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Joachim Seng: Goethe-Enthusiasmus

Ernst Kaiser: Die Geschichte eines Mordes

In England beachten ihn die Mädchen nicht, vielleicht weil seiner Person immer noch eine gewisse koloniale Ungeschliffenheit anhaftet, vielleicht nur weil er nicht die richtigen Klamotten anhat. Wenn er nicht in einem seiner IBM-Anzüge steckt, hat er nur seine grauen Flanellhosen und das gründe Sakko, seine aus Kapstadt mitgebrachten Sachen. Die jungen Männer, die er in der U-Bahn und auf den Straßen sieht, tragen dagegen enge schwarze Hosen, spitze Schuhe, knapp sitzende Kastenjacken mit vielen Knöpfen. Sie tragen auch ihr Haar lang, in die Stirn und über die Ohren hängend, während er immer noch die im Nacken und an den Seiten kurz geschnittene Frisur mit dem ordentlichen Scheitel hat, die ihm in der Kindheit von kleinstädtischen Friseuren verpasst wurde und die von IBM gutgeheißen wird. In den Zügen gleiten die Blicke der Mädchen über ihn weg oder werden stumpf vor Verachtung.
Das ist misslich und irgendwie unfair: er würde sich beschweren, wenn er nur wüsste, wo und bei wem. Welche Jobs haben denn seine Rivalen, dass sie sich kleiden können, wie es ihnen passt? Und warum sollte er gezwungen sein, der Mode zu folgen? Zählen innere Qualitäten denn gar nichts?
Das Vernünftigste wäre, er würde sich eine Kluft wie die ihre zulegen und sie an den Wochenenden tragen. Aber wenn er sich vorstellt, dass er solche Sachen anziehen soll, Sachen, die ihm nicht nur wesensfremd vorkommen, sondern auch eher südländisch als englisch, fühlt er, wie sich sein Widerstand verhärtet. Er kann es einfach nicht: es wäre, als lasse er sich auf einen Mummenschanz, eine Verkleidung ein.
London ist voller schöner Mädchen. Sie kommen aus der ganzen Welt: als Au-pair-Mädchen, als Sprachschülerinnen, einfach als Touristinnen. In Bögen schwingen sich ihre Haare zu beiden Seiten ins Gesicht; ihre Augen sind mit dunklen Lidschatten versehen; sie haben etwas sanft Geheimnisvolles an sich. Am schönsten sind die hoch gewachsenen Schwedinnen mit dem Honigteint; aber die Italienerinnen, mandeläugig und zierlich, haben ihren eigenen Reiz. Die Liebe auf Italienisch stellt er sich scharf und heiß vor, ganz anders als die schwedische Liebe, die lächelnd und verträumt sein muss. Aber ob er jemals eine Chance bekommt, das selbst herauszufinden? Wenn er den Mut aufbringen könnte, eine dieser schönen Fremden anzusprechen, was würde er sagen? Wäre es eine Lüge, wenn er sich als Mathematiker vorstellte statt nur als Programmierer? Würden die Aufmerksamkeiten eines Mathematikers ein europäisches Mädchen beeindrucken, oder wäre es besser, ihr zu erzählen, er sei trotz seines langweiligen Äußeren ein Dichter?
Er hat immer ein Gedichtbändchen in der Jackentasche dabei, manchmal Hölderlin, manchmal Rilke, manchmal Vallejo. In der U-Bahn holt er dieses Büchlein demonstrativ hervor und versenkt sich darin. Es ist eine Probe. Nur ein außergewöhnliches Mädchen wird zu schätzen wissen, was er liest, und in ihm einen ebenfalls außergewöhnlichen Geist erkennen. Aber keins der Mädchen in der U-Bahn schenkte ihm Beachtung. Das scheint eines der ersten Dinge zu sein, die Mädchen bei ihrer Ankunft in England lernen: den Signalen von Männern keine Beachtung zu schenken.
Was wir das Schöne nennen, ist nichts als des Schrecklichen Anfang, sagt ihm Rilke. Wir werfen uns vor dem Schönen nieder, um ihm zu danken, dass es verschmäht, uns zu zerstören. Würden sie ihn zerstören, wenn er sich zu nahe heranwagte, diese schönen Wesen aus anderen Welten, diese Engel, oder würde er ihnen dafür zu unbedeutend sein?
In einer Lyrikzeitschrift - Ambit vielleicht oder Agenda - stößt er auf die Ankündigung eines wöchentlichen Workshops, veranstaltet von der Gesellschaft für Lyrik zur Förderung von jungen, noch unveröffentlichten Autoren. Er erscheint zur angekündigten Zeit und am angegebenen Ort, in seinem schwarzen Anzug. Die Frau an der Tür mustert ihn misstrauisch und will wissen, wie alt er ist. "Einundzwanzig", sagt er. Das ist gelogen: er ist zweiundzwanzig.
In Ledersesseln sitzen seine dichtenden Kollegen, betrachten ihn und nicken zurückhaltend. Sie kennen sich offenbar, er ist der einzig Neue. Sie sind jünger als er, eigentlich Teenager, abgesehen von einem Mann in den mittleren Jahren, der hinkt und irgendeine Funktion in der Gesellschaft für Lyrik hat. Sie lesen sich abwechselnd ihre neuesten Gedichte vor. Das Gedicht, das er liest, endet mit den Worten "the furious waves of my incontinence" (die wütenden Wellen meiner Inkontinenz/Zügellosigkeit). Der hinkende Mann hält seine Wortwahl für unglücklich. Für jeden, der einmal in einem Krankenhaus gearbeitet hat, sagt er, bedeutet "Inkontinenz" Unfähigkeit, den Harn zurückzuhalten, oder Schlimmeres.
Er erscheint in der darauf folgenden Woche wieder und trinkt nach der Gesprächsrunde Kaffee mit einem Mädchen, die ein Gedicht über den Tod eines Freundes bei einem Autounfall vorgelesen hat, in seiner Art ein gutes Gedicht, still, schlicht. Wenn sie nicht gerade dichtet, verrät ihm das Mädchen, ist sie Studentin am King's College, London; sie kleidet sich angemessen streng - dunkler Rock und schwarze Strümpfe. Ein weiteres Treffen wird verabredet.
Sie treffen sich an einem Samstagnachmittag auf dem Leicester Square. Es war halb ausgemacht, dass sie sich einen Film ansehen wollten; aber als Dichter haben sie eine Verpflichtung, das Leben voll auszukosten, deshalb gehen sie stattdessen auf ihr Zimmer in einer Seitenstraße der Gower Street, wo sie ihm gestattet, sie auszuziehen. Er bewundert die Wohlproportioniertheit ihres nackten Körpers, die Elfenbeinfarbe ihrer Haut. Sind alle Engländerinnen so schön, wenn sie die Kleider abgelegt haben?, fragt er sich.
Nackt liegen sie sich in den Armen, aber zwischen ihnen ist keine Wärme; und Wärme will sich nicht entwickeln, wird bald klar. Schließlich zieht sich das Mädchen zurück, faltet die Arme über den Brüsten, stößt seine Hände fort, schüttelt stumm mit dem Kopf.
Er könnte sie zu überreden versuchen, sie dazu verleiten, sie verführen; es könnte ihm sogar gelingen; aber ihm ist nicht danach zumute. Sie ist schließlich nicht nur eine Frau mit den Intuitionen einer Frau, sondern auch eine Künstlerin. Wozu er sie zu überreden versucht, ist nicht das Echte - das weiß sie bestimmt.
Schweigend ziehen sie sich an. "Tut mir Leid", sagt sie. Er zuckt mit den Schultern. Er ist nicht böse. Er gibt ihr nicht die Schuld. Auch er spürt es intuitiv. Das Urteil, das sie über ihn gefällt hat, wäre auch sein Urteil.
Nach diesem Vorfall geht er nicht mehr zur Gesellschaft für Lyrik.
Mit freundlicher Genehmigung des Fischer Verlages
Informationen zu Buch und Autor finden sie hier
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