zukunft sein?
     Offensichtlich war der evolutionäre Vorgang, der unsere Körper, unsere Gehirne und unseren bewussten Geist erschaffen hat, keine zielgerichtete Kette von Ereignissen. Wir sind Genkopierer mit der Fähigkeit, bewusste Selbstmodelle zu entwickeln und große Gesellschaften zu bilden. Wir sind darüber hinaus in der Lage, kulturelle Umgebungen von phantastischer Komplexität zu erzeugen, die ihrerseits unsere Selbstmodelle vom Moment der Geburt an formen und ihnen ständig neue Schichten und Inhalte hinzufügen. Wir haben die Philosophie hervorgebracht, die Wissenschaft, eine eigene Ideengeschichte. Aber es gab keine Absicht hinter diesem Gesamtvorgang - er ist das Ergebnis blinder, aufwärtsgerichteter Selbstorganisation. Es stimmt: Wir haben das bewusste Erlebnis der Willensfreiheit, und jedes Mal, wenn wir uns mit Philosophie, Wissenschaft oder anderen kulturellen Aktivitäten beschäftigen, erleben wir uns selbst als absichtlich Handelnde. Aber nun scheint uns die kognitive Neurowissenschaft zu sagen, dass genau dieses Engagement möglicherweise selbst das Produkt eines selbstlosen, Ich-freien Bottom-up-Vorgangs ist, der in unseren Gehirnen seinen Anfang nimmt. Was all dies am Ende wirklich bedeutet, ist derzeit noch offen.
     Gleichzeitig jedoch geschieht etwas Neues: Bewusste Ego-Maschinen haben damit begonnen, ihr Wissen auf systematische und methodisch strenge Weise kontinuierlich zu erweitern, indem sie Wissenschaftlergemeinschaften bilden. Schritt für Schritt enthüllen sie die Geheimnisse des Geistes. Seine Tiefenstruktur tritt hervor. Der Lebensvorgang selbst spiegelt sich zunehmend auf eine neue Weise in den bewussten Selbstmodellen von Millionen jener Systeme, die durch ihn geschaffen wurden. Außerdem vertieft sich gleichzeitig die Einsicht in die Bedingungen, welche all dies möglich gemacht haben. Dieser Prozess der Wissenserweiterung verändert den Inhalt unserer Selbstmodelle - und zwar sowohl den unserer inneren als auch den ihrer externalisierten Versionen in Wissenschaft, Philosophie und Kultur. Die Wissenschaft erobert den Ego-Tunnel.
     Das nun hervortretende Bild von Homo sapiens ist das einer Spezies, deren Mitglieder sich einst nach dem Besitz einer unsterblichen Seele sehnten, jetzt aber langsam erkennen, dass sie selbstlose Ego-Maschinen sind. Der biologische Imperativ, wonach wir unter allen Umständen überleben müssen - ja, in der Tat ewig leben sollten -, wurde im Verlauf von Jahrtausenden in unsere Gehirne eingebrannt, in unser emotionales Selbstmodell. Nun aber sagen uns unsere brandneuen kognitiven Selbstmodelle, dass alle Versuche, sich diesem Imperativ zu unterwerfen, am Ende vergeblich sein werden. Für Wesen wie uns ist Sterblichkeit nicht einfach nur eine objektive Tatsache, sondern ein subjektiver Abgrund, eine offene Wunde in unserem phänomenalen Selbstmodell. Wir haben einen tiefen, in uns selbst eingebauten existenziellen Konflikt, und wir scheinen die ersten Lebewesen auf diesem Planeten zu sein, die diese Tatsache bewusst erleben. Viele von uns verbringen einen großen Teil des Lebens damit, Wege zu finden, die Kränkung nicht bewusst erleben zu müssen. Vielleicht ist es auch diese Eigenschaft unseres Selbstmodells, die uns zu ihrem innersten Wesen nach religiösen Tieren macht: Wir sind dieser Vorgang des andauernden Versuchs, wieder heil zu werden, ganz zu sein, das, was wir wissen, in Einklang zu bringen mit dem, von dem wir fühlen, dass es auf keinen Fall wahr sein darf. In diesem Sinne ist das Ego die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Im innersten Kern ist das Ego ein System, das der eigenen Existenz einen fast unendlichen Wert beimisst, und die bewusste Einsicht in die eigene Sterblichkeit verletzt dieses Selbstwertgefühl - wobei ein klassischer Gedanke natürlich ist, dass viele unserer kulturellen Aktivitäten letztlich dadurch motiviert sind, dieses Selbstwertgefühl wieder zu erhöhen. In vieler Hinsicht ist das Ego Ergebnis des permanenten Versuchs, seine eigene Kohärenz und die des Organismus, der es beherbergt, aufrechtzuerhalten. Aus genau diesem Zusammenhang entsteht für Wesen wie uns die ständige Versuchung, intellektuelle Redlichkeit zugunsten schöner Gefühle und Seelenfrieden zu opfern.

Teil 2

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Archiv: Vorgeblättert

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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

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16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

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24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

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10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

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06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

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