Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 19.03.2010, 14.00 Uhr

Vorgeblättert

Leseprobe zu György Dalos: Der Vorhang geht auf. Teil 1

16.02.2009.

Ungarn: Der gemütliche Weltuntergang


In der Magazinsendung 168 Stunden des Budapester Rundfunks vom Samstag, dem 6. Mai 1985, befragte ein Journalist einige Passanten auf dem Karl-Marx-Platz über den Namensgeber dieses zentralen Ortes der ungarischen Hauptstadt. Das merkwürdige Ergebnis der Umfrage machte Furore.

Reporter: Wer war Karl Marx?
Passant: Ach, fragen Sie mich doch nicht so was.
Reporter: Nicht mal ein paar Worte?
Passant: Ich möchte lieber nicht, ja?
Reporter: Und warum nicht?
Passant: Nun, ich habe einfach keine Zeit, um solche Dinge zu studieren.
Reporter: Sie müssen doch in der Schule etwas über ihn gehört haben?
Passant: Ich hab’ halt viel gefehlt.
Andere Stimme: Er war ein sowjetischer Philosoph. Engels war sein
Freund. Was kann ich noch sagen? Er starb im hohen Alter.

Weibliche Stimme: Ja klar, ein Politiker. Und er hat - wie hieß es doch
gleich - Lenin, ach ja, Lenin, also er hat Lenins Werke auf Ungarisch
übersetzt.

Reporter: Könnten Sie also ein paar Worte über ihn sagen?
Ältere Frau: Na, hören Sie. Sie wollen doch nicht etwa ein Schulexamen machen mit mir. Er war ein Deutscher, er war ein Politiker, und ich glaube, er wurde hingerichtet.
Reporter: Können Sie mir sagen, nach wem der Marxplatz benannt ist?
Weibliche Stimme: Nach Karl Marx.
Reporter: Wo hat er gelebt?
Weibliche Stimme: Der ist doch tot.
Reporter: Aber wo hat er gelebt?
Weibliche Stimme: Nun, soviel ich weiß, zum Teil in der Sowjetunion.
Dort hat er eine Zeit lang studiert, und dann war er, glaub’ ich, auch eine Zeit lang in Ungarn. Ich weiß das nicht so genau.

Reporter: Wissen Sie, nach wem der Marxplatz benannt ist?
Verschiedene Stimmen durcheinander: Nein, wir kommen von
Szeged. Wir sind von Szeged, wir wissen das nicht
.


Eine ähnliche Unkenntnis oder Ignoranz in Bezug auf den Gründervater hätte wohl in allen Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrags festgestellt werden können - vielleicht bis auf die DDR, für die der Autor des Kapi­tals ein Teil des nationalen Kulturerbes war. Allerdings hätte eine Um­frage dieses Stils selbst in der Spätphase des Ostblocks einzig und allein in Budapest stattfinden können. In keinem der Bruderländer war die Zweideutigkeit der gesellschaftlichen Situation so sehr zum Bestandteil des Alltagsbewusstseins geworden wie im Ungarn der Sechziger- bis Achtzigerjahre.

Offiziell bezeichnete sich das System seit seiner blutigen Geburts­stunde im November 1956 mit der ideologischen Formel "Diktatur des Proletariats" oder dem tautologischen Terminus "Volksdemokratie" (= Volksherrschaft), hatte den Sozialismus zum Inhalt und strebte als Endziel den Kommunismus an. Allerdings gab es in diesem Land weder Kampagnen zur Massenmobilisierung wie in der DDR noch öffentliche Loyalitätsbekundungen zugunsten der Partei wie in der ČSSR. Der Warenmangel mit den hysterischen Warteschlangen gehörte ebenso der Vergangenheit an wie die Dominanz der Propaganda in den staat lichen Medien. Vor allem auswärtigen Beobachtern erschien die Volksrepublik als eine kunterbunte Enklave der Bürgerlichkeit im Einheitsgrau der so­zialistischen Staatengemeinschaft, sodass Ungarn mit den fragwürdigen Beinamen "Gulaschkommunismus" oder "lustigste Ba racke im Lager" versehen wurde.

Zweifellos war es der KP-Macht nach dem brutalen Terror, der auf die Unterwerfung des Volksaufstands 1956 folgte, gelungen, eine erfolg­reiche Prophylaxe zur Vermeidung sozialer Spannungen zu praktizie­ren, indem man allen Bevölkerungsgruppen Geschenke zukommen ließ. Die als Aushängeschild dienende Arbeiterklasse erhielt einen beschei­denen, aber sicheren Lohn bei relativ niedriger Produktionsintensität und konnte sich mit einigem Geschick Baumaterialien und Technologie des Betriebes auch privat zunutze machen ("fusizni", "pfuschen", hieß das Zauberwort für dieses in Miklos Harasztis Industriereportage Stück­lohn eingehend geschilderte Verfahren). Die LPG-Bauern erhielten das Recht, Produkte ihrer Privatgärten frei zu verkaufen, gleichzeitig wur­den sie erstmalig Nutznießer des staatlichen Gesundheitswesens und der Rentenversicherung. Städtische Handwerker, in Abkürzung des Begriffs maganszektor (Privatsektor) "maszek" genannt, kamen trotz Steuer­schikanen zu neuer Prosperität, Kulturschaffende verfügten neben den für jedes sozialistische Land typischen Privilegien über gewisse Spiel­räume bei Themenwahl, Stilrichtung und Ausdruck. Jugendliche schar­ten sich um die Musikgruppen Illes, Omega oder Beatrice, Fans um die Fußballmannschaften FTC und MTK. In den beiden Fernsehsendern lie­fen neben den offiziellen politischen  Sendungen auch populäre Musik-, Talk- und Wunschshows, Nostalgie abende, und außer sowjetischen Se­rien gab es Derrick und Tatort. Das Kino-, Theater- und Kabarettpro­gramm war vielfältig, das Sortiment ähnelte mehr dem österreichischen als dem tschechoslowakischen Angebot.

Reisen in den goldenen Westen waren kein Vorrecht von auserwählten Kadern, sondern ein sich von Jahr zu Jahr wiederholendes Massen­ereignis. Allerdings war dieses Phänomen von wirklicher Reisefreiheit weit entfernt. Die Ungarn hatten das verbriefte Recht, jedes dritte Jahr ein Touristenvisum für 30 Tage in das kapitalistische Ausland zu bean­tragen und dafür Valuta im Wert von ca. 300 US-Dollar pro Person bei der Nationalbank zu kaufen - vorausgesetzt, dass die Staatssicherheit keinen Einwand gegen die Reise erhob. Vergleicht man diese Regelung mit den Bedingungen in der DDR, kann man behaupten: Im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat durfte im Prinzip niemand in das "nichtsozia­listische Wirtschaftsgebiet" reisen, wobei es in Abweichung von dieser Regel millionenfache Ausnahmen gab. In Ungarn durfte im Prinzip jeder in den Westen, abgesehen von den Hunderttausenden, denen dies aus­drücklich untersagt wurde.

All diese kleinen Annehmlichkeiten trugen dazu bei, dem ohne sichtbare Anstrengung agierenden Regime zu hoher Akzeptanz zu verhelfen. Große Stabilität plus kleine Freiheiten im Schatten der argwöhnischen Sowjetmacht - das war das Nonplusultra, das die Ära Kadar in ihren erfolgreichen Jahren anzubieten hatte. Der Chef war Bestandteil einer Folklore, die ihn in patriarchalischer Manier als "Janos bacsi", Onkel Janos, wie einen guten König würdigte. Die am meisten verbreitete Le­gende hieß: Hätte es in Ungarn in den Siebzigerjahren freie Wahlen gege­ben, so hätte er diese mühelos mit absoluter Mehrheit gewonnen. Doch sicherheitshalber blieb man bis zuletzt bei dem guten, altbewährten Wahlsystem mit seiner Einheitsliste und einem festen Mandat für den Spitzenkandidaten "Janos Kadar, Arbeiter, Generalsekretär des Zentral­komitees". Der Titel "Arbeiter" galt allen führenden Genossen prolearischer Abstammung, selbst wenn sie seit vierzig Jahren Hammer und Spaten nurmehr von Betriebsbesichtigungen kannten.

Ebenso wie die SED-Führung ständig mit der latenten Angst lebte, der Volksaufstand vom 17. Juni könne sich wiederholen, rang die ungarische KP-Riege mit dem Gespenst des 23. Oktobers. Während aber die Ost­berliner Rebellion trotz aller Vehemenz und Radikalität ein einmaliger Ausbruch der Volkswut blieb, den man durch Terror und Zugeständ­nisse schnell überwinden konnte, hinterließen die Herbsttage 1956 unauslöschliche Spuren im kollektiven Gedächtnis der ungarischen Be­völkerung. Liberalität und Konsumfreundlichkeit wurden als Kompen­sation für das dem Volk zugefügte Leid erachtet. Da es den Machthabern des offiziell als "Revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung" bezeich­neten Regimes nicht möglich war, den eigenen Anteil an den tragischen Ereignissen zuzugeben, wurde der Aufstand als "Konterrevolution" ver­femt, während andere Begriffe wie "Revolution" oder "Freiheitskampf" strikt untersagt waren. Dennoch schwirrte die Jahreszahl 1956 als eine abstrakte Bedrohung in den Köpfen der Apparatschiks herum.

Das schwer erkämpfte soziale Gleichgewicht erforderte immer neue Zugeständnisse, und vor allem durften einmal gewährte Verbesserungen niemals rückgängig gemacht werden. So galt die stete Steigerung des Le­bensniveaus als eine aus dem Prinzip des Sozialismus direkt folgende Notwendigkeit, die unabhängig von der Produktionsleistung beibehalten werden musste. Das Festhalten an diesem Dogma hätte die in den späten Sechzigerjahren initiierte Wirtschaftsreform auch dann vereitelt, wenn sie nicht durch Leonid Breschnews Machtwort ohnehin gestoppt worden wäre: Eine differenzierte Lohnskala und die Durchsetzung des Leistungs­prinzips lag nicht im Interesse der automatische Besserstellungen ge­wohnten Werktätigen. Viele Direktoren fürchteten die in Aussicht ge­stellte Selbstständigkeit in der Planung, weil diese die Schwächen ihrer Betriebe sehr schnell sichtbar gemacht hätte. Insgesamt zeigte die unga­rische Gesellschaft wenig Begeisterung für Veränderungen jeder Art, zu­mal wenn diese mit unbekannten Risiken behaftet waren. Überdies konnte man in einem Land, in dem ein großer Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ernährungsbedingt übergewichtig war, in dem Alkoho­lismus, Zerfall der Familien und eine beängstigend hohe Selbstmordrate (1970: 34,6; 1980: 45,6 Fälle pro 100 000 Einwohner, die höchste in Europa) an der Tagesordnung waren, wohl kaum Aufbruchstimmung erwarten. Die verinnerlichte Unfreiheit zementierte eine Haltung, die dem scheinbar allmächtigen Staat jede Verantwortung überlassen und jede Schuld für Missstände in die Schuhe schieben wollte.

Später, als die Volkswirtschaft nicht mehr imstande war, die enorm gewachsenen Sozialausgaben zu decken, versuchte das System die gäh­nende Lücke zwischen Möglichkeiten und Verpflichtungen mithilfe von Auslandskrediten zu stopfen. Ein zusätzliches Problem war die in­folge des Nahostkrieges 1973 ausgebrochene Rohstoffkrise. Diese trieb die ursprünglich moderaten Schulden der osteuropäischen Staaten rasch in die Höhe und ließ die Verschuldung chronisch werden. Un­garn war von diesem Prozess wegen seiner Rohstoffarmut und damit verbundenen verminderten Exportfähigkeit mehr als andere Länder der osteuropäi schen Staatengemeinschaft betroffen. 1985 stand die Volksrepublik bei ihren Gläubigern mit fast 14 Milliarden US-Dollar in der Kreide, was einer Verschuldung von 1400 Dollar pro Einwohner gleichkam. Die Rückzahlungen nahmen 70 Prozent des Nationalein­kommens und 150 Prozent des Exportvolumens in Anspruch. Prak­tisch bedeutete dies, dass Anleihen oder deren Zinsen nur durch Auf­nahme neuer Kredite zurückgezahlt werden konnten, sodass über der ungarischen Wirtschaft ständig das Damoklesschwert der Zahlungs­unfähigkeit schwebte.

Teil 2

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