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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

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Essay

Der Besitzer des Schlüssels

Von Martin M. Simecka

15.10.2008. Der Vorwurf des Verrats gegen Milan Kundera wird den Blick auf sein Werk nun für immer prägen, wie zur Strafe für einen Autor, der den Konnex zwischen Werk und Biografie stets von sich wies. Wir drucken einen Kommentar Martin Simeckas, des Chefredakteurs der tschechischen Zeitschrift Respekt, nach.

Mehr als fünfzig Jahr lang lag dieser Akt der Denunziation in einem Polizeibericht unter Aktenbergen versteckt. Zufällig wurde das Zeugnis gefunden, das uns nun den Blick auf eine Geschichte eröffnet, die ins Jahr 1950 zurückreicht und in der sich, ein einziges Mal, die Lebenswege zweier junger Menschen derselben Generation kreuzten. Einer musste für viele Jahre ins Gefängnis, während der andere ein weltberühmter Autor wurde.

Im Jahr 1949 entkam Miroslav Dvoracek nach Deutschland, wo er unter amerikanischem Kommando von tschechischen Ausbildern, darunter viele Kriegshelden, trainiert wurde. So konnte er als Kurier in die kommunistische Tschechoslowakei zurückkehren. Eine seiner Reisen sollte sich als schicksalhaft erweisen - er wurde von einem jungen Studenten denunziert. Um Haaresbreite entging Dvoracek dem Todesurteil und verbrachte vierzehn Jahre im Gefängnis. Heute lebt er in Schweden. Der Mann, der ihn verriet, heißt Milan Kundera und lebt heute in Frankreich. Kunderas schriftstellerisches Werk hat Generationen von Lesern auf der ganzen Welt beeinflusst. Drei Fragen sind deshalb angebracht.


Erste Frage: Hatte er das Recht, über seine Vergangenheit zu schweigen?

Denunziation ist ein Vergehen, das von einem totalitären Regime in den Rang einer Tugend erhoben, ja, zur Basis seiner Machtausübung wurde. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Denunziation im Werk Kunderas eine so große Rolle spielt. So ist sie die treibende Kraft des Plots in seinem ersten Roman "Der Scherz" (1969). Er erzählt die Geschichte eines Studenten, der von einem Freund aufgrund einer ironischen Nachricht auf einer Postkarte denunziert, von der Universität geworfen und muss lange Jahre in den Minen arbeiten. Sein Versuch sich zu rächen endet im Fiasko. Denunziation (Verrat) ist das zentrale Thema von Kunderas Gedicht "Der letzte Mai" (1955), und auf einer Denunziation beruht die Schlussauflösung seines einst berühmten Bühnenstücks "Die Besitzer der Schlüssel" (1963), etc. Es scheint daher möglich, dass Kundera sein Vergehen in Plots eingestanden hat, in denen er seine Figuren gnadenlos dem Netz aus Verrat und großen historischen Ereignissen ausliefert.

Kundera ist neben Vaclav Havel einer der berühmtesten lebenden Tschechen. Er hat seit den 1950ern erfolgreich das Image eines Schriftstellers kultiviert, der nie wieder auf Utopien hereinfallen wird. Er hat seine Rolle als "Figur der Öffentlichkeit" immer wieder zurückgewiesen. Trotzdem hat er sich in der Vergangenheit bei mehreren Gelegenheiten leidenschaftlich für den Kampf um Menschenwürde und Freiheit eingesetzt: in seiner Rede vor dem Schriftstellerkongress, in der Debatte über das "tschechische Schicksal" und in seinen Essays über Mitteleuropa.

Er hätte all das nicht tun können, hätte er sich öffentlich zu seiner Tat bekannt, denn dann hätte er seine Aura der moralischen Autorität verloren. Davon kann jetzt jedoch nicht mehr die Rede sein. Kundera hat die Gelegenheit dazu verpasst, anders als, vor freilich allzu kurzer Zeit, sein Generationsgenosse Günter Grass.


Zweite Frage: Wie spiegelt sich sein Geheimnis in Leben und Werk?

Wir wissen nicht, ob Kundera sein Vergehen "vergessen" hat oder ob er jeden Tag dieser sechs langen Dekaden bewusst damit gelebt hat. In einem seiner Essays über den Roman und seine Fähigkeit, an die Stelle der Philosophie zu treten, fragt er: "Was ist ein Verbrechen, wenn Brochs Hugenau die von ihm begangenen Morde nicht nur nicht bedauert, sondern sich nicht einmal an sie erinnert?"

Seine Unfähigkeit, seine vor langer Zeit begonnene Tat zuzugeben, könnte auch der Grund dafür sein, dass Kundera sich so strikt, so stur und kompromisslos von seinem Heimatland und seiner Muttersprache abgeschnitten hat. Seine emphatische Zurückweisung der eigenen Vergangenheit steht zugleich in Beziehung mit seiner leidenschaftlichen Verteidigung der Autonomie des Romans, der nicht im Zusammenhang mit dem Autor gelesen werden darf. Die einzige moralische Funktion des Romans, schreibt er in seinem Essay "Das wertlos gewordene Erbe des Cervantes", besteht darin, "die unbekannten Tatsachen der menschlichen Existenz zu entdecken", die aber keinesfalls durch die Entdeckung unbekannter Tatsachen der Existenz des Autors beschmutzt werden dürfen.

Schon 1985 erklärte Kundera in seiner letzten öffentlichen Rede - in Jerusalem -, dass "der Romanautor derjenige ist, der, wie Flaubert sagte, hinter seinem eigenen Werk zu verschwinden sucht. Hinter dem eigenen Werk verschwinden, das heißt: die Rolle der öffentlichen Figur zurückweisen." Wieder und wieder kehrte er zu diesem Thema zurück und verteidigte leidenschaftlich und brillant das Recht des Autors, hinter seinem Roman unsichtbar zu werden, und seine Pflicht, "alle Schlüssel, die seine Inspiration offenbaren könnten" vor dem Leser zu verbergen. Nach Kunderas Auffassung "zerstörte" der amerikanische Professor Jeffrey Meyers das Werk Hemingways, indem er darin authentische Figuren aus dem Umfeld des Autors zu finden versuchte. Dadurch habe er Hemingways Werk in einen einzigen Schlüsselroman verwandelt; die imaginären Charaktere wurden zu realen Menschen und der Biograf brachte den Autor wegen moralischer Vergehen vor Gericht.


Dritte Frage: Vergebung oder Strafe?
Paradoxerweise sieht es jetzt so aus, als wendeten sich Kunderas bemerkenswerte intellektuelle Anstrengungen, alle, die nach Schlüsseln suchen, abzuwehren, nun gegen ihn selbst. Sein lange zurückliegendes Vergehen könnte zum Schlüssel für eine neue Lektüre all seiner Texte werden. Für einen Autor wie Kundera, der obsessiv um die Interpretation seiner Texte besorgt ist, könnte dies die härteste Strafe sein - der Autor wird zur Figur in einem Roman. Und zwar umso mehr, als er überzeugt ist, dass "der Roman, wie die gesamte Kultur, zusehends in die Hand der Massenmedien gerät; als Agenten der Vereinheitlichung der Geschichte unseres Planeten verstärken und kanalisieren die Medien den Prozess der Vereinfachung."

Kundera hat jede Anstrengung unternommen, solche "Vereinfachungen" zu verhindern. Er spricht nicht mit den Medien (er schickt ihnen bestenfalls ein Interview, das er mit sich selbst geführt hat, wie jenes, das kürzlich in der Tageszeitung MF Dnes veröffentlicht wurde) und er hat sich in vollständige Privatheit zurückgezogen. Was dem Achtzigjährigen jetzt wahrscheinlich widerfahren wird, ist ein brutaler Scherz des Schicksals, den er in seiner ganzen grinsenden Poesie annehmen sollte. Diese dunkle Geschichte eines jugendlichen Verrats, die nun wie ein Gespenst nach sechzig Jahren plötzlich ans Licht kommt, passt perfekt in die Kunderaeske Vision einer Welt, in der "der Mensch denkt und Gott lacht".

Kundera hat seinen Charakteren Vergebung oder Katharsis nicht gegönnt. Die Gesellschaft aber, die tschechische eingeschlossen, braucht Vergebung - und zwar gerade, um eine Katharsis zu erleben. Ohne Kunderas Bereitschaft und Offenheit wird das sehr schwierig werden.


Helden

Kundera ist nicht der Held dieser Geschichte mit ihren an die antike Tragödie gemahnenden Schlingen. Der Held ist Miroslav Dvoracek, ein Mann, der in die Schlacht ging gegen das "totalitäre Universum" - um Milan Kunderas Formulierung zu verwenden. Er weiß bis zum heutigen Tag nicht, wer ihn verriet, er hat mit seinen Kindern nicht einmal über seine vierzehn Jahre im Gefängnis gesprochen. Iva Militka, in deren Zimmer im Studentenwohnheim die Polizei Dvoracek auflauerte, quält sich bis heute mit dem Gedanken, dass sie - wenn auch ohne Absicht - ein menschliches Leben zerstört hat. Viele andere Figuren in dieser komplexen Geschichte können ohne Pathos als tschechische Helden bezeichnet werden.

Diese Schicksale sind ein Fenster in die tschechische Vergangenheit, das einfach geöffnet werden muss. Wir schulden das den Betroffenen und uns selbst. Die fünfziger Jahre haben Vergehen aller Art hervorgebracht, die unsere Gesellschaft bis heute heimsuchen, aber sie haben auch Helden hervorgebracht, die uns helfen können, uns von diesen Vergehen zu befreien und eine Katharsis zu erleben. Wir müssen sie nur entdecken.

Martin M. Simecka
Wir danken Martin M. Simecka und Respekt für die Nachdruckrechte

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