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zuletzt aktualisiert 18.03.2010, 20.18 Uhr

Essay

Eine Milliarde Chinesen können nicht irren

Von Christoph Mayerl

24.04.2008. Die Gefechte um die Meinungshoheit über Tibet zeigen es: das Internet hat die Medienlandschaft nicht unbedingt demokratischer gemacht. Es gilt das Gesetz der großen Zahl.

Die olympische Fackel hat kein gutes Jahr. In London gab es Proteste, in Paris musste die unterschenkelamputierte Fechterin Jin Jing die Fackel gegen Demonstranten verteidigen und wurde so zum "Engel von Paris", in San Francisco wurde die Route heimlich geändert. "Soll der Fackellauf abgebrochen werden oder nicht?", fragte deshalb die Tagesschau die Leser ihres Internet-Angebots schon bald nach dem Auftakt der Rundreise. Eine Frage, die unerwartet viele Menschen interessierte.

Auf insgesamt 7600 Webseiten fanden die Tagesschau-Macher nach eigenen Angaben einen Link auf ihre Umfrage wieder, die meisten davon stammten aus China. Besucher seien dort aufgefordert worden, ihre Stimme abzugeben, berichtet Tagesschau.de. "Nehmen Sie sich drei Minuten Zeit und stimmen Sie mit ab, teilen Sie der Welt unsere Stimme mit", habe es einigen der chinesischen Seiten geheißen. Wo geklickt werden sollte, wurde für die Landsleute, die kein Deutsch sprechen, detailliert beschrieben: Natürlich bei "Nein". Die Umfrage ist mittlerweile nicht mehr erreichbar..

Der Tibetkonflikt ist ein Lackmustest für die Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts und ihr Leitmedium Internet. Seit seiner Erfindung begleiten das weltweite Netz große Hoffnungen. Durch den nicht-hierarchischen Aufbau würden die traditionellen Gate-Keeper des Informationsflusses entmachtet, die Berichterstattung vielfältiger. Weil es immer leichter wird, Nachrichten zu produzieren und zu verbreiten, wird alles transparenter und die Menschheit erfährt endlich, was wirklich vor sich geht. Die Weisheit der Masse, die Demokratisierung der Medien. Die große Enttäuschung.

Es stimmt, die Zahl der Quellen ist explodiert, neue und interessante Medien sind hinzugekommen. Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, kann zum Sender werden. Doch wie sich jetzt wieder an der Berichterstattung über den Konflikt in Tibet zeigt, sorgt eine Vielzahl von Informationsquellen nicht unbedingt für mehr Wahrheit, sondern erst mal für mehr Meinungen.

Ein Bild oder ein Ereignis kann ganz unterschiedlich interpretiert werden, Der kulturelle Hintergrund des Betrachters spielt eine große Rolle, der Kontext, in den das Bild eingebettet ist, aber auch die Absicht, die er hegt. aus der Vielfalt an Perspektiven entsteht ein Meinungsgemenge, das nach Ordnung verlangt. Das Ordnungsprinzip, das sich im Internet durchgesetzt hat, ist Aufmerksamkeit. Die Bedeutung von Seiten wird von Google und Yahoo über die Zahl der Hinweise auf diese Seite ermittelt. Auch die Medienseiten des Web 2.0 ordnen ihre riesigen Inhalte nach Aufmerksamkeit an. Je mehr Menschen eine Nachricht lesen wollen, desto wichtiger wird sie.

Auch bei YouTube werden die Videos nach ihrer Beachtung geordnet. YouTube ist einer der großen Sammelbecken des Netzes. Analysten schätzen, dass YouTube 2007 für etwa zehn Prozent des weltweiten Internet-Datenverkehrs verantwortlich war. Jeden Tag werden dort mehrere Zehntausend Videos hochgeladen, mehr als hundert Millionen täglich abgerufen. Diese Datenmenge wird mit Hilfe von Stichwörtern strukturiert. Azußerdem werden die videos nach der Zahl der aufrufe sortiert.

Gibt man "Tibet" in die Suchmaske ein und sortiert nach Aufrufen, wird zunächst einmal der Musikclip "Wannabe" von den Spice Girls angezeigt. Dann wird es interessant: ein siebenminütiger Beitrag mit dem Titel "Tibet ist, war und wird immer Teil Chinas sein". Startet man das Video, wird man von einem zunächst schwarzen Bildschirm begrüßt, dazu gibt es schicksalsschwangere Instrumentalmusik. Dann taucht eine Schrift auf: "An alle Mitläufer, die keine Ahnung von chinesischer Geschichte haben. Hier ein paar Tatsachen. Damit ihr verdammt noch mal aufhört zu versuchen, unser Land auseinander zu bringen". 2,8 Millionen Mal wurde das Video bisher angesehen.

Knapp zweihunderttausend Kommentare haben sich inzwischen angesammelt, es wird diskutiert, geflucht und verdammt. Der nächste Film diskutiert "Unruhen in Tibet. Das wahre Gesicht der Westmedien". Ihn haben immerhin noch 1,3 Millionen Menschen gesehen. Dort werden Fehler und Ungenauigkeiten in der Tibet-Berichterstattung von n-tv, der Berliner Morgenpost, von Bild, aber auch von internationalen Medien wie CNN angeprangert. Dabei bleibt es aber nicht. "Sie machen es mit Absicht!", kann man erfahren.

Die Macher der Videos weisen zu Recht auf Fehler in westlichen Medien hin, versuchen aber selbst wiederum zu manipulieren. Die Aufnahme eines mutmaßlich tibetischen Protestanten mit einem langen Messer in der Hand wird auf blutende Han-Chinesen geschnitten, chinesische Polizisten parlieren freundlich mit dem Volk, darauf der tibetische Mob, der Ladenfronten mit Fußtritten attackiert. Man erfährt, dass China jährlich 40 Millionen Dollar in Tibets Schulen und Krankenhäuser investiert. Wer von den Geldern profitiert, wird dagegen nicht erwähnt. Einseitige Berichterstattung kennt man auch von chinesischer Staatspropaganda, doch das hier ist neu, denn es scheint nicht von staatlicher Seite platziert worden zu sein. Auch die Verantwortlichen von anti-cnn.com beteuern, auf eigene Faust zu handeln. Sie hätten einfach genug von den "Lügen und Verzerrungen" der Westmedien.

Nach innen funktioniert die chinesische Propagandamaschine auch in Zeiten elektronischer Kommunikation noch wie ehedem. Die Medien haben nach den Unruhen den Auftrag erhalten, die chinesische Bevölkerung in einer groß angelegten Kampagne über die "Dalai-Lama-Clique" und die segensreiche "Befreiung" Tibets zu informieren. Gleichzeitig ist in Tibet eine zweimonatige "patriotische Erziehungskampagne" unter dem Motto "Bekämpft Abspaltung, schützt die Stabilität, fördert die Entwicklung" angelaufen. Alles wie gehabt also.

Nach außen hin konnte sich die chinesische Regierung mit ihrer Sicht der Dinge aber schon immer nicht so gut durchsetzen. Dementsprechend lädiert war das Image. Im Netz könnte sich das nun ändern. Denn hier gilt das Gesetz der großen Zahl. Das Netz ist nicht demokratisch, sondern demografisch. Auch bei renommierten Internet-Nachrichtenmedien wie Spiegel online entscheiden die Klickzahlen mit, wie lange eine Geschichte auf der ersten Seite zu sehen ist. Leser und Medium sind enger verbunden als zuvor, augenblicklich erfahren die Redakteure, was ankommt und was nicht. Danach gestalten Sie ihr Angebot.

Weltweit gesehen dominiert also diejenige Meinung, die von den meisten Menschen beachtet wird. Damit verändert sich die internationale Nachrichtenlandschaft. Die Bedeutung früherer Leuchttürme wie BBC und CNN sinkt. Auf dem Markt der Meinungen hat mehr denn je das Volk etwas zu sagen. China meldete kürzlich stolze 0,21 Milliarden Internetnutzer.

Die Umfrage auf Tagesschau.de blieb von der neuen chinesischen Meinungsfreudigkeit noch unberührt. Nach Angaben der Redakteure sei die Umfrage bereits wieder beendet worden, als die Klickzahlen plötzlich explosionsartig anstiegen. Die archivierte Seite mit dem überholten Link sei demnach bis zu viermal häufiger aufgerufen worden als die Startseite. Das war wohl zu spät. Und überhaupt ist die Lage noch unter Kontrolle, so lange die Spice Girls die Referenz in Sachen Tibet sind.

Christoph Mayerl

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