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Essay
Sehr geehrter Herr Müller
Von Jochen Hörisch
11.04.2008. Eine Kritik der Kritik der Kritik und ein Vorschlag zur Rezension von Rezensionen
Sehr geehrter Herr Müller,
mit Interesse habe ich Ihre Antwort auf meinen offenen Brief zur Kenntnis genommen. Ihre Rezension wies neben groben Sachfehlern und unglaublichen Stilblüten wie "wenn die Zentrifugalkräfte sich nicht ins Innere der einzelnen Aufsätze fortsetzen würden" (ist Ihnen die Bedeutung dieses direkt aus dem Lateinischen hergeleiteten Begriffs nicht bekannt? Bemerkt der zuständige SZ-Redakteur solche Stilblüten nicht?) auch reichlich denunziatorische, verunglimpfende und ressentimentgeladene Sätze wie, ich brauche einen "ernsten Freund", von mir seien Aussagen von der Qualität zu erwarten "die Hand habe bekanntlich sechs Finger", "der rechte Winkel habe 100 Grad" et cetera. Das war offenbar kein vereinzelter blackout. Das hat vielmehr bei Ihnen, wie sich nun deutlich zeigt, System. Denn nun verbreiten Sie öffentlich, mir fehle zur Offenheit der Mumm, ich sei "selbstherrlich", "geistig bequem", "autoritär", ich lebe in einer "Welt, wo der Ober den Unter sticht", ich nehme Sie, weil ich Professor bin, als "Unterling" wahr (Sie sind ein Stilblüten-Produzent von hohen Graden), ich behandele als "Würdenträger" meine von mir "total abhängigen" Assistenten und Studenten schlecht et cetera. Und Sie wissen, "was (ich) wirklich im Sinn habe", aber offen auszusprechen "nicht den Mumm habe": dass ich mir wünsche, so autoritär "sollte es auf der Welt überhaupt zugehen". Sie werden vermutlich auch diese Äußerungen nicht als entschuldigungsbedürftig empfinden, es sei denn, ein ernster Freund oder ein kompetenter und stilsicherer SZ-Redakteur würde mal ein sehr ernstes Wort mit Ihnen reden.
Soll man dergleichen ausführlich zurechtweisen? Soll ich nun wirklich darlegen, dass ich leidenschaftlicher Demokrat bin, dass ich meine Mitarbeiter als gleichberechtigte Kollegen ansehe, dass ich meine Studierenden als Kommilitonen verstehe und dass mir entgangen ist, dass ich ein "Würdenträger" bin? Ich nutze an dieser Stelle die Gelegenheit, um mich bei Georg Klein dafür zu bedanken, dass er in seinem Beitrag zu unserer Auseinandersetzung anders als Sie ausdrücklich auf persönliche Denunziationen verzichtet. Ich gehe auf Ihre peinlichen Ausfälle nur deshalb ein, weil wir dort, wo diese in persönlicher Hinsicht schlechthin inakzeptabel sind, grotesker Weise einmal eine sachliche Gemeinsamkeit haben: nämlich in der entschiedenen Ablehnung einer autoritären Universität (s. meinen im Hanser Verlag erschienen Essay "Die ungeliebte Universität"). Ich bin auch dafür, dass Dozenten sich von Studenten evaluieren und kritisieren lassen. Ich begrüße es entschieden, wenn keine Berufsgruppe (Ärzte, Kleriker, Manager et cetera. und am wenigsten Professoren) unter Kritikverbot steht. Das gilt aber eben auch für Rezensenten. Man kann und darf in bester aufgeklärter und antiautoritärer Tradition Rezensionen rezensieren und Kritiker kritisieren. Ich bin dem Perlentaucher für die Einrichtung dieses Forums sehr dankbar.
In Ihrer Antwort auf meinen offenen Brief heißt es: "Ihnen hat zu lange keiner widersprochen; das war nicht gut für Sie." Auch das ist sachlich falsch; es gibt, was mich freut, viele mal mehr sachlich, mal mehr polemisch vorgetragene Kritiken meiner Veröffentlichungen. Oder meinen Sie mit Widerspruch nur Kritiken von der Qualität wie die von mir ja ausdrücklich erwähnte von Alexander Kissler, die ebenfalls in der SZ erschien und in der er schrieb, ich empfände infantile Lust und spreizte mich in Fäkalien? Wollen Sie dergleichen häufiger als nur im Vierjahrestakt? Soll ich Ihre Rezension als den Versuch verstehen, würdig an Kissler anzuschließen und eine SZ-Feuilleton-Tradition der Verunglimpfung und der Pöbelei zu gründen? Das hätten die sehr guten anderen Mitarbeiter des SZ-Feuilletons nicht verdient.
Sehr geehrter Herr Müller: ich habe, wenn ich mich gegen Ihre unfassbaren, für jeden Leser ersichtlich nur auf Ressentiment beruhenden Ausfälle verwahre, nicht allzu viel zu tun. Ich muss Sie nur zitieren, Sie richten sich selbst. Das gilt nicht nur im Hinblick auf Ihre Pöbeleien, sondern auch im Hinblick auf Ihre abstrusen Aussagen zur Sache (vom "Unfug" Ihrer im Übrigen an der klaren Grundthese meines Buches völlig vorbeizielenden angeblichen Sachkritik spricht Jürgen Kaube in seinem FAZ-Artikel vom 10. April über unsere Debatte). Nur ein Beispiel: In Ihrer Rezension reagierten Sie auf meine Wendung, der alteuropäische Letternhandel beruhe auf "plus/minus 24 Buchstaben" mit dem sachlich ebenso falschen wie höhnischen Zwischenruf "eher plus!" In Ihrer Antwort auf meinen offenen Brief legen Sie nun wortreich dar, dass das lateinische Alphabet eher weniger als 24 Buchstaben aufweist. Wie streitet man sachlich mit einem Kritiker, der im Interesse seiner Denunziationslust mal dies, mal das schiere Gegenteil sagt?
Sachlich ergiebig ist, wie ich selbstkritisch fürchte, unsere Debatte nicht. Dennoch hat sie, wie ich hoffe, ihren Wert. Denn es könnte dank der Aufmerksamkeit des Perlentaucher sein, dass mein offener Brief dafür sorgt, das unsinnige Tabu zu brechen, demnach Autoren ihre Rezensenten nicht ihrerseits öffentlich kritisieren dürfen. Der Perlentaucher hat Recht: neue Medien wie das Internet können für produktive Symmetrisierungen hierarchischer Abhängigkeitsverhältnisse zwischen kritisiertem Autor und (bislang) mit Kritik-Tabu ausgestattetem Rezensenten sorgen. Ich schlage deshalb ein Forum vor, das unter dem Titel "Rezensionen hoch 2" etwa im Dreimonatstakt die übelste Rezension der letzten Zeit (das kann auch eine unhaltbare Gefälligkeitsrezension sein) ihrerseits rezensiert. Ihre von groben Sachfehlern überbordende und in der Diktion inakzeptable Besprechung sowie Ihre Antwort auf meinen offenen Brief dürfte jedoch so bald nicht über beziehungsweise unterboten werden.
Mit besten Empfehlungen
Jochen Hörisch
Archiv: Essay
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