Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vorgeblättert

Leseprobe zu Alina Bronsky: Scherbenpark, Teil 2

Ich habe wieder angefangen zu joggen. Am liebsten abends, wenn es dunkler und kühler wird. Ich laufe an dem Supermarkt vorbei, an einer tristen Eckkneipe, unter den Platanen durch, einmal um die Hauptschule, durch die Unterführung, meist rauscht dann ein Zug über meinem Kopf vorbei.
     Hier ist es selbst mittags im Hochsommer immer schattig und feucht, hier zündeln oft Kinder in Antons Alter, ich trete regelmäßig in Erdlöcher, die voll sind mit ausgebrannten Zweigen, Asche und Zeitungspapier.
     Anton habe ich hier auch einmal gesehen, und in seiner Nähe brannte kein Feuer, das freute mich, allerdings voreilig. Anton hockte sehr beschäftigt und ziemlich tief im Gebüsch neben einem schwarzhaarigen Jungen und zuckte zusammen, als ich näher kam und mich über seine Schulter beugte.
     Und ich zuckte auch zusammen, denn zwischen Antons Füßen lag etwas, das wie ein rohes Steak mit Haaren aussah. Und mit winzigen Füßen.
     Und da dachte ich noch - ich muss mich dringend abhärten, wenn ich so große Pläne habe, wie soll ich es schaffen, wenn ich jetzt schon vergeblich gegen den Brechreiz kämpfe?
     Am meisten hat mich überrascht, dass Anton bei der seltsamen Tätigkeit die Federführung hatte und der andere Junge höchstens zuschaute und nur genervt seine schokofarbenen Augen verdrehte, als ich meinen Bruder entsetzt anschnauzte.
     »Warum hast du das arme Vieh umgebracht?« fuhr ich Anton an, der daraufhin nur die Schultern anhob und den Kopf schüttelte.
     »Er war doch schon tot«, sagte der andere Junge, und es war merkwürdig - solche Feindseligkeit in den schönen braunen Kulleraugen, die eher an mir vorbeisahen als direkt auf mich. Als wäre ich zu eklig für einen direkten Blick.
     »Was ist das überhaupt? Und wer bist du?«
     »Ich bin Ilhan.«
     »Und das da?«
     »Ein Hamster. Oder bist du blind?«
     »Nein«, sagte ich. »Bin ich nicht.« Wäre ich aber gern angesichts dieses blutigen Fellklumpens.
     »Hast du den Hamster umgebracht, Anton?« fragte ich mit schwacher Stimme. »Das fasse ich einfach nicht.«
     »Er war schon tot«, flüsterte Anton.
     »Seit gestern Abend, sage ich doch«, sagte Ilhan. »Es ist mein Hamster, er gehört mir.«
     »Was soll das werden?« fragte ich angewidert. Ich konnte nicht anders - Anton hielt gerade unser Küchenmesser in der verschmierten Hand, und die Klinge steckte in der Masse zwischen seinen Füßen.
     »Will das Fell abziehen«, murmelte Anton, ohne mich anzusehen, und es kostete mich die letzte Kraft, nicht sofort auf meine Schuhe zu kotzen.
     »Aber doch nicht mit bloßen Händen«, sagte ich.
     »Wie sonst?« fragte Anton und griff mit seinen dünnen Fingern in die Masse und schob das Fell auseinander, und etwas quoll hervor, und der andere Junge beugte sich und betrachtete es mit gerunzelter Stirn.
     »Was ist denn das?« fragte Anton neugierig. »Weißt du das, Sascha? Jetzt guck doch mal.«
     »Jetzt lieber nicht«, sagte ich schwach. »Vielleicht ein andermal.«
     »Ist das da das Herz?« fragte Ilhan interessiert, und ich riss mich zusammen und kniete mich hin und nahm das Messer aus Antons Hand, schluckte, biss mir auf die Unterlippe und drehte den Hamster vorsichtig um, wobei ziemlich viel aus ihm herausfiel.
     Wahnsinn, was alles in so ein kleines Tierchen reinpasst, dachte ich da noch.
     »Das Herz ist ganz klein bei so einem Hamster«, sagte ich und stocherte herum. »Wahrscheinlich ist es das hier. Keine Ahnung. Das Große ist der Darm.«
     »Und das da?«
     »Was weiß ich. Die Nieren vielleicht.«
     »Cool.«
     »Pfui. Anton, ab nach Hause, Hände waschen. Der Hamster ist doch voller Keime. Tote Tiere sind immer giftig, merk dir das. Dreimal mit Seife. Wie kann man nur so blöd und so brutal sein.«
     »Er war doch schon tot«, flüsterte Anton.
     »Wir wollen ihn doch ausnehmen«, sagte Ilhan.
     »Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst, auch wenn es dein Vater bei deiner Mutter nicht tut«, sagte ich, und zu meiner Überraschung gehorchte er.
     »Wir wollten ihn ausstopfen«, erklärte er widerwillig und sah mir dabei in die Augen. »Anton meint, er kann das. Ich hab Watte von zu Hause mitgebracht. Und er eine Nadel zum Zunähen.«
     »Du meinst, du kannst das?« fragte ich ratlos den deprimierten Anton, der sich mit der blutverschmierten Hand die blonden Strähnen aus dem Gesicht schob. »Nimm doch um Himmels willen deine Finger aus den Haaren!«
     »Wieso soll ich das nicht können?« fragte Anton mürrisch.
     »Findest du das denn nicht eklig?«
     »Nee, wieso?«
     »Anton!«
     »Was?«
     »Ich sagte, ab nach Hause.«
     »Und was ist mit dem Hamster?« fragte Ilhan.
     »Nichts ist mit dem. Ihr könnt ihn nicht ausstopfen. So etwas muss man lernen. Es ist kompliziert. Bei euch wird er einfach verfaulen. Supereklig. Werft ihn weg und ab nach Hause.«
     Sie sahen sich lange an, Anton und Ilhan, und dann seufzte Anton, und Ilhan sah enttäuscht zu dem Zug hoch, der gerade vorbeirauschte.
     »Dann wenigstens begraben«, sagte Ilhan.
     Und ich hockte mich hin, ein paar Meter weiter weg, und sah zu, wie sie ein Loch in die Erde buddelten, wie Anton den Hamster und seine Innereien mit bloßen Händen einsammelte und in der Grube versenkte, Ilhan hatte dazu komischerweise gar keine Lust. Wie sie das Loch wieder zumachten und sorgfältig mit Löwenzahn und Fliederblüten dekorierten. Wie Anton zum Abschluss aus zwei Stöcken ein Kreuz bastelte und Ilhan ihm dabei half.
     »Dreimal mit Seife«, wiederholte ich, bevor sie den Hang zur Straße hochkletterten.


Teil 3

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
Mehr lesen

Katie Arnold-Ratliff: Was uns bleibt

16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Vorgeblättert