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Essay
Kampf des Gedächtnisses
Vom Lachen und Vergessen. Milan Kundera und die Abgründe der Erinnerung. Von Ulrike Ackermann
01.04.2009. "Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen." Diese Wahrheit sollte auch Milan Kundera selbst beherzigen. Dem großen Romancier des Verrats zum Achtzigsten.
Zwanzig Jahre nach dem Ende des Eisernen Vorhangs, dem Sieg der Demokratie im ehemals abgespaltenen Teil Europas gärt immer noch die Auseinandersetzung über die Abgründe der kommunistischen Vergangenheit. Auch prominente Schriftsteller, die für die Freiheit kämpften, hatten Leichen im Keller - wie der große tschechische Romancier Milan Kundera, der am 1. April seinen 80. Geburtstag feiert.
"Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen", so lautet der Appell Kunderas in seinem "Buch vom Lachen und Vergessen". Dieser Roman handelt, ebenso wie sein später publizierter über "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Liebe und Verrat in Zeiten des Kommunismus. Kunstvoll und mit großer Sensibilität folgt Kundera den politischen und privaten Irrungen und Wirrungen seiner Protagonisten. Ihre Biografien sind gezeichnet von inneren Kämpfen, ihrer Schwäche und Feigheit gegenüber den Anforderungen der alles beherrschenden Kommunistischen Partei, aber auch von ihrem Mut und ihrer Eigenwilligkeit, sich dem politischen Zwang in dieser geschlossenen Gesellschaft zu widersetzen. Sie schufen sich Nischen in der Diktatur, kleine private Inseln der Freiheit, in denen weiter gefochten wurde um Unabhängigkeit, Loyalität, Treue, und Wahrhaftigkeit. Doch vor Verrat, Lüge und Enttäuschung waren sie weder im privaten noch im politischen Feld gefeit.
Milan Kundera, 1929 in Brünn geboren, trat kurz nach Kriegsende in die KP ein, die ihn 1950 ausschloß und ihn 1956 wieder in ihren Schoß aufnahm. Nach dem Krieg schlug er sich als Student, Arbeiter und Jazzmusiker durch, bevor er sich der Literatur zuwandte. Sein Roman "Der Scherz", erschienen 1967, steht für den Aufbruch der tschechischen Literatur und für die Freiheitsbestrebungen der Intellektuellen auf dem Weg zum Prager Frühling. Bis 1970 war Kundera Professor am Prager Institut für Filmwissenschaft, bis er seines Amtes enthoben und dann endgültig aus der KP ausgeschlossen wurde. Nach dem sowjetischen Einmarsch wurden seine Werke verboten. 1975 ging er ins Pariser Exil. Obwohl er vehement die Autonomie der Kunst gegenüber jeglicher politischer Instrumentalisierung verteidigte, setzte er sich in seinen Werken Immer wieder mit dem Widerstand des Individuums gegenüber totalitären Strukturen und Denkweisen auseinander.
Für politischen Furor sorgte 1983 sein Essay "Un Occident kidnappe ou la Tragedie de l'Europe centrale". In seiner leidenschaftlichen Verteidigung Mitteleuropas erinnerte er an die kulturellen Traditionen jenes Horts kleiner Nationen, die zwischen West und Ost eingeklemmt waren. Kundera wörtlich: "Jenes Europa, das ich zentral nenne, empfindet die Wende seines Schicksals nach 1945 nicht allein als politische Katastrophe, sondern als Infragestellung seiner Zivilisation. Der tiefere Sinn seines Widerstands liegt in der Verteidigung seiner Identität, oder, anders gesagt: Es handelt sich um die Verteidigung seiner 'Westlichkeit'". Mit diesem Essay löste er eine grundsätzliche Debatte über das europäische Selbstverständnis und die Legitimität der Nachkriegsordnung gemäß dem Jalta-Abkommen aus, die Europa in eine westliche und östliche Hemisphäre gespalten hatte, und eröffnete damals den Auseinandersetzungen mit dem Kommunismus eine ganz neue Dimension.
Kundera legt in seinen Werken ganz meisterhaft Zeugnis ab von den Verstrickungen der Intellektuellen im kommunistischen Regime, über ihren Widerstand, ihre Schwäche und ihre Verführbarkeit. Umso befremdlicher war im vergangenen Jahr seine Reaktion auf die Veröffentlichung eines Polizeidokuments, aus dem sein eigene Fehlbarkeit zu entnehmen ist. Danach soll Milan Kundera 1950 einen Kurier des amerikanischen Geheimdienstes, Miroslav Dvoracek, an die Polizei verraten haben. Das ist das Ergebnis einer Recherche des Historikers Adam Hradilek, einem Mitarbeiter des Prager Instituts für das Studium totalitärer Regime, das unserer Birthler-Behörde vergleichbar ist.
Das angesehene tschechische Magazin Respekt veröffentlichte den Bericht. Der Historiker hatte in einem Aktenhaufen zufällig einen Polizeibericht über eine Anzeige gefunden, die am 14. März 1950 in einem Polizeirevier in Prag gemacht wurde: Darin heißt es: "Heute kam um 16 Uhr der Student Milan Kundera, geboren am 1. April 1929 in Brünn, wohnhaft im Studentenwohnheim in der Georg VI Avenue in Prag VII, in dieses örtliche Polizeirevier und gab eine Erklärung ab zu Iva Militka, einer Studentin, die im selben Wohnheim lebt. Sie erzählte einem Mitstudenten, der auch in dem Wohnheim lebt, dass sie in Klarov in Prag einen Freund getroffen habe, Miroslav Dvoracek. Er habe ihr eine Tasche zur Aufbewahrung gegeben und ihr gesagt, er würde die Tasche am Nachmittag wieder abholen. Daraufhin sind die Polizisten Rosicky und Hanton zum Wohnheim gegangen und haben die Tasche gesucht. Sie fanden darin zwei Hüte, zwei Paar Handschuhe, zwei Sonnenbrillen und eine Tube Creme. Laut Militkas Erklärung sei Dvoracek angeblich vom Militärdienst desertiert und habe seit dem letzten Frühling in Deutschland gewohnt, einem Land, in das er illegal emigriert sei. Ermittlungsberichte ergaben, dass die fragliche Person gesucht wird. Auf der Grundlage dieser Informationen bewachten die Polizeibeamten Militkas Zimmer im Studentenwohnheim. Der vorgenannte Dvoracek erschien tatsächlich gegen 20 Uhr in dem Zimmer und wurde verhaftet."
Dvoracek, in der Tat ein Spion, entkam nur knapp der Todesstrafe. Er wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt, von denen er 14 Jahre verbüßte, einige Jahre davon in den Arbeitslagern Vojna und Bytiz bei Pribram, wo er Schwerarbeit in einer Uranmine leisten musste. Der Bericht des Historikers Hradilek liest sich wie ein Roman Kunderas über Liebe, Verrat, Freiheit, Heldentum und Versagen.
Respekt hatte den Text, bevor sie ihn publizierte, Kundera mit der Bitte um Stellungnahme zukommen lassen. Doch der Schriftsteller schwieg zunächst. Erst nachdem eine heftige Debatte losbrach, Schriftstellerkollegen den Bericht als perfide Denunziation geißelten, ging Kundera in die Gegenoffensive: "Es ist ein Attentat auf einen Schriftsteller", ließ er verlauten. Er protestiere aufs schärfste gegen diese Anschuldigungen und verlange eine Entschuldigung der Zeitschrift Respekt. Vaclav Havel, Pavel Kohout, György Dalos oder Bernard-Henri Levy bezweifelten ebenfalls die Aktenlage und verteidigten den Kollegen. Auch Gabriel Garcia Marquez, Nadine Gordimer, Juan Goytisolo, Orhan Pamuk, Philip Roth, Salman Rushdie und Jorge Semprun unterstützen ihn in einem offenen Brief. Auf zumindest zweifelhafter Grundlage werde die "Ehre eines der größten lebenden Romanciers beschmutzt". Weiter heißt es: "Wir bringen hiermit unsere Entrüstung über diese Verleumdungskampagne zum Ausdruck und betonen unsere Solidarität mit Milan Kundera."
Doch an der Echtheit des Polizeiberichts besteht kein Zweifel. Und Kundera hat inzwischen von der vormals angekündigten gerichtlichen Klage gegen Respekt Abstand genommen. In Prag nutzten die Gegner des Instituts für das Studium der totalitären Regime die Affäre zu einem Generalangriff, mit dem Ziel, seinen Direktor Peter Zacek loszuwerden. Denn in Tschechien, ebenso wie in den benachbarten postkommunistischen Ländern ist der politische Widerstand gegen Institutionen, die sich der Aufarbeitung der Verbrechen der kommunistischen Diktatur widmen, nach wie vor groß. Und Täter wie Mitläufer sind emsig bemüht, den Schleier des Vergessens darüber auszubreiten. Es wird sich zeigen, ob die Wahrheit zugunsten der friedlichen Einträchtigkeit wieder das Nachsehen hat. Oder eine mutige, wenn auch schmerzliche Auseinandersetzung im Dienste der Selbstaufklärung beginnt. Sie stünde einer offenen Gesellschaft in der Mitte Europas besser zu Gesicht. Ganz im Sinne des Kundera-Mottos: "Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen."
Archiv: Essay
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