Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vorgeblättert

Kiran Nagarkar: Krishnas Schatten, Teil 2

     "Ich komme herein", sagte er und wartete ihre Antwort nicht ab. Nach zehn, fünfzehn Minuten begriff er, dass er sich verlaufen hatte. An jeder Biegung der Höhle zweigte ein Nebengang ab, manchmal sogar drei oder vier. Die Gänge waren schwarz und moderig, in einigen roch es durchdringend nach Fledermausexkrementen. Gelegentlich meinte er, mit der Hand eine Echse zu streifen, dann wieder, haarige Taranteln überall auf seinem Leib zu spüren. Er fragte sich, warum sich seine Augen noch immer nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Mittlerweile hätte er doch etwas erkennen müssen, aber er sah immer weniger. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. Wie spät war es? Wie lange war er schon hier? Waren es erst einige Minuten oder schon ein paar Stunden? Er hatte Mangal strikt angewiesen, ihm nicht zu folgen. Wie lange würde es dauern, bis Mangal sich darüber hinwegsetzte? Würde er so viel Verstand haben, ein Licht mitzunehmen? Und würde eine Fackel wirklich etwas nützen? Oder würde ihre Flamme schwarz werden? Würde er den Tod Mangals und aller anderen zu verantworten haben? 
     Er bemühte sich, seinen aufgeregten Geist zu beruhigen und den bisherigen Weg zurückzuverfolgen. Er hatte die Höhle von Westen her betreten, war erst nach Süden und dann nach Norden abgebogen, aber weiter konnte er sich nicht mehr erinnern. Er hatte jede Orientierung verloren. Wenn man von Westen kommt und wieder zurückwill, muss man dann nach Osten oder nach Westen gehen? So angestrengt er auch nachdachte, es gelang ihm nicht, die Frage zu beantworten. Vielleicht lösten sich in Bhutani Matas Schwärze alle Richtungen in Nichts auf. Er erinnerte sich an etwas, das er in Geometrie gelernt hatte. Wenn man im Kreis ging, kam man irgendwann wieder da an, wo man losmarschiert war. Er würde nach links gehen und an jeder Kreuzung die linke Abzweigung nehmen. Und dann gab es noch eine weitere Regel: die Schritte zählen.
     Er zählte bis siebzehntausend und brach zusammen. Es hatte keinen Sinn. Sein Schicksal lag in Bhutani Matas Händen.
     "Sind meine Gefährten in Gefahr? Sind sie mir in die Höhle gefolgt? Mit mir könnt Ihr tun, was Ihr wollt, sie aber dürft Ihr nicht für meine Handlungen büßen lassen."
Eine gusseiserne Hand schlug ihm ins Gesicht. "Erzähl mir nicht, was ich darf oder nicht darf!"
     "Ihr seid mir die ganze Zeit gefolgt, nicht wahr?", fragte er, nachdem er sich von dem Schlag erholt hatte.
     "Du bist mir gefolgt, oder hast es zumindest versucht."
     Acht Hände hoben ihn hoch. Vier stützten ihn, eine berührte sein Gesicht, wie um seine Züge zu ertasten, eine machte sich an seiner Brust und den Schultern zu schaffen, die siebte befühlte sein Glied und die letzte zog ihn an den Haaren. Er spürte, wie eine Zunge ihm das Gesicht leckte, die Hände rissen ihm die Kleider vom Leib und die Zunge berührte Füße und Hals. Wie lang war sie? War es nur eine Zunge oder waren es mehrere? Die Hände setzten ihn auf. 
     "Jetzt machst du dir in die Hose, wie?"
     Er hörte das Geräusch von Wasser, das über den Rand der Erde stürzte, und das ferne Geschrei unzähliger Gepeinigter. Er sah an den Haaren hochgehaltene abgehackte Köpfe, aus denen noch Blut tropfte. Er sah schwarze Füße auf dem Rücken eines bäuchlings liegenden Dämons trampeln. Er hörte das Schmatzen Blut schlürfender Lippen, er sah den Koitus von Himmel und Erde, er hörte das langsame Stöhnen der Wollust. Auf dem Boden wanden sich abgehackte Gliedmaßen, eine Hand hob ein Bein auf und stopfte es in einen gesichtslosen Mund, der es zu zerkauen begann. Er schlug die Augen auf. Vor ihm lag eine geräumige Höhle mit einer Plattform in der Mitte. Auf dieser saß splitternackt eine zahnlose blinde Vettel.
     "Es gibt andere. Warum machst du es nicht mit denen? Du kannst noch einmal heiraten. Ignoriere sie, bis sie stirbt." Dann, nach einer Pause: "Wie wär?s mit mir?"
Sein Körper verkrampfte sich. "Grauenhafte Vorstellung, wie?" Noch während sie sprach, verwandelte sie sich in eine junge Frau. Sie hatte einen prächtigen Körper, ihre vollen Brüste waren in eine kanchuki gezwängt, die Schultern und Arme frei ließ. Sie trug einen Sari, der ihre Formen weich umfloss. Er war mit Goldbändern besetzt, die sich spiralförmig emporwanden, und ein goldenes Gürtelband hing locker unterhalb des Bauchnabels. Sie schüttelte ihr Haar. Es zerschnitt das Licht. Zuerst hörte er das Geräusch. Es durchbohrte das Trommelfell mit einem sirrenden Ton. Sie schleuderte den Kopf im Kreis herum, und ihre Haare zischten über seine Gesichtshaut wie eine Harke mit Millionen nadeldünner Zinken. Ihr Kopf kreiste schneller und schneller. Sein ganzer Körper wurde gegeißelt und seine Haut in so feine Fetzen gerissen, dass jeder für sich unsichtbar war. Er versuchte zu fliehen, aber die langen Haare fauchten weiter und schnitten immer tiefer in sein rotes Fleisch.
     "Ist sie besessen, oder bist du von ihr besessen? Wie viele Tage, Wochen, Monate ist es her, dass du einen anderen Gedanken im Kopf gehabt hast als sie? Ich würde sagen, du bist derjenige, der einen Exorzismus brauchen könnte." Sie hielt inne und ließ dem Gedanken Zeit, sich zu setzen. "Wir versuchen ständig, andere Leute zu kurieren, während wir selbst es sind, die die Kur am meisten benötigen. Was sagst du dazu? Du bist hier, es wäre die Sache einer Minute, und du würdest nie wieder an sie denken. Du wärst ein freier Mann." Wieder hielt sie inne. "Wärst du gern ein freier Mann?"
     Er wollte ja sagen, jeder Knochen und jede Pore seines Körpers sagte ja, aber er brachte es nicht fertig, das Wort auszusprechen.
     "Hatte ich mir gedacht. Wer will schon Freiheit, wenn er immerwährende Sklaverei haben kann?" In der bedeutungsvollen Stille waren nur gepresste Atemzüge zu hören. 
     "Wie weit bist du bereit zu gehen?"
     Die Frage überraschte ihn. "Geld spielt keine Rolle", zischte er.
     "Dein Geld kannst du dir sonst wohin stecken. Was soll ich damit anfangen? Mir eine Halskette machen? Es aufessen? Garn daraus spinnen und meine Titten damit bedecken? Es gibt eine einzige Frage im Leben. Sobald du die Antwort darauf hast, weißt du alles, was du je an Wissen brauchen wirst. Sie lautet: Wie weit genau bist du bereit zu gehen, um das zu erreichen, was du willst?"
     "Ziemlich weit, würde ich sagen."
     "Geh nach Haus, du Dummkopf. Wenn du die Antwort weißt, werde ich da sein. Aber dann brauchst du mich vielleicht gar nicht mehr."
     "Wer ist es? Wie ist der Name ihres Liebhabers?"
     "Was spielt das für eine Rolle?"
     Er hatte viele weitere Fragen, die er ihr stellen wollte. Das Licht am Ausgang der Höhle blendete ihn.

Mit freundlicher Genehmigung des A1 Verlages

Informationen zu Buch und Autor finden Sie hier

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Archiv: Vorgeblättert

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3

07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen

Goncalo M. Tavares: Die Versehrten

19.04.2012. Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen

Laszlo Vegel: Sühne

12.04.2012. Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen

David van Reybrouck: Kongo - Eine Geschichte

05.04.2012. Der belgische Autor David van Reybrouck erzählt die Geschichte des Kongo aus der Sicht seiner Bewohner: von der blutigen Kolonialherrschaft der Belgier, der Mobutu-Diktatur bis hin in die Gegenwart. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Kongo - Eine Geschichte". Mehr lesen

Abdellah Taïa: Der Tag des Königs

15.03.2012. Der marokkanische Autor Abdellah Taïa erzählt von den beiden ungleichen Freunden Khaled und Omar. Khaled kommt aus einer reichen Familie, er darf dem König die Hand küssen. Omar ist arm, seine Mutter hat die Familie verlassen, der Vater ist ein gebrochener Mann. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Der Tag des Königs". Mehr lesen

Alice Munro: Was ich dir schon immer sagen wollte

08.03.2012. Die neuen Erzählungen von Alice Munro "Was ich Dir schon immer sagen wollte" sind von 1974 und immer noch und immer wieder so betörend wie aktuell. Lesen Sie hier die Geschichte "Wie ich meinen Mann kennenlernte". Mehr lesen

György Dalos: Der Fall des Ökonomen

05.03.2012. György Dalos erzählt die Geschichte von Gábor Kolozs, eines nicht weiter gefragten Ökonomen, der in Moskau studierte. Und wie es dazu kam, dass er den Tod seines Vaters verschweigt, um nicht auf dessen Wiedergutmachungsrente als Holocaust-Überlebender verzichten zu müssen. Lesen Sie den Anfang von "Der Fall des Ökonomen". Mehr lesen

Ina Hartwig: Das Geheimfach ist offen

01.03.2012. "Das Geheimfach ist offen", im wahrsten Sinne des Wortes. Ina Hartwigs Blick auf SchriftstellerInnen und ihre Werke ist analytisch und sehr persönlich. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Sammelband ihrer Literaturkritiken, das Lektüreprotokoll "Obsession der Schläge" über Georges-Arthur Goldschmidt (siehe auch "Vorgeblättert" vom 27.2.). Mehr lesen

Georges-Arthur Goldschmidt: Ein Wiederkommen

27.02.2012. In Paris angekommen und in Sicherheit erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt alias Arthur Kellerlicht an seine Kindheit, seine Flucht als 10-Jähriger aus Deutschland 1938, an die Zeit im Internat während des Krieges und an die Strafen für fast alle Lebensäußerungen. Lesen Sie hier den Beginn der Erzählung "Ein Wiederkommen". Mehr lesen

Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt

23.02.2012. Alice, die junge Krankenschwester im Herz Jesu Krankenhaus, und Teddy, der junge Taugenichts, verlieben sich ineinander. Das Leben ist schon schwer genug in Karatschi, ohne dass es auch noch unterschiedlicher Religionen bedürfte. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman von Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt".
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F.C. Delius: Als die Bücher noch geholfen haben

20.02.2012. Friedrich Christian Delius erzählt in seinen biografischen Skizzen "Als die Bücher noch geholfen haben" auch ein Stück Literaturgeschichte der Bundesrepublik, von Treffen mit Kollegen in Ostberlin, wie Bücher durch die Mauer geschmuggelt wurden, von den Grabenkämpfen der Linken und seiner Arbeit als Lektor. Lesen Sie hier, warum F.C. Delius kein Kritiker wurde und warum er 1966 in Princeton schwieg. Mehr lesen

Joachim Kalka: Die Katze, der Regen, das Totenreich

16.02.2012. Joachim Kalka sinniert über das Leben und seine unwiderstehlichen Seiten, etwa den Dialog: "Wir möchten Brautbilder haben ... - Wie viel? - Ein halbes Dutzend bitte. - Soviel wern ma gar net ham (Nimmt Bilder und zeigt sie her). - Von uns wollen wir doch Bilder haben, das sind wir ja gar nicht. - A so, von eahna wollens welche ham, ja de müssten aber extra angefertigt werden ... Diese Firmlingsbilder wern sehr gern gekauft - oder soll's was in Uniform sein?..." -  Lesen Sie hier einen Auszug aus "Die Katze, der Regen, das Totenreich". Mehr lesen

Tamta Melaschwili: Abzählen

13.02.2012. Gewitzt muss man sein, wenn man in Kriegszeiten nicht nur überleben, sondern auch noch Zigaretten und Klamotten will, wie die jungen Mädchen Ninzo und Zknapi im Debütroman der georgischen Autorin Tamta Melaschwili. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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