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Eins
Natürlich wurde ihm bei dem Gedanken übel, aber es gab nichts daran zu rütteln, er musste Eleri ap Vaughan umbringen. Ein ungewöhnlicher Name, aber er hatte gehört, dass in Wales viele ganz ähnlich hießen und dass sie dort überhaupt nicht aufgefallen wäre. Das heißt, ihr Name wäre dort nicht aufgefallen. Eleri selbst würde immer auffallen, egal, wo sie war. In vieler, vieler Hinsicht war Eleri entzückend - alt und dürrbeinig, aber trotzdem entzückend und vermutlich die beste Kokaindealerin für die besseren Kreise im ganzen Land. Wenn andere Länder ähnliche bessere Kreise gehabt hätten, hätte ihr Talent ihr einen Weltmeistertitel eingebracht, nicht nur einen nationalen. Er, als Großhändler, belieferte Eleri. Und Eleri belieferte ihre Kundschaft mit goldenem Boden, die sie, persönlich, mit Begabung, Charme und Zuverlässigkeit im Laufe einer durchaus Ehrfurcht gebietenden Reihe von Jahren, wirklich, um sich geschart hatte. In Wales bedeutete ?Eleri? wahrscheinlich so etwas wie ein klarer Gebirgsbach oder ein weiblicher Wanderfalke, etwas durch und durch Anmutiges.
Ein Problem war der Tatort. Vine wollte sie nicht zu Hause umbringen. Sie wohnte in einem Bungalowviertel, einem verdammt guten, wo die Geräuschdämpfung bestimmt den höchsten Ansprüchen des Instituts für Baumaterial, Mörtel und Verputz genügte. Das Geräusch eines Schusses bei Nacht jedoch würde trotzdem weit tragen. Und vielleicht waren ja auch mehrere erforderlich, selbst aus nächster Nähe. Wer, um Himmels willen, würde wollen, dass eine nette, alte Lady wie Eleri sich in Todeskrämpfen winden musste? Etwas wie eine voll schallgedämpfte Handfeuerwaffe gab es nicht, und die Leute hatten heutzutage so viele Krimis im Fernsehen gesehen, dass sie das ploppende Geräusch erkennen würden.
Das Elend mit Eleri war ihr Verrat - ein schreckliches Wort, aber Keith Vine fiel kein anderes dafür ein. Sie hatten eine perfekte Geschäftsbeziehung unterhalten, die für sie einen ebenso schönen Profit abgeworfen hatte wie für Vine und seine Teilhaber, und dann wird ihm von irgendwo zugeflüstert, dass sie ihre Lieferungen in Zukunft von anderer Stelle beziehen wird. Beim ersten Mal, als er es gehört und bestätigt gefunden hatte, war er echt gekränkt gewesen. Er war unverzüglich zu Eleri nach Hause gefahren und hatte ihr eine kleine Abreibung verpasst. Sie hatte selbst in ihrem Alter noch wechselnde Freunde, was ein Aspekt ihrer wundervollen Energie und ihrer Sucht nach Schwänzen war, aber von denen hatte damals keiner bei ihr gewohnt, und im Grunde war es mit keinem so etwas Festes, dass es sie näher interessiert hätte, wer sie vermöbelt hatte.
Auf jeden Fall war das bisschen Dresche, das er ihr verabreicht hatte, nicht mehr als genau das gewesen, sachte, nicht übertrieben. Damals hatte er das Lärmproblem auch berücksichtigen müssen. Jemand, der stürzte oder an die Wand geschleudert wurde, wäre höchstwahrscheinlich von den Nachbarn gehört worden, trotz aller Geräuschisolierung und selbst bei einem Leichtgewicht, wie Eleri es war. Außerdem wäre es Ekel erregend gewesen, eine Frau dieses Alters wirklich schwer zu misshandeln, egal, was sie verbrochen hatte. Eleri war über sechzig, um Himmels willen, eine Rentnerin. Und völlig blödsinnig wäre es gewesen, sie so durch die Mangel zu drehen, dass sie nicht bald wieder hätte arbeiten können. War das nicht der ganze Sinn seines Besuchs gewesen? Vine hatte erreichen wollen, dass Eleri wieder in ihrer unübertroffenen Rolle als Dealerin an Bord des The Eton Boating Song auftrat, aber ausschließlich mit Stoff dealte, den er geliefert hatte. Meine Güte, niemand bekam größere Rabatte von ihm als Eleri, in Anerkennung ihres unbezweifelbaren Geschäftstalents und ihrer Liste bester, treuer Stammkunden.
Eine Weile nach seinem Besuch in ihrer Wohnung schien Eleri wieder Vernunft anzunehmen, und sobald sie sich erholt hatte und die Zähne hatte richten lassen, kehrte sie an ihren Platz in der Bar des Eton zurück und nahm den Handel mit mindestens dem gleichen Erfolg und natürlich mit Keith als Lieferanten wieder auf. Dieses schwimmende Restaurant und eine große neue Disco, nicht weit vom Hafen entfernt, waren Bestandteil der Hafenmodernisierung. Keith fand das aufregend. Die Seefahrt war auf den Hund gekommen und das Hafenviertel mit ihr, aber jetzt hatte man das große Ziel, den ganzen Plunder in ein fröhliches Vergnügungsgelände zu verwandeln. Das Eton mit seinen schwerreichen Geschäftsleuten als Stammkundschaft schien für Eleri geradezu geschaffen zu sein. Ab und zu kam Keith auf einen Drink vorbei, um sich zu überzeugen, dass alles reibungslos lief, und um ein bisschen mit ihr zu plaudern, wenn nichts los war. Er mochte Eleri, und das nicht nur aus geschäftlicher Sicht.
Und dann war ihm zu Ohren gekommen, dass sie wieder Kontakt zu Elementen von außen aufgenommen hatte. Den Geschichten zufolge diesmal zu einem möglichen Lieferanten aus London. Vine hatte etwas von einer so genannten Dominotheorie gehört. Diese besagte, dass ein Element in einer Organisation, das aus dem Ruder lief, alle anderen mit sich reißen konnte, so wie ein aus Dominosteinen gelegtes Muster zusammenfallen konnte, wenn ein einziger Stein umstürzte. Wenn er in puncto Eleri nichts unternahm, würden auch andere Dealer zum Gegner überlaufen - sofern der Gegner bessere Bedingungen versprach oder sie terrorisieren konnte. Man musste seinen eigenen Terror ausüben. Zuvorkommen nannte man das, falls man damit Glück hatte. Es gab Gerüchte, eine der großen Londoner Firmen hätte vor kurzem einen Kundschafter ausgeschickt, der das Terrain sondieren sollte. Niemand wusste etwas über ihn, aber offenbar war er sehr gut gekleidet und wirkte überhaupt äußerst elegant. Großstädtisch. Jemand hatte ihm den Namen Der Tänzer verliehen. Im Augenblick war er verschwunden, aber er würde zurückkommen. Vielleicht auch mehr als einer. Ein Trend. Seit einer ganzen Weile hielten die Firmen aus London, Manchester, Liverpool nun schon Ausschau nach anderen Absatzmärkten, die sie kolonisieren konnten, denn zu Hause wurde ihnen der Boden zu eng, zu heiß oder beides. Eleri war die Art von Dealer, die sie alle zu umgarnen versuchen würden. Eine oder zwei hatten es vielleicht schon getan. Damit musste Schluss sein.
Vine ging noch einmal zum Eton, nur um Eleri eine Chance zu geben. Er hasste es, wenn er gefühllos sein oder Zwang ausüben musste. Keiths eigene Freundin, Rebecca, würde eines Tages auch einmal so alt werden, so Gott wollte, und er verabscheute die Vorstellung, sie könnte schlecht behandelt werden, egal, wie unansehnlich sie dann sein mochte. Wenn Eleri ihm erzählten würde, jemand habe versucht, mit ihr zu verhandeln, und sie habe es abgelehnt, dann würde es ihm genügen. Das wäre aufrichtig, und es lag ihm überhaupt nichts daran, eine im Allgemeinen liebenswürdige Lady von über sechzig umzubringen, die spät im Leben anzuerkennen gelernt hatte, dass Verrat unverzeihlich war.
"Eleri", sagte er, "es ist eine Wohltat, dich hier so glücklich und zufrieden sitzen zu sehen."
"Ja, geht so", antwortete sie. Eleri schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, aber es war förmlich. Er machte ihr keinen großen Vorwurf deswegen. Falls sie Verhandlungen laufen hatte, konnte sie sehr wohl nervös sein. Und überhaupt würde es zwischen ihnen nach dieser Lektion am Nachmittag nie wieder sein wie früher. Ihm fiel auf, dass ihre Zähne außerordentlich sauber waren.
"Läuft das Geschäft?", fragte er.
"Kann gar nicht anders, Keith."
"Und so soll?s auch bleiben", sagte er.
"Genau."
Oh Gott, Eleri, gib?s doch zu, gib?s zu. Zwing mich doch nicht dazu, alte Freundin.
"Irgendwelche neuen Gesichter gesehen?", fragte er.
"Eigentlich nicht. Nur langjährige Stammkunden ? oder Freunde, wie ich sie lieber nenne."
"Genau", sagte Vine. Du bist tot, verflucht noch mal, Eleri. Er glaubte zu wissen, wo und wie er es machen musste.
Das Eton war, wie man deutlich sehen konnte, ein einstiger Chinasegler, der in jenen glorreicheren Tagen Imperial Majesty geheißen hatte - überall sah man den Verfall. Jetzt hatten sie ihn in ein Restaurant mit Bar umgebaut und ihm diesen neuen Namen gegeben, der unverkennbar einen Klassenaspekt beinhaltete und einen fröhlichen Unterton, den Keith schätzte, wenn es denn schon ein Restaurant sein sollte. Das Schiff lag an einer Stelle vertäut, wo der neu gestaltete Hafen an die Gerippe der alten Dockgebäude angrenzte. Bald würden die Ruinen säuberlich abgerissen und ersetzt werden, aber im Augenblick konnten sie ihm von Nutzen sein.
Das Eton war bis zwei oder drei Uhr früh geöffnet, wie im Nachtleben einer richtigen Großstadt. Die Gäste liebten die maritime Atmosphäre mit den Wimpeln vieler Nationen, die über ihren Köpfen flatterten, und den Bullaugen. Die Leute konnten nach dem Essen hinaus an Deck gehen und an die Reling gelehnt auf die Docks schauen, als seien sie auf Kreuzfahrt in der Karibik. Das Restaurant hatte durchaus einen Ruf - Tintenfisch, fast rohes Gemüse, Wein, in dem nie Korkstückchen schwammen - das ganze Theater, das Leuten wie Eleris Stammkunden so gut gefiel. Hier konnten sie etwas Gutes zu essen bekommen und sich gleichzeitig etwas Stoff für danach besorgen. Es war in jeder Hinsicht schönes, ehrlich verdientes Geld, das diese Leute besaßen, und man musste sich um sie kümmern. Eleris Kundenliste war so gut, dass sie wie ein Denkmal für sie wirken könnte, so wie die in dem berühmten Film vor ein paar Jahren, Schindlers Liste.
Teil 2
Archiv: Vorgeblättert
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