Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly: Unser Kampf. Teil 4

14.02.2008.




In den Jahren 1967/68 ereignete sich in der alten Bundesrepublik ein doppelter Bruch zwischen den Generationen: Zum einen zwischen den (Nazi-)Eltern und deren Kindern, zum anderen zwischen der Generation Kohl und den unter gänzlich unterschiedlichen materiellen Verhältnissen in die Universitäten eingerückten, zwischen 1942 und 1952 geborenen Achtundsechzigern. Infolge der gegensätzlichen Grunderfahrungen mussten sie den Älteren als verwöhnte Profiteure der Prosperität erscheinen, als buchstäblich verrückt. Sosehr sie es versuchten, konnten sie die ihnen unter normalen Verhältnissen zustehende Rolle, zwischen Alt und Jung zu vermitteln, bald nicht mehr wahrnehmen. Erst die Sprachlosigkeit zwischen diesen beiden einander relativ nahen Altersgruppen erklärt das Desaster von 1968.

Neben der massiven Katastrophenerfahrung der Generation Kohl gilt es, einen wichtigen generationsgeschichtlichen Unterschied zu bedenken. Die Eltern der zwischen 1923 und 1933 geborenen Angehörigen dieser Generation hatten ihre Prägungen noch im Kaiserreich erfahren, die Väter hatten den Ersten Weltkrieg allenfalls teilweise mitgemacht, jedenfalls überlebt. Ihren beruflichen Aufstieg begannen sie während der Weimarer Jahre. Auch wenn sich diese Familien für den Nationalsozialismus begeistert hatten, konnten sie sich hernach verhältnismäßig ungebrochen auf die Werte rückbesinnen, die ihnen aus der Zeit vor 1933 vertraut waren.

Emotional frierende Kinder

Im Unterschied dazu waren die Eltern der Achtundsechziger zwischen 1910 und 1922 geboren worden. Nicht wenige hatten ihre Väter im Ersten Weltkrieg verloren oder nach 1918 als gebrochene und verhärtete Männer erlebt. Sie absolvierten ihre Schulzeit während der Weimarer Republik und begannen ihre beruflichen Karrieren im Dritten Reich. Grosso modo konnten die Eltern der Achtundsechziger 1945 deutlich weniger als die Eltern der Generation Kohl auf familiär vorgelebte Werte und Verhaltensnormen zurückgreifen.

Ende Mai 1968 erläuterte Rudolf Wildenmann die Befunde seiner demoskopischen Umfrage über die rebellierenden Studenten vor dem Kabinettsausschuss "Studentenunruhen". Er stellte fest, dass sie sich weder nach Geschlecht noch nach Studienort wesentlich unterschieden und interpretierte die Ergebnisse als "tiefgehende Auseinandersetzung mit der Vätergeneration". Besonders scharf falle die Kritik von Söhnen und Töchtern gut situierter Familien aus. Er brachte das Phänomen auf die Formel: "Viel Geld - wenig Nestwärme."(333)

Ich schlage eine andere, schon angedeutete Interpretation vor. Die materiell etablierten Eltern dieser Generation hatten den Nationalsozialismus als junge Männer und Frauen erlebt und sich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn überwiegend mit dem Regime identifiziert, das ihnen Aufstiegschancen und Gestaltungsmöglichkeiten verhieß. Sie gehörten zur tragenden und besonders umworbenen Schicht. Nach 1945 verloren deshalb gerade sie - mehr als ältere oder in einfachen, bodenständigen Verhältnissen lebende Deutsche - den Halt. Ihr Wertefundament war schwach. Die Eltern der Achtundsechziger bildeten die Alters- und Sozialkohorte, der es besonders schwerfiel, sich die Maßstäbe des Rechts und der Moral wirklich zu eigen zu machen, die nun wieder in Kraft gesetzt wurden. Die ideelle Entwurzelung im Jahr 1945 führte zu einer spezifischen Starre und Orientierungslosigkeit. Daraus entstand der von Wildenmann beobachtete Mangel an Nestwärme für die späteren Achtundsechziger. Man kann sie als Generation der emotional frierenden Kinder bezeichnen.

Diese gerieten in den Nachkriegsjahren in eine psychosoziale Situation, die der ähnelte, die ihre zwischen 1910 und 1922 geborenen Eltern als Kinder nach der Niederlage von 1918 durchgemacht hatten. Mit anderen Worten: Die familiengeschichtlichen Folgeschäden aus zwei fürchterlichen Kriegen potenzierten sich in den Studenten von 1968.

Trotz aller Aggressivität richteten die Achtundsechziger einen großen Teil ihrer Energien auf die Gruppenprozesse, Recht- und Linkshabereien mit ihresgleichen. Ihre wild ausgreifenden Aktivitäten, ihre Selbsterfahrungs-, Gruppen- und Kindererziehungsexperimente können als (verzweifelter) Versuch gedeutet werden, fehlende zwischenmenschliche Wärme zu erlangen. Wer die Kommune-Berichte oder das 1971 ungemein erfolgreiche Buch "Kinderläden" heute liest, schüttelt den Kopf und ist sofort geneigt, die Texte in den Altpapiercontainer zu werfen. Liest man die Schriften gegen den Strich, nicht als politische Manifeste, sondern als Aussagen der Autoren über sich selbst, werden sie zu veritablen Quellen. Sie zeigen die Schreibenden psychisch nackt, auf der Suche nach Werten, an denen es ihnen offensichtlich mangelte.

Über den Minimalkonsens einer Kinderladengruppe heißt es da: "Wir waren uns einig darüber, dass alle bestehenden Erziehungsmodelle unsere Kinder zu ebenso deprimierten, autoritätsfixierten, unfreien Typen machen mussten, wie wir es selbst sind." Über die Kommune 1 räsoniert eine ehemalige Kommunardin: "Es ist wirklich schwer zu beschreiben, was diese Zeit der Kommune 1 ausgemacht hat, soll man sagen, ein Hauch von Zärtlichkeit? Gefühl, nicht allein zu sein? Sich nicht verstecken zu müssen? Keine Angst voreinander zu haben?" An anderer Stelle wird mitgeteilt, "dass 'normale' Eltern liebesunfähige Eltern sind".(334) Unvorstellbar, dass die Angehörigen der Generation Kohl so über ihre Familien gesprochen hätten.

----------------------------------------------------------------------

(333) Breiteneicher u.a., Kinderläden, S. 39, 118; Kommune 2, S. 69
(334) Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung, Protokoll über die 1. Arbeitssitzung (Sondersitzung) am 17./18.10.1968 in der Evangelischen Akademie Bad Boll; Barch B 106/54135/54133. Teilnehmer: Felix Messerschmid (Vorsitzender), Karl Dietrich Bracher, Wilhelm Hennis, Max Horkheimer, Helmut Krausnick, Eberhard Müller, Hans Rothfels, Helmut Kuhn

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
Mehr lesen

Katie Arnold-Ratliff: Was uns bleibt

16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Vorgeblättert